„Wenn man einen Actionfilm sieht, beschwert man sich dann darüber, dass man die Figuren…
„Wenn man einen Actionfilm sieht, beschwert man sich dann darüber, dass man die Figuren…

„Wenn man einen Actionfilm sieht, beschwert man sich dann darüber, dass man die Figuren nicht steuern kann?“ – Ilya Naishuller über HARDCORE

Kritiken: Gibt es Fragen, die Ihnen nach der Pressetour schon zum Halse raushängen?

Ilya Naishuller: Nein, tatsächlich genieße ich das alles sehr. Selbst, wenn ich müde bin, freue ich mich darüber, dass jemand kommt, um mit mir über etwas zu sprechen, das ich gemacht habe. Dafür bin ich sehr dankbar. Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin.

Kritiken: Sie haben einen Kurzfilm gemacht, durch den HARDCORE erst möglich wurde.

Ilya Naishuller: Eigentlich war es ein Musikvideo, das ich für meine Band gemacht habe. Am Tag, nachdem es veröffentlicht worden ist, erhielt ich einen Anruf von Timur Bekmambetov, unserem Produzenten. Er meinte, er würde gerne einen Film mit mir machen. Er würde produzieren, ich inszenieren. Ich hielt das aber für keine gute Idee, woraufhin er meinte, ich solle darüber nachdenken. Zu der Zeit arbeitete ich an einem Kalter-Krieg-Agententhriller mit Tim Roth, von dem ich sicher war, dass wir die Finanzierung zusammen bekommen würden. Aber dann rief Timur eine Woche später noch mal an und fragte mich, ob ich nicht gerne einen POV-Action-Film im Kino sehen würde. Ich sagte ja und er meinte: Gut, dann mach ihn. Ich dachte darüber nach und wurde immer aufgeregter. Insbesondere als ich einen Weg fand, wie man das über 90 Minuten hinweg aufrechterhalten kann. Danach war es nur noch eine Frage des Ausprobierens.

Kritiken: Der Film ist interessant gedreht. Es gibt eine ganze Reihe von sehr langen Szenen, die ohne Schnitt auskommen.

Ilya Naishuller: Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben manche Einstellungen, die sieben Minuten lang sind, andere dafür nur zehn Sekunden. Teilweise haben wir auch verschiedene Aufnahmen kombiniert, das aber mit CG-Übergängen so kaschiert, dass es nicht auffällt. Wir haben dabei viel ausprobiert. Was funktionierte, beließ ich ihm Film, alles andere flog raus.

Kritiken: Was für eine Kamera wurde benutzt?

Ilya Naishuller: Eine ganz normale GoPro.

Kritiken: Der Stuntman trug sie auf dem Kopf?

Ilya Naishuller: Wir haben eine spezielle Vorrichtung gebaut. Damit der Film funktioniert, muss der Zuschauer zu Henry, der Heldenfigur, werden. Dafür brauchte man einen Stuntman, der die Kamera-Vorrichtung auch trug. Man kann nicht eine normale Kamera benutzen und dann per CGI Hände und Füße ins Bild einbauen. Alles, was man hier sieht, hat der Stuntman auch gemacht. Die Vorrichtung stabilisierte das Bild. Das mussten wir selbst anfertigen, da nicht zu viel gewackelt werden sollte. Zugleich sollte es aber auch keine Steadycam sein, weil wir das Gefühl der Bewegung nicht verlieren wollten. Es durfte aber nicht so verwackelt sein, dass dem Zuschauer übel wird. Da mir das leicht passiert, wollte ich zumindest einen Film, den ich selbst ansehen kann. Dafür waren eben auch sehr viele Tests vonnöten.

Kritiken: Sharlto Copley spielt mehrere Versionen derselben Figur.

Ilya Naishuller: Sharlto ist auf eine gute Art und Weise verrückt. Er spielt deshalb so viele verschiedene Figuren im Film, weil ich noch kein Skript hatte, als ich ihn ansprach, ob er mitspielen wollte. Ich erzählte ihm die Geschichte und sagte ihm, er sei der Sidekick, aber im Grunde auch der Hauptdarsteller, da man Henry ja nicht sieht. Ich sagte: Wir drehen in Russland, die Crew ist unerfahren, wir haben nur ein sehr kleines Budget – es kann alles passieren. Entweder wird es völlige Scheiße oder phänomenal. Und er meinte nur, wenn ich ihm eine gute Rolle schreibe, dann ist er dabei. Also dachte ich darüber nach, da ich eine Rolle brauchte, bei der er nicht nein sagen würde. Darum die vielen verschiedenen Jimmys. Ich erzählte ihm das und es gefiel ihm. Wir sprachen über all die möglichen Jimmys und hatten schließlich an die 50 Optionen. Einige waren irre oder dumm, andere hervorragend. Die haben wir dann behalten. Danach hatte ich zwei Monate, um das Skript zu schreiben.

Kritiken: Gibt es Jimmy-Szenen, die der Schere zum Opfer gefallen sind?

Ilya Naishuller: Ich habe eine Actionsequenz entfernt, die unnötig war. Und es gibt zwei Jimmy-Szenen, in denen er Witze erzählt. Sie sind lustig, ließen aber den Erzählfluss stocken. Hoffentlich können wir sie auf der DVD bringen.

Kritiken: Es gibt also keine alternativen Jimmys, die nicht im Film gelandet sind?

Ilya Naishuller: Nein, nur die, die auch im Film sind. Rausgeschnitten wurden zwei Szenen mit dem ersten Jimmy und dem Sniper-Jimmy.

Kritiken: Der Film sieht teuer aus.

Ilya Naishuller: Er hat 1.800 CG-Shots. Im Grunde passiert alle drei Sekunden etwas. Vieles ist unsichtbar, da die meisten Explosionen, Splattereffekte und Prosthetics alle handgefertigt waren. In Russland sind die Preise niedriger und wir stellen sicher, dass alles Geld auch auf der Leinwand zu sehen ist.

Kritiken: War Timur Bekmambetov bei der Produktion sehr involviert?

Ilya Naishuller: Ich konnte tun, was ich wollte, mich aber auch an ihn wenden, wenn ich Fragen hatte. Er war nur einmal am Set. Wir haben 115 Tage lang gedreht und an einem war er dabei. Ich schickte ihm die fertigen Szenen, die wir immer direkt im Anschluss an die Dreharbeiten schnitten und er gab ein paar Bemerkungen ab. Aber es lag immer bei mir, wie der Film aussah. Er sprach nur Empfehlungen aus, und das auf eine sehr respektvolle Art und Weise. Er ist ein toller Kerl, sehr kreativ und als Regisseur weiß er auch, dass man sein eigenes Ding durchziehen möchte. Es war wundervoll, mit ihm zu arbeiten.

Kritiken: Wurde der Film chronologisch gedreht?

Ilya Naishuller: Nein, alles kunterbunt. Das war für die Kostüm- und Make-up-Abteilung gar nicht so einfach, da man immer darauf achten musste, dass die Sneakers und das Blut an den Händen von Szene zu Szene zusammenpassen. Einen Film dieser Art chronologisch zu machen, wäre nur mit extremer Planung und Vorbereitung möglich gewesen. Aber wir haben 115 Tage über einen Zeitraum von anderthalb Jahren gedreht. So gibt es Szenen, in denen Henry von einem Raum zum nächsten geht, und das, was im zweiten Raum passiert, haben wir erst ein Jahr später gedreht.

Kritiken: Der Film ist wie ein Ego-Shooter. Spielen Sie selbst?

Ilya Naishuller: Das hab ich, bis ich mit dem Filmemachen anfing. Danach war keine Zeit mehr, aber ich habe es früher schon sehr geliebt.

Kritiken: Gibt es schon Überlegungen zu HARDCORE 2?

Ilya Naishuller: Wenn er genügend Leuten gefällt und die Nachfrage da ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich einen POV-Film drehen wollen würde. Es war echt schwierig und anstrengend, aber ich würde es wieder tun, weil wir hier auch so viel gelernt haben, das wir bei einem zweiten Teil anwenden könnten.

Kritiken: Haben Sie schon ein nächstes Projekt?

Ilya Naishuller: Ich möchte etwas Konventionelleres machen. Etwas, das sich mehr auf die Story als auf die Action konzentriert. Ich lese gerade einige Drehbücher, möchte aber nichts überstürzen. Man verbringt drei Jahre seines Lebens mit einem Film, deshalb sollte es etwas sein, in das ich auch Passion stecken kann. HARDCORE war schwierig, aber über drei Jahre hinweg habe ich jeden einzelnen Tag geliebt. Was auch immer als nächstes kommt, muss dasselbe Potenzial haben. Was wäre sonst der Punkt? Es gibt einfachere Arten, sein Geld zu verdienen, als Regisseur zu sein. Und auf jeden Fall gibt es stressfreiere Jobs.

Kritiken: Nebenbei bemerkt, Ihr Englisch ist hervorragend. Ohne jeden Akzent.

Ilya Naishuller: Vielen Dank. Ich habe als Kind im Alter von acht bis 14 in England gelebt. Darum wurde Englisch zu so einer Art zweiter Muttersprache.

Kritiken: Henry spricht gar nicht. Wieso?

Ilya Naishuller: Der Hauptgrund ist, dass ich wusste, dass es nicht die Action oder die Story ist, wegen der der Film funktionieren würde, sondern die Immersion. Ich wollte, dass das Publikum die gesamte Laufzeit über Henry ist. Darum wurde auch alles real gefilmt und Henry von einem Stuntman gespielt. Das erlaubt die Immersion, aber wenn er sprechen würde, dann wäre es nicht zwangsläufig das, was jeder einzelne Zuschauer sagen würde. Das reißt heraus und es dauert etwas, bis man wieder drin ist. Es wäre schon toll gewesen, für Henry Dialoge zu schreiben, und ich weiß auch, was er in jeder Szene sagen würde, aber er musste stumm sein. Es gibt einen Film aus dem Jahr 1947, DIE DAME IM SEE, der der erste POV-Film der Welt ist. Es ist eine Detektiv-Geschichte und sie funktioniert nicht. Es ist ein missglücktes Experiment, weil der Kerl spricht. Natürlich kann man eine Detektiv-Geschichte nicht erzählen, ohne dass er spricht, aber jedes Mal, wenn er es tut, erinnert es einen daran, dass man einen Film sieht. Damit hat man das Schlechteste beider Welten: Man verliert das Gesicht des Schauspielers und damit auch die Emotion, aber durch den Dialog verliert man auch die Immersion. In HARDCORE habe ich ihn nicht schweigen lassen, weil ich ein Videospiel imitieren wollte, wo die Hauptfigur auch nicht redet, sondern aus diesem Grund.

Kritiken: Was würden sie zu der Kritik sagen, dass HARDCORE sich anfühlt, als würde man jemand anderem zusehen, wie er einen Ego-Shooter spielt?

Ilya Naishuller: Wenn man einen Actionfilm sieht, beschwert man sich dann darüber, dass man die Figuren nicht steuern kann? Nein, man genießt den Film. Ebenso ist es hier. Wenn es jemandem nicht gefällt, ist das in Ordnung, aber ehrlich gesagt finde ich, dass das ein schwacher Kritikpunkt ist. Sind Sie denn dieser Meinung?

Kritiken: In der Tat. Wenn man einen konventionellen Film sieht, dann investiert man emotional in die Figuren. Mir ist schon bewusst, dass der Film auf Immersion abzielt, aber nur für mich gesprochen funktioniert das nur bedingt. Es ist eine faszinierende Art, eine Geschichte zu erzählen, aber ultimativ etwas repetitiv und für meinen Geschmack ein klein wenig langweilig.

Ilya Naishuller: Das ist okay. Drei Jahre meines Lebens. Langweilig. (lacht)

Kritiken: Aber die Action ist gut.

Ilya Naishuller: Das ist doch was. Gefiel Ihnen denn Sharlto?

Kritiken: Ja, er ist großartig. Insbesondere, weil er die verschiedenen Figuren auch ganz anders anlegt, inklusive anderer Akzente. Ich mochte gewisse Elemente von HARDCORE, bin aber nicht völlig überzeugt. Sie haben ihn mittlerweile mehrmals mit Publikum gesehen. Wie war die allgemeine Stimmung?

Ilya Naishuller: Phantastisch. Das ist auch der Moment, an dem man herausfindet, ob der Film funktioniert. Man mag es zuvor glauben, aber erst danach ist man sicher. Zum ersten Mal lief HARDCORE in Toronto. Ich hatte das Gefühl, dass es nun auf 1800 Kanadier ankommt, ob der Film funktioniert oder nicht. Kanadier sind nette Leute. Sie mochten ihn. Also die Stabsangaben liefen, gab es schon Beifall, bei der Action gingen die Leute mit und die Witze landeten. Als Regisseur weiß man dann erst, ob der Film funktioniert. Bis dahin könnte es auch einfach der eigene, sehr seltsame Geschmack sein, der einen glauben lässt, der Film sei gut.

Kritiken: Interessieren Sie sich mehr für Genre-Stoffe?

Ilya Naishuller: Meine liebsten Filme des letzten Jahres waren SPOTLIGHT, THE END OF THE TOUR und REVENANT. THE END OF THE TOUR besteht im Grunde nur aus zwei Menschen, die in einem Zimmer reden, aber es ist ein wunderschöner Film. Das einzige Genre, das ich nicht mag, ist Torture Porn. Mir gibt das nichts. Ich verstehe es, bis der Folterteil beginnt, aber danach steige ich aus. Ich bin allem gegenüber aber aufgeschlossen. Wenn man jedoch drei Jahre seines Lebens darauf verwendet, dann sollte man auch an den Stoff glauben. Ich möchte, dass jeder Film, den ich anpacke, auch das Potenzial hat, toll zu werden.

Kritiken: Sie erwähnten vorhin den Kalter-Krieg-Thriller mit Tim Roth. Steht der noch an?

Ilya Naishuller: Ich weiß nicht, was ich als nächstes mache, aber ich hätte Tim Roth gerne dabei. Ich habe das Gefühl, das schulde ich ihm auch, weil er bei diesem Film die kleine Rolle übernommen hat. Ich werde ihm also eine Rolle anbieten und hoffen, dass er annimmt. Was den Film selbst angeht: Der wurde entwickelt für ein Budget von zwei Millionen Dollar, aber nun könnte ich etwas größer gehen, so dass ich sehen muss, ob die Geschichte in der Form überhaupt noch funktioniert. Zudem muss es ein Budget sein, bei dem ich aber auch weiterhin die Kontrolle behalte.

Kritiken: Schreiben Sie alleine oder mit einem Partner?

Ilya Naishuller: Vor HARDCORE habe ich mit einem Partner geschrieben. Hier habe ich das Skript alleine verfasst, dann mit dem Drehen begonnen und dann Probleme bekommen. Denn Sharlto und Haley Bennett konnten nicht zeitgleich in Russland sein, weswegen ich das Finale neu schreiben musste. Ich bat meinen Freund Will Stewart, der auch an dem Tim-Roth-Drehbuch mitgewirkt hat, mir zu helfen. Er hat dann ein paar Szenen geschrieben und mir den Hintern gerettet. Schreiben ist nicht leicht, und es zu tun, während man inszeniert, ist das Spielen mit dem Feuer.

Kritiken: Was gefällt ihnen mehr, das Schreiben oder das Inszenieren?

Ilya Naishuller: Ich liebe alles. Schreiben macht Spaß, besonders mit einem Partner. Das erlaubt, die eigenen Ideen zu erklären und darüber zu sprechen. Alleine zu schreiben ist schwer, wenn man nicht gerade Stephen King ist. Für HARDCORE hatte ich zwei Monate – und das war echt schwere Arbeit.

Kritiken: Vielen Dank für das Gespräch.