„Wenn ich schreibe, höre ich nur meine Stimme.“ – Patrick Ness über SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Patrick Ness - Sieben Minuten nach Mitternacht
Interview mit Patrick Ness (Drehbuch) über Sieben Minuten nach Mitternacht geführt Filmkritik von

„Wenn ich schreibe, höre ich nur meine Stimme.“ – Patrick Ness über SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT

Kritiken: SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT ist die erste Adaption Ihrer Romane. Sie haben selbst das Drehbuch verfasst. Ist das nicht ungewöhnlich?

Patrick Ness: Das weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht. Aber ich denke, dass niemand einem Autor sagen sollte, was er schreiben kann. Das gilt für das Genre, aber auch das Medium. Ich suche immer nach Herausforderungen. Ich liebe es, mich ihnen zu stellen, weil ich es mag, mir auf die richtige Art und Weise Sorgen machen zu müssen. Etwas Neues zu machen und dabei etwas zu lernen, ist auch ein Weg, als Autor zu wachsen. Wenn man es sich bei etwas zu bequem macht, kann das zum kreativen Tod führen. Mir war schon klar, dass ich dabei vielleicht auch versagen könnte, aber ich wollte es auf jeden Fall versuchen.

Kritiken: Was waren denn die besonderen Herausforderungen, diese Geschichte von einem Medium in ein anderes zu transportieren?

Patrick Ness: Dieser Roman ist sehr introspektiv. Er findet sehr stark in Connors innerer Gefühlswelt statt. Es gibt natürlich einen Plot und eine Struktur, aber den richtigen Weg zu finden, das auf die Leinwand zu bringen, war die größte Herausforderung. Es ist aber auch so, dass man sich bei einem Buch hinsetzt und in seiner eigenen Geschwindigkeit Teil davon wird. Wenn es zu traurig wird, kann man es auch weglegen und später zurückkehren. Ein Film ist jedoch eine durchgehende Erfahrung. So musste ich mir Gedanken machen, wie ich das dem Publikum näherbringe, ohne dass ich es verliere. Was die Visualität des Films betrifft, so habe ich mir keine Sorgen gemacht, weil J.A. Bayona ein starkes Auge dafür hat. Meine Aufgabe war es, den emotionalen Kern korrekt zu transportieren.

Kritiken: Waren Sie stark in die Produktion involviert?

Patrick Ness: Man hat mich sehr in all das einbezogen, wofür ich dankbar bin, da dies immerhin mein erstes Drehbuch ist. Während der Vorproduktion wurde ich involviert, ebenso beim Casting und bei der Entwicklung des Monsters. Meine Meinung wurde immer nachgefragt. Als die Dreharbeiten begannen, war ich zwölf- oder dreizehnmal vor Ort. Auch beim Schnitt durfte ich mich einbringen. Es war ein wirklich kollaboratives Erlebnis. Ich bin sehr glücklich, dass das so war. Und ich bin stolz auf den Film.

Kritiken: Als Sie den Roman schrieben, hatten Sie da eine bestimmte Stimme für das Monster im Kopf? Klang sie wie Liam Neeson?

Patrick Ness: (lacht) Nein, als ich es schrieb, hörte ich meine eigene Stimme, aber es war eine tiefere Version davon. Wenn ich schreibe, höre ich nur meine Stimme. Aber sobald die Stimme für das Monster gecastet ist, wird das die Stimme sein, die jeder hört, wenn er das Buch liest. Von daher kann man sich auch gleich an Liam Neeson wenden, der perfekt dafür war und eine Stimme hat, die gütig und hintergründig und autoritär und gefährlich sein kann. Also wenn die Leute künftig eine Stimme im Kopf haben sollen, dann kann man sich auch gleich den besten Mann dafür nehmen.

Kritiken: Die Idee zu dem Buch stammt von der verstorbenen Autorin Siobhan Dowd. Sie konnte es aufgrund ihrer fortgeschrittenen Krankheit nicht mehr schreiben. Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Patrick Ness: Wir hatten damals dieselbe Redakteurin. Es sollte Siobhans nächstes Buch werden. Sie wollte es wirklich machen und war aufgeregt, diese Geschichte anzugehen. Ihre Krebserkrankung war tödlich, aber sie starb noch früher, als sie erwartet hatte. Die Redakteurin wollte das Thema nicht einfach aufgeben. Also sprach sie mich an und fragte, ob ich interessiert wäre, aus der Idee ein Buch zu machen. Das waren sehr ungewöhnliche Umstände und ich war mir nicht sicher, ob ich es machen sollte. Ich wollte nicht einen Tribut an Siobhan Dowd schreiben, indem ich mich gefragt hätte, was sie getan hätte. Ihre Ideen für die Geschichte waren aber so stark, dass ich begann andere Ideen zu haben. Das will man bei jeder Geschichte. Dass sie wächst und immer schöner wird.

Kritiken: Haben Sie Siobhan Dowd auch mal getroffen?

Patrick Ness: Nein, leider nicht. Sie starb, als mein erstes Buch herauskam.

Kritiken: Es ist die Geschichte eines Jungen, der damit zurechtkommen muss, dass seine Mutter stirbt. Und es ist die Geschichte einer sterbenden Frau, die sie nicht mehr schreiben konnte. Was haben Sie da beim Schreiben empfunden?

Patrick Ness: Wenn ich gedacht hätte, dass ich es nicht schaffen würde, hätte ich es nicht geschrieben. Siobhan Dowd war eine smarte und emotional wahrhaftige Autorin. Sie hätte die Geschichte auf natürliche Weise wachsen lassen, bis sich ihr wahrer Kern offenbart. Und genauso bin ich es auch angegangen, wobei ich aber nicht versucht habe, ihren Stil zu imitieren. Das wäre auch Siobhan Dowd nicht gerecht geworden. Obwohl sie nicht mehr da war, haben wir auf gewisse Weise zusammengearbeitet. Und es war eine schöne Arbeit. Spaß wäre das falsche Wort, aber es war auch keine traurige Angelegenheit. Die Geschichte entwickelte sich natürlich und daraus ergibt sich eine immense Freude, auch wenn die Geschichte selbst traurig ist.

Kritiken: Ihre Serie CLASS, ein Spin-off von DOCTOR WHO, läuft gerade im deutschen Fernsehen.

Patrick: Sehr schön.

Kritiken: Wie sind Sie denn dazu gekommen, der Showrunner dieser Serie zu werden?

Patrick Ness: Die Produzenten von DOCTOR WHO sprachen mich an und fragten, ob ich Interesse hätte, eine Folge der Serie zu schrieben. Sie erwähnten beinahe nebenbei, dass sie auch über einen Spin-off nachdachten, der an einer Schule spielt. Das sprach mich an und ich sagte sofort, dass ich wüsste, wie ich das angehen würde, was passieren würde, welche Figuren ich benutzen würde und welches Ende ich haben wollen würde. Die Produzenten waren wiederum überrascht, was meinen Enthusiasmus dazu betraf. Aber es war ein perfektes Treffen, das sehr fruchtbar war. Wenn man eine Idee hat und sie wächst, dann muss man sich an ihr festhalten und sehen, wohin sie führt, weil man nie weiß, wann so etwas wieder passiert.

Kritiken: Sie haben alle acht Folgen der ersten Staffel selbst geschrieben. Das ist ziemlich ambitioniert.

Patrick Ness: Oh Gott, das war eine Menge Arbeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei einer Serie noch mal alle acht Folgen schreibe, aber ob das nun gut oder schlecht ist, die Serie ist ganz und gar meine Vision.

Kritiken: Soweit ich gehört habe, waren die Einschaltquoten in Großbritannien nicht so gut. Besteht dennoch die Hoffnung auf eine zweite Staffel?

Patrick Ness: Die Einschaltquoten waren okay. In den USA lief die Serie sogar ziemlich gut. Ich hoffe darum schon, dass wir zu CLASS zurückkehren.

Kritiken: Und wenn nicht, können die Kids ja immer noch einen Gastauftritt bei DOCTOR WHO absolvieren.

Patrick Ness: (lacht) Oh, noch mehr Arbeit. Aber man sollte nie auf einen Autor hören, wenn er sich beschwert. Ich habe all diese Gelegenheiten bekommen und ich weiß, wie viel Glück ich dabeihatte. Ich bin stolz auf die Serie und wenn ich die Chance bekomme, noch mehr damit zu machen, dann wäre das phantastisch.

Kritiken: Der erste Roman Ihrer „Chaos Walking“-Jugendbuch-Trilogie wird verfilmt. Was ist da der Stand der Dinge?

Patrick Ness: Das Projekt ist auf dem Weg, aber noch nicht ganz im grünen Bereich, aber ich hoffe sehr, dass es wirklich vorangeht. Ich hoffe, dass bald offiziell ein paar Neuigkeiten dazu genannt werden können.

Kritiken: Haben Sie das Drehbuch wieder selbst verfasst?

Patrick Ness: Das war jemand anderes. Ich habe ein bisschen daran gearbeitet, weil es eine komplizierte Welt ist, aber es ist nicht allein von mir. Das finde ich aber erfrischend, weil es auch schön ist, die Geschichte durch neue Augen zu sehen. Ich möchte auch nicht ständig dieselben Geschichten noch einmal erzählen.

Kritiken: Und was schreiben Sie nun am Liebsten – Romane, Fernsehserien oder Filme?

Patrick Ness: Auf jeden Fall Romane. Das ist meine erste Liebe. Da bin ich auch ganz und gar in Kontrolle. Ich liebe die anderen Sachen. Sie halten mich als Autor frisch und machen mich auf die richtige Art und Weise nervös, aber die Romane kommen immer zuerst.

Kritiken: Sie haben da ja auch ein unbegrenztes Budget für Ihre Geschichten.

Patrick Ness: (lacht) Ja, das ist toll.

Kritiken: Was ist als nächstes von Ihnen zu erwarten?

Patrick Ness: Anfang Mai kommt in Großbritannien mein neues Buch heraus. Es heißt „Release“. Und ich arbeite an anderen Projekten. Ich bin immer gut beschäftigt. Wir haben alle nur ein Leben, darum sollte man so viel hineinpacken, wie man nur kann.

Kritiken: Das ist ein sehr gutes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.

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