„Darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet“ – Bill Nighy im Gespräch zu THE LIMEHOUSE GOLEM
Von Peter Osteried
Kritiken: Welche Frage können Sie zurzeit gar nicht mehr hören?
Bill Nighy: Fragen Sie mich nicht, wie viel Recherche ich für die Rolle in THE LIMEHOUSE GOLEM gemacht habe. Ansonsten können Sie wirklich jede Frage stellen. (lacht)
Kritiken: Zwei Ihrer Filme sind ziemlich zeitgleich in die Kinos gekommen: IHRE BESTE STUNDE und THE LIMEHOUSE GOLEM. Ich weiß, das ist eine schwere Frage, aber welchen mögen Sie mehr?
Bill Nighy: Ich mag sie beide sehr, sie sind aber auch sehr verschieden. Sie wurden vom selben Mann produziert: Stephen Woolley. Die beiden Filme habe ich back-to-back gedreht mit vielleicht einer Woche Pause dazwischen. Es war eine sehr produktive und spaßige Zeit. Ich habe bei beiden Filmen mit ein paar derselben Leute gearbeitet. Ein tolles Ensemble bei beiden Filmen. Einige kenne ich sogar schon fast mein ganzes Leben. Beide Filme sind sehr unterschiedlich, aber ich mag sie sehr. Ich mag das Genre von THE LIMEHOUSE GOLEM. Schon immer wollte ich einen Polizisten spielen. Darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet, weil ich nie zuvor einen Detective gespielt habe. Ich liebe es „Ich bin Detective John Kildare von Scotland Yard“ zu sagen. Das finde ich ganz, ganz toll. Der Film hat auch ein ganz großartiges Design. Er sieht phantastisch aus. Ebenso mag ich die Zeit, in der er spielt.
Kritiken: Besonders Horror- und Kriminalfilme sind ja häufig in jener Zeit angesiedelt. Was, glauben Sie, macht für die Geschichtenerzähler da den Reiz aus?
Bill Nighy: Ich bin nicht sicher. Vielleicht liegt es daran, dass London zur viktorianischen Zeit so interessant war. Im Grunde war es wie im Wilden Westen. Menschen starben an Krankheiten, durch Verbrechen oder auch einfach durch Armut. Darum können hier sehr unterschiedliche Geschichten erzählt werden. Aber die Leute mögen auch den Look dieser Filme. Es sieht toll aus. Normalerweise spielen die Geschichten nachts, bei Regen, bei Nebel und haben Blut als Kontrast. Das sind tolle Elemente für Genre-Geschichten, da sie praktisch hausgemacht mit Gruselmomenten daherkommen.
Kritiken: Seit UNDERWORLD und SHAUN OF THE DEAD sind Sie so etwas wie ein Genre-Star geworden. Haben Sie ein Faible für das Genre?
Bill Nighy: Ich liebe es. Es kam nicht völlig überraschend, weil ich für eine Rolle als Vampir vorgesprochen und diese dann auch bekommen habe. Ich liebe diese Geschichten. Und danach wurde ich eine Art Genre-Darsteller, was mich wirklich glücklich macht. Ich mag die Fans, die sehr gutmütig, smart, freundlich, ironisch und clever sind.
Kritiken: THE LIMEHOUSE GOLEM erinnert an die alten Hammer-Horrorfilme.
Bill Nighy: Ja, das stimmt. Das waren wunderbare Filme. Besonders die mit Christopher Lee, der darin großartig war und seinen Rollen mit großer Würde gespielt hat, was gar nicht so leicht ist.
Kritiken: Gab es eine besondere Herausforderung dabei, die Rolle des John Kildare zu spielen?
Bill Nighy: Die Herausforderung eine Hauptrolle zu spielen, ist, dass man im Grunde auch das Publikum sein muss, da man auf all die anderen Nebenfiguren reagieren muss. Zum großen Teil meiner Karriere wäre ich einer der anderen Darsteller gewesen und hätte eine Nebenrolle gespielt.
Kritiken: Denken Sie, dass Sie am jetzigen Punkt Ihrer Karriere die interessanteren Rollen bekommen als früher?
Bill Nighy: Möglich. Vor 20 Jahren spielte ich andere Rollen. Auch sehr gute Rollen, aber nicht im Kino. Ich hatte sehr gute Rollen am Theater und im Fernsehen und ich war immer gut beschäftigt, bevor ich zum Kino kam. Aber das erste Mal, dass ich in einem Kinofilm eine größere Rolle spielte, war STILL CRAZY. Ich hatte immer eine reichhaltige Auswahl sehr unterschiedlicher Figuren, aber ich bin erstaunt, wie beschäftigt ich in den letzten Jahren bin. Dafür bin ich dankbar.
Kritiken: Das Interessante an Ihrer Rolle in IHRE BESTE STUNDE ist ja auch, dass Ihre Figur nicht verstehen kann, dass sie nun nicht mehr die Rollen erhält wie noch vor 20 oder 30 Jahren.
Bill Nighy: Ich hatte dieses Problem nie. Glücklicherweise war ich nie in dem Stadium, mich selbst in Hinblick auf mein Alter zu täuschen. Es ist tatsächlich auch erleichternd, wenn man älter als 39 wird. Die schwierige Zeit sind die mittleren Jahre, wenn man an zwei Tagen der Woche wie 32 und an den übrigen Tagen wie 44 aussieht. Dann wird man älter und die Rollen ergeben sich, weil man für die Filmemacher vom Alterstypus nicht mehr so wechselhaft erscheint. Man hat einfach ein gewisses Alter und sieht wie ein älterer Kerl aus. Als alter oder älterer Mann sehen eh alle irgendwie gleich aus.
Kritiken: Der Regisseur von THE LIMEHOUSE GOLEM ist kein Brite. Denken Sie, dass mit der anderen Nationalität auch eine andere Art von Sensibilität für diese britischen Stoffe einhergeht?
Bill Nighy: Ja, das glaube ich schon. Es hilft, wenn jemand aus einem anderen Kulturkreis kommt und alles aus einer gewissen Distanz sehen kann. So kann der Regisseur die Periode visuell als das sehen, was sie ist und nicht als Teil von etwas Größerem. So jemand ist auch frei von den Konventionen, die sich mit dieser Art von Film eingespielt haben. Das überträgt sich dann auch auf die Schauspieler, was sehr erfrischend ist.
Kritiken: Gab es irgendwelche ungewöhnlichen Ereignisse während der Dreharbeiten?
Bill Nighy: Wir erlebten beim Dreh in Yorkshire noch das Ende eines Hurricanes mit. Wir hatten ein Set, das eine ganze Straße darstellt, inklusive Kutschen und Pferden. Das Wasser stand uns schon bis zu den Knien, so dass man nur noch von der Hüfte aufwärts filmen konnte. Darüber hinaus versuchte man, die einzelnen Teile des Sets davor zu bewahren, davongeweht zu werden. Schwierig war es, die Hüte auf den Köpfen zu behalten.
Kritiken: Waren das dann die schwierigsten Umstände, die Sie bei Dreharbeiten hatten oder gibt es noch etwas, das einen Hurricane übertrifft?
Bill Nighy: Das Wetter ist immer ein Problem, insbesondere in England. Es gibt etwa zehn Minuten im Sommer, die okay sind, aber ansonsten hofft man auf das Beste. Aber es regnet immer wieder. Ich hatte ein paar durchschnittlich unangenehme Drehtage. Am wenigsten mag ich es, wenn es heiß ist. Lieber ist es mir, wenn es kalt ist. Auch wenn ich Kälte nicht unbedingt mag.
Kritiken: Hitze dürfte in England weniger das Problem sein.
Bill Nighy: (lacht) Manchmal, aber nicht oft.
Kritiken: Bei IHRE BESTE STUNDE kommt ein gewisses Gefühl von Nostalgie zum Tragen, das es vor allem in Großbritannien zu geben scheint und sich speziell auf die Kriegszeit erstreckt. Wieso glauben Sie ist das so?
Bill Nighy: Ich spekuliere da nur, da ich es nicht weiß. Ich wurde neun Jahre nach Kriegsende geboren. Aber meine Generation und ein paar andere haben, wie Sie schon sagen, ein Gefühl der Nostalgie für die Kriegszeit. Ich glaube, dies wurde von den Filmen ausgelöst, die romantisch, lustig oder heroisch waren. Damit sind wir alle aufgewachsen. Sie waren die Basis für das, wie wir den Krieg wahrnahmen, während es in Wahrheit eine brutale und grausame Zeit war. Jeder, der das erlebt hat, empfindet meiner Meinung nach keine Nostalgie. Diese Nostalgie gilt wohl eher einer simpleren Zeit, als alle zusammenstanden, weil es eine Quelle der Gefahr gab, weswegen die kleinlichen Streitigkeiten zuhause vergessen wurden, da man in jener Zeit nur versuchte, am Leben zu bleiben. Menschen, die das nicht miterlebt haben, empfinden das vielleicht als simplere und wünschenswertere Lebensart.
Heutzutage werden wir dazu angehalten, uns darauf zu konzentrieren, was uns trennt. Das macht es leichter, uns zu manipulieren. Das war bei der Generation meiner Eltern nicht so. Damals gab es diese sozialen Wirkungsweisen noch nicht. Die Menschen waren offener. Natürlich sind wir in Sachen Sexismus, Rassismus, Homophobie und dergleichen weit gekommen. Vorurteile überleben Nähe oftmals nicht. Damals hat aber niemand seine Tür verschlossen. Das war nicht notwendig. Man dachte nicht mal daran. Ich bin als junger Mann quer durchs Land getrampt. Das würde ich mich heute nicht mehr trauen. Wenn man an der Autobahn stand, befanden sich dort 70 Leute mit unterschiedlichen Schildern, die auch alle mitgenommen wurden. Das macht heute keiner mehr. Und das hat sich in den letzten 40 Jahren verändert, was ich nicht verstehe, aber so ist es nun mal. Man konnte all das früher tun, und jetzt nicht mehr.
Das beantwortet nicht ganz Ihre Frage, aber es gab eine Zeit, da sich die Menschen in Hinblick auf andere sicherer fühlten. Aber heute ist das anders und ich glaube, es liegt daran, dass wir alle manipuliert werden.
Kritiken: Was können wir als nächstes von Ihnen erwarten?
Bill Nighy: Als nächstes mache ich einen Film namens TRIPLE WORD SCORE. Hier spiele ich einen Mann, der ein Internet-Scrabble-Fanatiker ist – so wie seine ganze Familie. Sein Sohn verschwindet und er muss ihn suchen, mit Hilfe seiner Scrabble-Freunde und – Fähigkeiten. In Irland drehe ich dann FOUR KIDS AND IT. It ist eine Sandkreatur, die von Michael Caine gesprochen wird. Das ist ein Kinderfilm. Und es gibt noch ein paar andere Projekte, die in der Pipeline stehen.
Kritiken: Vielen Dank für das Gespräch.
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