Tommy Krappweis Interview "Mara und der Feuerbringer"
Tommy Krappweis Interview "Mara und der Feuerbringer"

Tommy Krappweis Interview "Mara und der Feuerbringer"

Kritiken: Wie reagiert ein Oliver Kalkofe, wenn man ihm anbietet, dass er einen Zweig spielen soll?

Tommy Krappweis: Das ging sehr einfach. Ich hab ihm schon vor längerer Zeit den Roman geschickt und als es dann an die Verfilmung ging, habe ich mich mit Christian Becker zusammengesetzt und mich gefragt: Wen können wir denn nehmen, der sowohl ironisch ist als auch eine schöne Sprechstimme hat. Das dauerte so etwa zehn Sekunden, bis wir an Oliver Kalkofe dachten. Da hab ich ihn einfach angerufen und so fünf Minuten später war klar, dass er’s macht.

Tommy Krappweis: Wir haben ihn sogar darum gebeten, dass er uns vorab den Zweig einspricht, so dass wir dann seinen Ton am Set benutzen konnten. Das hat er auch gemacht. Vor einer Woche hat er den Film nun gesehen und war ganz begeistert. Er schrieb mir eine Mail und meinte, er sei total glücklich, dass er ein Teil davon ist, wenn auch nur als Zweig. Schade, dass er gestorben ist.

Kritiken: Eine Rückkehr des Zweiges gibt es also nicht?

Tommy Krappweis: Nein. Technisch ja, durch den normalen Vorgang der Verwesung, aber ich glaube, pflanzlich gesehen,nein.

Kritiken: Als Du den Roman geschrieben hast, dachtest du da schon daran, dass daraus auch ein Film werden könnte?

Tommy Krappweis: Ich drehe ja, seit ich neun Jahre bin, vor mich hin. Das kann ich gar nicht abschalten. Wenn ich was schreibe, ist das grundsätzlich so, dass in meinem Kopf ein Film abläuft. Zum Beispiel habe ich beim Schreiben der ersten Zeilen von Lokis Text im Roman gedacht: Das muss eigentlich der Herbst spielen. Weil dieser Loki so schnell hin- und herschaltet und man nie weiß, meint er etwas ernst, will er befreit werden oder nicht. Was ist das für ein Typ – völlig undurchsichtig. Und das kann Christoph Maria Herbst wie kein Zweiter.
Ich hatte auch ihm damals den Roman mit einer Widmung geschickt. Von ihm kam dann zurück, dass er gerne alle Teile haben möchte. Als ich ihm dann das Drehbuch geschickt hatte, hat er nach zwei Tagen zugesagt und auch das Hörbuch gelesen.

Kritiken: Während des Schreibens des Romans hattest du also schon Schauspieler im Kopf?

Tommy Krappweis: Schauspieler, Locations, Umsetzung, Lichtstimmungen – einfach alles.

Kritiken: Wenn man nach seinem eigenen Roman arbeitet, läuft man da nicht Gefahr, zu nahe dran zu sein und die Perspektive zu verlieren, was vielleicht auf Papier funktioniert, auf Film aber nicht?

Tommy Krappweis: Ich finde eigentlich nicht. Man sieht ja an Leuten wie Michael Crichton, der auch viel selbst gedreht hat, und anderen Autorenfilmern, dass das schon Sinn ergibt. Auch an den Showrunnern im Fernsehen sieht man das. Das ist nichts anderes, nur mit noch mehr Unterstützung durch Autoren. Im Endeffekt ist es die Vision von einer Person oder einer sehr kleinen Gruppe von Leuten, die das dann schaffen, etwas so zu machen, dass es eine Handschrift hat.

Ich glaube ganz im Gegenteil sogar, dass diese Tendenz, Entscheidungen von Gremien bei den ganz, ganz großen Hollywood-Produktionen treffen zu lassen, die Gefahr birgt, dass es keine Handschrift mehr hat oder den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Das halte ich immer für falsch.

Besser ist es, dass viele Leute sagen: Das ist wirklich grauenvoll. Und andere – hoffentlich die Mehrheit - sagen: Das ist genau mein Ding. Das ist mir lieber als: Das ist nettes Popcorn-Kino. Ich möchte, dass Leute eine klare Meinung haben und man auch merkt, dass der Filmemacher eine klare Meinung hat.

Kritiken: Gestern war die große Premiere in Köln mit hunderten kostümierter Fans. Wie war die Reaktion der Leute auf den Film?

Tommy Krappweis: Extrem. Die Kollegen von der Constantin meinten, sie hätten noch nie oder nur selten Standing Ovations erlebt. Wir hatten auch mehrfach Szenenapplaus. Ich war als Gast schon bei einigen Premieren dabei und fand die Stimmung da immer toll, aber das gestern war auch nach Meinung der langjährigen Vollprofis etwas Besonderes, was es in der Form noch nicht gegeben hat. Auch, weil 400 Leute in Gewandung zusammen mit den Schauspielern über den roten Teppich gelaufen sind. Das war für alle Beteiligten ein großartiger Moment. Danach sind Leute zu mir gekommen, die hatten Tränen in den Augen, weil sie sagten, dass sie sich von dem Film verstanden gefühlt haben. Der wäre genau das, was sie seit langer Zeit empfinden. Sei es jetzt dieses pubertäre Gefühl, ein Alien zu sein und zu denken, man gehört nirgendwo dazu. Sei es diese Figur von Mara, die sich gegen jede Vertopmodelisierung hinstellt und sagt: Ich habe weite Klamotten an, bin graumausig und ich kriege die Zähne nicht auseinander, weil ich halt genervt bin. Das muss einen Akkord zum Klingen gebracht haben, worüber ich auch sehr froh bin.

Kritiken: Musstest du bei der Adaption des Romans zum Film auf Dinge verzichten, die du eigentlich gerne dabei gehabt hättest?

Tommy Krappweis: Buch und Film sind grundverschiedene Medien. Ich habe viele Sachen weggelassen, die im Buch zwar sind, im Film aber nicht gepasst hätten. Bei einem Film erwarte ich als Zuschauer, dass jede Szene etwas mit der Hauptfigur oder der Handlung zu tun hat. Wenn das nicht der Fall ist, fühlt man sich als Zuschauer etwas allein gelassen, weil man denkt: Wieso sehe ich das jetzt gerade? Gerade in so einem Film, der für das Genre eine recht komplexe Handlung hat, ist es wichtig, dass ich zu keiner Sekunde das Gefühl gebe, das wäre jetzt unwichtig, da kann man jetzt warten, bis es vorbei ist.

Tommy Krappweis: Darum musste ich viele Dinge im Buch, in denen ich viel extremer zeige, wie alleingelassen sich Mara fühlt, weglassen. Im Buch stürzt sie in Visionen der nordisch-germanischen Mythologie, die nicht zwangsläufig der Forterzählung der Geschichte um Loki dient. Sie erlebt zum Beispiel eine der ältesten Mythen von Thors Fischzug, eine uralte, sehr archaische Geschichte. Im Buch zeigt das nur, dass dieses Mädchen einfach keine Ahnung hat, was los ist und der Leser entsprechend mitfühlt.

Das kann man in einem Film einfach nicht machen. Deshalb sind alle Visionen, die sie hat – auch diese kleinen Traumbilder – ausschließlich mit der Geschichte von Loki verbunden. Das war ein großer Unterschied.

Zum anderen gibt es natürlich auch die rein produktionstechnischen Probleme. Wir konnten nicht auf der Ludwigsbrücke drehen. Im Buch ist da der Lindwurm. Das hätten wir auch auf der Ludwigsbrücke drehen können, aber das Kreisverwaltungsreferat hat gesagt: Die Fahrräder und die Straßenbahn müssen weiterhin fahren können.

Kritiken: Das hätte ja dann wenig dramatisch ausgesehen.

Tommy Krappweis: Genau. Der Umkehrschluss wäre gewesen, ich hätte alle Radfahrer und die Trambahnen rausretuschieren müssen, um den Lindwurm dort platzieren zu können. Das wäre einfach nicht gegangen. Das Budget umfasst jetzt schon einen mittleren einstelligen Millionenbetrag , was für einen deutschen Film sehr anständig ist, aber gemessen mit Filmen wie DER HOBBIT mit 200 oder mehr Millionen, ist das gar nichts. Das kam darum gar nicht in Frage.

Deswegen haben wir uns gefragt, was wir stattdessen tun könnten. Es waren wenige Woche vor Drehstart, als unser Ausstatter Albert Jupé die Idee hatte, in der Residenz einen der Höfe zu nutzen. Der ist nicht nur rundherum geschlossen, was als kontrollierte Umgebung Vorteile bringt, sondern man hat auch sehr viel Platz. In der Residenz ist man auch sehr drehfreundlich, wenn man sich an die Regeln hält.

Aber dann brauchten wir auch was, was der Lindwurm kaputtmachen kann. Und da kamen wir auf… etwas, das ich jetzt zu gerne verraten würde, was dann aber eine der großen Überraschungen im Film verdirbt. Auf jeden Fall ist das so ein schöner Twist, dass ich echt überlegt habe, ob ich mein Buch umschreibe. Ich habe mich letztendlich aus Zeitgründen und weil ich glaube, dass die Leute den Roman so lesen wollen, wie er eigentlich gedacht war, zusammen mit dem Verlag dagegen entschieden. Aber das hat mich schon sehr in den Fingern gejuckt, weil diese Idee sowas von hübsch ist.

Aber insofern hat der Film an der Stelle einen gewaltigen Schritt in eine unerwartete, aber sehr großartige Richtung gemacht, was das Ganze noch runder macht. Also sind manche Unterschiede vielleicht sogar gravierend, aber nicht immer unfreiwillig.

Kritiken: Wie kam es denn dazu, dass Billy Boyd einen kleinen Auftritt in dem Film hat?

Tommy Krappweis: Ich habe ihn auf der Ringcon 2012 kennen gelernt. Da habe ich aus MARA vorgelesen und Panels gehalten. Da war auch Billy Boyd zusammen mit Sean Astin zugegen. Und wir haben uns vom ersten Moment an gut verstanden, so dass ich ihn einfach gefragt habe, ob er in dem Fantasy-Film, den ich mache, mitspielen würde. Es gibt auch schon im Buch eine Szene mit einem Touristen, der sich in München verirrt hat und von Loki übernommen wird. Ich fragte ihn also und er meinte: „Wenn ich Zeit habe und ihr den Flug bezahlt, klar.“

Das war wirklich richtig toll und schön. Er hat auch John P. Nugent, unseren VFX-Supervisor, der auch an DER HERR DER RINGE gearbeitet hatte, wieder getroffen. Die kannten sich von damals noch, weswegen wir John gleich gefragt haben, ob er nicht den fast stummen Counterpart spielen will, der am Ende sagt, dass er die Karte nicht lesen kann, weil sie deutsch ist.
Ich denke, dass das noch nicht das Letzte ist, was wir zusammen gemacht haben. Vor kurzem hatte ich wieder Kontakt zu ihm, weil er ein Projekt hat, das er mit deutscher Hilfe vielleicht umsetzen möchte.

Kritiken: Wie kam John P. Nugent zu dem Projekt?

Tommy Krappweis: Er hat an DER HERR DER RINGE und anderen Projekten gearbeitet. Bei ihm ist der Vorteil, dass er über 20 Jahre Berufserfahrung hat. Das heißt, er hat die Zeit noch mitbekommen, als der Computer außer für die Steuerung der Motion-Control-Camera keine Rolle gespielt hat. Der hat auch so Sachen wie Modellaufnahmen für den alten JUDGE DREDD gemacht. John kennt noch den handwerklichen Aspekt der Arbeit.

Er hatte wieder ein typisches Hollywood-Projekt gemacht, bei dem ein Gremium an Menschen mit Laserpointern bei der Präsentation im Bild herumfuchtelt und ständig etwas anderes will. Er hat aktiv nach einem Film gesucht, der nicht so groß ist und bei dem es möglichst wenige Entscheider sind. Zudem wollte er mal nach Europa. Unser VFX-Producer Benedikt Laubenthal hat ihn angefragt.

Der VFX-Compositing-Supervisor ist derjenige, der für Integration des Materials in den Film verantwortlich ist. Und wir haben da den Lindwurm und den Feuerbringer. Er hat bei DER HERR DER RINGE die Integration von Gollum gemacht, also das, was zum großen Teil diesen Oscar hat springen lassen. Wenn er sich bewegt, das Laub hochfliegt oder das Wasser plätschert. Das hat John mit seinem Team gedreht, nicht mit digitalen Blättern und Wasser, sondern es echt vor Schwarz aufgenommen.

Ich komme ja, wenn man so will, vom Super-8-Film und das kommt mir sehr entgegen. Da haben wir das Drehbuch übersetzt und ihm geschickt. Er fand das dann richtig spannend und meinte: „Ihr habt verdammt wenig Geld, aber wenn wir das so machen, dass wir vorher im Klaren darüber sind, was wir machen und welche Shots es sind und wir uns nicht dauernd umentscheiden, dann ist das machbar.“ Dann kam er wirklich anderthalb Jahre nach München und hat mit uns gearbeitet.

Er ist jetzt gerade wieder in New York bei seiner Firma und wir machen da gerade ein Joint Venture mit zwei Hollywood-Filmen mit ihm zusammen. Gerade fertig geworden sind die VFX-Set-Extensions für DON’T MESS WITH TEXAS mit Reese Witherspoon. Es ist eine ganz tolle Zusammenarbeit.

Kritiken: Wieso gibt es gerade bei einem Fantasy-Film so viele STAR WARS-Anspielungen?

Tommy Krappweis: Du bist nicht der erste, der das fragt. Die Menschen, die so alt sind wie Mara, reden so. Ich weiß das, weil ich seit sechs Jahren auf Fedcon, Ringcon, Mittelaltermärkten und Schulen Lesungen gemacht habe – unzählige, hunderte. Da gibt es keinen Unterschied. Man geht auf die Fantasy-Convention und da steht ein Typ, der sieht aus wie Aragorn, macht einen Witz und sagt zu seiner Freundin: „Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht.“ Das ist normal, ebenso wie Game-Anspielungen.

Wenn jemand kommt und sagt „Die Frau da vorne an der Kasse ist mein Endgegner“. Das ist dann eine Game-Anspielung, aber es hat nichts damit zu tun, in welchem Film das passiert. Ein Mädel, das 15 Jahre ist, sagt sowas, und zwar einfach so. Ich bin zwar etwas älter, aber ich benutze das auch. So reden wir bei uns in der Firma auch. Das ist ganz normal. Und darum findet das im Film auch statt.

Das hat gestern bei der Premiere im Cinedom Szenenapplaus gegeben, als der Professor Weissinger sagt „Das sind nicht die Druiden, die ihr sucht“, haben die Leute geschrien und geklatscht, weil sie sich so verstanden gefühlt haben. Und die waren als Hobbits oder Zwerge verkleidet.

Das sieht man auch an THE BIG BANG THEORY. Da gibt es ja nicht nur STAR WARS-Sprüche, sondern alles, was geekig ist. Und so ist das bei mir auch.

Kritiken: Wie viele Mädchen sprachen denn vor, bis Du mit Lilian Prent deine Mara gefunden hattest?

Tommy Krappweis: Das war schwer, weil wir eigentlich eine Mara hatten. Maja-Celine Probst. Eine tolle Schauspielerin, die im Lauf der Zeit, die es einfach braucht, einen Film auf den Weg zu bringen, zu erwachsen geworden ist. Wir haben Testaufnahmen mit Jan Josef Liefers gemacht, dann steht da eine junge Frau und man denkt sich: „Oh Gott, knutschen die jetzt gleich?“ Und dann hat Maja selbst auch gesagt, dass sie der Meinung ist, dass es nicht funktioniert.

Ich wollte etwas ganz Spezielles. Ein Mädchen, das authentisch ist, das in der Lage ist zu spielen, dass es vor lauter Pubertät die Zähne nicht auseinanderbekommt. Ich wusste, dass die Tochter meines Stiefbruders Schauspielerin ist. Lilian hatte gerade mit JEDER TAG ZÄHLT ihr Debüt im Fernsehen gegeben. Da hatte sie die volle Packung: Nackt in der Badewanne, zitternd, leukämiekrank, Haare rasiert, ein brutales Ding. Lili hatte die Produktionsfirma um Ausschnitte gebeten Ich hab das Rat Pack, Constantin und RTL gezeigt und keine 24 Stunden später meinten alle, ich solle sie zu Probeaufnahmen einladen.

Dann haben wir einen Dreh gemacht, wo ich zuerst als Professor und dann als Maras Mutter spielte. Das war genau das, was ich wollte. Dieses pubertäre unter SpannungStehen, dieses in sich gekehrte Grummelige – genau das wollte ich haben.

Bei einer der Pressevorführungen hat einer von den wenigen, die den Film nicht mochten, gemeint: „Wenn ich ein schlechtgelauntes Teenie-Mädchen sehen will, kann ich auch daheim bleiben.“ (lacht) „Treffer, versenkt.“

Genauso ist es. So verschlossen, auf den Boden starrend und man denkt sich: Was ist denn los?

Kritiken: Wird es dann die Probeaufnahmen mit dir als Mutter auf DVD geben?

Tommy Krappweis: Wahrscheinlich. Das war schon sehr, sehr lustig. Aber auch da hat sich gleich gezeigt, dass Lily kein Problem hat, das auszublenden. Das muss man können, wenn man am Set steht und auf eine Stange mit einem Tennisball starrt, anstatt auf einen Lindwurm.

Kritiken: Wann wird denn entschieden, ob es filmisch mit Mara weitergeht?

Christian Becker hat gemeint, so etwas kann mitunter sehr schnell gehen, aber der Teufel steckt halt doch im Detail. Weil Teil 2 mehr Geld braucht als Teil 1 und Teil 3 mehr Geld braucht als Teil 2. Vielleicht drehen wir auch Teil 2 und 3 zusammen. Das würde Sinn ergeben, da die Lily auch nicht jünger wird. Sie wächst aber nicht mehr. Das wurde mir ärztlich attestiert (lacht).

Wir brauchen wohl 800.000 Zuschauer, dass es für die Partner auch Sinn ergibt. Ich hoffe, dass wir da schnell eine Entscheidung bekommen, aber ich glaube, die Entscheidung dagegen käme wohl schneller: Etwa, wenn wir nach zwei Wochen wissen, dass sich da 50 Leute reinverirrt haben, ist die Wahrscheinlichkeit gering.

Kritiken: Hattet ihr dann darüber nachgedacht, den Film Englisch zu drehen, um ihn für den internationalen Markt interessanter zu machen?

Tommy Krappweis: Nein, gar nicht. Ich brauche einen gewissen Grad an Realismus. Ich hätte es schon auf Englisch drehen können, wenn ich die Geschichte mit englischen Themen und Pointen versehen hätte. Und es nicht in München hätte spielen lassen, sondern in England oder wo auch immer. Aber ich möchte es verortet haben, ich möchte keine 08/15-Stadt, bei der man vielleicht nicht einmal die Polizei-Uniformen erkennt. Ich möchte, dass man spürt, woher das kommt.

Ein tolles Beispiel ist die Serie LOST, wo die Figuren aus allen möglichen Ländern stammen, und wenn jemand aus Asien kommt, spricht er auch die entsprechende Sprache und man sieht Untertitel. Das ist konsequent und so möchte ich das auch.

Klar kann man die MARA-Geschichte auch in London erzählen, aber dann will ich sie auch mit einem Londoner Mädchen und Londoner Problemen. Dann muss man sich damit auseinandersetzen, wie Mobbing dort ist und wie die Zusammenhänge sind. Dann muss man einen komplett anderen Film schreiben. Aber der Film, den ich gemacht habe, der ist deutsch.

Mara hat ja auch einen süddeutschen Einschlag. Sie spricht Sachen falsch aus. Auch bei Liefers ist das schön. Er lässt seine Figur nachdenken. Wenn Mara diesen Ausraster hat, dann sagt Liefers: „Aber schau mal, du bist doch genau die Richtige.“ Man merkt, dass seine Figur eine Pause macht und überlegt, was er sagen soll. Im Englischen müssten die Pausen an anderen Stellen sein, da ist der Denkvorgang anders, ebenso wie der Satzbau. Und: Ich hätte den Film auch synchronisieren müssen. Da wäre die Gefahr gewesen, dass das Synchronsprechproblem aufkommt. Ich finde, dass man hier häufig so eine Art überhöhter Synchronsprache hat. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich auf Deutsch drehen konnte und die Menschen sich auch typisch Deutsch – oder sogar typisch Süddeutsch – verhalten konnten.

Kritiken: Gibt es die Roman-Trilogie im Ausland?

Tommy Krappweis: Es ist ein Buch für den deutschsprachigen Raum. Ich habe aber die internationalen Rechte und im Moment ist das Interesse im Ausland groß, weil es nun eben auch einen Film gibt. Es gibt sehr viele sehr schöne Angebote, aber ich lasse mir Zeit und kucke mir das genau an. Was ich nicht möchte, ist, dass ein Verlag kommt und meint: „Wir haben da einen tollen Übersetzer und der lokalisiert das dann.“ Ich möchte mir den in Ruhe anschauen, ich möchte wissen, was er sonst so gemacht hat, ist er fantasyaffin, ist er jung genug oder im Kopf jung genug geblieben, um Maras Probleme zu verstehen.

Mir geht es nicht darum, da möglichst schnell Geld einzustreichen. Ich habe sechs Jahre meines Lebens mit dem Projekt zugebracht, da möchte ich auch, dass die anderssprachigen Fassungen gut sind.

Kritiken: Denkst du über einen vierten Teil nach?

Tommy Krappweis: So die Götter wollen, oder Gott will, je nachdem, ob es die oder den gibt, Hauptsache er will es. Dann habe ich eine, wie ich glaube, sehr charmante Idee für eine zweite Trilogie, bei der die Mara erwachsen ist. Oder vielleicht nicht erwachsen, aber auf jeden Fall volljährig. Ich glaube, dass das eine sehr unterhaltsame Idee sein kann, die aber nicht einfach nur die ersten drei Bücher widerkäut, sondern in eine andere Richtung geht. Trotzdem behalte ich. die Grundelemente „nordisch-germanische Mythologie und Information mit Humor“ bei. Ich bin aber niemand, der nur schreibt, um es in den Schrank zu stellen. Ich möchte gerne, dass Leute das lesen und Spaß dran haben. Ich bin mehr der Unterhaltung als der Kunst zuzuordnen. Ich hab auch manchmal Angst vor Kunst.

Kritiken: Wobei es auch beides sein kann: Unterhaltung und Kunst.

Tommy Krappweis: Das ist okay, aber ich möchte nicht derjenige sein, der das zu Kunst erklärt. Wenn, dann sollen das andere machen. Aber ich stelle mich nicht hin und sage: „Ich habe hier Kunst geschaffen.“ Das möchte ich nicht.

Ich glaube, dass ab dem Moment, in dem Charlie Chaplin zu sehr geglaubt hat, dass es sich bei ihm um einen großen Künstler handelt und es auch so formuliert hat, war es Teil des Problems. Das ist mein Gefühl, aber da mag ich auch falsch liegen.

Kritiken: Wer oder was hat dich denn im Lauf der Jahre besonders inspiriert?

Peter Jackson natürlich, schon alleine, weil er den ersten Teil von DER HERR DER RINGE als den teuersten Low-Budget-Film aller Zeiten durchgeboxt hat. Er wollte das unbedingt machen. Damit kann ich mich sehr identifizieren. Clint Eastwood mit seiner Einfachheit der Bilder. Er ist kein Bilderstürmer. Wenn sich die Kamera bewegt, dann um die Geschichte zu erzählen und nicht um des Bewegens willen. Das finde ich absolut perfekt und richtig. Er dreht auch keinen Take zu viel. Wenn er der Meinung ist, der Take funktioniert, dann ist es der auch und es wird keiner mehr zu Sicherheit gedreht. Das finde ich wunderbar. Wenn man weiter in der Zeit zurückgeht, dann haben mich die Marx-Brothers vom Humor her extrem beeinflusst. Sehr extrem. Ich setze auch alles daran, dass meine Tochter jetzt davon beeinflusst wird (lacht).

Monty Python selbstverständlich. Mein Allzeit-Liebling ist Buster Keaton. Er ist für mich einer der besten Filmemacher, die jemals gelebt haben. Er hat Sachen erfunden, weil er sie gerade brauchte. Er hat eine Struktur für Film im Herzen gesehen, wie man an THE GENERAL sieht, die immer noch perfekt pure Dramaturgie ist. Er war auch als Schauspieler ein ganz großes Vorbild, als ich noch dachte, ich müsste vor die Kamera gehen. Er macht ganz wenig, er übertreibt nicht, um eine Reaktion im Publikum hervorzurufen.

Steven Spielberg und Robert Zemeckis fand ich immer toll, weil die unterhalten und sich von den Themen gerne mitreißen lassen. In Deutschland durch die Natürlichkeit der Darstellung Helmut Dietl. Ich hab ihn nie persönlich getroffen, aber er war ein großes Vorbild dafür, dass es toll ist, wenn Menschen sprechen, wie sie sprechen.

Beim Monaco Franze hatte man das Gefühl, dass er halt so spricht. Der Schauspieler hat auch so gesprochen. Jetzt könnte man argumentieren: Der hat ja gar nicht gespielt. Hat er eben schon, aber es ist authentisch. Das fand ich ganz großartig. Da war der Mut zur Mundart, zum Dialekt, zur Pause, zum zu langen Blick vorhanden. Das war eine große Inspiration.

Damals, als ich kleiner war, wusste ich gar nicht, dass das von Dietl ist, aber ich merkte: Das ist irgendwie nah bei mir. Das finde ich toll.

Kritiken: Nun bist du ja Schauspieler, Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur – ziehst du davon etwas vor?

Tommy Krappweis: Es ist alles eins. Ich mach auch Musik, ich hab eine VFX-Firma, ich kann das alles gar nicht auseinanderhalten. Wir haben gerade ein Musikvideo gedreht, da hab ich dann auch gesungen. Ich kann das nicht auseinanderhalten und hoffe, dass ich das auch nie muss, weil das ganz schwierig wäre. Die Constantin hatte da auch ihre liebe Not mit mir, weil ich natürlich auch bei Promo und dergleichen mitgeredet habe und immer darauf drängte, keinen zu vergessen, wie die LARPer oder die Mittelalterfans, die sich authentisch gewanden. Ich hatte auch immer Ideen, was man noch machen kann. Ein Making-of oder eine kleine Dokumentation über die Statisten mit ihren Kostümen und dergleichen mehr.

Ich hab keine genauen Vorstellungen, weil ich mir das vorher nicht lange überlege und dann starr dem Weg folge, sondern ich bin jemand, der eine Idee hat und wenn ich die cool finde, dann muss ich die auch jedem mitteilen. Und die müssen dann zuhören oder so tun, als würden sie zuhören.

Kritiken: Du mischst bei deinen Projekten also überall intensiv mit?

Tommy Krappweis: Ja, wobei schon sehr früh begriffen habe, dass es bei jeder Produktion Leute gibt, die etwas besser können als man selbst. Ich würde mir nie anmaßen, Stephan Schuh zu sehr in die Kamera reinzugrätschen. Sondern ich stelle die Szene, schaue sie mir gemeinsam mit ihm an und dann sehen wir, welche Ideen es gibt. Ich bin kein Kostümbildner, kein Ausstatter, kein guter VFX-Artist, da brauche ich überall Leute, die das besser können als ich.

Jan Josef Liefers spielt diese Figur großartig, also tue ich gut daran, wenn er ans Set kommt, dass er die Szene erst mal so spielt, wie er denkt und wie sie ihm aus dem Herzen kommt. Darauf baue ich auf. Ich sage nicht vorher: Ich möchte die Szene so und so haben. Das hat den Vorteil, dass ich die Schauspieler nicht verbiegen muss. Sie kommen damit, wer sie sind und wie sie etwas machen, ans Set. Im Englischen sagt man „I roll with the punch“ – du kriegst halt den Schlag ins Gesicht und in die Richtung gehst du halt weiter und wenn du merkst, da könnte eine Wand kommen, muss man halt noch eine Drehung einbauen.

Am Set kommt man so auch schneller voran, man muss niemandem etwas aufzwingen, und die Schauspieler haben immer das berechtigte Gefühl, dass es von ihnen kommt. Das hatte zur Folge, dass wir nur eine Handvoll Überstunden hatten und innerhalb des Budgets geblieben sind. Das kommt natürlich auch von der harten Fernsehschule.

Kritiken: Habt ihr vorab viel geprobt?

Tommy Krappweis: Nein, gar nicht. Die Leute sind so gecastet, dass sie eigentlich das verkörpern, was sie spielen sollen. Besser geht’s gar nicht. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, wo das nicht perfekt funktioniert hätte. Wir haben eine Sache eingeführt, die in Deutschland noch gar nicht so verbreitet ist. Normalerweise ist Continuity und Skript ein Job, aber ich hab das Skript losgelöst, so wie es auch in den USA gemacht wird. Das hat meine Lebensgefährtin Sophia gemacht. Die hat das Drehbuch genommen und morgens mit den Schauspielern in der Maske die Seiten durchgesprochen. Und wenn die Kollegen eine Änderung vorgeschlagen haben, hat sie sich das notiert. Sie kam also ans Set mit den eingebauten Veränderungen und hat das dann einmal vorgestellt. Dann konnte ich sagen: Da geht der Gag verloren oder das ist faktisch nicht richtig, so dass ich dann zum Beispiel meinen wissenschaftlichen Berater kurz angerufen und nachgefragt habe, ob das geht. Das hat viel Zeit gespart.

Ich bin aber auch kein Freund von Leseproben. Für diese Art Film muss man im Set stehen, muss sehen, wo alles ist, wie verloren Mara da sitzt, wie lange muss sie warten, bevor sie sich umdreht. Oder ich bin zu faul für Leseproben. (lacht)

Kritiken: Was hat dich bei den Dreharbeiten am meisten beeindruckt?

Tommy Krappweis: Das war ein Moment mit John Nugent. Der war auch unser VFX-Supervisor am Set. Das Klischee eines deutschen VFX-Supervisors – also keinem bestimmten, sondern einigen, die ich im Lauf der Jahre kennen lernen durfte, wenn auch nicht alle – ist: Da kommt der VFX-Supervisor mit einem kleinen Rollköfferchen. Da sind sehr viele Instrumente drin, mit denen er u.a. die Farbtemperatur der Green Screen messen kann oder Dinge, die einfach nur „bing machen“. Derweil holen sich alle einen Kaffee, weil das eine Stunde oder so dauert, in der er mit den Beleuchtern das alles einmisst.

Als John ans Set kam, um diese riesige 360-Grad-Green-Screen einzumessen, kam er hin und alle sind sofort vom Set gelaufen. Dann dauerte das vielleicht fünf Minuten und dann hieß es, wir sind drehfertig. Wir kamen ans Set und die Green Screen war ebenmäßig beleuchtet, aber sie war recht dunkel. Wir kennen sie eher so, dass sie grell beleuchtet ist. Aber er meinte, wir können gleich drehen. Haben wir auch gemacht, aber das Material gleich nach München geschickt, damit man es sich dort ansieht, und wir erhielten sofort die Nachricht, dass es perfekt war. John hat das alles Pi mal Daumen eingerichtet – das war einfach nur Erfahrung.

Die Green Screen war deshalb so dunkel, weil er gesagt hat: Was steht denn im Vordergrund? Ein Mensch in einer roten, düsteren Vulkanlandschaft, der an sich schon nicht viel Helligkeit im Gesicht hat. Mach da hinten eine zu helle Green Screen und du hast überall grüne Lichtkanten, die man in der Postproduktion entfernen muss. Also macht man die Green Screen dunkler, da eh niemand grüne Klamotten hat, und dann funktioniert das. Nach diesem Moment hat keiner am Set mehr irgendwas angezweifelt, sondern war total ehrfürchtig vor John.
Als wir mit dem Drehen fertig waren, war er bei uns in der VFX-Firma, wo ein Compositor sagte, dass er gerne Spucke vom Lindwurm hätte und er das ins 3-D gegeben hätte. Darauf meinte John nur: „Was? Warum?“

Dann hat er eine Sprühflasche mit Fensterklar genommen, ein schwarzes Tuch und eine Canon 5-D. Bei uns auf der Terrasse. Da hat er dann gesprüht, es aufgenommen und 30 Sekunden später hat er dem Compositor die SD-Karte gegeben. Und es stimmt, der Sabber des Lindwurms ist diese Sprühflasche. Solche Sachen finde ich total großartig. Er hat auch zu den Compositors gesagt: „Bevor ihr’s digital macht, denkt drüber nach, ob es auch praktisch geht.“

Kritiken: Das ist letzen Endes auch günstiger.

Tommy Krappweis: Ja, wir hätten vieles auch gar nicht anders hinbekommen. Es geht nicht darum: „Das hätten wir anders drehen müssen, denn jetzt ist es gedreht und überleg du dir nun, wie du das am Computer hinbekommst.“ Wir haben eine Stelle, als der Lindwurm in dem Brunnenhof ist. Der Himmel war da schlecht, wir hatten Mischlicht und wir waren damit sehr unglücklich. Dann hat John den Himmel genommen und ihn im Computer invertiert – was hell war, wurde dunkel und umgekehrt. Dadurch erhielten wir eine gegenteilige Struktur und das passte dann. Auf die Idee wären die Wenigsten gekommen. Wir haben hier auch alle sehr viel von John gelernt. Da wird man im positivsten aller Sinne demütig.

Kritiken: Was willst du als nächstes machen?

Tommy Krappweis: Schlafen. Schlafen wäre schön. Mal wieder mit meiner Band spielen. Lego bauen. Aber das geht erst, wenn ich weiß, ob der Film so funktioniert, dass er es uns ermöglicht, noch zwei davon zu machen. Denn dies ist nicht nur ein Film, das ist ein Lebensentwurf. Er ist das Beispiel dafür, wie ich denke, dass Filme schön sein können. Und wenn das scheitert, dann scheitert auch meine Idee dessen, was ein deutscher Fantasy-Film sein könnte. Da müsste ich dann erst mal ein Haus auf einem Berg bauen oder so was in der Art. (lacht)

Kritiken: Das ist ein gutes Schlusswort. Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.