Alejandro Jodorowsky im Interview: „Meinen eigenen Mystizismus hab ich ganz alleine und…
Alejandro Jodorowsky im Interview: „Meinen eigenen Mystizismus hab ich ganz alleine und…

Alejandro Jodorowsky im Interview: „Meinen eigenen Mystizismus hab ich ganz alleine und langsam entdeckt, ohne jedwede religiöse Erziehung.“

Kritiken: Was hat Sie dazu gebracht, nach mehr als 20 Jahren wieder Filme zu machen?

Jodorowsky: Ich hatte plötzlich Lust. Und ich hab auch die Möglichkeit bekommen, das Geld zu bekommen. Kino ist sehr teuer. Es hat 23 Jahre gedauert und ich musste gegen die Produzenten kämpfen und bei jedem Film, den ich eigentlich machen wollte, bekam ich als Antwort: Nein, das ist nicht kommerziell. Und als Frank Pavich den Dokumentarfilm JODOROWSKY’S DUNE machen wollte, hat er mich gefragt, ob ich ein Interview mit Michel Seydoux machen möchte. Das war der Produzent von DUNE. Und da habe ich gesagt: Du, pass auf, seit 20 Jahren hab ich den nicht sehen wollen, weil er mich bestimmt hassen muss, ich hab ihn zwei Millionen Dollar gekostet und der Film wurde abgelehnt, weil man Angst vor mir hatte.

Und dann sagte Frank: Nein, das war eigentlich ein großer Moment in dessen Leben. Er ist nicht gegen dich, ganz im Gegenteil. Dann hab ich gesagt: Na gut, dann gehen wir hin und besuchen wir ihn. Wir haben uns wiedergefunden und er ist ein echter Freund. Es hat ihm wie mir sehr leid getan, dass dieser Film nie gemacht wurde. Und er hatte eigentlich weiterhin Lust, mit mir einen Film zu machen. Und dann haben wir beschlossen, einen Film gemeinsam zu machen. Und das war dann LA DANSA DE LA REALIDAD.

Kritiken: Hätten Sie Interesse, Ihre eigenen Comics als Film umzusetzen?

Jodorowsky: Nein, ich bin nicht fähig dazu. Das ist zu anstrengend. So einen Comic umzusetzen, das wären drei, vier Jahre Arbeit. Und ich bin schon ein bisschen älter. Ob ich mich wirklich vier Jahre im Voraus mit Arbeit zupflastern will, weiß ich nicht. Ich kann von hier aus in Ein-Jahres-Schritten planen, aber darüber hinaus nicht. Viele der Comics habe ich gemacht, weil ich keine Filme machen konnte. Ich hab einen Comic, DIE BORGIAS, mit Milo Manara gemacht, über die Geschichte der Päpste. Und das ist so erfolgreich, dass der Comic für das Fernsehen adaptiert worden ist. Ich habe sogar aufs Fernsehen Auswirkungen gehabt (lacht). Vor mir hat niemand über die Päpste gesprochen, die wie eine mafiöse Vereinigung waren. Ich hab damit begonnen und das ist ein großes Geschäft geworden.

Kritiken: Wie ist dann Ihre Einstellung zur organisierten Religion?

Jodorowsky: Das hat mit Kino nichts zu tun, sondern ist meine menschliche, meine persönliche Antwort. Ich bin ohne Religion erzogen worden. Wie ich in meinem Film LA DANSA DE LA REALIDAD zeige, war mein Vater ein Stalinist und absoluter Kommunist. Ich bin aufgewachsen ohne jedwede Religion. Man hat mir gesagt, man ist tot und verrottet in der Erde und es gibt nichts danach. Meinen eigenen Mystizismus hab ich ganz alleine und langsam entdeckt, ohne jedwede religiöse Erziehung. Ich glaube schon, dass es eine Intelligenz gibt, eine Kraft, die uns alle hält und ich glaube, dass es ein unglaubliches Bewusstsein ist. Für uns völlig unvorstellbar und unverständlich, aber absolut präsent.

Und dieser Atheismus hat es mir erlaubt, die Religionen aus einem sehr objektiven Standpunkt heraus zu betrachten. Und für einen Mann, wie ich es einer bin, sind Religionen eine Gefahr. Das sind Sekten. Die ernähren sich nicht nur vom Gottesgedanken, dessen sie sich bemächtigen, sondern sie mischen sich auch in die Wirtschaft und der Politik ein – und das ist ein großes Problem.

Man muss sich nur ansehen, was gerade im Vatikan los ist, wo es einen Papst gibt, einen absolut frauenfeindlichen Papst, keine Päpstin, sondern nur unverheiratete Priester, die unglaubliche sexuelle Probleme nach sich ziehen. Sie segnen Kriege ab, machen Geschäfte. Die Vatikanbank ist ein Skandal, das ist eine einzige Geldwaschanlage. Und dann kommen wir ins Hier und Heute und kommen zum selben Punkt, wo die tibetanische Religion angekommen ist. Dort kommt der Dalai Lama, stirbt und wird in einem Baby reinkarniert. Ein Baby wird der Dalai Lama, aber dieser Dalai Lama hat seinen Nachfolger schon ernannt. Wie, haben wir jetzt zwei Dalai Lamas? Das geht nicht. Das ist kein religiöser, kein spiritueller Mann mehr, er ist ein Politiker. Der Papst ist der Repräsentant des christlichen Gottes auf der Erde. Er ist Papst, bis er stirbt, und dann kommt der nächste. Und jetzt gibt’s auch zwei Päpste. Dieser eine Papst ist zurückgetreten, so, als wäre er ein Bankangestellter. „Ich verabschiede mich davon, Gottes Repräsentant zu sein“. Und da denke ich mir, was ist das denn. Reden wir hier über Politik oder über Gott?

Ich mag die Religionen nicht. Sie sind eine große Gefahr, und das gilt für alle Religionen, nicht nur die christliche. Aber das hat nichts mit Kino zu tun.

Kritiken: Da haben Sie natürlich Recht, aber Ihr Standpunkt ist aufgrund Ihres Werks natürlich interessant. Ich möchte nun aber gerne auf ihren DUNE zurückkommen. Gab es Überlegungen, ihren Film dann zu einem Comic zu machen?

Jodorowsky: Ich konnte DUNE nicht als Comic machen, weil ich die Rechte nicht daran hatte. Das Buch ist sehr literarisch und als ich das Skript schrieb, habe ich mir eine Welt von Bildern ausgedacht, weil das Kino, das ich mache, von Bildern geprägt ist. Diese ganze Bilderwelt habe ich in INCAL und DIE META-BARONE einfließen lassen. Ich habe es sozusagen als Comic umgesetzt, in dem ich diese SF-Welten erschuf.

Kritiken: Sie haben früher sehr viel Science Fiction gemacht, heute aber eher historische Stoffe. Haben sich Ihre Interessen gewandelt?

Jodorowsky: Nein, das hat nichts mit Interesse zu tun. DUNE war Science Fiction und auch meine ersten Comics waren Science Fiction. Sie waren erfolgreich und die Verlage möchten dann gerne, dass man immer dasselbe macht, aber ich erfinde Welten. Jetzt hab ich in Frankreich eine sehr erfolgreichen Comic-Seroe namens BOUNCER gemacht, und das ist ein Western. Da sind wir schon beim neunten Band. Auch EL TOPO ist ein Western. Ich habe viele verschiedene Themen entwickelt. Du redest hier nicht mit einem Geschäftsmann, du redest mit einer Person, die eine unglaubliche Phantasie hat. Ich generiere eine Idee nach der anderen.

Ich habe Philosophie und Psychologie studiert. Vor mir sah ich zwei Wege, zwei Möglichkeiten. Der eine Weg war, der Intelligenz folgen, der andere der Imagination zu folgen. Ich überlegte, welchen sollte ich den nehmen, aber ich ziehe die Imagination vor. Ich wollte eigentlich keinen Beruf, ich wurde Künstler und ich wollte von meinem Einfallsreichtum leben. Und bis heute habe ich es geschafft. Ich lebe von meiner Imagination. Ich habe nie gearbeitet, ich habe gemacht, was mir gefallen hat und was ich konnte. Dabei habe ich ein Werk nach dem anderen gemacht, aber es ist nicht nur Science Fiction.

Kritiken: In JODOROWSKY’S DUNE sieht man auch dieses sehr dicke Buch mit all den Konzeptzeichnungen und Storyboards, die Sie haben binden lassen. Besteht die Möglichkeit, dass dieses Buch mal veröffentlicht wird?

Jodorowksky: Es gibt ein Problem mit der Witwe von Moebius. Sie versucht gerade, Geld dafür zu kriegen und verhindert das Projekt. Aber sobald man dieses Problem in Griff bekommt, möchte der Taschen Verlag es herausbringen.

Kritiken: Tut es Ihnen leid, dass aus dem Film nichts wurde?

Jodorowsky: Aber wie ich schon in JODOROWSKY’S DUNE sage, bereue ich es nicht, es nicht gemacht zu haben, weil das hier existiert. Wenn ich sterbe oder wann auch immer kann es irgendjemand noch machen. Als Animation zum Beispiel. Der französische Regisseur Jan Kounen rief mich an und sagte, er würde das gerne machen. Ich habe den Kontakt zwischen Kounen und Seydoux hergestellt. Und vielleicht klappt es. Er will mein Skript, wie es ist, als Animationsfilm umsetzen. Für mich ist das super, weil ich die Arbeit schon gemacht habe. Ich werde einfach nur dasitzen und es genießen, während alle anderen arbeiten.

Frage. Das ist dann quasi das Happyend.

Jodorowsky: Ja, ein bisschen spät, aber schon gut. Ich weiß, was ich daran gewinne. Eine große Freude am Kreieren. Es ist die Freude am Machen, ganz ohne großen Ehrgeiz.