Moritz Bleibtreu im Gespräch zu RICO, OSCAR UND DAS HERZGEBRECHE
Moritz Bleibtreu im Gespräch zu RICO, OSCAR UND DAS HERZGEBRECHE

Moritz Bleibtreu im Gespräch zu RICO, OSCAR UND DAS HERZGEBRECHE

„Bei guten Filmen wird das Merchandising nachher verkauft, nicht vorher.“ – Moritz Bleibtreu im Gespräch zu RICO, OSCAR UND DAS HERZGEBRECHE

kritiken.de: Kannten Sie die Bücher oder den ersten Film, bevor die Arbeit am zweiten Teil begann?

Moritz Bleibtreu: Nein, bei mir war es andersrum. Ich habe zuerst den ersten Teil gesehen und bin dann mit den Büchern in Berührung gekommen, da dann auch ganz schnell schon das Angebot für den zweiten Teil auf dem Tisch, weswegen ich die Bücher gelesen habe.

kritiken.de: Was hat Sie an der Rolle des Boris gereizt?

Moritz Bleibtreu: Grundsätzlich sind es mehrere Komponenten, weswegen man sich entschließt, einen Film zu machen. In dem Fall ist es so, dass ich a) den Steinhöfel sehr schätze, der ist ein ganz toller Autor, und b) es ist vor allem auch mal ein Film mit mir, den sich mein Sohn ankucken kann, was auch mal schön ist.

Ich mochte den ersten Teil sehr. Es ist eine sehr erwachsene Art und Weise, eine Kindergeschichte zu erzählen. Ich finde nichts schlimmer, als Geschichten für Kinder, die sich nicht trauen, sie als vollwertige Menschen zu akzeptieren und einen dümmlichen Humor an den Tag legen. Das ist bei den Steinhöfel-Geschichten gar nicht so. Die sind hochkomplex und sehr intelligent. Kinder werden hier sehr früh mit allen Facetten des Lebens in Berührung gebracht, ohne dass sie das in irgendeiner Art und Weise überfordert. Und auch ohne diesen 1970er-Jahremäßigen Sozialrelevanz-Finger, mit dem ich noch groß geworden bin, als viele Kindergeschichten auf diesem RAPPELKISTEN-Niveau waren, was ich gehasst habe. Da hatte ich immer das Gefühl, das soll man jetzt was lernen.

Das ist eine Haltung, die ich generell bei meiner Arbeit verfolge. Ich bin keiner, der Filme macht, weil ich damit etwas bewirken will oder weil ich glauben würde, dass es eine soziale oder politische Relevanz bräuchte. Wenn das auf einer zweiten Ebene stattfindet, ist das super. Aber ich finde nichts schlimmer als Filme, die es sich zur Aufgabe machen, politisch relevant zu sein. Das ist mir zu prätentiös. Ich bin Geschichtenerzähler und möchte die Leute mit einer guten Geschichte unterhalten – und das macht Steinhöfel auch.

kritiken.de: Interessant ist ja auch, dass Boris der Besitzer eines Nachtclubs ist, der eher an einen Stripclub erreicht.

Moritz Bleibtreu: Ja, klar. Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Film in Dänemark gemacht, der hieß DER FAKIR. Da war die Mutter der Kinder eine Urnenmalerin. Die hat Urnen in einem Beerdigungsinstitut bemalt. Das ist ähnlich. Steinhöfel benutzt diesen urbanen Raum, macht daraus aber kein sozialkritisches, milieuhaftes Ding. Es wird einfach gesagt: “Kuck mal, das gibt’s, und das ist ein Teil des Lebens.“
Das hat man auch gar nicht großartig zu bewerten, was auch sehr kindgerecht ist. Ich bin in St. Georg zu einer Zeit großgeworden, als das wie viele Bahnhofsviertel eine Gegend für Straßenprostitution war. Ich hab die ersten Jahre gar nicht geschnallt, was die leichtbekleideten Damen an der Straße machen, aber trotzdem waren sie halt da. Und so begegnen Kinder der Welt. Sie bewerten das nicht und wissen auch gar nicht, was das bedeutet. Es ist aber gut, diese Themen, die in unserer Gesellschaft auch stattfinden, in einer Geschichte vorkommen zu lassen, ohne dass man das explizit darstellt, sondern es lustig und kindgerecht gestaltet.
Deshalb ist auch die Figur, die Karoline Herfurth spielt, toll, denn das hat ja auch eine irre Ambivalenz. Wenn man von Stripclub spricht, dann kommt man ganz schnell auf Vorurteile, mit denen hier auch gebrochen wird.
Das ist sehr cool und das Werk eines sehr, sehr intelligenten Autors.

kritiken.de: Es gibt ja auch diese Szene, in der Oskar zu Rico sagt, das ist schon „verrucht“, was seine Mutter macht.

Moritz Bleibtreu: Genau. Es hat alles mehrere Ebenen und eine Tiefe, die aber nie in Schmalz verfällt. Das Abhandensein der Väter beider Figuren, die Begabung, mit der sie umgehen müssen, das Gleichnis, das alles in der Welt auch eine Gegenseite hat, ist sehr intelligent.
Ich weiß gar nicht, ob er auch Erwachsenenromane geschrieben hat.

kritiken.de: Ich glaube, er hat einen in Arbeit.

Moritz Bleibtreu: Das sollte er auch machen. Ich glaub, die wären gut.

kritiken.de: Das ist auch die Stärke des Films. Er erzählt eben für Kinder, aber auch für Erwachsene.

Moritz Bleibtreu: Das ist wirklich Familien-Unterhaltung. Da hat man eine Geschichte gesehen und nicht diese um Merchandising herum konstruierten Ami-Filme, nach denen die Kinder total aufgekratzt sind und überhaupt nicht mehr wissen, so sie mit sich hin sollen, weil sie keine Geschichte geboten bekommen haben, sondern zwei Stunden Dauerfeuer ausgesetzt waren. Und mit diesem Unfrieden gehen die dann raus. Das Beste, was man dann machen kann, ist, diesen Merchandising-Artikel zu kaufen, dann sind sie glücklich.
Aber der erste Teil ist ein gutes Beispiel für einen richtigen Kinderfilm. Der hat eine Geschichte zu erzählen, und damit sind die Kinder auch glücklich und zufrieden. Wenn ich weiß, ich hab einen Film, in dem ich drei Helden und vier Antagonisten brauche, um genügend Merchandising produzieren zu können, dann hat man ein Problem, weil man an Filmen nicht mehr das Geld verdient wie früher. Darum muss es woanders herkommen, weswegen Geschichten konzipiert werden, die sich nicht auf die Geschichte konzentrieren, sondern nur darauf, möglichst viele Figuren zu präsentieren.
Da kann man sich darauf einstellen, dass alles, was Marvel in den nächsten Jahren machen wird, Müll ist. Und wenn ein Film wie DER HOBBIT rauskommt, der ab 12 Jahren ist, aber man schon ein halbes Jahr vorher Merchandising verkauft, das auf Fünfjährige abzielt, dann sollte man aufmerksam werden. Das passt nicht zusammen, aber die wissen genau, die Eltern kaufen das Spielzeug und denken zugleich, der Film kann ja nicht so schlimm sein, so dass sie Kinder mitnehmen, für die der Film gar nicht freigegeben war. So hat man Zuschauerzahlen, die wachsen. Das finde ich schade. Bei guten Filmen wird das Merchandising nachher verkauft, nicht vorher. Wenn es vorher schon kommt, kann man den Film vergessen.

kritiken.de: Das moderne Blockbuster-Kino setzt auch immer verstärkter auf reine Effektspektakel.

Moritz Bleibtreu: Ein gutes Beispiel ist Avengers. Da hat man eine Handvoll Helden und Schurken, die allesamt Kostüme tragen. Aus einem Held, der Jeans und T-Shirt trägt, kann man keine Action-Figur machen. Also denkt man im Vorfeld schon: Ich brauche so und so viele Figuren für eine bestimmte Anzahl von Merchandising-Produkten.

kritiken.de: Welche Art Film ziehen Sie als Zuschauer denn vor?

Moritz Bleibtreu: Ich bin ganz klar vom New-Hollywood-Kino geprägt, angefangen von EASY RIDER bis in die frühen 1980er Jahre hinein mit DAS JAHR DES DRACHEN, die Michael Mann-Filme – das ist so meine Zeit. Die ersten coolen Action-Comedy-Filme wie LETHAL WEAPON und das Action-Kino der 1980er Jahre. Praktisch alles von Martin Scorsese und Robert De Niro. TAXI DRIVER ist für mich wahrscheinlich eine der einflussreichsten Filmerfahrungen überhaupt. In jeder Hinsicht. Sei es wie eine Geschichte erzählt wird, sei es schauspielerisch.
Vorbilder aus dem deutschen Raum gab es in meiner Jugend ja gar nicht. Als 15-jähriger kuckt man sich natürlich keine Fassbinder- oder Schlöndorff-Filme an. Da habe ich erst viel später einen Zugang zu gefunden.
Als Jugendlicher war das New Hollywood mein Ding und bis heute ist das für mich mit dem französischen und italienischen Neorealismus, die zeitgleich entstanden, die große Zeit des Kinos.
Jetzt leben wir in einer Zeit, in der Fernsehserien als Kunstform entdeckt wurde. Das bietet vollkommen neue Möglichkeiten, weswegen sich auch der Ansatz des Filmemachens meiner Meinung nach komplett neu definieren wird. Die starren Regeln, die alle ihren Grund haben – etwa, was die Laufzeit eines Films betrifft – kommen aus ganz pragmatischen Gründen heraus. Aber diese Formen schwinden immer mehr. Ein Film kann so lange sein, wie er sein muss, wenn er auf Netflix oder HBO oder wo auch immer läuft.

kritiken.de: Sie haben unlängst selbst in einer vielbeachteten Serie mitgespielt.

Moritz Bleibtreu: Mit SCHULD NACH FERDINAND VON SCHIRACH waren wir die allererste TV-Serie, die sich getraut hat, das alles vor Fernsehausstrahlung online zu stellen. Wir machen nächstes Jahr noch sechs weitere Folgen, worauf ich mich auch freue. Dieser moderne und hochgradig kreative neue Ansatz ist etwas, das für einen Schauspieler ein Segen ist. Man sieht an Shows wie BREAKING BAD, THE WIRE, TRUE DETECTIVE und wie sie alle heißen, was für eine riesengroße Freiheit die Leute da haben, weil sie außerhalb starrer Formeln ihre Geschichten erzählen können.
Wir sind an dem Punkt, wo diese Reihen so etwas wie die Romane unserer Zeit werden. Das hat es früher gar nicht gegeben, für einen Schauspieler ist das aber extrem interessant. Serien waren früher so geschrieben, dass sie überschaubar und wenig komplex waren, damit jeder sofort wieder reinkommt, aber heute darf man bei manchen Serien ja kaum zehn Minuten verpassen. Und das ist gerade auch für Schauspieler total spannend.

kritiken.de: Sie sprechen Englisch, Französisch und Italienisch. Wie schwer ist es denn, in einer anderen als der Muttersprache zu spielen?

Moritz Bleibtreu: Das muss man lernen. Es ist was ganz anderes und von Sprache zu Sprache sehr verschieden. Natürlich brauchst du erst mal eine gewisse Grundsicherheit mit dieser Sprache, aber es ist eine riesengroße Erfahrung. Wenn man in einer anderen Sprache agiert, ist man bis zu einem gewissen Grad auch eine andere Person. Die Sprache ist nicht nur Ausdrucksmittel, damit man sich Brötchen holen kann, sondern auch ein Ausdruck von Identität und Kultur.
Das verändert dein Sein. Ich gestikuliere in Englisch, Französisch oder Italienisch anders als ich das auf Deutsch tue. Deswegen bin ich ein anderer Mensch, wenn ich Italienisch spreche. Wenn man erst mal den Zugang gefunden hat, dann ist das was, das einen als Schauspieler extrem bereichert, weil man auch sehr viel über sich, über Sprache und die Herangehensweise anderer Kulturen lernt. Das ist ein großes Glück und Geschenk, das man als Schauspieler hat.

kritiken.de: Was kommt als nächstes von Ihnen?

Moritz Bleibtreu: Ich hab einen englischen Film gemacht, in dem ich eine kleine Rolle spiele. KILL YOUR FRIENDS heißt das Ding, die Hauptrolle spielt Nicholas Hoult. Ich glaube, der wird richtig gut. Letztes Jahr habe ich dann noch DIE DUNKLE SEITE DES MONDES gemacht, einen Thriller nach einem Roman von Martin Suter. Und nun natürlich RICO, OSKAR UND DAS HERZGEBRECHE.