„Wir brauchen Vincent D’Onofrio.“ - Steven S. DeKnight über die neue Netflix-Serie…
„Wir brauchen Vincent D’Onofrio.“ - Steven S. DeKnight über die neue Netflix-Serie…

„Wir brauchen Vincent D’Onofrio.“ - Steven S. DeKnight über die neue Netflix-Serie DAREDEVIL

Kritiken.de: Sie haben die Position des Showrunners von Drew Goddard übernommen. An welchem Punkt war die Serie in ihrer Entwicklung denn?

Steven S. DeKnight: Als ich hinzustieß, hatte Drew die ersten beiden Episoden geschrieben. Es gab zudem eine Rohfassung der dritten Episode. Drew hat mir ein phantastisches Layout für das, was im Rest der Staffel passiert, hinterlassen. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich für die Show verpflichtet habe, und das trotz der Tatsache, dass wir nur noch zehn Wochen bis zum Beginn der Dreharbeiten hatten. Uns blieb also nicht viel Zeit. Wir hatten noch keine Besetzung, keine Crew und wir mussten in Kürze drehen weil uns drei andere Shows nachfolgen: A.K.A. JESSICA JONES, LUKE CAGE und IRON FIST. Darum konnten wir den Produktionsstart auch nicht nach hinten verlegen und waren somit so etwa fünf Wochen hinten dran. Es war zeitlich eine harte Herausforderung, aber die Geschichte war zu gut, als dass ich sie nicht hätte machen können.

Kritiken.de: Wilson Fisk sollte zuerst in der ersten Episode auftauchen, Sie haben aber dann entschieden, ihn erst später zu zeigen. Wieso?

Steven S. DeKnight: Ja, im Originaldrehbuch der ersten Episode ist die Szene mit Fisk in der Kunstgalerie am Ende zu sehen. Danach verschwindet die Figur und man hört hauptsächlich von ihr. Eine meiner ersten Empfehlungen war: Lassen wir die Leute anfangs nur über ihn sprechen und zeigen wir ihn erst am Ende der dritten Episode. Ich dachte, das würde die Spannung aufbauen und seinen Einstand noch wirkungsvoller gestalten.

Kritiken.de: Vincent D’Onofrio ist großartig. Er spielt die Figur auf geradezu einzigartige Weise.

Steven S. DeKnight: Er ist unglaublich. Wir hatten Glück, dass wir ihn überhaupt bekommen haben. Eines der ersten Dinge, die ich machte, als ich zur Show kam: Ich schickte Jeph Loeb, dem Kopf von Marvel Television, ein paar Bilder von Vincent D’Onofrio, die ich im Internet gefunden hatte und auf denen er kahlköpfig ist. Ich sagte die ganze Zeit: Es gibt keinen, der besser geeignet ist, die Rolle zu spielen. Wir brauchen Vincent D’Onofrio. Mir wurde aber zu Recht gesagt, dass wir Vincent D’Onofrio niemals kriegen würde. Die Gagen, die er für Fernsehen verlangt, sind astronomisch, weil er mit LAW & ORDER: CRIMINAL INTENT solchen Erfolg hatte. Wir haben uns also auch andere Leute angesehen. Aber dann meinte unsere Casting-Agentin, dass sie Vincent kennt und ihn ansprechen könnte, ob er überhaupt Interesse an der Rolle hätte.
Wie sich herausstellte, ist Vincent ein Fan des Comics und kannte auch die Figur. Er ist solch ein großartiger Schauspieler. Als er zur der Serie hinzustieß, fand er ganz eigene Wege, seine Rolle zu spielen. Die Empfehlungen, die er machte, halfen mir wiederum, die Figur Wilson Fisk beim Schreiben besser Form annehmen zu lassen.

Kritiken.de: Es ist eine recht kühne Entscheidung, bis zur letzten Folge zu warten, um das Daredevil-Kostüm zu zeigen. Ist das einer der Vorteiler einer Netflix-Show, bei der alle Folgen sofort ansehbar sind und die Zuschauer nicht Woche um Woche warten müssen?

Steven S. DeKnight: Das ist sicherlich so. Ich habe drei Jahre für SMALLVILLE gearbeitet. Dort musste man zehn Jahre warten, um ihn am Ende ganz kurz im Kostüm sehen zu können. So lange wollten wir nicht warten. Aber es gab einen Story-Grund, länger darauf zu warten. Wir wollten erzählen, wie er Daredevil wird, wie er anfing und welche Fehler er machte. Parallel dazu wollten wir das auch mit Wilson Fisk machen. Wilson fängt nicht als der Kingpin, wie man ihn aus den Comics kennt, an. Er kommt erst zu diesem Punkt. Da war der Story-Grund, warum wir das Kostüm erst so spät brachten, aber es gab auch einen praktischen. Es dauert sehr lange, ein Kostüm zu designen und umzusetzen. Wir verbrachten viele Monate mit dem Design-Prozess und der Fertigung. Als ich das Finale inszenierte, war es so, dass der Anzug erst 48 Stunden vorher fertig geworden war. Die meisten Leute wissen nicht, wie lange es dauert, solch einen Anzug zu entwerfen, zu bauen und zu testen.
Aber für mich war es immer so, dass es von der Geschichte her mehr Sinn ergab, wenn er den Anzug erst an einem späten Zeitpunkt erhielt.

Kritiken.de: Es ist nicht das traditionelle rote Kostüm. Ein wenig erinnert es an das schwarz-rote Kostüm mit den Metall-Applikationen, das es in den frühen 1990er Jahren gab. Kennen Sie diese Comics?

Steven S. DeKnight: Ja, die kenne ich. Wir haben uns tatsächlich nicht davon inspirieren lassen, obwohl ich die Ähnlichkeiten schon sehe. Was wir wirklich wollten, war eine Verbeugung vor dem klassischen Kostüm, aber zugleich sollte es auch eines sein, das sich wie ein Teil unserer Welt anfühlt. Es ist tatsächlich eines der schwierigeren Comic-Kostüme, die man filmisch übertragen kann. Das gilt besonders für die Maske. In den Comics bedeckt die Maske nur seine halbe Nase. Damit haben wir herumgespielt und verschiedene Masken getestet, aber Charlie hat ein so eigenes Aussehen, dass man damit überhaupt nicht verbergen konnte, dass er es ist.
Was die Geschichte betrifft, wirkte es unglaubwürdig, dass die Leute in ihm nicht Matt Murdock erkennen würden. Aber wir hatten auch Probleme damit, dass mit einer nur halb bedeckten Nase das Stunt Double zu erkennen war. Man konnte den Unterschied zwischen Charlie und dem Stunt Double sehen. All das floss in unsere Entscheidung ein, den Anzug so zu gestalten.
Viele Fans haben bemerkt, dass Melvin Potter bei der Übergabe des Kostüms sagt: „Sieh mal, es ist noch nicht richtig fertig.“ Es gibt also die Möglichkeit, den Anzug zu verändern und im Lauf der Serie verschiedene Versionen zu zeigen.

Kritiken.de: Ein bisschen irritierend fand ich das Man-in-Black-Outfit, und hier die Maske, die die Augen verdeckt. Würde nicht jeder automatisch denken, dass der Kerl nicht sehen kann?

Steven S. DeKnight: Es ist interessant: Man kann durch den Stoff tatsächlich hindurchsehen. So würde eine Superheldenmaske in der Realität sein. Es ist aus einer Faser, die von einer Seite aus gesehen transparent ist. Unsere Inspiration war Frank Millers „The Man Without Fear“, wo er etwas Ähnliches trägt. Wir sprachen auch darüber und testeten Variationen der Maske, mal mit Augenlöchern, dann wieder mit Linsen aber es sah immer ziemlich übel aus.
Wir entschieden also, dass der Umstand, wie er sich bewegt, überdecken würde, dass seine Augen verdeckt sind, weil niemand vermuten würde, dass er nichts sehen kann. Man glaubt nicht, dass ein blinder Mann so etwas hinkriegen würde.

Kritiken.de: Waren Sie schon im Vorfeld mit den Daredevil-Comics vertraut?

Steven S. DeKnight: Oh ja, ich habe Daredevil-Comics gelesen, seit ich fünf oder sechs Jahre al war. Im College las ich Frank Millers klassischen 1980er-Jahre Run. Daredevil und Marvel waren ein wichtiger Teil meiner Comic-Sozialisierung. Wir alle empfinden sehr viel für die Figur. Drew Goddard, Jeph Loeb, Joe Quesada und ich, wir alle wuchsen mit Daredevil auf. Uns war es darum auch ein Bedürfnis und eine Herzensangelegenheit, der Figur gerecht zu werden.

Kritiken.de: Diese Season hatte ein paar echte Überraschungen, die größte wohl, dass Ben Urich stirbt. Wenn man bedenkt, wie essenziell er in den Comics ist, ist es dann nicht Verschwendung, die Figur so früh herauszunehmen?

Steven S. DeKnight: Diese Entscheidung wurde schon getroffen, bevor ich hinzukam. Wir alle lieben, was Vondie mit der Figur gemacht hat. Und es gab einige Diskussionen darüber, ob wir Ben Urich wirklich sterben lassen sollten. Aber als ich hinzukam, hieß es, dass dies eine Idee von Marvel war. Man wollte Ben Urich töten und damit auch zeigen, dass dies eine düsterere Welt ist.
Was die Geschichte betrifft, so war es wichtig, weil wir im Verlauf der Staffel viel Sympathie für Fisk entwickelt haben. Er musste also etwas wirklich Schreckliches zum Ende der Staffel tun, damit sich diese Sympathie wendet und wir seine wahre Natur erkennen. Vincent und Vondie haben bei dieser Szene eine phänomenale Leistung abgeliefert.
Wichtig ist dabei, dass Fisk Ben Urich nicht tötet, weil dieser sein kriminelles Imperium der Öffentlichkeit enthüllen will. Er tötet Ben Urich, weil dieser seine Mutter in all das hineingezogen hat. Und wie wir schon in Folge 4 sahen, ist das Letzte, was man tun will, die Frauen in Fisks Leben zu beleidigen oder sich despektierlich zu verhalten.

Kritiken.de: Die Serie ist mehr Crime- als Superhero-Format. Gab es denn Überlegungen, schon in der ersten Staffel ein paar von Daredevils farbenfroheren Gegnern einzubauen?

Steven S. DeKnight: In der ersten Season wollten wir das definitiv nicht. Wir wollten eine Crime-Story, die im Vordergrund steht, während der Superheldenaspekt nach hinten treten sollte. Inspiration waren für uns Shows wie THE WIRE oder Filme wie FRENCH CONNECTION. In diese Richtung wollten wir gehen.

Erst als er das Kostüm anzieht, verändert sich die Tonalität. Das fiel einigen Leuten auf und das ist tatsächlich wahr. Es ist schwer, ein solches Outfit zu tragen und keine tonale Veränderung zu haben. Aber wir wollten es dunkel, grimmig und realistisch haben. Mit dem Kostüm wird aber auch das Tor zu den farbenfroheren Gegnern wie Bullseye geöffnet und wir haben Melvin Potter schon eingeführt, der zum Gladiator werden wird. In der ersten Staffel wäre das aber zu viel gewesen.

Kritiken.de: Die Rückblicksequenz mit Foggy und Matt ist schön, als sie über Matts Interesse für die griechische Frau sprechen.

Steven S. DeKnight: Wir wollten auf jeden Fall subtil auf Elektra verweisen. In weiteren Staffeln könnte sie auch auftauchen. Wir sind alle große Fans von Frank Millers Bullseye-Elektra-Geschichte, aber das ist etwas, worauf man langsam hinarbeiten muss.

Kritiken.de: In der zweiten Staffel sind Sie nicht mehr als Showrunner dabei. Sehen Sie die Möglichkeit, in späteren Staffeln zurückzukehren?

Steven S. DeKnight: Das weiß man nie und hängt von meinen Terminen ab. Es war schlechtes Timing. Ich liebe die Show, die Besetzung und die Crew, aber als ich unterschrieb, musste ich Marvel sagen, dass ich eine Verpflichtung gegenüber einem Kinofilm hatte. Die konnte ich nach hinten schieben, gerade genug, um die erste Staffel zu machen, aber eben nicht völlig aufgeben. Nun muss ich mich darum kümmern, aber Doug Petrie, der hier mein Erster Offizier war, und Marco Ramirez, der als Supervising Producer tätig war, übernehmen. Die Show ist in guten Händen.
Ich bin aufgeregt zu sehen, was sie damit machen werden. Drew Goddard sagte mir gegenüber mal, dass das Tolle an der Arbeit an dieser Figur ist, dass man die Runs von Frank Miller, Brian Michael Bendis oder Mark Waid lesen kann und sie alle unterschiedlich sind. Sie wiederholen nicht die Geschichten anderer Leute. Genauso ist es auch bei der Fernsehserie. Doug und Marko werden einen etwas anderen Run als meinen präsentieren und das wird toll werden. Es geht ultimativ um die Figur. Wer sie schreibt, wer entscheidet, wohin sich die Geschichte bewegt, all das ist zweitrangig.

Kritiken.de: Können Sie schön über den Film sprechen, an dem Sie arbeiten?

Steven S. DeKnight: Bedauerlicherweise nicht. Er hat noch nicht grünes Licht bekommen, aber ich hoffe, dass das in den nächsten ein, wie Monaten der Fall ist.

Kritiken.de: Wenn Sie sich eine Marvel-Figur aussuchen könnten, um einen Film oder eine Netflix-Serie zu machen, welche wäre es dann?

Steven S. DeKnight: Ich fand immer schon den Punisher toll. Vor vielen Jahren, als Lionsgate PUNISHER: WAR ZONE, das Sequel zum ersten Film, machte, da habe ich eine frühe Version des Drehbuchs geschrieben. Danach sind noch an die elf Autoren gekommen, so dass von mir nichts mehr im fertigen Film ist. Aber ich war immer ein großer Fan von Frank Castle. Ich denke, er ist eine perfekte Figur für eine Fernsehserie, weniger für einen Film. Das ist eine Crime-Story, eine Geschichte über einen Vigilanten – gerade jetzt ist das Timing für eine solche Show ideal. Ich hoffe, dass es sie eines Tages auch geben wird.