Jennifer Kent über DER BABADOOK
Kritiken.de: Sie haben im Jahr 2005 einen Kurzfilm namens Monster gedreht. War das eine Art Prototyp für Der Babadook?
Jennifer Kent: Nein, nicht im strikten Sinne. Als ich Monster machte, dachte ich noch nicht an Der Babadook. Aber mit dem Kurzfilm wollte ich ein paar Ideen untersuchen, die mich schon länger bewegt haben. Dass man sich praktisch sich selbst stellen muss. Das faszinierte mich, weswegen ich weiter darüber nachdachte. Dann wollte ich sehen, ob ich in der Lage war, einen abendfüllenden Film zu schreiben, und die Idee zu Der Babadook war geboren.
Kritiken.de: Wussten Sie von Anfang an, wie der Babadook aussehen sollte?
Jennifer Kent: Das Design wurde von anderen Leuten umgesetzt, aber ich wusste immer, wie er aussehen sollte. Ich wollte verschiedene Schichten bei dieser Figur, so dass man im Verlauf des Films mehr von ihm erkennen kann.
Kritiken.de: Es gab eine Kickstarter-Kampagne zu Beginn – wie kam das zustande?
Jennifer Kent: Wir hatten ein sehr kleines Budget und erhielten auch Geld von Screen Australia, aber wir hatten nicht genug, um die großen Sets zu bauen. Das Haus ist ein Set und dafür brauchten wir einiges an Geld. Darum entschieden wir uns für eine Kickstarter-Kampagne. Ohne sie wäre das Set viel spärlicher ausgefallen. Es ist bei jedem Film schwer, ihn zu produzieren, bei unserem kam hinzu, dass wir einen sehr begrenzten Zeitrahmen hatten und die Arbeit mit dem Jungen auch viel Zeit in Anspruch nahm.
Kritiken.de: Bemerkenswert ist die Szene, in der Amelia vor dem Fernseher sitzt. Sie sieht Stummfilme, in denen es Bilder zu sehen gibt, die sehr an den Babadook erinnern. Diese Filme gibt es wirklich?
Jennifer Kent: Alles ist real. Nichts wurde neu erschaffen. Ich wusste von einigen von diesen Filmen schon und konnte zu meinem Cutter sagen, dass wir dieses oder jenes brauchten. Aber wir mussten auch danach suchen, was durchaus auch Spaß gemacht hat. Ich wusste zudem, dass ich Ausschnitte aus Mario Bavas Episodenfilm Die drei Gesichter der Furcht haben wollte, und hier aus der Episode Der Tropfen. Aber es hat schon ziemlich lange gedauert, all das Material zu finden, das wir nun im Film zeigen.
Kritiken.de: Wie verlief die Arbeit mit dem Jungen – das muss doch recht schwer gewesen sein angesichts dieser Geschichte?
Jennifer Kent: Es ist schon viel, dass man einem Sechsjährigen abverlangt. Wir mussten ihn beschützen und sicherstellen, dass er nicht emotional Schaden nahm. Ich habe ihn darum sehr bei allem integriert und ihm die gesamte Geschichte erklärt, bevor die Dreharbeiten begannen. Ich erzählte ihm die Geschichte des Babadooks als eine Art Kinderversion. Dann haben wir drei Wochen an der Figur gearbeitet. Schließlich stieß Essie Davis als seine Mutter dazu. Wir haben dann einige Zeit in die Vorbereitung gesteckt, viel geprobt und dabei auch improvisiert.
Ich wollte, dass sich Noah Wiseman an die Kamera, aber auch die vielen Leute um ihn herum gewöhnen konnte. Und wir stellten sicher, dass er sich dabei immer wohl fühlte. Immer, wenn wir zu schwierigerem Material kamen, war er nicht am Set. Dann sprang ein Erwachsener für ihn ein, der auf Knien vor Essie stand und mit ihr interagierte. Denn die Szenen, in denen die Mutter derart ausflippt, wären potenziell gefährlich für den Jungen gewesen, weil er es vielleicht nicht verstanden hätte.
Kritiken.de: Wie haben Sie Noah Wiseman gefunden?
Jennifer Kent: Wir hatten eine tolle Casting-Agentin, die schon an vielen Filmen mit kleinen Kindern gearbeitet hat. Sie ließ 300 bis 500 Jungen vorsprechen, davon sah ich etwa 100 auf Videoband. Erst danach erstellten wir eine Shortlist mit den Kandidaten. Aber für mich war es sehr wichtig, dass der Junge emotional gefestigt war, weil es auch ein schwieriger Film ist. Danach suchte ich und das fand ich in Noah.
Kritiken.de: War Essie Davis immer die erste Wahl für die Hauptrolle?
Jennifer Kent: Um ehrlich zu sein, nein. Ich kannte Essie schon lange, wir haben zusammen die Schauspielschule besucht, aber sie hat für die Rolle vorgesprochen. Da erkannte ich aber auch, dass sie die Richtige war. Sie war großartig und unsere Beziehung am Set war sehr, sehr stark. Ganz eindeutig war sie die richtige Wahl für die Rolle.
Kritiken.de: Sie waren selbst über viele Jahre hinweg Schauspielerin. Hilft es, mit diesen Erfahrungen als Regisseurin zu arbeiten?
Jennifer Kent: Definitiv. Ich verstehe, wie schwer der Job eigentlich ist. Es ist eine sehr künstliche Umgebung, in der man vor einer Kamera agiert. Das ist schwer, und ich habe das Verständnis dafür, wie schwer es wirklich ist. Darum weiß ich auch, was Schauspieler am Set benötigen.
Kritiken.de: Was ziehen Sie denn vor – die Schauspielerei oder die Regie?
Jennifer Kent: Definitiv die Regie. Ich werde nie wieder spielen. Ich hasse es tatsächlich. Ich mag den Prozess des Schauspielens nicht mehr. Ich kann auch sehr schüchtern sein und ich mag es, mich auf Dinge zu konzentrieren, die über eine Rolle hinausgehen. Ich bin weit glücklicher mit dem Inszenieren als ich es mit dem Schauspielen je war. Schreiben und Inszenieren ist definitiv das, was ich tun will.
Kritiken.de: Gibt es schon ein neues Projekt?
Jennifer Kent: Ich habe ein amerikanisches Projekt übernommen, das auf einer wahren Geschichte basiert. Mir wurden viele Projekte angeboten, aber ich bin sehr wählerisch, was ich machen will. Zudem schreibe ich auch gerade an zwei eigenen Geschichten. In diesem Jahr werde ich nichts mehr inszenieren, ich freue mich aber schon darauf, es nächstes Jahr wieder zu tun.
Kritiken.de: Ich schätze, Ihnen wurden viele Horrorfilme angeboten.
Jennifer Kent: Nach Sundance habe ich mir einen Manager und einen Agenten gesucht, die wirklich verstanden, dass ich nicht die Königin des Horrors und nur Horrorfilme drehen will. Ich werde von ihnen wirklich großartig unterstützt, und sie verstehen auch, dass ich zu vilene Dingen „nein“ sage. Es geht mir nicht ums Genre. Für mich zählt die Geschichte. Die ist es, die mich packen muss, das Genre ist dabei egal.
Kritiken.de: Mögen Sie Horror als Zuschauerin?
Jennifer Kent: Oh ja, ich werde immer Horrorfilme ansehen, die liebe ich wirklich. Ich sehe sie schon, seit ich sehr jung war. Ich kenne und verstehe sie. Die Ideen müssen aber immer dem Stil des Films gerecht werden. Und die Geschichten müssen für mich eine Bedeutung haben.
Kritiken.de: Was für Horrorfilme mögen Sie denn?
Jennifer Kent: Oh, ich liebe die 1920er-Version von House of Usher aus Frankreich. Ich liebe auch Augen ohne Gesicht und die frühen Arbeiten von Roman Polanski und John Carpenter. Auch einige von David Lynchs Filmen würde ich als Horror klassifizieren. Die Definition des Genres ist für mich sehr weitläufig. Es gibt auch neuere Filme, die ich mag, wie etwa So finster die Nacht. Mehrheitlich spricht mich aber klassischer Horror an, da ich glaube, dass dieser häufig weit stärkere Geschichten hat.
Kritiken.de: Der Babadook ist in seiner Essenz ein psychologisches Drama und kein Horrorfilm.
Jennifer Kent: Ja, ich habe mich dem Film nie als reinen Horror genähert. Das ist sicher. Für mich geht es mehr um die Geschichte einer Frau und was sie durchmachen muss. Das ist gruselig, aber ich wollte nie einen Monsterfilm im traditionellen Sinne machen.
Kritiken.de: Hatten Sie denn überlegt, den Film als reines Drama ohne den übernatürlichen Oberbau zu gestalten?
Jennifer Kent: Ich wusste immer, dass ich diese Realität abseits der Realität haben wollte, dass ich ein expressionistisches Gefühl heraufbeschwören wollte. Das eine ging mit dem anderen einher. Ich bin nicht per se am Genre interessiert, aber ich wollte innerhalb dieser Grenzen eine glaubhafte Welt erschaffen. Und die Idee des Babadooks, dieser Entität, war von Anfang an der Kern der Geschichte. Ich fragte mich, was passiert, wenn ein Mensch etwas so sehr unterdrückt, dass daraus eine Energie entsteht, die ihn im Grunde kontrolliert.
Kritiken.de: Was würden Sie zu jemandem sagen, der Der Babadook nur oberflächlich betrachtet und ihn als reinrassigen Horrorfilm sieht?
Jennifer Kent: Ich denke, das ist okay. Der Zuschauer kann von einem Film mitnehmen, was er will. Ich habe damit kein Problem. Ich glaube aber, wenn Leute einen Monsterfilm erwarten, könnten sie ein bisschen enttäuscht werden, weil er eben mehr als das ist. Und ich glaube, wenn man sich darauf einlassen kann, dann genießt man ihn mehr. Aber es liegt an jedem Zuschauer selbst, was er von einem Film mitnimmt.
Kritiken.de: Wird es ein Babadook-Sequel geben?
Jennifer Kent: Niemals. Definitiv nicht. Das interessiert mich nicht im Mindesten. Ich habe alle Aspekte der Geschichte untersucht, die mich interessiert haben. Das war’s.
Kritiken.de: Aber könnte es ein Sequel ohne Sie geben?
Jennifer Kent: Nein, ich halte die Rechte daran. Es ist und bleibt also ein Einzelfilm. Manchmal sind Zuschauer auf mich zugekommen und haben mich nach dem Film gefragt, ob es eine Fortsetzung geben würde. Ich habe das dann immer verneint – und diese Leute waren froh darüber.
Kritiken.de: In der IMDb ist der Kurzfilm Dook stole Christmas gelistet. Was ist das?
Jennifer Kent: Oh, den habe ich nicht inszeniert. Das ist etwas, das der amerikanische Verleih produziert hat. Nur ein kurzes Weihnachtsvideo, in dem Babadook Santa Claus tötet. Das kann man wohl auf YouTube finden. Es ist ein süßer kleiner Film und es ist freundlich, dass ich in den Stabsangaben genannt werde, aber ich habe ihn nicht gemacht.
Kritiken.de: Vielen Dank für das Gespräch.
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