Im Gespräch mit Christian Friedel über seine Rolle als ELSER
Frage: Hatten Sie von Georg Elser schon gehört, bevor Sie für diesen Film engagiert wurden?
Christian Friedel: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht von ihm gehört hatte. Über das Attentat von München hatte ich zwar was gelesen, wusste aber nicht, dass es ein einzelner Mann war, der diese Tat vollbracht hat. Mit ihm beschäftigt habe ich mich erst beim Lesen des Drehbuchs und der Vorbereitung für den Film.
Frage: Wie bereitet man sich auf eine Rolle vor, die das Leben eines echten Menschen darstellt?
Christian Friedel: Man kann im Internet das gesamte Protokoll über Georg Elser lesen, das auch sehr viel biographisches Material beinhaltet. Das hab ich gelesen. Dann habe die Fotos, die es von ihm gibt, sehr genau betrachtet. Aber irgendwann hab ich gemerkt, dass man nicht zu viel wissen sollte, da man sonst immer unter den Druck gerät, dass man dieses oder jenes einfließen lassen muss. Man hat dem gegenüber immer das Drehbuch und muss darum sehen, was es will und wie es die Figur gestalten will. Das benötigt interpretatorische Freiheit, die ich mir auch genommen habe. Aber ein bisschen belesen war ich schon, doch wie gesagt, zu viel wollte ich nicht wissen, auch und gerade bei Situationen, bei denen Georg Elser nicht wusste, was passiert. Da wollte ich mit der größtmöglichen Neugier und Naivität rangehen.
Frage: Haben Sie den Film mit Klaus Maria Brandauer im Vorfeld gesehen?
Christian Friedel: Ich hab ihn mir nicht angekuckt, da ich nicht davon beeinflusst werden wollte, was man unterbewusst immer wird. Bis heute habe ich ihn noch nicht gesehen, aber jetzt könnte ich das nachholen.
Frage: Gibt es überhaupt noch Zeitzeugen, mit denen Sie hätten reden können?
Christian Friedel: Es gibt noch einen Neffen, den ich aber leider erst nach den Dreharbeiten kennen gelernt habe. Ansonsten haben die Drehbuchautoren Zeitzeugen bzw. die Kinder von Zeitzeugen befragt. Ich selbst habe aber im Vorfeld mit keinen gesprochen.
Frage: Oliver Hirschbiegel hat Elser mit Edward Snowden verglichen. Beide sind Männer, die ihr Leben aufgeben, weil sie glauben, dass das, was sie tun, notwendig ist, selbst wenn sie allein stehen. Wie sehen Sie das?
Christian Friedel: Das ist eine spannende Frage, weil Edward Snowden auch sozusagen sein Leben geopfert hat. Wie er nun lebt, ist das Ergebnis dessen, dass er etwas publik gemacht hatte, von dem er meinte, dass die Welt es wissen muss. Er hat, wenn man so will, friedlichen Widerstand geleistet und ist somit durchaus mit Georg Elser vergleichbar, der sicherlich auch das Bewusstsein dafür hatte, dass er mit dieser Tat sein eigenes Leben in Gefahr bringt. Andererseits weiß ich nicht, ob man da so starke Verbindungen finden kann, aber vom Blickpunkt des Widerstands ist es sicherlich vergleichbar.
Frage: Was glauben Sie, wieso war Georg Elser als einer der wenigen Deutschen in der Lage, zu erkennen, wohin das Land steuert?
Christian Friedel: Das ist auch erstaunlich, und ich hab mich auch immer gefragt: Woran liegt dass, dass er sich nicht von dieser Euphorie, die damals stattgefunden hat, mitreißen hat lassen. Da er ein so freiheitsliebender Mensch war und aus dem Bauch heraus das Gefühl hatte, dass er so leben möchte, wie er es eben möchte, muss es schwer für ihn gewesen sein, in seinem Umfeld und bei den Menschen, die er teilweise von Geburt an kannte, zu erleben, wie sie sich so derartig verändert haben. Ich glaube, das hat bei ihm zu einem Unmut geführt. Er konnte nicht verstehen, warum alle wegschauen oder akzeptieren oder mitrennen. Ich glaube, es war eine Mischung aus seinem Naturell und dem Wunsch heraus, etwas zu tun, und das finde ich, kann auch heute für uns inspirierend wirken. Dass wir die politischen Verhältnisse wachsam beobachten, dass man nicht bequem wird und sich Unrecht nicht gefallen lässt.
Frage: In Zeiten, in denen der Rechtspopulismus zunimmt, wie wichtig ist da ein Film wie ELSER?
Christian Friedel: Als wir den Film gedreht haben und den Wunsch hatten, Georg Elser ein filmisches Denkmal zu setzen, war das noch gar nicht so stark zu erkennen, aber ich finde, der Film kommt jetzt gerade zur richtigen Zeit. Mich hat die Auseinandersetzung mit der Figur Georg Elser auch gelehrt, dass auch ich ein politischer Mensch bin. Dass jeder ein politischer Mensch ist. Und wir in einem demokratischen System leben, in dem jeder eine politische Stimme hat, die er zum Ausdruck bringen kann und sollte. Aber es muss dem Menschen auch bewusst sein, dass es ein wichtiges Gut ist. Ich habe nichts dagegen, wenn die Leute in Dresden auf die Straße gehen und ihren Unmut äußern, aber wenn sie von rechtspopulistischen Leuten und Tendenzen durchdrungen werden – und damit kann man sich auseinandersetzen, das kann man herausfinden – dann sollte man sich überlegen, ob man da wirklich mitrennen will. Zumal ja auch dieser Name schon ziemlich dämlich ist. Das sollte uns dieser Film auch lehren. Dass Politik im Kleinsten beginnt, in der Familie, in der Auseinandersetzung, im Dialog, so dass wir solche rechten Tendenzen nie wieder zulassen sollten. Weil sie einfach menschenverachtend und intolerant sind.
Frage: Wie haben Oliver Hirschbiegel und Sie sich bei der Vorbereitung auf den Film dem Thema, aber auch der Figur genähert?
Christian Friedel: Als wir das erste Mal miteinander gesprochen haben, hat er mir das Horoskop von Georg Elser vorgelesen. Georg Elser war Steinbock und Oliver ist das auch. Er hat dort sehr viele ähnliche Charaktereigenschaften gesehen. Oliver konnte ihn in vielen Wesenszügen gut verstehen. Das fand ich sehr interessant, weil ich noch nie übers Horoskop an eine Rolle herangegangen bin. Ich als Schauspieler versuche immer zu kucken, wo gibt es Anknüpfungspunkte, die mir ähnlich sind. Somit haben wir uns sehr unterschiedlich der Figur genähert, was sich manchmal im ersten Moment widersprochen hat, was aber eine sehr beglückende künstlerische Auseinandersetzung und Reibung war. Somit hat man sich langsam im Vorfeld schon der Figur genähert. Vieles entsteht aber auch beim Drehen direkt, wenn man in der Situation drin ist. Das ist ein kontinuierliches Herantasten an die Figur.
Was mich auch sehr erstaunt hat: Oliver ist mit der Zeit sehr vertraut. Er hat sich auch in DER UNTERGANG damit auseinandergesetzt. Es war bemerkenswert, wie genau er über viele Dinge Bescheid wusste. Da merkt man als Schauspieler, dass man dem Regisseur auch inhaltlich sehr vertrauen kann.
Frage: Was war für Sie die größte Herausforderung während der Dreharbeiten?
Christian Friedel: Die privaten Szenen, die wir im Dorf erzählen, sind schon eher eine Interpretation. Da geht man schauspielerisch normal ran. Bei den Verhörszenen, die teilweise auch Protokolltext beinhalten, war es mit der Gewalt deutlich grenzwertiger. Dass man Sätze und Dinge ausspricht, in dem Bewusstsein, das man heute hat, 70 Jahre später, war herausfordernd, da man das glaubhaft herüberbringen muss. Andererseits war es körperlich eine Herausforderung, was die Gewalt betrifft, da es auch mich an Grenzen gebracht hat. Aber ich fand es toll, mich dem auszusetzen. Es war nicht schwierig, aber eine Herausforderung.
Frage: Sie haben zwei historische Filme gemacht, DAS WEISSE BAND und nun ELSER. Wie nähert man sich geistig dem an, einen Menschen einer anderen Epoche zu spielen?
Christian Friedel: Was ich immer interessant fand, ist, wenn man in diese historischen Kostüme steigt und in diesem Umfeld ist, dann ergibt sich das Gefühl, der Körper bewegt sich automatisch. Ob das jetzt richtig ist und es genauso war, ist ja eher eine Behauptung von uns, aber es hilft sehr, über Äußerlichkeiten wie Kostüme, Bauten, Häuser, Innenräume und Straßenzüge den Zugang zu finden. Die Kinder in DAS WEISSE BAND hatten diese Kostüme an und waren in diesem Klassenzimmer, da waren Handys völlig vergessen. Man macht automatisch eine Zeitreise. Es macht auch Spaß, sich zu denken, so war das jetzt. Aber wissen tun wir es letzten Endes nicht. Aber auch die Sprache ist etwas, das uns in die Zeitmaschine steigen lässt.
Frage: Ist es dann schwer, sich auf diesen Sprachduktus einzulassen?
Christian Friedel: Es ist manchmal sogar schöner, als in moderner Sprache zu sprechen, weil man dadurch erst mal merkt, wie Sprache sich im Lauf der Zeit entwickelt hat und wie sehr sie eigentlich jetzt verkümmert. Als ich das Glück hatte, Kleist zu spielen, der ein Sprachvirtuose war, habe ich auch gemerkt, dass Sprache ein sehr starkes Ausdrucksmittel ist. Heute drücken wir uns mit Videos aus, mit kleinen Schnippseln, kürzen ab und wissen, was wir meinen. Deshalb ist es auch eine große Lust, in eine andere Art Sprache einzutauchen. Natürlich versucht man, mit dem Gestus von heute, aber den Worten von damals dem zu begegnen, weil es ohne unseren heutigen Gestus vielleicht zu artifiziell und nicht verständlich wäre. Deshalb fließt das auch ein. Aber die Sprache von damals ist für mich als Schauspieler, der vom Theater kommt, eine schöne Sache.
Frage: Was bevorzugen Sie dann – Theater oder Film?
Christian Friedel: Beides. Beides hat seine Vorzüge. Das Theater bringt den direkten Dialog mit dem Publikum. Es ist immer die Herausforderung, die Rolle an jedem Abend zu verteidigen und zu entwickeln. Und auch weiterentwickeln zu können. Im Film ist es wichtig, im Moment zu sein, ist es wichtig, nicht zu viel zu spielen, nicht zu viel zu verraten, viel über die inneren Gedankenwelten zu erzählen und hoffen, dass die Kamera es auffängt. Beim Film ist der Vorteil, dass, wenn sie denn da waren, die besten Szenen genommen werden und man sie nicht noch mal wiederholen muss. Das ist was Tolles. Wenn das nicht so aufgeht, dann kann Film auch schrecklich sein, weil man dann nur die blöden Szenen hat. Im Theater kann es genauso schwierig sein, wenn der Dialog mit dem Publikum nicht zustande kommt oder man in eine Rolle einfach nicht reinkommt. Dann kann es auch grausam sein. Man hat Vor- und Nachteile, aber es ist toll, in beiden Bereichen zu arbeiten.
Frage: Was machen Sie denn als nächstes?
Christian Friedel: Ich habe vor allem Musik gemacht und gehe mit meiner Band auf Tour. Wir arbeiten auch am zweiten Album. Außerdem gibt es ein neues Theaterstück, das wir ab Mai proben und das im September in Dresden Premiere hat. Dann drehe ich im Herbst einen Film.
Frage: Worum geht’s beim Theaterstück und dem Film?
Christian Friedel: Das Theaterstück hat noch keinen Titel. Es wird eine Uraufführung sein. Eine Reflexion über das Theater und über Illusionen. Es stammt von Autor Martin Heckmann. Filmtechnisch kann ich noch nichts Genaues sagen, aber u.a. werde ich in Österreich eine Komödie drehen, mit einem bekannten österreichischen Komödianten, aber mehr darf ich dazu noch nicht sagen.
Frage: Sie waren im Kino vor allem in ernsthaften Rollen zu sehen, wie sehr freuen Sie sich da auf eine Komödie?
Christian Friedel: Sehr sogar. Ich freue mich immer, wenn ich etwas machen kann, was ich noch nicht gemacht habe. Wenn ich Rollen spielen kann, die ich noch nicht gespielt habe. Man sieht mich wegen meines Äußeren auch gerne in historischen Rollen, und auch gerne in ernsthaften Rollen, aber ich finde es immer super, wenn ich ausbrechen und etwas völlig Gegensätzliches spielen kann.
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