„Dann habe ich Plan B.“ - Wolfgang Groos im Gespräch zu RICO, OSKAR UND DAS HERZGEBRECHE
kritiken.de: Wie kamen Sie denn zu diesem Projekt?
Wolfgang Groos: Die Produzenten haben mich angesprochen und mir direkt das Drehbuch geschickt. Ich habe es gelesen und war total überrascht, welche Qualität diese Geschichte hat, weswegen ich auch sehr schnell gesagt habe: „Da bin ich dabei.“
kritiken.de: Sie sind ein Experte für Kinderfilme mit Titeln wie den beiden VAMPIRSCHWESTERN oder VORSTADTKROKODILE 3. Ihr neuer ist etwas anders, nicht?
Wolfgang Groos: Die Welt, in der Andreas Steinhöfel seine Geschichten setzt, ist eine ganz andere. Sie ist schon besonders, weil man eine alleinerziehende Mutter hat, die im Nachtclub arbeitet. Das finde ich schön, dass die Geschichte näher an der Realität ist. DIE VAMPIRSCHWESTERN waren auch nahe an der Realität, aber einer eher traditionell-familiären. Hier jedoch wird eine etwas andere Seite gezeigt.
Steinhöfel macht aber mehr daraus, was wir im Film auch wiederholen wollten. Es sollte ja auch keine triste Dokumentation über alleinerziehende Mütter werden. Aber er sagt: „Solche Leute gibt es, auch solche Nachbarn wie Fitzke. Wenn wir die Augen aufmachen, dann sind sie echt überall.“
Er hat das sehr genau beobachtet und wir konnten das in den Film integrieren. Das Entscheidende bei der Mutter ist ja nicht, dass sie alleinerziehend ist und im Nachtclub arbeitet und, wie Oscar sagt, was Verruchtes macht, sondern dass sie ihren Sohn liebt. So, wie er ist.
Toll ist auch dieser wunderschöne Ausdruck des Tiefbegabten, den Steinhöfel erfunden hat. Keine Ahnung, wie er darauf gekommen ist, aber das ist großartig.
kritiken.de: Hatten Sie den ersten Film vorher schon gesehen?
Wolfgang Groos: Nein, erst habe ich das Drehbuch gelesen. Man hatte mich gefragt, ob ich den zuerst sehen will, aber mir war das in dieser Reihenfolge wichtig. Ich finde, dass Fortsetzungen auch funktionieren müssen, wenn man den ersten Film nicht gesehen hat. Ich glaube, das ist uns auch ziemlich gut gelungen.
Wenn man den ersten Teil gesehen hat, hat man vielleicht den einen oder anderen Mehrwert, aber wenn man ihn nicht kennt, kann man den zweiten Teil trotzdem genießen.
So ist es auch mit meiner ersten Drehbuchlektüre. Ich versuche zu visualisieren, während ich das lese und frage mich, ob das etwas ist, das ich gerne sehen oder inszenieren wollen würde.
kritiken.de: Die meisten Figuren/Schauspieler haben Sie aus dem Vorgänger „geerbt“, Boris ist jedoch neu. Wie lief der Besetzungsprozess, ab wann dachten Sie an Moritz Bleibtreu?
Wolfgang Groos: Man sagt das ja immer so gerne, weil es medial besser rüberkommt, aber in dem Fall war es wirklich so. Boris war Moritz und wir haben ihn gefragt, ob er die Rolle übernimmt. Da war ich auch nicht sicher, ob er sie annehmen würde, da es ja „nur“ eine Nebenrolle mit acht oder neun Drehtagen ist. Wir haben aber niemand anderen gefragt und er war unsere erste Wahl. Ich war begeistert, als er Boris dann übernommen hat.
kritiken.de: War das Stottern der Figur schon im Roman vorhanden?
Wolfgang Groos: Das Stottern gibt es schon im Roman, was wir entwickelt haben, war das Schielen. Das war wiederum ein Vorschlag von Moritz, der zu mir gesagt hat: „Pass auf, Wolfgang, ich schlag dir was vor. Wenn du’s doof findest, lassen wir’s weg, aber ich könnte so leicht mit einem Auge schielen. Das kann ich bei anderen Filmen nicht machen, weil der Zeitraum und die Rollen zu groß sind, das halte ich nicht durch, aber hier könnte ich es schaffen.“
Das fand ich super und so haben wir das gemacht. Dazu haben wir auch noch die Szene mit Ellie geändert, als er sie fragt, ob er denn schielt.
kritiken.de: Hat Buchautor Andreas Steinhöfel sich bei der Produktion eingebracht?
Wolfgang Groos: Während des Produktionsprozesses hält er sich komplett zurück. Er hat aber alle Drehbuchfassungen gesehen. Im Vorfeld gab es zwischen uns kein Treffen, wo er mir gesagt hätte, was ihm besonders wichtig wäre. Das gab es nicht, er hatte einfach großes Vertrauen darauf, dass wir seinen Roman respektvoll behandeln.
Er hat eine Schnittfassung gesehen, die noch nicht dem finalen Film entsprach, aber dem schon sehr nahe kam. Danach haben wir uns ausgetauscht und er hat mir Dinge genannt, die er nicht optimal fand. Grundsätzlich war er total positiv eingestellt und begeistert, nannte mir aber zwei, drei Stellen, bei denen er meinte, hier wäre es etwas zu übertrieben. Das haben wir dann geändert, weil er damit auch Recht hatte.
Wenn man in einem Projekt so drin ist, kann man manchmal Nuancen nicht mehr so erkennen. Jemand, der den Film zum ersten Mal sieht, kann das dann anders bewerten.
kritiken.de: Annette Frier spielt die Gastrolle der unwirschen Kellnerin. Wie kamen Sie auf sie?
Wolfgang Groos: Das kann ich aus heutiger Sicht gar nicht mehr so genau sagen, aber ich vermute, dass unsere Casterin Daniela Tolkien gesagt hat: „Was wäre denn mit Annette Frier?“ Und die Idee gefiel uns sofort.
kritiken.de: Werden Sie auch den dritten Teil inszenieren, der im Nachspann schon angekündigt ist?
Wolfgang Groos: Nein, den dritten Teil macht wieder Neele Vollmar. Das war von vornherein so geplant, weil ich in diesem Jahr auch ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT mache, während sie die Zeit hat, die RICO-Reihe wieder zu übernehmen.
kritiken.de: Als nächstes kommt MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN mit Kostja Ullmann. Das ist mal ein Film für Erwachsene.
Wolfgang Groos: Das ist eine Falschinformation und schon mindestens ein halbes Jahr alt. Mein nächster Film ist ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT. Mein übernächster Film wird recht sicher etwas für Erwachsene sein.
kritiken.de: Was reizt Sie an Kinderfilmen denn besonders?
Wolfgang Groos: Es gibt im deutschsprachigen Raum kaum ein Genre, in dem man so phantasievoll erzählen kann. Wo man so unterschiedliche Geschichten, Genres und Sozialgeschichten erzählen kann. Ich konnte eine Vampir-Geschichte erzählen, also in Richtung Fantasy gehen, mit RICO konnte ich jetzt im Berliner Milieu mit einem ganz eigenen Stil eine Geschichte erzählen und als nächstes kann ich mit ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT eine Science-Fiction-Geschichte machen, in der es im Endeffekt um die Freundschaft eines zehnjährigen Jungen und eines außerirdischen Roboters geht.
Bei RICO, OSKAR UND DAS HERZGEBRECHE konnte ich bewusst nur sehr wenige CGI-Elemente einsetzen, kann das aber beim nächsten Film vielmehr. Im Erwachsenenbereich kann ich das nicht, weswegen ich die Drehbücher im Family-Entertainment meistens spannender, besser, dynamischer und phantasievoller finde.
kritiken.de: Ist es dann schwieriger, mit Kindern zu arbeiten?
Wolfgang Groos: Wenn man viel mit Kindern gearbeitet hat, hat man schon bestimmte Mechanismen intus und weiß, wie es funktioniert. Man weiß auch, dass man auf bestimmte Gegebenheiten sehr schnell reagieren muss und dass es ein physisches Limit gibt. Deswegen gibt es auch Gesetze, dass sie nur fünf Stunden arbeiten dürfen. Das halte ich auch ein.
Für diese Gesetze gibt es auch einen guten Grund. Bei Kindern kommt irgendwann der Punkt, wo sie nicht mehr weiterkönnen. Da bringt es nichts, noch weiterzumachen. Das hilft dem Film nicht, bringt aber auch auf menschlicher Ebene nichts. Da muss man schnell reagieren können. Man muss wissen: Okay, dann habe ich Plan B. Wenn der Junge oder das Mädchen nicht kann, verschiebe ich die Szene auf morgen und ziehe etwas anderes vor. Da muss man recht flexibel sein.
kritiken.de: Logistisch ist das sicherlich schwierig, wenn die Kinder in fast jeder Szene zu sehen sind.
Wolfgang Groos: Das ist aufwendig, ja. Aber das kann man vorher schon auf Buchebene clever lösen. Und man muss ideal vorbereitet sein. Wir hatten bei dem Film auch Tage, an dem das Team nicht mehr als sieben Stunden gearbeitet hat. Man bereitet den Tag sehr genau vor. Wenn die Kinder ans Set kommen, dann geht es ganz schnell. Das Lichtkonzept muss so gewählt sein, dass in fünf bis maximal zehn Minuten alles neu eingerichtet ist, da ich nur fünf Stunden habe, um die Dreharbeiten unter Dach und Fach zu bringen.
Wir hatten ein tolles Team, das dann auch sagte: „Okay, jetzt drehen wir mit den Kindern und dann machen wir Mittagspause.“ Dann haben wir danach noch anderthalb Stunden gedreht und hatten alle echt kurze Arbeitstage.
kritiken.de: Wird von den Schauspielern viel improvisiert oder sitzen die Texte perfekt?
Wolfgang Groos: Die Kinder haben den Text komplett drauf, die sind voll vorbereitet. Improvisieren tun wir nicht, aber ich lasse ihnen schon die Freiheit, Sätze auf ihre Art zu sagen. Es geht mir nicht darum, dass es Wort für Wort so ist, wie es im Drehbuch steht, aber die Aussage des Satzes muss halt transportiert werden. Freiheiten gibt es da schon, da sich damit auch die Persönlichkeit des Jungen zeigt.
kritiken.de: Wann geht es mit ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT los?
Wolfgang Groos: Wir fangen Anfang September mit den Dreharbeiten an. Der Kinostart soll dann Weihnachtszeit 2016 sein.
kritiken.de: Wird der Roboter computergeneriert?
Wolfgang Groos: Nein. Mir war wichtig, dass wir eben keinen computergenerierten Roboter haben. Wir bauen einen, so wie damals R2-D2. Unserer sieht natürlich ganz anders aus, aber er hat Motoren, kann Mimik und viele andere Sachen. Manches muss man dann mit CGI erweitern.
kritiken.de: Was ist ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT genau?
Wolfgang Groos: Das ist ein Kinderbuch aus den 1960er Jahren, das in den 1970er Jahren sehr erfolgreich war und auch als Puppenserie adaptiert wurde. Wir machen nun die erste Realverfilmung. Das ist so eine Art E.T.-Geschichte, die sehr emotional ist.
kritiken.de: Steht die Besetzung schon?
Wolfgang Groos: Ja, ich weiß aber nicht, ob ich das schon sagen darf. Ich bin gerade überfragt, ob da die Pressemeldung schon raus ist. Den Jungen habe ich noch nicht besetzt, aber die Erwachsenenbesetzung ist sehr toll und wirklich erstklassig ist. Die steht der Besetzung von OSCAR, RICO UND DAS HERZGEBRECHE in nichts nach.
kritiken.de: Wie viele Kinder müssen Sie sich denn ansehen, bis Sie den richtigen Kandidaten für die Rolle gefunden haben?
Wolfgang Groos: Unterschiedlich. Tendenziell sind es mehr Mädchen, die sich dafür interessieren. Bei den VAMPIRSCHWESTERN haben wir mehr als 300 Mädchen vorsprechen lassen, bei ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT haben wir bisher 250 Jungen gesehen. Und jetzt sind wir bei den letzten dreien.
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