Mads Mikkelsen im Interview über seine Rolle in MEN & CHICKEN
“Die Alternative wäre schlimmer“ – Mads Mikkelsen über MEN & CHICKEN
Kritiken: Sie wurden schon häufiger zum sexysten Mann Dänemarks gewählt – und nun spielen Sie Elias.
Mads Mikkelsen: Ja, die Tage sind vorüber. Ich laufe aber auch nicht herum und spiele den sexysten Mann. Elias wiederum ist eine phantastische Figur. Ich habe genossen, ihn zu spielen. Generell liebe ich Anders Thomas Jensens Universum. Ich denke, er ist sehr einzigartig und erzählt sehr poetische, wunderschöne Geschichten über das Leben, wobei er diese in eine verrückte Welt packt und so mit seiner Geschichte davonkommt.
Kritiken: Man kann sie kaum erkennen. Dauerte die Verwandlung in Elias lange?
Mads Mikkelsen: Das war ganz leicht. Ich hatte eine Prostethic unter der Oberlippe, die sie nach oben drückte. Darüber kam das Make-up, wobei der Schnauzbart die Hasenscharte auch verdeckte. Ein paar der Kollegen hatten da weit mehr Prostethics im Gesicht, aber mehr als 20 Minuten dauerte das Auftragen bei ihnen auch nicht.
Kritiken: Die Figur ist hoffentlich weit von Ihnen selbst entfernt.
Mads Mikkelsen: Da bin ich nicht so sicher.
Kritiken: Wie haben Sie sich der Figur angenähert?
Mads Mikkelsen: Ich versuche, in jeder Figur etwas zu finden, das ich wieder erkenne. Wenn wir ihn lustig oder nervig oder sonst etwas finden, dann, weil wir in der Figur etwas erkennen, das es in uns oder in Menschen, die wir kennen, gibt. Wenn auch vielleicht nicht so extrem. Aber es gibt eine kindische Seite der Menschen, besonders dann, wenn die Eigenwahrnehmung nicht mit der Fremdwahrnehmung übereinstimmt. Er ist ein Mann, der konstant unter Druck steht. Immer ist er in der Defensive und greift deshalb an. Und er will immer Recht behalten. Ich denke, solche Charakterzüge finden wir in vielen Freunden oder Familienmitgliedern.
Kritiken: Wie wichtig ist es, für eine Figur eine spezifische Körpersprache zu finden?
Mads Mikkelsen: Das ist immer wichtig. Es ist nicht notwendigerweise etwas, an dem ich viel arbeite. Das kommt, wenn man mit den Dreharbeiten beginnt. Figuren bewegen sich schnell, langsam, schwerfällig oder leichtfüßig – es gibt viele Möglichkeiten, eine Figur darzustellen. Elias ist etwas abgehackt in seiner Bewegung, aber er hat auch ein paar schnelle Moves drauf.
Kritiken: Ist das der bizarrste Film, in dem Sie je mitwirkten?
Mads Mikkelsen: Es ist einer davon. Bis zu einem gewissen Grad ist er es. Während des Drehs wurde das für uns Normalität, so dass es für uns Sinn ergibt, wenn wir darüber reden. Aber es muss schwer sein, den Stoff jemandem vorzustellen. Die Story ist verrückt, aber ich bin an dieses Universum gewöhnt und mir erscheint es nicht verrückt.
Kritiken: Ist das Ende real oder ein Traum?
Mads Mikkelsen: Es ist real. Alle von Anders Thomas Jensens Filmen haben eine Art Happy Ending. Es mag nicht die beste Auflösung sein, was die Figuren betrifft, aber es ist eine Auflösung.
Kritiken: Ist es befreiend, so eine Figur zu spielen?
Mads Mikkelsen: Ja. Hoffentlich sind alle Figuren bis zu einem gewissen Grad für einen befreiend, oder man kann sie selbst befreien. Ich fühle mich von meinen Figuren nicht gefangen, aber offensichtlich ist es ein besonderer Stil. Es ist nett, so etwas hin und wieder zu spielen.
Kritiken: Sie haben zum Teil in Deutschland gedreht?
Mads Mikkelsen: Ja. Das habe ich schon öfters getan. Wir drehten außerhalb von Potsdam in und um ein altes Krankenhaus herum. Es war die perfekte Location für den Film, genau das, wonach wir gesucht hatten. So etwas gibt es bei uns zuhause nicht. Ich bin sicher, es gibt zahllose deutsche Filme, die dort gedreht werden, aber für uns war es neu. Mit einer deutschen Crew zu arbeiten, war interessant. Wir hatten zu dem Zeitpunkt schon so lange an dem Stoff gearbeitet, dass es für uns normal war, aber die Crew musste sich erst an den Wahnsinn, von dem hier erzählt wird, gewöhnen.
Kritiken: Ich hoffe, es ist kein unangenehmes Thema, aber Sie werden im Herbst 50 Jahre alt.
Mads Mikkelsen: Es ist ein wunderbares Thema. Die Alternative wäre schlimmer.
Kritiken: Ändern sich Ihre Rollen mit dem Alter?
Mads Mikkelsen: Nicht so sehr. Noch spiele ich keine Großväter. Aber ich habe Väter gespielt, mehr als zu Beginn meiner Karriere. Ich mache aber auch noch Action, darum sehe ich noch keine große Veränderung. Aber sie wird natürlich passieren, aber das muss man umarmen, weil es das ist, worum es im Leben eigentlich geht.
Kritiken: Hannibal wurde eingestellt, aber Fans kämpfen für die Verlängerung. Gibt es eine Zukunft für die Serie?
Mads Mikkelsen: In den nächsten paar Wochen wird sich entscheiden, ob Netflix oder jemand anderes die Show übernehmen wird. Und wenn nicht, dann waren es drei wunderbare Jahre mit dieser radikalen Show. NBC war sehr mutig, sie überhaupt zu zeigen. Der Sender war sehr großzügig, sie drei Jahre am Leben zu erhalten, weil sie etwas ist, was normalerweise nicht dort läuft. Wenn es weitergeht, ist das toll, wenn nicht, sagen wir Lebwohl und lächeln.
Kritiken: Machen Sie sich Sorgen über Typecasting, vor allem, wenn es um Schurkenrollen geht?
Mads Mikkelsen: Ich werde immer wieder gebeten, sehr unterschiedliche Rollen zu spielen. Etwa von Thomas Anders Jensen, oder aber mit Filmen wie DIE JAGD. Ich habe also das Glück, dass Leute mich mit unterschiedlichen Augen sehen. Und noch einmal: Die Alternative wäre schlimmer. Wer würde schon einen Bond-Schurken ablehnen, nur weil er Angst hat, dass ihm danach ähnliche Rollen offeriert werden. Man kann sich deswegen keine Sorgen machen und dagegen angehen kann man auch nicht. Man gibt sein Bestes und sucht sich die Projekte aus, die einem am meisten zusagen. Aber wenn man sich Sorgen darüber macht, die Karriere zu planen, ist man schnell verloren.
Kritiken: Würden Sie Ihre Kinder sich HANNIBAL ansehen lassen?
Mads Mikkelsen: Ja. Kinder sind heutzutage eine Menge gewöhnt. HANNIBAL ist nicht besonders gorig. Es ist eher eine intellektuelle als eine Horror-Show. Und jedes Verbrechen ist auf eine sehr kunstvolle Art gestaltet, wie ein Gemälde oder ein musikalisches Stück. Es gibt eine Schönheit, die anderen Horror-Serien abgeht. Ich weiß nicht, für welches Alter man die Serie empfehlen könnte, aber ich bin sicher, dass ich sie angesehen hätte, als ich zehn Jahre alt war.
Kritiken: Und Men & Chicken?
Mads Mikkelsen: Da sehe ich auch nichts Schlimmes. Die Figuren sind sehr kindhaft. Sie handeln kindlich und reagieren so auf Situationen. Ich bin sicher, viele Kinder werden sich damit identifizieren und es wenn schon nicht lustig, so doch zumindest interessant finden. Ich würde da kein Alterslimit ansehen, aber ich glaube, zuhause ist er ab 15 freigegeben. Ich weiß nicht warum, vielleicht weil über den Sex mit Tieren gesprochen wird. Aber Kinder werden den Film lustig finden.
Kritiken: Die Figuren sind kindlich.
Mads Mikkelsen: Sehr sogar. Er wird es nicht zugeben, aber Anders Thomas Jensen hat sie auf Basis seiner eigenen Kinder angelegt. Sie sind beinahe so verrückt wie die Figuren im Film. Nur unter uns: Das ist eine Familie aus der Hölle. Aber sie sind charmante, wunderbare und interessante Kinder, auch wenn es mit ihnen chaotisch ist.
Kritiken: Ihre Serie HANNIBAL wurde gerade vom Sender NBC eingestellt, obwohl die dritte Staffel noch bis Ende August läuft. Mit dem Ende, das nun kommen wird, sind Sie da zufrieden, wie sich die Serie und ihre Figur entwickelt haben und dann auch abgeschlossen werden?
Mads Mikkelsen: Das ist einer der Gründe, warum ich die Show genieße. Man kann häufig gute Serien sehen, in denen die Figuren haargenau gleich bleiben. Sie lösen Verbrechen, sagen ihre Sprüche und vielleicht gibt es noch ein paar private Probleme, aber nicht zu viele. HANNIBAL ist ein sich konstant entwickelnder Film, bei dem man sehr unterschiedliche Charakterseiten hat. Es ist wunderbar, einen sehr, sehr langen Film zu machen.
Kritiken: Sie machen auch Werbung. Früher sagten Sie mal, dass Sie das ablehnen.
Mads Mikkelsen: Das muss ich gesagt haben, als ich sehr jung war. Ich habe aber erkannt, welche Freiheit die Welt der Werbung offeriert. Ich kann genug Geld machen, um viel Quatsch abzulehnen. Also mache ich lieber gute Werbung als einen schlechten Film. Das ist sehr simpel für mich. Aber Sie haben Recht, als ich jung war, sagte ich wohl so etwas wie „Ich hasse Werbung“. Ich habe meine Meinung jedoch geändert.
Kritiken: Wie viele Drehbücher bietet man Ihnen an?
Mads Mikkelsen: Das ist schwer zu sagen, weil ich viele auch gar nicht zu Gesicht bekomme, wenn ich schon arbeite und keine Zeit habe. Ich kann nicht alle lesen. Es gibt viele phantastische Filme, die mir nie angeboten werden und viele Schrottfilme, die mir angeboten wurden. Hin und wieder kommt etwas, das mir richtig liegt.
Kritiken: Sehen Sie häufiger Filme und denken sich, das wäre eine Rolle für mich gewesen?
Mads Mikkelsen: Nein, aber ich habe viele Filme abgelehnt, die extrem erfolgreich geworden sind.
Kritiken: Zum Beispiel?
Mads Mikkelsen: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil dann der betreffende Schauspieler auch wissen würde, dass er nicht die erste Wahl war. Aber ich habe es nie bereut, weil die Filme nicht gut waren. Sie waren erfolgreich, aber eben nicht gut. So ist das bei vielen Filmen.
Kritiken: Sehen Sie viel TV?
Mads Mikkelsen: Nicht sehr. Ich habe nicht viel Zeit, wenn aber doch, dann hauptsächlich Sport. Was ich gerne sehe, ist THE WALKING DEAD. Man kann auch mal ein paar Episoden verpassen, ist aber gleich wieder drin: Weil die Zombies immer noch da sind und jeder noch am Leben ist. Man verpasst nicht zu viel, wenn man mal eine Folge auslässt. Und die Show ist aufregend.
Kritiken: Ist es schon mal vorgekommen, dass Sie beim Skript dachten, das würde ein großartiger Film werden, bei den Dreharbeiten aber merkten, dass dem doch nicht so sein wird?
Mads Mikkelsen: Ja, und ich werde nicht sagen, bei welchen. Natürlich kommt das vor. Das geht gar nicht anders. Das ist das Risiko, das man eingeht. Man mag das Skript, kommt mit dem Regisseur gut aus, aber wenn es dann anfängt, ist alles irgendwie anders. Dann gibt man sein Bestes, aber manchmal ist das nicht genug. Man muss jedoch von vornherein an das Projekt glauben. Mich stören diese Filme nicht. Ich hätte sie lieber nicht gemacht, aber ich bedauere nicht, dass ich “ja” gesagt habe. Man kann sich nie sicher sein. Das ist alles, was man tun kann. Ich bin mit dem meisten, was ich getan habe, aber sehr zufrieden.
Kritiken: Es ist also leichter, mit jemandem mit Jensen zu kennen, den man kennt?
Mads Mikkelsen: Wenn man mit Leuten vorher schon zusammen gearbeitet hat, muss man sich über diesen Teil der Arbeit keine Gedanken mehr machen. Wir wissen, dass wir gut harmonieren. Es geht also nur noch um die Figuren und die Geschichte. Aber es gibt das Risiko, dass man es etwas schleifen lässt und sich zu sehr auf vergangenen Lorbeeren ausruht. Anders und ich sind und dessen aber bewusst und geben unser Bestes.
Kritiken: Haben Sie noch Träume?
Mads Mikkelsen: Ja, tonnenweise. Aber die Träume sind noch nicht da. Meine Träume beginnen jedesmal, wenn jemand mit einem Traum zu mir kommt: Der Regisseur mit seinem Projekt. Wenn ich erkenne, dass dieser Mensch dieses Projekt unbedingt verwirklichen will. Dann wird das auch mein Traum. Es ist kein falscher Traum. Aber mir werden viele Träume einfach übergeben. Wenn ich selbst einen hätte, würde ich vielleicht mit dem Schreiben oder Inszenieren anfangen, was ich möglicherweise eines Tages tun werde. Ich genieße es aber, die Träume anderer zu stehlen (lacht). Ich denke, das ist ziemlich cool.
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