Interview mit dem Regisseur und Drehbuchautor Daniel Stamm
Kritiken.de: Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, sagtest du: „Ich hab ein neues Projekt, das ist ein psychologischer Thriller und zwar nicht im Dokuformat. Einer meiner Lieblingsfilmemacher ist Produzent, aber ich darf noch nicht sagen, wer es ist.“ Das Gerücht war ja damals, dass du einen von M. Night Shyamalan produzierten Film machen würdest.
Daniel Stamm: Genau, da waren wir draußen in Philadelphia. Hab ich das schon erzählt?
Kritiken.de: Nein. Damals durftest du noch nicht darüber reden.
Daniel Stamm: Jetzt darf ich drüber reden. Nicht inhaltlich, aber wie es halt gelaufen ist. Er sagte: „Komm nach Philadelphia und ich zeig dir von einem Drehbuch eine erste Fassung.“ Dann sind wir nach Philadelphia geflogen, weil Night Drehbücher nicht rumschickt. Man muss zu ihm in die Küche, sitzt dort am Tisch und liest das Drehbuch.
Das war eine tolle Erfahrung. Er ist auch total gut, weil er überhaupt keine Starallüren hat. Er war total locker und total nett. Das Drehbuch war nicht nach normaler Drehbuchdramaturgie aufgebaut. Es gab keinen richtigen Protagonisten, keinen richtigen Hauptkonflikt. Ich dachte mir: Vielleicht begreif ich das alles nicht so richtig. Aber da er so nett und ehrlich war, hab ich mir gedacht, ich mache jetzt auch nicht auf Diplomatie und Politik, sondern sag ihm das einfach. Ich wollte unheimlich gerne mit ihm arbeiten, aber bei dem Drehbuch wusste ich nicht, wie ich es machen sollte. Ich sagte ihm, dass es keinen Protagonisten und Konflikt und dergleichen gibt – Drehbuchtheorien halt – und dann lief er los und holte sich Stift und Zettel und schrieb sich das auf.
Er ist ein Oscarnominierter Drehbuchschreiber und er war sich nicht zu schade, da jetzt Notizen von dem Filmschüler anzunehmen. Am Flughafen in Philadelphia, als ich zurückgeflogen bin, hab ich einen Anruf bekommen. Er sagte, er will, dass ich den Film mache. Dann sagte ich ihm, dass ich ihn nicht machen will, da ich nicht weiß, wie ich es tun sollte.
Dann meinte er, wir setzen uns zusammen und schreiben das um. Er hat mich David Burke, mit dem ich dann auch 13 SINS geschrieben habe, mitbringen lassen und dann sollten wir für eine Woche nach Philadelphia in sein Gästehaus kommen und mit ihm arbeiten. Und an dem Mittwoch vor dem Freitag, wo die Woche zu Ende war, meinte er: Ach, bleib doch noch eine Woche. So ging das weiter, bis aus einer Woche drei Monate geworden sind. Wir haben uns jeden Morgen getroffen, haben zweieinhalb, drei Stunden gearbeitet und dann haben wir Mittag gegessen. Dann sind David und ich in die Walachei und haben geschrieben, haben ihm das abends geschickt, er hat es nachts gelesen und dann haben wir uns morgens wieder getroffen. Und das sieben Tage die Woche.
Das Witzige war natürlich, dass man am Ende, wenn man jemanden so oft sieht und mit dem Material arbeitet, dann kann man Night in seinem Kopf simulieren. Ich kann was lesen und denken: Das würde Night dazu sagen. Das ist nicht unbedingt das, was ich auch dazu sagen würde, aber man lernt sich ganz gut kennen. Wir funktionieren auch sehr unterschiedlich. Night ist sehr von Enthusiasmus angetrieben. Er hat eine Idee und fängt dann an loszuspinnen. Da ist er dann wie ein fünfjähriges Kind, so enthusiastisch ist er. Es ist dann ganz schwierig zu sagen, das ergibt doch von der Grundsituation keinen Sinn. Das war meine Rolle, darum wollte er mich auch.
Weil ich eher pessimistisch bin und mir denke: Was funktioniert hier nicht? Die Kombination war natürlich manchmal schwierig, weil er seinen Enthusiasmus braucht und man ihn erst mal in Ruhe und träumen lassen muss, aber ich brauche die Grundbasis, ein stabiles Fundament. Nach drei Monaten sind wir an einen Punkt gekommen, an dem er sagte, das Drehbuch ist phantastisch, das sollten wir nicht mehr anfassen. Das war auch wirklich ein tolles Drehbuch, aber es gab noch ganz viele Momente, bei denen ich mir unsicher war, ob ich das rüberbringen konnte und ob die Szene funktioniert.
Seitdem hab ich 13 SINS gemacht und da gab es zwei Szenen, bei denen ich nicht wusste, ob es funktioniert, aber alle meinten, ich solle mir keine Sorgen machen, da es eine kulturelle Geschichte ist und einwandfrei funktioniert. Aber das hat es eben nicht. Und da ich es nicht rüberbringen und den Schauspielern erklären konnte, war ich aufgeschmissen und musste es im Endeffekt aus dem Film schneiden. Da gibt es diese Szene, in der er mit der Leiche in das Café geht und dann kommt er raus und der Spielleiter erklärt ihm, das hätte er so gut gemacht, dass ihm Aufgabe 7 geschenkt wird.
Das war natürlich ursprünglich nicht so, da gab es eine Aufgabe 7, aber die hab ich nicht hingekriegt und wir haben sie rausgeschnitten. Und wir konnten den Film retten, weil es eben nur zwei solcher Momente gab. In dem Skript mit Night gab es 40 oder 50 solcher Momente und da dachte ich: „Oh Gott, da sind wir verraten und verkauft.“ Wir sind einfach aus dieser Position nicht rausgekommen, dass er das Drehbuch nicht geändert haben wollte und ich mich nicht getraut habe, es so zu drehen, wie es war. Da hab ich irgendwann anrufen und ihm erklären müssen, dass ich leider aussteigen musste. Das war hart, da auszusteigen, weil wir einander freundschaftlich verbunden sind und Night sehr enttäuscht war. Ich dachte mir, der redet im Leben kein Wort mehr mit mir, dann hat er mir aber danach, als er die Fernsehserie WAYWARD PINES gemacht hat, angeboten, die Folgen 2 und 3 zu inszenieren.
Das war ein tolles Zeichen, dass er mir den Ausstieg vergeben hat, aber da war ich schon an der Serie INTRUDERS dran und hab das dann nicht gemacht. Ich weiß nicht, wer jetzt an dem Drehbuch dransitzt. Es war ganz knapp, wenn man noch ein oder zwei Monate daran entwickeln könnte, wäre es ein richtig traumhaftes Drehbuch. Das ist die Shyamalan-Geschichte.
Kritiken.de: Hattest du das Angebot, den zweiten Teil von DER LETZTE EXORZISMUS zu machen?
Daniel Stamm: Ja, die haben mir das Drehbuch gezeigt und auch klar gesagt, dass sie etwas völlig anderes machen wollen. Sie wollten einen ganz klaren Horrorfilm. Das war für mich nicht so spannend. Ich hatte das Gefühl, dass ich zu dem Thema alles gesagt hatte. Ich fand es toll, dass die Reise dieser Figur weiterging. Ich mochte den Film auch, weil es mir gefiel zu sehen, wie es mit dem Mädchen weiterging. Aber das ist dann auch so gelaufen, dass der Regisseur, den sie angeheuert haben, sehr gut in Sachen Drama ist und Charakter-Drama bot, was toll ist, während die Produzenten mehr Horror wollten und das Ding total umgeschnitten haben. Ich glaube, da ist so ein bisschen ein Film herausgekommen, der weder Fisch noch Fleisch ist.
Kritiken.de: Er lief ja auch nicht so gut.
Daniel Stamm: Man muss fairerweise sagen, dass der erste Film zwar vom Einspiel und den Kritiken erfolgreich war, das eingefleischte Horror-Publikum ihn aber nicht geliebt hat. Der wurde ja als harter Horrorfilm verkauft, was er nicht war, weswegen sich das Horror-Publikum verarscht fühlte. Dass dann die Fortsetzung schlecht läuft, ist völlig klar, weswegen Lionsgate mit der Fortsetzung auch nichts zu tun haben wollte, weil sie wussten, wie es läuft. Für einen kleinen Film, der wenig gekostet hat, lief er noch gut, aber es war nicht mehr der Erfolg des ersten Teils. Aber ich finde, da ist der Film nicht schuld dran. Egal, wie gut der zweite Teil gewesen wäre, nach dem ersten war es schwierig, darauf eine Fortsetzung aufzubauen.
Kritiken.de: Der Titel deines neuen Films ist ungewöhnlich. Wieso 13 Sünden? Das sind diese Herausforderungen oder Aufgaben ja nicht wirklich.
Daniel Stamm: Der Film hieß eigentlich ANGRY LITTLE GOD. Das Original heißt 13 BELOVED und kam in den USA als 13 – GAME OF DEATH raus, was für mich ein sehr billiger Titel war. In Deutschland wird das natürlich prompt zurückübersetzt zu 13 SINS – SPIEL DES TODES. Aber es wurde vom Verleiher gesagt, dass heute das Kino nur noch ein Verlustgeschäft ist, aber VOD das Geld bringt. VOD scrollen die Leute alphabetisch durch, also hast du einen Vorteil. Denn wenn dein Film ZORRO heißt, bist du gearscht, weil bis dahin haben die schon einen anderen Film gefunden, den sie sehen wollen. Selbst A ist schon schlechter als Zahlen. Deswegen hat der Verleih gesagt: Wir möchten 13 beibehalten. Da haben wir alles durchexerziert. Ich hab gesagt, ich möchte nicht 13 – GAME OF DEATH. Dann haben wir eine Liste gemacht mit 13 am Anfang und dahinter immer irgendwas dazu gedichtet. Teilweise auch total kryptische Sachen wie 13 RED. 13 BELOVED war auch abstrakt, das heißt ja eigentlich nichts. Aber Dimension hat gesagt: Es muss knackig sein und es muss das Genre klar definieren. Eine der letzten Ideen war 13 SINS. Da dachte ich mir, daran könnte ich mich gewöhnen, weil das so ein bisschen nach Thriller klingt. Aber sind das 13 Sünden? Das kommt auf den Blickwinkel an. Für mich als Vegetarier ist die erste Aufgabe, eine Fliege totzuschlagen, schon eine Sünde. Für andere eben nicht. Aber irgendwie hat der Titel Klang. Darauf haben wir uns dann auch geeinigt.
Kritiken.de: Der Film basiert auf einem thailändischen Film aus dem Jahr 2007. Hast du den im Vorfeld gesehen?
Daniel Stamm: Ja, das war das erste, was die mir gegeben haben. Ich hatte ein Treffen mit Jason Blum, der INSIDIOUS, THE PURGE und anderes produziert hat. Der sagte, ich entwickle gerade folgende Projekte und stellte mir die vor, unter anderem eben 13 – GAME OF DEATH. Dann gab er mir diese DVD. Das war zu der Zeit, als ich gerade mit Shyamalan in Philadelphia saß. Meine Agenten wurden natürlich nervös und meinten, ich muss was Neues machen, weil mein vorheriger Film schon Jahre her ist. Auch um die zu besänftigen, hab ich dann gesagt: Jetzt mache ich 13 SINS. Weil das Grundkonzept super war und weil Jason sagte: „Mach damit, was du willst.“ Mit einer Ausnahme. Kennst du das Original?
Kritiken.de: Nein, das habe ich nicht gesehen.
Daniel Stamm: Für mich gab es zwei große Szenen, an die man sich so erinnert. Die eine war die Köpfungsszene mit den Motorradfahrern. Die ist bei 13 SINS genauso. Es gibt im Original keinen zweiten Spieler, auch keinen Bruder, keinen Vater, keine Verlobte. Darum ist die zweite Hälfte eigentlich sehr anders. Aber es gab die Kopf-Ab-Geschichte und eine Mission, in der er im Restaurant sitzt, der Ober kommt mit einem Silbertablett, er nimmt die Haube ab und darunter ist eine Hundekackwurst, die der Spieler nun mit Messer und Gabel essen muss. Da haben die Produzenten von Anfang an gesagt, das können wir für den amerikanischen Markt nicht machen. Aber das Konzept war super, weil man durch 13 Aufgaben auch 13 Kernszenen hat. Wo andere Filme ein oder zwei große Szenen haben und andere Szenen nur das verbindende Material dazwischen sind, war es hier so, dass man das nicht braucht, weil man von einer Mission in die andere springen und diese vom Genre variieren konnte. Das eine konnte komödiantischer, das nächste mehr Action, das dritte dann Drama oder Thriller sein. Die Bandbreite ist größer.
Kritiken.de: Wenn du an Stelle von Elliot gewesen wärst, an welchem Punkt hättest du das Spiel denn abgebrochen?
Daniel Stamm: Ich hätte die erste Aufgabe nicht gemacht, weil ich das Gefühl hätte, wenn ich ein Lebewesen aus purem Eigennutz töte, dann würde ich meine Seele verkaufen. Aber wäre die erste Aufgabe eine andere gewesen … ja, ich glaube, ich hätte eine tote Fliege für ein paar Tausend Dollar gegessen. Ich hätte auf jeden Fall ein Kind zum Weinen gebracht, auch kein Problem. Also mit der Leiche, das weiß ich nicht, das wäre mir vielleicht zu riskant gewesen. Aber moralisch hätte ich mir das schon vorstellen können. Mit dem Armabschneiden, wenn der das wirklich will und ich dem einen Gefallen tue, kann ich das auch machen. Also dann am Ende ein Familienmitglied zu töten, wäre was anderes. Aber wenn mein Vater meine Mutter umgebracht hätte, dann würde man natürlich schon sauer. Wer weiß, was dann passiert wäre. Also ich kann es nicht genau sagen. Ich hätte nicht eine Fliege für 1.000 Dollar totgehauen, das weiß ich. Für mich wäre das Spiel da zu Ende gewesen.
Kritiken.de: Natürlich hätten sie gewusst, dass du Vegetarier bist und dir eine andere einfache erste Aufgabe gegeben.
Daniel Stamm: Richtig, dann hätten sie mich gehabt. Nun bin ich nicht so unter Gelddruck wie der Protagonist, aber wenn ich es wäre, dann würde ich das machen. Es ist natürlich eine berechtigte Kritik von Leuten, die selten kommt, was mich wundert, dass er es eigentlich hätte vorhersehen können und müssen, dass es nicht beim Fliegentotschlagen bleibt. Wenn das mit dem Armabschneiden Aufgabe 8 ist, ist klar, dass es dann bis Aufgabe 13 ganz schön düster wird. Das stimmt natürlich, aber mit all dem Adrenalin und wenn man sich mal drauf eingelassen hat …
Kritiken.de: Zumal der Punkt kommt, da man schon zu viel getan hat.
Daniel Stamm: Ja, und wenn die Polizei hinter einem her ist. Aber dass er sich auch drauf verlassen kann, dass er hinterher das Geld kriegt, ist alles eine Glaubhaftigkeitsfrage. Genauso wie der Punkt, ob er wirklich unablässig über Kameras verfolgbar ist. Aber ich habe gelesen, dass heutzutage jeder Mensch 18mal am Tag von einer Security-Kamera gefilmt wird, dann ist es nur ein kleiner Schritt zu sagen, dass dieser Club der Milliardäre mit einem Netz aus Kameras alles überwachen kann.
Kritiken.de: Gab es Überlegungen, die Hintergründe des Spiels etwas stärker zu erläutern. Pruitt Taylor Vinces Figur ist zwar Mr. Exposition, aber es bleibt etwas schwammig.
Daniel Stamm: Ja, und das absichtlich. Im Original wird enthüllt, wer dahintersteckt. Da kommt eine der Figuren in einen Raum, ein weißes Büro, da ist ein weißer Stuhl, der dreht sich um, darin sitzt dann ein Kind im weißen Anzug und mit weißer Katze und sagt: „Hahaha, ihr seid als Gesellschaft verdorben und ich halte euch den Spiegel vor.“ Das Tolle an einem Remake ist, dass man weiß, wie man sich gefühlt hat, als man das Original gekuckt hat. Es gibt drei Dinge, an die ich mich erinnerte. Ich fand die Energie toll, dieses hysterische Eins-nach-dem-anderen, hab aber nach der Hälfte gedacht, jetzt wird es ein bisschen vorhersehbar, weil ich ja weiß, dass er jede der 13 Aufgaben schaffen wird, sonst gäbe es die ja nicht. Und dieses Episodische, so toll es am Anfang ist, wird dann sehr linear. Bei uns gibt es in der Mitte des Films etwas, das die Handlung in eine andere Richtung katapultiert. Das ist der zweite Spieler und dass er sich gegen das Spiel stellt. Ich erinnerte mich auch, dass es eine Enttäuschung war, als die Hintergründe des Spiels enthüllt wurden. Da hab ich mir gedacht, was kann man machen, dass es keine Enttäuschung ist? Natürlich ist der Gegenspieler das Publikum, das 90 Minuten lang Zeit hatte, sich Gedanken zurechtzulegen, und das muss man dann toppen. Mir ist einfach nichts eingefallen, womit wir den Vorhang wegziehen und sagen können, das ist der Hintergrund des Spiels, sodass das Publikum sagten könnte: Das ist ja mindblowing. Darum dachte ich mir, den Vorhang am besten gar nicht wegziehen, sondern Pruitt Taylor Vince Vermutungen anstellen lassen, die aber auch an der Grenze zur Lächerlichkeit sind, aber es ist die einzige Erklärung, die uns im Film angeboten wird. Da haben wir ganz lange mit Testscreenings daran gearbeitet, dass der Zuschauer im Grunde keine große Enthüllung mehr erwartet. Anfangs war es 50/50, wenn ich eine Gruppe von zehn Leuten gefragt habe, ob sie eine Enthüllung erwartet hatten und ob sie enttäuscht seien, dass es keine gibt. Da haben fünf gesagt: „Ja, sind wir.“ Dann haben wir kleine Sachen im Film geändert, sodass es immer weniger darauf hinlief, dass da was enthüllt wird, sondern es klar wird, dass es keine Enthüllung gibt. Am Ende war es nur noch einer von zehn, der eine Enthüllung erwartet hat. War es für dich ein Problem?
Kritiken.de: Nein, das fand ich schon gut so. Es bleibt mysteriöser so und lässt natürlich Möglichkeiten für ein Sequel offen. So wie es jetzt ist, lebt der Film auch von seiner Paranoia-Stimmung, da man nie weiß, wer Teil des Spiels ist, während es scheint, dass irgendwie jeder involviert ist.
Daniel Stamm: Wir haben auch ein alternatives Ende. Zwei Enden haben wir gedreht. Das Charakter-Ende, das jetzt im Film ist, und das Genre-Ende. Das ist genauso wie das Ende jetzt, bis zu dem Punkt, wo er seine Frau anruft. Er legt auf, geht ein paar Schritte weg von dem Telefon, es klingelt. Er nimmt es ab und eine Stimme sagt: „Wir sind sehr enttäuscht, dass Sie ausgestiegen sind. Wir müssen uns leider von Ihnen verabschieden.“ Darauf fragt er: „Werden Sie mich töten?“ Und die Stimme sagt: „Wir töten keine Leute.“ In dem Moment klingelt auf der anderen Seite der Straße das Handy einer Mutter, die gerade ihren Kinderwagen schiebt. Sie hört sich das an, kuckt ihn an, und sagt: „500.000 Dollar?“ Und dann klingeln überall Telefone von Passanten. Das war ein Problem, das ich das gar nicht vorhergesehen hatte. Ich hab das einer Testgruppe gezeigt und die Leute dachten, das seien alles Spieler. Ich habe gedacht, das sind Passanten, denen eben eine halbe Million angeboten wird, um etwas zu tun. Das war den Testsehern unklar, die meinten: „Wir glauben nicht so richtig, dass so viele Spieler da draußen rumlaufen.“ Da haben wir uns dann auch gesagt, das spricht für das andere Ende. Es gibt natürlich immer Leute, die das eine oder andere Ende bevorzugt hätten, aber viele der Testseher wollten am Ende einen Lichtblick. Das andere Ende hätte uns natürlich noch mehr in eine Fortsetzung katapultiert. Wahrscheinlich wäre es direkt weitergegangen. Das Schlussbild war schon toll, dass unser Hauptdarsteller eine Pistole zieht und auf eine Mutter mit ihrem Kinderwagen kuckt, und wir wissen, dass diese Mutter eine Bedrohung ist, weil jeder Mensch einen Preis hat und zu mörderischen Taten fähig ist. Das ist ja die Theorie des Films. Und selbst diese harmlos aussehende Mutter kann zu einer Mörderin werden, wenn das Geld stimmt. Das Schlussbild war schon verführerisch, aber wir haben es dann doch gelassen.
Kritiken.de: Der interessanteste Aspekt des Films ist auch, dass Menschen sich zu Dingen drängen lassen, die sie für unmöglich gehalten hätten.
Daniel Stamm: Da fand ich es aber auch wieder ganz schön, dass seine Verlobte nein sagt und das ganze Ding aufhört. Bis das bei Minute 80 passiert, haben wir völlig vergessen, dass das Spiel mal ganz klein angefangen hat und dass alles, was es gebraucht hätte, gewesen wäre, dass er nein sagt. Inzwischen ist es ein Monster, das sich ausgebreitet hat, eine Maschinerie, die nicht zu stoppen ist, aber es fing so klein an. Ich fand es schön, dass es einen Lichtblick gibt und die Botschaft nicht ist, dass wir alle schwach und korrumpierbar sind, sondern dass diese deutsche Philosophie – es gibt diesen Satz „Wehret den Anfängen“ aus der Nazizeit, was in Amerika keiner kennt – die Quintessenz des Films sein muss. Man muss diese Monster erkennen und nein sagen, bevor es die Schwingen ausbreiten kann und unbesiegbar wird.
Kritiken.de: Du hast neue Projekte in Arbeit. Wie ist der Stand bei diesen?
Daniel: Du meinst MARTYRS. Da bin ich nicht mehr involviert. MARTYRS war ein Super-Drehbuch. Ein bisschen anders als das Original. Das Thema von MARTYRS ist ja, wie weit würdest du gehen für einen Freund, der verrückt wird. Das war toll geschrieben, auch im Original, wie sie sich als Kinder kennenlernen. Die eine wird verrückt, oder auch nicht, man weiß es nicht, und die andere muss sich moralisch entscheiden, wann ziehe ich den Schlussstrich und kündige ihr die Freundschaft. Einerseits eine tolle Wendung im Original, aber schade, weil das Thema nicht weiter behandelt werden konnte, war, als sich die eine Frau umbrachte. Für das Remake hatte man sich gedacht: Halten wir sie doch am Leben, dann können wir diese Frage weiter behandeln. Die beiden sind dann in Psychospielchen gegeneinandergestellt worden. Ich war Feuer und Flamme für das Projekt und dann kriegte ich einen Anruf vom Produzenten: „Ja, dumm gelaufen, unsere Option, die wir gekauft hatten, ist letzte Woche abgelaufen und jetzt wollen die französischen Produzenten mehr Geld und das können wir uns nicht leisten.“ Das war dann das Ende für mich, darin involviert zu werden. Ich glaube, die haben das jetzt unter anderen Konditionen mit kleinerem Budget wieder zum Leben erweckt, aber ich bin da nicht mehr zugange.
Kritiken.de: Ein anderes Projekt ist THE DARKNESS.
Daniel Stamm: Ja, das war auch ein Super-Drehbuch. Das war zeitgleich mit 13 SINS bereit zum Drehen. Da musste ich mich entscheiden und habe dann 13 SINS gewählt. Das Drehbuch gibt es natürlich noch, aber ich weiß nicht, wer da im Moment dran ist. Ich auf jeden Fall nicht. Ich hab kürzlich von INTRUDERS vier Folgen gemacht. Das ist das Einzige, was ich im Moment so habe. Wenn ich wieder in L.A. bin, muss ich wieder Drehbücher lesen.
Kritiken.de: Wie kamst du zu INTRUDERS?
Daniel Stamm: Ich hatte ein Treffen mit den Produzenten eines Films namens THE CURRENT WAR. Das lief gut, aber dann stellte sich heraus, dass Ben Stiller den Film machen will. Die Produzenten wollten sich dann bei mir melden, wenn sie ein anderes Projekt haben. Am gleichen Tag rief BBC America bei meiner Agentin an und erklärte, dass man INTRUDERS produziert und nach einem Regisseur sucht. Ob sie jemanden hätte, den sie vorschlagen wollte. Die hat mich dann dahin geschickt. Die Drehbücher waren super und innerhalb von ein paar Tagen war ich Fernseh-Regisseur. Eduardo Sanchez, der BLAIR WITCH PROJECT gemacht hat, hat die ersten vier Folgen gemacht und dich die letzten vier Folgen.
Kritiken.de: Es sind also nur zwei Regisseure für die Staffel?
Daniel Stamm: Genau. Das ist in Amerika nicht so üblich, aber in England ist das verbreiteter. In den USA gibt es jetzt auch ein paar Beispiele dafür wie z.B. TRUE DETECTIVE. Das ist einerseits super, weil man mehr Zeit hat, sich auszubreiten und mit den Schauspielern zu arbeiten, andererseits ist es Block-Shooting. Man dreht die vier Folgen parallel. Wenn es in vier Episoden verschiedene Szenen gibt, die im selben Café spielen, dreht man die alle am selben Tag. Man springt pausenlos durch vier Episoden, was teilweise schon sehr verwirrend ist. Vier Episoden finde ich, ist schon so etwa die Grenze. Acht Episoden sind hart. Vielleicht geht es, wenn es gänzlich andere Drehorte sind und man das so ein bisschen chronologischer dreht. Das andere ist, dass der Showrunner das Ganze vorgibt, aber eben auch der Regisseur, der an den ersten vier Folgen dran war. Da versucht man, den Look nachzuempfinden.
Kritiken.de: Wo wurde gedreht?
Daniel Stamm: In Vancouver. Für BBC America, da sind das alles Engländer, ganz smarte und tolle Leute.
Kritiken.de: Wenn es eine zweite Staffel geben sollte, wirst du dann wieder dabei sein?
Daniel Stamm: Das weiß ich nicht, Lust hätte ich schon. Das Konzept ist relativ riskant. Man entschied, dass am Anfang nicht so viel erklärt wird, weil man davon ausgeht, dass das Publikum über ein paar Folgen dran bleibt, um Antworten auf die Mysterien zu kriegen. Da muss man sehen, ob das so funktioniert. Das spaltet das Publikum. Wenn man sich Tweets ansieht, liest man häufig, dass die Leute keine Ahnung haben, was das soll und ausschalten, oder meinen, es sei das Intelligenteste, was sie kennen.
Kritiken.de: Wie hast du den Unterschied von Fernsehen und Film wahrgenommen?
Daniel Stamm: Das ist völlig anders. Weil es im Fernsehen den Beruf des Showrunners gibt. Der ist zumeist der Autor. In diesem Fall ist es Glen Morgan, der mit AKTE X bekannt geworden ist. Der ist dem Sender gegenüber verantwortlich, wie die Sendung aussieht und sich anfühlt. Der castet mit dem Sender zusammen die Schauspieler, legt die Drehorte fest, der sagt ja und nein zu den Kostümen, der heuert das Team an. Ich konnte nicht mal mit meinem eigenen Kameramann arbeiten. Dadurch ist einfach die kreative Entscheidungsfreiheit eingeengt. So soll es natürlich auch sein, weil die Identität und der Look der Sendung sich ja nicht mit jedem Regisseur ändern sollen. Das heißt, dass man eigentlich nur ausführende Hand am Set ist. Die Vision kommt vom Showrunner. Das ist der große Unterschied. Man sollte eigentlich den Beruf eines Fernseh-Regisseurs anders nennen. Das ist aber auch toll und macht Spaß, weil man ein tolles Team hat. Und es ist viel weniger Druck, denn wenn es nicht funktioniert, dann trägt die Verantwortung der Showrunner. Beim Film ist es der Regisseur. Wenn man beim Fernsehen sagt: „Pass auf, die Szene funktioniert so und so nicht, bestehst du darauf, dass ich sie so drehe?“ Dann sagen die ja und dann macht man das und dann sollen die’s im Schneideraum regeln. Ich hatte vier Tage im Schneideraum pro Folge. Bei einem Kinofilm habe ich drei Monate. Das ist schon ein Unterschied. Im Fernsehen habe ich vier Tage, dann der Showrunner zehn Tage, dann der Sender zehn Tage und dann der Showrunner wieder zehn Tage.
Kritiken.de: Würdest du andere Fernseh-Arbeiten machen?
Daniel Stamm: Es wächst ein bisschen mehr zusammen, aber es ist schon noch so, dass man sich als Fernseh- oder als Kinoregisseur definiert. Da sind die Agenten auch ganz vorsichtig. Die hätten mich nie nur eine Folge von irgendeiner Serie machen lassen. Aber hier haben sie gesagt: „Das ist die erste Staffel, du machst vier Episoden, du machst das Season Finale.“ Man muss entweder den Anfang oder das Ende machen, das sind die prestigeträchtigen Sachen. Und es sind Superschauspieler dabei. Mira Sorvino, die einen Oscar bekommen hat, James Frain, John Simm. Und der Produzent ist Glen Morgan. Das ist schon hochklassig. Dadurch, dass man im Schnitt so wenig involviert ist, ist es relativ schnelles Drehen. So kann man Miete bezahlen, was auch schön ist.
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