Interview
Alexander Payne im Interview: „Weil niemand wirklich deinen Film übernehmen will.“ – Alexander Payne im Gespräch
22. November 2015
Kritiken.de: Welche Künstler empfanden Sie als einflussreich, als Sie begannen, sich für Film zu interessieren?
Das ist schwer zu sagen, weil ich nicht will, dass der Eindruck entsteht, ich hätte versucht, etwas zu kopieren.
Kritiken.de: Dann sagen wir inspirierend.
Beim Film liebte ich als junger Mann Chaplin, in der Universität liebte ich Bunuel, in meinen Zwanzigern liebte ich Kurosawa und in meinen Dreißigern liebte ich Antonioni. Und heute alles. In den letzten 15 Jahren habe ich ein besonderes Interesse für Italienische Filme aus den 1950er und 1960er Jahren entwickelt. Es gibt immer neue Schätze, die man finden kann. Was Romane betrifft, so liebe und lese ich immer wieder Garcia Márquez. Bei den Malern schätze ich Goya und Edward Hopper sehr.
Kritiken.de: Da Sie gerade Márquez erwähnten. Hätten Sie den Lust, eines seiner Werke zu adaptieren?
Nein. Es ist unmöglich, großartige Literatur filmisch zu adaptieren. Verzeihen Sie, dass ich das Offensichtliche ausspreche, aber große Literatur wächst über sich hinaus auf eine Art hinaus, die nur der Literatur vorbehalten ist. So wie das Kino auf eine Art über sich hinauswächst, die nur dem Kino vorbehalten ist. Wie Sie wissen, ist es normalerweise schwächere Literatur, die zu einem guten Film werden kann.
Kritiken.de: Fühlen Sie eine Art von Druck, eine bestimmte Art von Film abliefern zu müssen, da das Publikum das mittlerweile erwartet?
Nein. Die einzige Art, selbstreflexiv zu sein ist, dass ich mich nicht selbst wiederholen will. Manchmal sagt jemand in einem Interview zu mir, dass er bemerkt hat, dass all meine Filme dieses oder jenes beinhalten. Und ich denke mir dann nur. „Oh mein Gott, bin ich so armselig, dass ich mich wiederholt habe?“
Aber was die Leute erwarten, darüber denke ich wirklich nicht nach. Auf einer breiteren Ebene ist es nur so, dass es gut ist, Erwartungen zu konfrontieren und etwas zu tun, das neu ist.
Kritiken.de: Der Gedanke, ob ein Thema, das Sie transportieren wollen, auch wirklich so bei Ihrem Publikum ankommt, kommt Ihnen also nicht?
Nein. Im Allgemeinen ist es nett, wenn ein Film rauskommt und das Publikum lacht, wo es lichen soll, und ist still, wo es still sein soll. Wenn die Zuschauer emotional auf das reagieren, was ich erreichen wollte, dann ist das ein gutes Gefühl. Die schönste Reaktion aus dem Publikum kommt vielleicht sechs Monate, ein Jahr oder auch Dekade später, wenn jemand auf mich zukommt und mir sagt: „Ich mochte Ihren Film wirklich, und zwar darum…“
Und vielleicht sagt einem dieser Mensch dann, dass er etwas auf einem weit ernsthafteren Level verstanden hat, als man selbst eigentlich intendiert hatte. Das würde man dann natürlich zugeben, weil es überheblich wirkt. Aber wenn man jemanden trifft, der den Film so verstanden hat, wie man sich das wünscht, dann ist das ein sehr schönes Gefühl.
Kritiken.de: Ihre Filme leben von echten, glaubwürdigen Figuren in einer echten Umgebung. Wären Sie interessiert, diese Sensibilität im Rahmen eines gänzlich anderen Genres einzubringen, z.B. einem Superhelden-Film á la Marvel?
Ich würde einen Film jedweden Budgets inszenieren, solange wie das Drehbuch gut ist. Würde ich meine Sensibilität nehmen und in einen historischen Film einbringen? Ja. In einen Film, der in der Zukunft spielt? Ja. Ein Film, der in einem anderen Land spielt? Ja. Aber Superhelden sind etwas limitiert, auch wenn das vom Drehbuch abhängt. Mir werden solche Filme aber nie angeboten.
Kritiken.de: Aber es wäre ein interessanter Film, zumal es eine Geschichte sein könnte, wie weit abseits der typischen Genre-Konventionen erzählt wird.
Es würde ganz einfach vom Drehbuch abhängen.
Kritiken.de: Ein gutes Stichwort. Sie arbeiten häufig mit Jim Taylor zusammen. Wie verläuft diese Zusammenarbeit?
Wir sprechen die ganze Zeit über Ideen. Es sind entweder eigene Ideen oder auch eine Adaption. Vielleicht hat er ein Buch gelesen, das ihm gefiel und es mir gegeben, aber mir sagt es dann nicht zu. Oder es ist umgekehrt und er meint, dass er es aus diesem oder jenem Grund nicht gut findet. Aber es wird toll, wenn wir bei einem Thema übereinstimmen. Wir geben einander Zuversicht.
Kritiken.de: Ist es ein langer Prozess, bis Sie eine Geschichte finden, die Sie erzählen wollen?
Ja. Es ist auch so, dass man vielleicht eine gute Idee hat, aber dann muss man auch die Disziplin haben, sich hinzusetzen und das Skript zu schreiben. Das ist der schwierige, der langwierige Teil. Es ist okay, Ideen zu haben, die zu einem Film werden könnten, aber man muss dann auch wissen, wo man anfängt.
Kritiken.de: Kommt es vor, dass Sie an einer Geschichte arbeiten, dann doch nicht mehr von ihr überzeugt sind und sie verwerfen?
Nein. Das tun wir nicht. Wenn wir eine Geschichte gewählt haben, folgen wir ihr auch bis zum Ende. Wir glauben an sie. Niemals haben wir ein Skript aufgegeben.
Kritiken.de: Sie sind einer der wenigen Regisseure, die das Recht auf den Final Cut haben. Wie wichtig ist Kontrolle für Sie?
Jeder Regisseur wird Ihnen dasselbe sagen: Sehr wichtig. Aber es ist nicht Kontrolle auf eine böse Art und Weise oder als Ego-Trip. Als Zuschauer wissen wir aber auch alle, dass die besten Filme jene sind, die von der Sensibilität eines Menschen und nicht eines Komitees getragen werden.
Ich werde häufig über den Final Cut gefragt. Die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, wer ihn hat oder nicht hat. Ich glaube aber auch, dass er nicht so wichtig ist. Weil niemand wirklich deinen Film übernehmen will. Es ist einfach zu viel Arbeit. Niemand hat die Zeit dafür. Im Ernst. Was sollte ein Studio-Executive damit anstellen? Es ist einfach zu schwierig.
Kritiken.de: Besteht die Gefahr, wenn man das letzte Wort hat, dass man zu nahe dran ist und ein Problem vielleicht nicht als solches erkennen kann oder will?
Was mich betrifft, so kann ich Ihnen sagen: Die Zusicherung des Finals Cuts in meinem Vertrag zu haben, hat mich für die Ideen anderer offener gemacht, weil es keine Furcht oder Unsicherheit mehr gibt. Man weiß, dass man tun kann, was man will. Darum merke ich, dass ich sehr offen bin, was andere Ideen betrifft. Das ist, was ein Regisseur macht. Er öffnet sich anderen Ideen. Die können von einem Studio Executive, einem Assistenten, einer Ehefrau oder einem Ehemann kommen. Sie können von überall her kommen. Man will diese Ideen auch.
Die Hauptfiguren in Ihren Filmen sind häufig einsame Menschen, was nicht zwangsläufig an der Oberfläche zu sehen ist, aber doch, wenn man deren Lebensumstände genauer betrachtet.
Hamlet ist einsam, Michael Corleone ist einsam, Alex aus UHRWERK ORANGE ist einsam. Ich glaube, ich bin nicht allein darin, Protagonisten zu haben, denen wir während einer besonders schweren Krise in ihrem Leben folgen.
Kritiken.de: Spricht Sie das besonders an?
Ja, aber gilt wohl für jeden. Guido in 8 ½ ist einsam, Marcello in LA DOLCE VITA ist einsam. Für mich ist das nichts Ungewöhnliches. Ich finde, jeder kann sich damit identifizieren. Peter Sellers ist in DER PARTYSCHRECK ein Idiot, der zu einer Party eingeladen wird, bei der er niemanden kennt, aber mit diesem dümmlichen Gesichtsausdruck herumläuft und Anschluss sucht. Jeder kann das nachvollziehen.
Kritiken.de: Ihre Figuren erscheinen mir in der Beziehung extremer zu sein.
Für den Film übertreibt man ein wenig. Aber wenn Ihnen Ihr Doktor sagt, dass Sie Krebs haben, fühlen Sie sich auch etwas einsam und ich bin daran interessiert, Ihre Geschichte und wie Sie damit zurechtkommen, zu erzählen. Das ist das Leben. Filme drehen sich um eine Art Krise oder interessante Umstände, die einer einzigen Person passieren. Das isoliert die Figuren auf eine gewisse Art. Aber Sie haben Recht, normalerweise sind wir Teil einer größeren sozialen Struktur.
Kritiken.de: DOWNSIZING wird Ihr nächstes Projekt sein, ein Science-Fiction-Film über ein Pärchen, das körperlich kleiner werden will. Er zieht das durch, sie entscheidet sich dagegen. Wird das ein Genre-Film im Alexander-Payne-Stil?
Es ist haargenau dasselbe. Es ist immer noch eine echte Umgebung, in der die Geschichte spielt, nur eben ein bisschen in der Zukunft. Aber mit denselben stilistischen Präferenzen, um ein Ebenbild der Realität zu erschaffen. Das ist nicht anders. Wenn ich einen Film in der Vergangenheit spielen lassen würde, würde ich auch wollen, dass er sehr, sehr real ist.
Kritiken.de: Aber die Vergangenheit kennen wir, die Zukunft muss erst noch Gestalt annehmen.
Nicht notwendigerweise. Wir wissen nicht ganz genau, wie die Dinge im Jahr 1364 waren.
Kritiken.de: Aber wir stellen es uns anhand von Geschichtsbüchern vor.
Ja, Sie sagen es. Wir stellen es uns vor, wir wissen es aber nicht.
Kritiken.de: Es gibt jedoch einen Konsens darüber, wie es gewesen sein muss.
Das stimmt, aber es kommt auf die Details an. Sogar bei einem modernen Film hängt alles davon ab, dass die Details stimmen. Man sieht viele zeitgenössische Filme, die nicht besonders detailgetreu sind. Aber alles hängt immer von den Details ab.
Kritiken.de: Wann kann man DOWNSIZING erwarten?
Wenn ich die Finanzierung zusammenbekomme, inshallah, dann im Jahr 2017.
