Viggo Mortensen im Interview: "90 Prozent aller Drehbücher und Filme sind…
Viggo Mortensen im Interview: "90 Prozent aller Drehbücher und Filme sind…

Viggo Mortensen im Interview: "90 Prozent aller Drehbücher und Filme sind medioker"

Kritiken.de: Wie viel von Ihnen selbst steckt in Ihren Rollen?

Viggo Mortensen: Man bringt alles in jeden Film ein. Es ist der eigene Körper, die eigene Stimme, die Art, wie man denkt – das alles ist das Fundament jeder Figur .Manchmal spielt man Figuren, die äußerlich absolut anders sind wie Siegmund Freud, aber das eigene Ich durchzieht jede Performance.

Bei Daru gibt es auf einem oberflächlichen Level Aspekte, die nicht so weit entfernt von mir selbst sind. Ich bin neugierig, ich kann auch ein bisschen reserviert sein, wenn ich jemanden nicht kenne. Ich bin gerne für mich selbst, zudem sind mir auch Waffen, Pferde und jene Art Landschaften vertraut.

Das kam für mich alles ganz natürlich, auch wenn die Körpersprache eine andere ist. Es gibt viel, bei dem ich mit ihm übereinstimme. Manchmal spiele ich Figuren, deren Ansicht ganz anders als die meine ist, aber es ist mein Job, einen Weg zu finden, diese Ansicht zu verstehen und sie auch zu mögen.

Ich versuche, ehrlich zu sein und keiner Ideologie zu folgen, so wie Daru. In dieser Geschichte fühlt er sich, als würde er das Richtige tun, auch wenn es schade ist, dass seine Freunde damit zu Feinden werden, nur weil er für das einsteht, was richtig ist. Und seine Feinde werden seine Freunde. Aber darum geht es nicht, es geht darum, das Richtige zu tun.

Kritiken.de: Die Geschichte von Albert Camus ist jedoch anders als der Film.

Viggo Mortensen: Ja, der Film folgt nicht so sehr der Vorlage, aber sie entspricht Camus‘ Geist. Das kann man erkennen, wenn man seine anderen Arbeiten liest, auch und gerade seine journalistischen Werke in den 1930er Jahren, als er offen aussprach, was er dachte und dafür kritisiert wurde, für die arabische Population, der Ungerechtigkeiten widerfuhren, einzutreten.

Am Ende ist es nicht Camus, der Mohammed etwas tun lässt. Er zeigt dessen Sichtweise, wobei es ganz an Mohammed liegt, was er tun will. In gewisser Weise geht es in dem Film um freien Willen. Darum, das Leben zu wählen. Jeder Mensch hat seinen freien Willen und er sollte entscheiden, was er damit anfangen will.

Kritiken.de: Das Ende ist anders, als Daru zurück in die Schule kommt. In der Vorlage findet er dort eine Drohung vor.

Viggo Mortensen: Diese Szene haben wir gedreht. Aber der Regisseur hat beschlossen, dass sie nicht notwendig ist. Ich denke, er hat es entfernt, weil man sieht, dass jemand in das Gebäude gekommen ist und die Tafel, auf der steht, dass heute keine Schule ist, umgeworfen hat. Entfernt wurde der Moment, als ich aufblicke, die größere Tafel ansehe und dort geschrieben steht: „Du hast unseren Cousin getötet, dafür wirst du bezahlen.“
Ich glaube, er wollte nicht, dass Daru die Schule aus Angst verlässt. Es sollte seine Entscheidung sein, zeigen, dass er an diesem Punkt wusste, dass er nicht mehr hierher gehört und er darüber nachdenken muss, was sein Platz in diesem Land nun ist. Wir wissen nicht, was er tun wird. Ich glaube, er wird bleiben, aber es ist egal, was ich denke.

Kritiken.de: Sie kennen Camus‘ Werk. Ist seine absurde Sicht auf das Leben und den Existenzialismus heute noch relevant?

Viggo Mortensen: Es ist nicht nur absurd. Er ist sehr frei in seiner Ehrlichkeit, was Politik und Historie betrifft. Die Idee, über Grenzen und Unterschiede zwischen Menschen hinauszuschauen, ist heute wichtiger denn je. Es ist nur ein Film, aber auf eine kleine Art und Weise ist er wichtig. Er erzählt von zwei Männern unterschiedlicher Kulturen, die beide in derselben Region leben, und das schon ein Leben lang. Ein muslimischer Araber und ein christlicher Abkömmling von Europäern, die scheinbar nichts gemein haben, aber am Ende zusammenarbeiten müssen, um zu überleben. In den intensiven zwei Tagen, in denen sie zusammen sind, zeigt sich, dass sie doch nicht so unterschiedlich sind. Das ist eine Lektion, die auch heute noch Bestand hat.

Kritiken.de: Sie sagten mal, dass Sie ihre Karriere nicht planen, sondern darauf warten, dass die richtigen Projekte Sie erreichen.

Viggo Mortensen: Nun, ich kann nichts spielen, was man mir nicht anbietet. Dazu kann ich auch nicht nein sagen. Ich habe da weniger Wahl als Sie denken. Aber ich lese viele Drehbücher, wobei eines immer so war und auch immer so bleiben wird: 90 Prozent aller Drehbücher und Filme sind medioker. Vielleicht acht Prozent sind gut und zwei Prozent exzellent.

Kritiken.de: Werden Ihnen sehr unterschiedliche Projekte angeboten?

Viggo Mortensen: Ja, auch Studiofilme. Mir ist das Budget egal, auch, wo gedreht wird, oder in welcher Sprache, aber ich suche nach Geschichten, die ich auch selbst gerne im Kino sehen würde.

Kritiken.de: Es gibt Gerüchte, dass Sie im nächsten BOURNE-Film dabei sein werden.

Viggo Mortensen: Da ist nichts dran.

Kritiken.de: Gab es schon mal Rollen, bei denen Sie anzweifelten, dass Sie der Richtige dafür sind?

Viggo Mortensen: Manchmal. Bei Siegmund Freud dachte ich, dass ich nicht richtig wäre, aber Cronenberg sah es anders. Und ich vertraute ihm. Ich dachte darüber nach und fand den Menschen interessant. Als ich dann mit der Recherche anfing, erkannte ich, dass er weit komplexer war als das Bild, das man gemeinhin von ihm hat. Ich erkannte, dass David Recht hatte. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man jede Rolle spielen kann – auf einer inneren Ebene. Die Physis mag da Beschränkungen mit sich bringen.

Kritiken.de: Welche Rollen würden Sie denn nicht spielen?

Viggo Mortensen: Vielleicht eine Figur, die ähnlich einer anderen ist, die ich schon gespielt habe. Das wäre nicht interessant. Man entwickelt sich und lernt, indem man sich neuen und schwierigen Situationen aussetzt. Das kann man auch mit einer Figur machen, die man schon gespielt hat, wenn man sich ihr anders nähert. Hauptsächlich suche ich aber nach Rollen, die mich nervös machen, weil ich nicht weiß, ob ich sie meistern kann.

Kritiken.de: Als Künstler, der auch fotografiert oder dichtet, wie wichtig ist Ihnen da die Schauspielerei?

Viggo Mortensen: Das ist für mich alles dasselbe. Ich unterscheide da nicht.

Kritiken.de: Ist das Schreiben von Poesie aber nicht weit persönlicher und intimer?

Viggo Mortensen: Ja, aber es kann auch sehr einsam sein, besonders, wenn es nicht gut läuft. Wenn die Schauspielerei gut läuft, ist es der leichteste Job auf der Welt. Jeder ist glücklich. Wenn es nicht gut läuft, ist es peinlich und man fühlt sich, als hätte man jeden im Stich gelassen. Aber wenn es nicht leicht ist, dann lernt man mehr. Das ist bei jedem Job und jeder Beziehung so, dass die Dinge, die nicht gut laufen, einen nachdenken lassen. Man fragt sich, ob die eigenen Ideen die richtigen sind. Oder vielleicht bittet man auch jemanden um Hilfe. Mit jemanden zu reden und zusammenzuarbeiten, kann befreiend sein. Ich mag es, mit Leuten zusammenzuarbeiten. Das ist es auch, was ich an der Schauspielerei liebe.

Kritiken.de: Sie haben in verschiedenen Sprachen gearbeitet. Verändert sich die Art, wie Sie spielen, wenn Sie eine andere Sprache benutzen?

Viggo Mortensen: Ich glaube, es verändert den Ton, so wie bei Musik. Das Instrument ist die Art, wie die Stimme klingt. Es gibt einen gewissen Rhythmus. Das kann auch in derselben Sprache passieren, wenn man eine Figur aus England oder Alabama spielt. Das wirkt sich auf die Körpersprache aus. Wenn ich jemanden spiele, der Spanisch spricht und beispielsweise aus Argentinien ist, dann beeinflusst das auch meine Mimik und meine Gesten, ohne dass ich bewusst darüber nachdenke. Es passiert einfach.

Kritiken.de: Gibt es eine bestimmte Philosophie, nach der Sie Projekte aussuchen?

Viggo Mortensen: Ich habe da keinen Plan. Wenn es etwas ist, bei dem ich lernen kann, dann ist das ein Pluspunkt. Ich folge meinem Instinkt, der auf bisherigen Erfahrungen basiert. Wenn ich ein Drehbuch lese, dann frage ich mich, ob ich mich in der Rolle sehen kann, auch wenn es schwierig ist. Und es sollte eine Geschichte sein, die ich auch selbst gerne sehen würde.

Kritiken.de: Sie haben eine hohe Meinung von Cronenberg. Wie kommt es, dass Sie so gut mit ihm und nicht mit anderen wie Spielberg oder Columbus harmonieren?

Viggo Mortensen: Mir wurde noch nicht angeboten, mit diesen Leuten zu arbeiten. Möglich, dass wir auch sehr gut miteinander auskommen würden. Aber ich mag es, mit Cronenberg zu arbeiten. Er ist jemand, den ich respektiere. Ich respektiere seine Intelligenz und ich mag seinen Sinn für Humor. Außerdem liebe ich seine Hingabe zum Detail. Ich mag es, auf diese Art zu arbeiten. Je präziser man mit den Details ist, desto universeller wird die Geschichte, denke ich.

Ich bewundere auch, dass er nun mehr als 70 Jahre alt, seit vier Jahrzehnten aktiv ist und sich immer noch selbst herausfordert, indem er sich nicht wiederholt. Seine Einstellung ist die eines jungen Mannes, der gerade aus der Filmschule kommt. Nach HISTORY OF VIOLENCE hätte er vier weitere solche Filme machen und damit sehr erfolgreich sein können, aber er wollte lieber EASTERN PROMISES machen. Und dann die Geschichte über Jung und Freud. Er will neue Dinge lernen, und das bewundere ich.

Kritiken.de: Sich als Künstler immer wieder herauszufordern, ist wichtig.

Viggo Mortensen: Ja, und in Bewegung zu bleiben. Wie Haie. Wenn die nicht schwimmen, sterben sie.

Kritiken.de: Cronenberg ist einer der Regisseure, mit denen Sie am häufigsten gearbeitet haben.

Viggo Mortensen: Nach dem ersten Film war mir klar, dass wir auf eine Art kommunizieren können, ohne viel reden zu müssen. Wir haben dasselbe Verständnis, was die Story betrifft. Wir reden vorab sehr viel, aber beim Dreh weiß ich dann mehr oder weniger, was er von mir will. Und er weiß, dass ich mein Bestes gebe.

Kritiken.de: Ihr neues Projekt ist CAPTAIN FANTASTIC.

Viggo Mortensen: Das ist ein wundervoller Film. Ich spiele den Vater von sechs Kindern, der mit ihnen in der Wildnis Nordamerikas lebt. Es gibt keine Computer, Handys, Fernsehen oder Elektrizität. Sie bauen ihr eigenes Essen an, spielen jeden Tag Musik, sprechen über Philosophie und erlernen Sprachen. Aber eines Tages müssen sie den Wald verlassen und die Kinder wissen nicht, wie sie mit anderen Menschen interagieren sollen. Das ist eine interessante Geschichte, die sagt, dass es vielleicht zu extrem ist, was der Vater tut, obwohl er nur das Beste für seine Kinder im Sinn hat.