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Whatever Happens

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kritiken.de Redaktion 30.11.2017
Whatever Happens© Universum Film GmbH
A ca. 1482 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Whatever Happens - Eine lakonische Studie über Verantwortung und Zerfall in der Gegenwartsgesellschaft

Einleitung

Whatever Happens tritt als unaufdringliches, dennoch insistierendes Drama in die aktuelle deutsche Filmlandschaft, das weniger durch spektakuläre Wendungen als durch nüchterne Beobachtungskraft besticht. Der Film verweigert einfache moralische Kategorisierungen und setzt stattdessen auf das genaue, fast chirurgische Sezieren von Beziehungen und Entscheidungen - eine Herangehensweise, die im gegenwärtigen Kino ebenso notwendig wie unbequem erscheint. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten über Verantwortung, Transparenz und persönliche Bindungen an Schärfe gewonnen haben, wirkt der Film wie eine stille Reflexion über die Kosten individueller und kollektiver Entscheidungen.

Die Relevanz von Whatever Happens liegt nicht allein in seinem Sujet, sondern in der Art, wie er Erzählung und Form verbindet. Anstelle plakativ formulierter Urteile bevorzugt er die Arbeit an Atmosphären, an Zwischentönen und an der präzisen Beobachtung von Alltagsszenen, die letztlich Aufschluss über größere gesellschaftliche Mechaniken geben. Dieses Feilen an Nuancen macht ihn zu einem exemplarischen Beitrag jener Strömung im deutschen Kino, die das Persönliche als Spiegel gesamtgesellschaftlicher Spannungen begreift.

Innerhalb der filmischen Produktion der beteiligten Künstler scheint Whatever Happens als Verdichtung bekannter Motive auf: die Suche nach moralischer Haltbarkeit in unsicheren Zeiten, die Schwierigkeit, intime Bindungen gegen gesellschaftlichen Druck zu behaupten, sowie die feine, oft schmerzhafte Diskrepanz zwischen Sprechen und Handeln. Die Tonalität des Werks ist reflektiert und eher kühl - nicht aus Mangel an Empathie, sondern als Ausdruck der Überzeugung, dass Dramatik dort am treffsichersten wird, wo sie nicht überhöht, sondern präzise eingefasst ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Whatever Happens präsentiert sich als bewusst zurückhaltend inszeniertes Ensemble-Drama, dessen filmische Handschrift weniger durch Effekte als durch Bildkomposition, Rhythmus und Schauspiel getragen wird. Die Regiearbeit zeichnet sich durch eine Vorliebe für längere, rigoros komponierte Einstellungen aus, die Alltägliches entblößen und dadurch psychologische Spannung erzeugen. Kamera und Szenenbild arbeiten eng zusammen, um Räume als seelische Zustände auszuzeichnen - Wohnungen, Büros und Straßen werden zu Indikatoren innerer Verfasstheit.

Produktionsseitig ordnet sich der Film in die tradierte Praxis des deutschsprachigen Autorenkinos ein, das mit begrenzten Mitteln maximale Dichte anstrebt. Die Entscheidung für eine gedämpfte Farbpalette, sparsame Montage und einen zurückhaltenden, oft fast dokumentarisch wirkenden Ton suggeriert eine Absicht: Nähe ohne Sentimentalität, Präzision statt Pathos. Solche Entscheidungen sprechen für eine Produktion, die weniger auf kommerzielle Effekte als auf künstlerische Stringenz zielt.

In der Chronologie der beteiligten Kreativen markiert Whatever Happens eine Fortführung und Verdichtung bereits bekannter Themen: die Auseinandersetzung mit moralischer Verantwortung, die Arbeit am Porträt von Figuren in existentiellen Kippmomenten sowie die Konzentration auf Sprach- und Verhaltensmuster, die sich erst im Schweigen voll entfalten. Die filmische Handschrift legt nahe, dass hier kein Eintagsfliegenprodukt, sondern ein bewusstes, thematisch konsequentes Kapitel im Schaffen der Macher vorliegt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Sylvia Hoeks, deren Präsenz in internationalen Produktionen die letzten Jahre verstärkte Aufmerksamkeit auf sie zog, übernimmt in Whatever Happens die zentrale Rolle und bringt ihre Fähigkeit zur subtile Spannung stiftenden Zurückhaltung ein. Bekannt geworden durch Figuren, die zwischen Kontrolle und innerer Aufgewühltheit oszillieren, nutzt sie hier ihre Gestik und Mimik als primäre Erzählmittel - weniger durch laute Gesten, mehr durch die Gewichtung des Schweigens.

An ihrer Seite agiert Torben Liebrecht, ein Darsteller mit Erfahrung in komplexeren, psychologisch angereicherten Rollen, dessen Spiel oft die Rolle des Gegenpols übernimmt - mal als Provokateur, mal als Spiegel. Victoria Mayer und Amelie Kiefer repräsentieren jüngere Perspektiven im Ensemble und bringen eine nervöse, manchmal naive Energie, die die Handlung in Richtung Generationenkonflikt verweist. Fahri Yardim und Alexander Beyer übernehmen Figuren, die institutionelle oder moralische Spannungen verkörpern - sie zeichnen Konturen von Autorität und Bruch zugleich.

Das Ensemble wird von erfahrenen Charakterdarstellern wie David Zimmerschied, Eckhard Preuß und Helena Prison ergänzt, deren präzise gesetzte Nebentöne dem Film zusätzliche Schichten verleihen. Insgesamt arbeitet der Cast weniger mit theatralischer Ausmalung denn mit innerer Logik und Reibung - jede Figur ist als steuernde Kraft im Netzwerk von Beziehungen angelegt, nicht als Symptom einer rein narrativen Funktion.

Handlung (spoilerfrei!)

Whatever Happens entfaltet seine Dramaturgie aus mehreren, eng miteinander verwobenen Beziehungsachsen. Im Zentrum steht eine Figur im Spannungsfeld zwischen persönlicher Verantwortung und äußerem Druck - ihr Handeln zieht nach und nach die Menschen in ihrem Umfeld in einen Verunsicherungsprozess. Die Erzählung vermeidet spektakuläre Katalysatoren und setzt stattdessen auf kumulative Spannungsbildung: kleine Missverständnisse, verzögerte Geständnisse, das langsame Auseinanderlaufen von Werten und Erwartungen.

Der dramatische Konflikt liegt in der Frage, wie Charaktere mit Unwägbarkeiten umgehen - ob sie handeln, schweigen, ausweichen oder Konfrontation wählen. Zentrale Figuren sind eine ambivalent gezeichnete Protagonistin, eine Person aus dem persönlichen Nahfeld, die als moralischer Prüfstein fungiert, sowie mehrere Repräsentanten institutioneller oder gesellschaftlicher Kräfte. Die Tonalität des Films ist gedämpft, melancholisch und nachdenklich - Momente großer Emotionalität werden nicht ausgeschlachtet, sondern sorgsam platziert.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern fragt Whatever Happens nach dem Gewicht von Entscheidungen und der Art und Weise, wie Verantwortung verteilt wird - privat, beruflich und öffentlich. Der Film verhandelt, wie Schuldgefühle, Versagenserwartungen und die Angst vor sozialer Exposition das Verhalten formen und dabei oft fatalerweise zu neuen Verwerfungen führen. Dabei wird Verantwortung nicht moralisch erhoben, sondern als praktisches Problem dargestellt - als etwas, das ausgehandelt, verschoben oder verdrängt wird.

Philosophisch berührt das Werk Themen der Authentizität und Selbstrechtfertigung: Welche Bilder von uns halten wir aufrecht, und wie viel davon ist Performanz? Psychologisch interessiert es sich für die Mechanismen des Verschweigens und die Folgen von ungesagten Wahrheiten. Gesellschaftlich reflektiert der Film über das Auseinanderdriften von individuellen Lebensentwürfen und kollektiven Erwartungen in einer Zeit, in der Stabilität seltener geworden ist.

Motivisch arbeitet die filmische Erzählung mit Wiederholungen von Räumen, wiederkehrenden Blicken und akustischen Leerräumen, die eine Atmosphäre der Ungeklärtheit erzeugen. Diese Muster schaffen eine Ästhetik des Unabgeschlossenen - nicht als Form der Resignation, sondern als Einladung, die Komplexität menschlicher Entscheidungssituationen ernst zu nehmen. Whatever Happens bleibt so weniger ein geschlossenes Urteil als ein feinsinniges Inventar unserer Gegenwartsmoral.

Filmkritik von Bianka Piringer

Am Anfang steht bei Julian (Fahri Yardim) und Hannah (Sylvia Hoeks) nicht die Liebe, sondern eine Zwecklüge. Bei einer Wohnungsbesichtigung geben sie sich dem Vermieter gegenüber als Paar aus, um den Zuschlag zu erhalten. Dann merken der lässige Fotograf und die strebsame Jura-Studentin, dass sich Gegensätze anziehen. Nach dem Examen nimmt Hannah eine mit vielen Reisen verbundene Stelle an, merkt dann aber, dass sie ungeplant schwanger ist. Obwohl sie sich nicht sicher ist, ob das Kind von Julian oder vom Ex-Freund stammt, möchte Julian die Vaterschaft bedingungslos annehmen. Und mehr noch, er entscheidet sich für die Rolle des Hausmannes, damit Hannah arbeiten gehen kann. Sieben Jahre später beschließen Julian und Hannah die Trennung und ziehen aus der gemeinsamen Wohnung aus. Der Alltag – hier der stressige Job, dort die häusliche Gemeinschaft von Vater und Tochter – bot schon lange kaum noch Berührungspunkte.

Der Film, bei dem Niels Laupert Regie führte, beginnt am Silvesterabend, als sich Julian und Hannah ein letztes Mal in der ausgeräumten Wohnung treffen. Bei der Übergabe verlangt der Vermieter, dass sie noch die Wände streichen. Dabei müssen Julian und Hannah auch noch zur Hochzeit ihrer Freunde Georg und Nora. Sie beginnen zu streichen – moderne Stadtmenschen sind halt immer im Stress -, finden aber zugleich noch Zeit, die gemeinsamen Jahre Revue passieren zu lassen. Dass die Geschichte immer wieder zu dieser Rahmenhandlung, in der wenig passiert, zurückkommt, bremst ihren Schwung aus. Dass Julian und Hannah am Ende des Weges verschüttete Gefühle füreinander entdecken, wirkt jedoch glaubwürdig, sobald der Film zu den Anfängen zurückkehrt. Die Szenen in der Zweier-WG besitzen Witz, Leichtigkeit und Romantik und hier ist der Film den beiden Charakteren auch am nächsten.

Dann aber, als Hannah schwanger ist und später, im Alltag mit Töchterchen Pauline, geht das Drama zu den beiden Hauptpersonen irgendwie auf Distanz. Ihr gemeinsames Leben wird wiederholt in einem musikalisch unterlegten Reigen kurzer Szenen abgehandelt. Und Julian, der liebevolle Papa und Hausmann, sowie Hannah, die taffe Businessfrau, dienen vor allem dazu, typische Probleme eines Paares zwischen Familie und Beruf vorzuführen. Aber ihre eigene Persönlichkeit rückt jeweils in den Hintergrund und so bieten sie wenig Gelegenheit zur Identifikation.

Diese standardisierte Erzählweise muss der Grund dafür sein, dass Julians und Hannahs Probleme bald langweilen. Dabei wirken sie durchaus realistisch. Sehr treffend wird zum Beispiel geschildert, wie fremd sich Hannah fühlt, wenn sie wieder mal kurz aus Frankfurt oder von einer Amerikareise heimkommt und die Gewohnheiten von Vater und Tochter kaum kennt. Vieles wirkt bis ins Detail gut beobachtet, aber es fehlt die emotionale Fallhöhe.

Oft werden Szenen, in denen wenig Relevantes passiert, langatmig zerdehnt. Mit der Zeit beginnt man sich beim Zuschauen zu fragen, ob man nicht im eigenen Leben gerade wertvolle Momente verpasst. Julian und Hannah wirken auch zu lange unschlüssig, ob sie noch zusammenbleiben wollen oder nicht – aber vielleicht waren sie ja die ganze Zeit weder das eine, noch das andere. Nur fast bildet der Film also die Ernüchterung, die realen Abnutzungserscheinungen einer Beziehung ab. In Wirklichkeit weiß er nicht recht, worüber er klagen soll – Julian und Hannah wirken zu passiv als Opfer eines Alltags, den sie sich schließlich selbst eingerichtet haben.

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