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Madame

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kritiken.de Redaktion 30.11.2017
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A ca. 1855 Worte Lesezeit ca. 7 Minuten  📋 Inhalt

Madame - Zwischen Salon und Skandal: Die Etikette der Begierde als Bühne gesellschaftlicher Kollisionen

Einleitung

Madame positioniert sich nicht als boulevardeske Provokation, sondern als feinsinniges Studiendrama über die Mechanik höflicher Gesellschaften. Der Film entfaltet seine Relevanz aus dem Schnittpunkt zwischen privater Intimität und öffentlichem Schein: In einer Ära, in der soziale Masken und Machtverhältnisse neu verhandelt werden, liest sich die Filmsituation als Mikrokosmos größerer kultureller Spannungen. Das Werk fordert den Blick des Zuschauers heraus, das Oberflächliche als strukturellen Teil eines Gefüges zu begreifen statt als bloße Anekdote.

Regisseurin Amanda Sthers, die mit einem Hintergrund als Schriftstellerin und Theaterautorin in Erscheinung tritt, übersetzt literarische Präzision in bildhafte Tableaus. Ihr Interesse gilt weniger der großen politischen Geste als den Gesten der Personen: ein Blick, eine Geste, das Zögern vor einem Glas Wein. In dieser Hinsicht fügt sich Madame in eine Linie der modernen französischen Kinoästhetik ein, die psychologische Nuancierung und soziale Beobachtung verbindet.

Der Film ist zugleich ein Produkt seines Zeitgeists: Er reflektiert Fragen von Klasse, Geschlecht und kultureller Deklination des Privaten in einer globalisierten Sozialordnung. Indem er eine international besetzte Besetzung um amerikanische Protagonisten in einen französischen Kontext setzt, erzeugt Madame eine dichte Atmosphäre, in der nationale Codes, höfische Etikette und persönliche Tabus aufeinandertreffen.

Kurzüberblick zur Produktion

Amanda Sthers überträgt in Madame ihre literarische Handschrift auf die Leinwand: eine Regie, die auf Dialogfeinheit, die choreografische Anlage von Tischszenen und die theatralische Verdichtung des Alltäglichen setzt. Die Bildästhetik vermeidet laute Effekte zugunsten sorgfältig komponierter Räume, in denen die Kamera Privates beobachtet, ohne es gleich zu entblößen.

Die Produktion präsentiert sich als kleinere, international ausgerichtete französische Spielfilmproduktion mit einem Schwerpunkt auf Schauspielerführung und Produktionsdesign. Anstelle großer visueller Schauwerte steht die Inszenierung sozialer Riten im Mittelpunkt; die Finanzierung und Inszenierung scheinen auf die sorgfältige Ausarbeitung von Interieur, Kostüm und Klang gewichtet worden zu sein, um den Salon als Bühne zu definieren.

Im Gesamtwerk der Regisseurin markiert Madame eine fokussierte Annäherung an Konstellationen intimer Machtspiele. Sthers' filmische Vorlieben für Sprachspiele und melodramatische Verdichtungen finden hier eine dezidiert kamerabezogene Umsetzung, die das Theaterhafte des Textes in filmische Mittel übersetzt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Toni Collette übernimmt die zentrale Figur der Gastgeberin: ein Rollenbild, das in ihrer Darstellung auf die feine Balance zwischen Kontrolle und verletzlicher Unruhe setzt. Collette bringt die Erfahrung aus einem breit gefächerten Repertoire mit - von subtiler Innerlichkeit bis zu eruptiver Expressivität - und nutzt diese Bandbreite, um eine Frau zu zeichnen, deren höfliche Fassade Spannungen verbirgt.

Harvey Keitel, dessen Karriere ikonische Rollen in der amerikanischen und europäischen Filmgeschichte umfasst, repräsentiert hier einen älteren Gestus männlicher Präsenz. Keitels Darstellung verankert die Figur in einer Art würdevoller Autorität, die zugleich brüchig wirkt, wenn sie mit ungewohnten Situationen konfrontiert wird. Die Begegnung dieser beiden Schauspieler ermöglicht ein Spannungsverhältnis von Kontinuität und Störung, das den dramatischen Motor des Films trägt.

Das Ensemble, das den Abendkreis umgibt, besteht aus Figuren, die als Spiegel- und Kontrastflächen fungieren. Die Seitenfiguren übernehmen nicht nur komödiantische oder dekorative Funktionen, sondern strukturieren den sozialen Index, an dem sich Ambitionen, Unsicherheiten und unausgesprochene Wünsche ablesen lassen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die narrative Ausgangslage ist bewusst minimalistisch angelegt: Ein formelles Abendessen in einem eleganten Pariser Apartment bildet den Rahmen für Begegnungen zwischen Gastgebern, Gästen und dem unsichtbar Bleibenden im Hintergrund. Aus dem sozialen Ritual des Dinners entwickelt sich eine Reihe von Verhaltensmustern, die allmählich Risse zeigen. Der dramatische Konflikt entsteht nicht durch äußere Katastrophen, sondern durch die Kollision persönlicher Begehren und gesellschaftlicher Schranken.

Im Zentrum stehen klare Figurenkonstellationen: die amerikanische Gastgeberin und ihr Ehemann, die Gäste mit ihren eigenen Erwartungen und Abhängigkeiten sowie Dienstpersonen, deren Präsenz das Machtgefüge sichtbar macht. Die Spannung des Films speist sich aus dem Prinzip der Enthüllung durch Beobachtung - kleine Gesten und Untertöne, die allmählich Bedeutung heben.

Ton und Atmosphäre des Films sind von kontrollierter Eleganz geprägt. Die Inszenierung variiert zwischen komisch-ironischen Momenten und schwelender Dramaturgie, wobei die Kamera oft zum stillen Voyeur wird. Anstelle einer beschleunigten Plotführung erzeugt Madame eine dichte Tempo-Ökonomie, die auf das Aufleuchten zwischenmenschlicher Wahrheiten setzt.

Zentrale Themen und Motive

Madame stellt Fragen nach der Performance des Selbst in öffentlichen Räumen: Wie wird Identität verhandelt, wenn Etikette zum Instrument sozialer Selektion wird? Der Film untersucht die Mechanismen, mit denen Höflichkeit sowohl Schutz als auch Zwang sein kann, und zeigt, wie sich Begehren, Geheimnis und Scham innerhalb eines kodifizierten sozialen Rahmens entfalten.

Ein wiederkehrendes Motiv ist der Blick - sowohl als beobachtende Kameraposition als auch als wechselseitige Beobachtung der Figuren. Dieses Motiv verknüpft ästhetische Reflexion mit ethischer Fragestellung: Wer darf sehen, wer wird sichtbar gemacht, und welche Konsequenzen hat diese Sichtbarkeit? Ebenso zentral sind Fragen von Klasse und kultureller Differenz; die Interaktion zwischen amerikanischer Offenheit und französischer Etikette erweist sich als relationales Laboratorium für Macht.

Psychologisch interessiert sich der Film für die Gratwanderung zwischen Selbsttäuschung und Selbsterkenntnis. Die Figuren sind nicht einfach Träger sozialer Rollen, sondern Individuen, deren Innenleben die äußere Ordnung unterläuft. In stilistischer Hinsicht operiert Madame mit der Verbindung von theatraler Präzision und filmischer Beobachtung, wodurch das Gegenwärtige zum Prüfstand für normative Erwartungshaltungen wird.

Filmkritik von Peter Osteried

„Madame“: Wenn man zu lieben wagt …

Es ist die Geschichte von Cinderella, die hier erzählt wird – auf gewisse Weise. Nur dass diese Mixtur aus Komödie und Drama deutlich ernsthafter ist und sich dem verschließt, was man gemeinhin erwarten würde. Madame könnte man als eine romantische Komödie bezeichnen, aber eine, wie sie nur in Frankreich entstehen konnte. Mit dem Mut, sich gängigen Konventionen zu entziehen.

Bob (Harvey Keitel) und seine Frau Anne (Toni Collette) leben in Paris, da das ihrer Beziehung helfen soll – meint zumindest Annes Psychiater. Wie so häufig gibt Anne eine Dinner-Party für Freunde und Bekannte, aber als sich Bobs Sohn Steven selbst einlädt, ist es nicht nur eine ungerade Zahl. Es sind 13 Menschen am Tisch – und das geht gar nicht. Darum stattet Anne ihre Haushälterin Maria (Rossy de Palma) mit einem schönen Kleid aus und setzt sie auch an den Tisch, hält ihr aber vor, ruhig zu sein und nicht zu viel zu reden, damit ihre Freunde nicht merken, wer sie wirklich ist. Aber der Kunsthändler David Morgan findet Maria höchst charmant und beginnt, ihr den Hof zu machen …

Der Film spielt sehr schön mit dem Sein und Schein, aber auch mit der grenzenlosen Oberflächlichkeit der sogenannten Elite, die hier nur das Abbild von Menschlichkeit ist, aber eigentlich nichts damit zu tun hat. Nur Bobs Sohn Steven, ein Schriftsteller, der einen auf einer wahren Geschichte basierenden Roman geschrieben hat und nun von einer Schreibblockade geplagt wird, ist ein normaler Mensch, der jene, die finanziell unter ihm stehen, nicht verachtet, sondern wie seinesgleichen behandelt.

Seine Stiefmutter wiederum ist etwas gänzlich anderes. Sie ist selbstsüchtig und verletzlich zugleich, mitunter scheint sie zu echtem Gefühl fähig zu sein, nur um in der nächsten Szene das Gegenteil zu offenbaren. Sie ist die Madame des Titels, aber nicht das Zentrum des Films. Das ist ganz klar Rossy de Palma, die hier eine vielschichtige, zu Herzen gehende Darstellung abliefert. Weil ihre Figur ihrem eigenen Herzen folgt und bei allem, was passiert, niemals ihre Würde verliert. Sie mag nicht der reichen Kaste angehören, aber sie hat mehr Charakter als all die Wohlhabenden um sie herum – abgesehen vielleicht von Steven.

Wo Maria so etwas wie Cinderella ist, ist Anne die böse Stiefmutter, die immer wieder versucht, sie auf ihren Platz zu verweisen. Die einen sind oben, die anderen unten, und daran soll und wird sich nie etwas ändern. Aber Maria beginnt zu träumen. Und mehr noch: Sie beginnt zu glauben, dass sie dafür geliebt wird, wer sie ist, nicht was sie ist, auch wenn das alles mit einer Scharade begann.

Das geht zu Herzen, das lässt das Herz aufgehen, aber Madame wagt einen Schritt, den man bei amerikanischen Filmen so nicht sehen würde. Er bietet ein Ende, das nicht definitiv ist. Die Geschichte endet im Grunde, bevor das kommt, was man hier erwarten würde. Aber gerade das ist die Stärke dieses Werks, da es damit ambivalenter wird und zum Nachdenken anregt. Über die Situation, über die Motivation des liebenden Kunsthändlers, über das Ende an sich. Madame ist die Art Film, die nachwirkt.

Filmkritik von Bianka Piringer

Das Hausmädchen und die Hautevolee

Das amerikanische Ehepaar Bob (Harvey Keitel) und Anne (Toni Collette) gibt in seiner Pariser Villa eine Dinnerparty. Die erwarteten Gäste, unter ihnen auch der Londoner Bürgermeister, gehören alle zur Hautevolee. Aber kurz vor Beginn des festlichen Abendessens schneit auch Bobs erwachsener Sohn Steven (Tom Hughes) herein. Statt zwölf Gedecken soll es nun zum Ärger von Stevens Stiefmutter Anne 13 geben, was bekanntlich Unglück bringt. Außerdem findet sie, dass die Runde nun eine weitere Frau braucht. Also befiehlt Anne kurzerhand ihrem spanischen Hausmädchen Maria (Rossy de Palma), sich in Abendgarderobe zu werfen und unter die Gäste zu mischen. Unter der Regie der französischen Buchautorin Amanda Sthers, die auch das Drehbuch schrieb, nimmt nun ein amüsantes Boulevardstück über Romantik, Eifersucht und Standesdünkel seinen Lauf, das auch satirische Schärfe entwickelt.

Steven erlaubt sich einen Scherz und sagt dem Kunsthändler David (Michael Smiley), der zu den Gästen gehört, dass Maria eine Cousine zweiten Grades des früheren spanischen Königs Juan Carlos sei. David ist ganz begeistert vom Charme seiner Tischnachbarin und animiert sie, in der Runde einen Witz zu erzählen. Anne sieht mit versteinerter Miene, wie Maria ihren Befehl missachtet, nicht zu viel zu essen, nicht zu viel zu lächeln und nicht zu viel zu reden. Noch entsetzter aber ist Anne über die Folgen des Abends, denn David will sich erneut mit der geheimnisvollen Maria treffen und diese lässt sich gerne auf die neue Bekanntschaft ein. Plötzlich wirkt Maria viel glücklicher als Anne.

Der Erzählstil wirkt, häufig unterstützt von einer verspielt-fröhlichen Musikbegleitung, beschwingt und leicht. Aber die Dialoge geraten immer wieder erstaunlich bissig. Bob, Anne und ihre reichen Gäste legen zwar enormen Wert auf Etikette und amüsierte, mit Kennermiene geäußerte Bemerkungen, aber sie können auch anders. Bob ist sich wohl gar nicht bewusst, dass er einen Fauxpas begeht, als er Maria am Anfang des Dinners heimlich mit den Worten tröstet, für sie müsse das hier so sein wie für ihn die Anwesenheit bei einem Klempnertreffen. Ein eisiger Hauch umweht den Dünkel der Hautevolee und lässt gelegentlich frösteln. Denn auch die Beziehungen der Arrivierten untereinander sind prekär. In ihnen regiert das Kalkül und für Romantik ist, trotz einer gewissen Neigung zu Affären, kaum Platz.

Die Rivalität der beiden in jeder Hinsicht ungleichen Frauen wird von Toni Collette und Rossy de Palma, die in mehreren Filmen Pedro Almodóvars („Zerrissene Umarmungen“) zu sehen war, hervorragend gespielt. Anne kann mit ihrem Ehrgeiz und ihrem Regelwerk, was alles verpönt ist und von schlechtem Geschmack zeugt, regelrecht verbiestert wirken, während Maria zur lebhaften Vollblutfrau aufblüht und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt.

Bis hin zum verblüffenden Ende bewahrt sich die Geschichte eine schillernde Doppelnatur. Mal scheint sie eher ein gesellschaftskritisches Stück zu sein, dann wieder Wohlfühlkomödie. Diese Mischung verleiht ihr eine spannende Originalität. Sie regt zum Nachdenken an, vor allem darüber, wie zementiert das Klassenbewusstsein am oberen Ende der Gesellschaft hinter einer Fassade von Toleranz und Weltoffenheit doch noch ist. Aber Sthers' Erzählhaltung wirkt auch unschlüssig, als habe sie ihr Publikum nicht durch zu viel satirischen Biss verprellen, sondern vielmehr verschiedene Geschmäcker bedienen wollen.

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