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Coco - Lebendiger als das Leben

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kritiken.de Redaktion 30.11.2017
Coco - Lebendiger als das Leben© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1357 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Coco - Lebendiger als das Leben: Ein filmisches Ritual der Erinnerung und Identität

Einleitung

Coco - Lebendiger als das Leben tritt an, nicht als bloße Familienanimation, sondern als ein orchestriertes Nachdenken über Erinnerung, Tradition und die Formen, in denen Identität verhandelt wird. In einer Zeit, in der populäre Kultur zunehmend nach Herkunft und kultureller Authentizität befragt wird, bietet der Film ein dichtes Geflecht aus Bild, Musik und Ritual, das weit über die Konventionen des Blockbuster-Kinos hinausweist. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner Marktpräsenz als in der Art und Weise, wie er ein globales Publikum darauf hinführt, die Kategorien von Leben, Tod und Zugehörigkeit neu zu lesen.

Aus filmhistorischer Perspektive markiert Coco einen bewussten Schritt des Regisseurs in ein Terrain, das Pixar nur sporadisch berührt hatte: die explizite Auseinandersetzung mit konkreten kulturellen Praktiken und deren visueller Übersetzung. Anders als rein universelle Familiengeschichten beansprucht der Film eine spezifische kulturelle Grammatik - Rituale, Symbole, musikalische Codes - und formt daraus eine Erzählung, die sowohl lokal verankert als auch international verständlich bleibt. Diese Balance zwischen Detailgenauigkeit und narrativer Allgemeingültigkeit macht den filmischen Anspruch besonders interessant.

Der gesellschaftliche Hintergrund, vor allem die Debatten um Repräsentation, kulturelle Aneignung und die Ökonomien der Erinnerung, liefert dem Film eine zusätzliche Leseschicht. Er ist kein Dokumentarfilm, aber er wirkt wie ein ästhetisch reflektiertes Antwortstück auf Fragen danach, wie popkulturelle Produktionen mit kulturellem Erbe umgehen können und welche Verantwortung damit verbunden ist. In dieser Position liegt seine Bedeutung für den gegenwärtigen Zeitgeist.

Kurzüberblick zur Produktion

Coco wurde bei Pixar Animation Studios produziert und von Walt Disney vertrieben. Regie führte Lee Unkrich, unterstützt durch Adrian Molina als Coautor und Co-Regisseur. Unkrich, zuvor wesentlich verantwortlich für emotional fokussierte Pixar-Werke, setzt hier seine Tendenz zu dicht komponierten, menschenzentrierten Geschichten fort, erweitert sie aber um eine ästhetische und thematische Nähe zu mexikanischer Volkskunst und Ritualpraxis. Die Produktion profitierte von umfangreicher Recherchearbeit und der Hinzuziehung kultureller Berater, was sich in der detailreichen Gestaltung von Kostüm, Architektur und künstlerischen Motiven niederschlägt.

Innerhalb der Produktionsgeschichte von Pixar nimmt der Film eine Sonderstellung ein: Er ist ein Versuch, eine starke kulturelle Spezifik in das weithin globalisierte Animationskino einzuschreiben, ohne die konventionellen ökonomischen Rahmenbedingungen eines großen Studios zu verlassen. Die musikalische Konzeption, kombiniert mit einer opulenten visuellen Gestaltung, macht Coco zu einem Vertreter des Studios, das seine erzählerischen Experimente mit hohen technischen und ästhetischen Produktionsstandards koppelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die zentrale Stimme des jungen Protagonisten wird von Anthony Gonzalez getragen, einem Newcomer, dessen darstellerische Präsenz wesentlich auf Authentizität und Altersangemessenheit setzt. Gonzalez bringt eine frische, unverstellte Energie, die die emotionale Zugänglichkeit der Figur maßgeblich trägt. Neben ihm stehen etablierte Stimmen wie Benjamin Bratt, der zuvor in einer Reihe filmischer und televisiver Rollen Bekanntheit erlangte und hier eine charismatische, musisch geprägte Figur verkörpert, sowie Gael García Bernal, dessen international wahrgenommene Karriere ihm erlaubte, eine kulturell doppelt besetzte Rolle zu füllen. Diese Besetzungspolitik kombiniert junge, unbekümmerte Stimmen mit erfahreneren Schauspielern und schafft so ein vokales Spektrum, das von Unschuld bis Weltgewandtheit reicht.

Die Wahl der Sprecherinnen und Sprecher ist dabei mehr als Casting-Formalität; sie dient als kulturelles Instrument. Bekannte Biografien der Beteiligten - von Arthouse-Arbeiten bis zu populären Fernsehrollen - werden in die Wahrnehmung ihrer Figuren eingeschrieben und erlauben dem Film, verschiedene Publika gleichzeitig anzusprechen.

Handlung (spoilerfrei!)

Im Zentrum steht ein junger Protagonist, dessen inniges Verlangen nach Musik in Konflikt mit familiären Verboten und einer überlieferten Hierarchie von Werten gerät. Aus diesem Spannungsfeld entwickelt sich eine Reise, die ihn aus dem vertrauten Alltagsraum in eine andere, symbolisch aufgeladene Sphäre führt. Dort treffen persönliche Sehnsüchte auf kollektive Erinnerungen, und die narrative Energie des Films entsteht aus dem Bestreben, familiäre Bindungen über Zeit und Grenze hinweg sichtbar zu machen. Der dramatische Konflikt kreist um die Frage nach Loyalität - gegenüber den Lebenden und den Gespenstern der Vergangenheit - und darum, wie künstlerisches Begehren mit familiären Erwartungen verhält.

Ton und Atmosphäre wechseln zwischen humorvoller Leichtigkeit und einem melancholisch-subtilen Ernst. Musikalische Einschübe strukturieren den Film wie Atempausen; sie sind nicht nur Situationstext, sondern konstitutive Elemente der Erzählung. Die Figurenzeichnung bleibt bewusst zugänglich, zugleich reicht der Film in psychologische Nuancen hinein, die für verschiedene Altersklassen unterschiedlich resonant sein können.

Zentrale Themen und Motive

Coco stellt Fragen nach Erinnerung und Vergessen, nach Kontinuität von Identität und den Formen, in denen Zugehörigkeit gewahrt oder verworfen wird. Der Film befragt, wie Familienerinnerung konstituiert wird, welche Rolle Rituale dabei spielen und wie künstlerische Praxis diese Prozesse reflektieren oder stören kann. Dabei verschränkt er philosophische Überlegungen über das Bewahren von Geschichten mit konkreten sozialen Fragestellungen: Wer entscheidet, welche Geschichten überdauern, und auf welcher Grundlage werden sie weitergegeben?

Auf motovischer Ebene treten wiederkehrende Bilder auf - Altäre, Blumen, Licht und die symbolische Gestaltung des Jenseits - die nicht bloß dekorativ sind, sondern als visuelle Metaphern für Erinnerung und Verankerung fungieren. Die Musik arbeitet als kollektives Gedächtnis, das Brücken zwischen Generationen schlägt. Psychologisch gelesen thematisiert der Film die Arbeit, die Verlust und Trauer an familiären Beziehungen vollziehen; gesellschaftlich gelesen reflektiert er Debatten um kulturelle Repräsentation und die Ökonomie der Tradition.

Formal ist Coco auch ein Kommentar zur Macht des Animationsfilms: Die Fähigkeit, das Imaginäre zu materialisieren, wird hier genutzt, um kulturelle Praktiken sichtbar und sinnlich erfahrbar zu machen. Ohne moralische Belehrung bietet der Film so eine Bild- und Klanglandschaft, die die Zuschauerinnen und Zuschauer einlädt, über eigene Bezüge zu Herkunft, Erinnerung und künstlerischem Ausdruck nachzudenken.

Filmkritik von Peter Osteried

„Coco – Lebendiger als das Leben“: Pixar auf höchstem Niveau

Pixar-Filme befinden sich über Jahre hinweg in der Produktion. Entsprechend kann man Coco – Lebendiger als das Leben auch nicht als Reaktion auf aktuelle, amerikanische Politik sehen. Der Mutterkonzern Disney, der sich immer unpolitisch gibt, würde das auch gar nicht zulassen. Aber es hat eine gewisse Würze, dass ein großer Pixar-Film sich mit mexikanischen Mythen und Riten befasst und damit zugleich der amerikanischen Bevölkerung, also auch den Trump-Wählern, die in den südlichen Nachbarn nur Verbrecher sehen und eine Mauer wollen, einen anderen, menschlichen Blickwinkel präsentiert.

Am Tag der Toten gedenken Freunde und Verwandten jenen, die von ihnen gegangen sind. Es ist dieser Tag, an dem der kleine Miguel mit seinem Hund Dante durch einen merkwürdigen Zufall in einer anderen Welt landet – in der der Toten. Dies ist ein lauter, schrillbunter Kosmos schräger Figuren, darunter auch Miguels Ur-Ahnen. Einer der Bewohner dieses Landes der Toten, Hector, will Miguel helfen, wieder nach Hause zu kommen, doch das erweist sich als schwierig, zumal der Junge mit jedem Versuch, von hier wegzukommen, tiefer in ein altes Familiengeheimnis hineingezogen wird.

Pixar hat im Lauf seiner mehr als 20-jährigen Geschichte schon einige sehr bemerkenswerte Filme abgeliefert. Fast immer gelingt der Spagat zwischen Unterhaltung für Kinder und anspruchsvoller Tiefe für Erwachsene. Mit Werken wie Oben, Wall-E oder Alles steht Kopf gelang dies sogar noch besser. Von einem ähnlichen Kaliber ist nun Coco – Lebendiger als das Leben.

Dies ist eine Geschichte, die das Leben feiert, indem sie sich mit dem Tod befasst. Dafür nutzt man eine grandiose, bunte Landschaft, die von erstaunlich hintergründigen Figuren bewohnt ist. Das Land der Toten ist visuell atemberaubend, so wie es der ganze Film ist. Aber dass er so gut punktet, wie er es kann, liegt vor allem daran, dass er eine echte Emotionalität an den Tag legt, die auch jedem Live-Action-Film zur Ehre gereichen würde. Dieser Film trifft direkt ins Herz, aber er ist niemals kitschig oder verlogen. Zudem garniert er seine rasante Geschichte mit einigen sich geradezu überschlagenden Szenen, die für sich genommen schon atemberaubend sind, im Kontext des Films aber noch besser funktionieren.

Die Balance zwischen essenziellen Weisheiten und einer beschwingt-lockeren Erzählweise wird hier immer gewahrt. Natürlich gibt es für die jüngsten Zuschauer auch eine Botschaft, aber sie wirkt nie aufgesetzt oder peinlich, sondern ist homogen in die Geschichte integriert.

Großartig ist auch der Score des Films, der vielleicht das Beste ist, was Pixar musikalisch bisher geboten hat. Vielleicht bot sich aber auch kein anderer Film dazu an, da das Land der Toten nicht nur bunt und von außergewöhnlicher Schönheit, sondern auch musikalisch prägnant ist. Herausgekommen ist ein Gesamtkunstwerk, das zeigt, wozu man bei Pixar wirklich fähig ist – und das ist nach Jahren mit ausgelutschten und langweiligen Sequels etwas, das man nicht genug wertschätzen kann.

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