Brimstone - Ein viszeraler Western über religiösen Furor, patriarchale Gewalt und die Last der Erinnerung
Einleitung
Brimstone tritt nicht in die Fußstapfen gemütlicher Genrekosmetik, sondern verlangt dem Western seine dunkelsten Konturen ab. Der Film, 2017 in den Kinos erschienen, bringt eine europäische Perspektive auf ein amerikanisches Sujet und setzt dabei auf radikale Tonlage und erzählerische Verdichtung. Relevanz gewinnt der Film nicht nur durch seine laute Besetzung und sein opulentes Setting, sondern durch die unnachgiebige Konfrontation mit Fragen von Macht, Glauben und Überleben.
Im Werk seines Regisseurs markiert Brimstone eine bewusste Steigerung: Martin Koolhoven, der in den Niederlanden bereits als souveräner Genremischer bekannt ist, nutzt hier die formalen Mittel des Western, um moralische Abgründe zu erkunden. Anstatt nostalgischer Referenzen oder ironischer Brechungen dominiert eine strenge, beinahe opernhafte Gestaltung, die den Blick auf Gewalt und Ohnmacht schärft. Der Film beansprucht damit eine Position zwischen Revision und kathartischer Anklage.
Historisch und gesellschaftlich fügt sich Brimstone in eine Reihe zeitgenössischer Erzählungen, die das vermeintlich mythische Versprechen des "Frontier" als Projekt männlicher Dominanz und religiöser Self-Justification dekonstruieren. In einer Epoche, in der Debatten über Machtmissbrauch, systemische Gewalt und sprachliche Verschiebungen in der Erinnerungskultur hochkochen, wirkt der Film wie ein konturiertes, wenn auch provokantes Echo dieser Diskurse.
Kurzüberblick zur Produktion
Brimstone ist das ambitionierteste Projekt des Regisseurs Martin Koolhoven bis dato in puncto epischer Anlage und internationaler Besetzung. Als niederländische Produktion mit europäischer Finanzierung wirft der Film die Frage auf, wie ein nicht-amerikanischer Blick die Ikonographie des Western framet - nicht als nostalgische Reminiszenz, sondern als Fremdkörper. Prägnant ist die Entscheidung, traditionelle Hollywood-Mechaniken zu umschiffen und stattdessen eine straffe Kapitelstruktur zu wählen, die das Geschehen in Zeitsprüngen erzählt und so die Erfahrung von Trauma und Verfolgung formal spiegelt.
Die Dreharbeiten nutzten europäische Landschaften, die sorgfältig als Kulisse für eine entkernte Version des amerikanischen Westens fungieren. Visuell und tonal arbeitet der Film mit kontrastreicher Beleuchtung, kühlen Farbwerten und einer Inszenierung, die Nähe und Distanz im Wechselspiel hält. In der filmischen Handschrift Koolhovens zeigt sich eine Vorliebe für präzises Storytelling, das Genres verwechselt und zugleich weibliche Perspektiven in den Vordergrund rückt.
Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs steht Brimstone für eine Verschärfung seines Interesses an moralischen Grauzonen und historischen Ambivalenzen. Es ist weniger Unterhaltungsvehikel als ästhetisches Experiment - ein Film, der seine Zuschauer zur ästhetischen Arbeit auffordert, indem er konventionelle Identifikationsmuster unterminiert.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung von Brimstone ist international und von bewusster Heterogenität: Dakota Fanning, ehemals eines der markantesten Kinderstars Hollywoods, zeigt hier die Konturen einer Erwachsenenkarriere, die auf kontrollierter Intensität und innerer Härte baut. Ihre Darstellung ruht weniger auf demonstrativer Ausdruckskraft als auf beharrlicher Präsenz und der Fähigkeit, Verletzlichkeit in stoische Überlebensenergie zu übersetzen.
Paul Anderson, bekannt geworden durch seine prägnanten Nebenparts in Serien wie Peaky Blinders, tritt als personifizierte Bedrohung auf - mit einer kalten Konsequenz, die nicht durch karikierende Züge, sondern durch präzise kalibrierte Unmenschlichkeit funktioniert. Kit Harington, der einem internationalen Publikum durch eine zentrale Serienrolle vertraut ist, liefert eine Variierung des maskulinen Archetyps, während Guy Pearce und Carice van Houten als erfahrene Charakterdarsteller zusätzliche Schichten von Ambivalenz und Pathos einbringen.
Das Ensemble umfasst weitere junge und etablierte Schauspielerinnen und Schauspieler, die zusammen ein dichtes Geflecht sozialer Beziehungen formen. Gemeinsam schaffen sie ein Panorama, in dem individuelle Schicksale die größeren Fragen von Gerechtigkeit, Macht und Komplizenschaft spiegeln.
Handlung (spoilerfrei!)
Brimstone erzählt die Geschichte einer Frau, deren Leben durch das Auftauchen einer fanatischen Autoritätspersönlichkeit aus den Fugen gerät. Die Erzählung verzichtet auf lineare Kontinuität und gliedert sich stattdessen in mehrere Kapitel - Zeitsprünge, die nach und nach die Zusammenhänge offenlegen, ohne die erzählerische Spannung billig preiszugeben. Der dramatische Konflikt entspinnt sich zwischen dem Überlebenswillen der Protagonistin und der unerbittlichen Verfolgung durch Kräfte, die religiösen Eifer mit Gewaltbereitschaft koppeln.
Im Zentrum stehen Fragen von Schutz und Entzug, von Fluchtwegen und Zwangsmechanismen, während die Landschaft - physisch wie sozial - zu einem weiteren antagonistischen Moment wird. Tonal bewegt sich der Film zwischen klaustrophobischer Intensität in Innenräumen und einer frostigen Weite externer Bilder; Atmosphäre und Bildsprache arbeiten zusammen, um ein Gefühl permanenter Bedrohung zu erzeugen, das nur punktuell von Momenten fragiler Intimität durchbrochen wird.
Zentrale Themen und Motive
Religiöser Fundamentalismus und seine Instrumentalisierung als Machtmechanismus stehen im Mittelpunkt der filmischen Untersuchung. Brimstone fragt nach der Legitimation von Gewalt im Namen vermeintlicher Moral und zeigt, wie Glaubensgewissheiten zur rechtfertigenden Rhetorik für Unterdrückung werden. Gleichzeitig behandelt der Film Gender als strukturelles Problem - die Körper und Lebensentwürfe von Frauen werden zu Schauplätzen kollektiver Kontrollversuche.
Erinnerung und Trauma sind leitende Motive: Die fragmentarische Erzählform spiegelt das Zerfallsmuster traumatischer Erfahrung, die sich nicht als chronologische Abfolge, sondern als Bruchstückhafte Präsenz in der Gegenwart manifestiert. Moralische Ambiguität, die Diskrepanz zwischen öffentlicher Heuchelei und privateer Grausamkeit, sowie die Frage nach individueller Verantwortung in einem korrupten sozialen Gefüge bilden das philosophische Rückgrat des Films.
Formal verbindet Brimstone Revision und Ritual - er reaktiviert Genrezeichen und setzt sie gegen die Heroisierung des Westens ein. In dieser Spannung liegt seine provokante Kraft: Der Film fordert dazu auf, nicht nur zuzusehen, sondern die Voraussetzungen des Sehens zu hinterfragen - wer spricht, wer leidet und wie wird aus Geschichte Gewalt gemacht?
Filmkritik von Bianka Piringer
Die Rache des sadistischen Priesters
In einem kleinen Städtchen im amerikanischen Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts lebt die stumme Hebamme Liz (Dakota Fanning). Wenn sie zu einer Schwangeren gerufen wird, ist ihre kleine Tochter die Dolmetscherin. Ihr Mann Eli (William Houston) wundert sich, warum sie den neuen Reverend (Guy Pearce) der Kirchengemeinde nicht begrüßen will. Doch dann muss Liz bei einer Entbindung helfen, bei der entweder nur die Mutter oder nur das Kind überleben kann. Als das Kind tot auf die Welt kommt, wirft ihr der Priester vor, Gott die Entscheidung abgenommen und das Kind getötet zu haben.
Bis dahin lässt sich dieser Western des niederländischen Regisseurs Martin Koolhoven („Mein Kriegswinter“) vielversprechend und realitätsnah an. Indem er die Nöte von Hebammen thematisiert, die Leben retten wollten und in der patriarchalen Gesellschaft schnell in Verdacht geraten konnten, dem Schöpfer ins Handwerk zu pfuschen, bekommt die Geschichte eine besondere Relevanz. Und tatsächlich scheinen dem Regisseur, der auch als Drehbuchautor fungierte, auch im weiteren Verlauf die Leiden der Frauen im gerade erst besiedelten Westen Amerikas am Herzen zu liegen. So erzählt die nichtlinear und in Form von Kapiteln aufgerollte Handlung beispielsweise vom Martyrium, das Anna (Carice van Houten) als Frau des Reverends in seinem Hause durchlitt. Oder davon, wie es seine halbwüchsige Tochter Joanna (Emilia Jones) in ein Freudenhaus verschlug.
Aber schon bald drängt sich eine einzige inhaltliche Komponente mit Macht in den Vordergrund und verwandelt den Western in einen düsteren Rachethriller. Der Reverend, der einst aus Holland einwanderte und mit der alten Sprache auch „die Sünden der Heimat“ hinter sich lassen wollte, entpuppt sich als Psychopath. Er ist von einem fanatischen Glauben besessen, der die Frauenfeindlichkeit der Kirche auf die Spitze treibt. Als Joanna ihre Periode bekommt, bezeichnet er sie als „unrein“, wenig später reklamiert er sie für sich, wohl wissend, dass dieses Tun nicht gottgefällig ist. Wenn aber dieser Reverend zum irren Stalker mutiert, der es nicht zulassen kann, dass sich ein weibliches Wesen seiner Gewalt entzieht, versinkt die ganze Geschichte förmlich in seiner sadistischen Fantasie. Sie erzeugt durchaus erfolgreich eine bleierne Atmosphäre. Für Liz scheint es vor der schieren Übermacht des Reverends, den sie von früher kennt, kein Entrinnen zu geben.
Zuerst werden den trächtigen Schafen von Liz und Eli die Bäuche aufgeschlitzt, dann stirbt der brave Ehemann selbst einen so qualvollen Tod, dass man gar nicht hinsehen mag. Dass Liz nicht mehr sprechen kann, hat auch einen grausigen Grund. Es gibt Menschen, die der Frau beistehen wollen, so dass die Handlung zwischendurch kurz Gelegenheit zum Aufatmen gibt. Zu diesen positiven Nebenfiguren zählt eine von Carla Juri („Feuchtgebiete“) dargestellte, quirlige Prostituierte.
Aber all die hoffnungsvollen Fährten, die der Film legt, münden in infernalische Gewalt. Nicht einmal ein einsamer winterlicher Wald bietet vor ihr Schutz. Die geistige Perspektive verengt sich gedanklich, atmosphärisch, selbst die Kamera scheint die Umgebung, die Landschaft und die Menschen nicht mehr offen betrachten zu können. Die behauptete Frauenthematik dient dem Film letztlich eher als inhaltliches Alibi, um einfach nur sehr lange Brutalität, Qual und Erniedrigung ins Visier zu nehmen.

