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Turbo

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kritiken.de Redaktion 03.10.2013
Turbo© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
A ca. 1608 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Turbo als Allegorie der Geschwindigkeit: Animationskino zwischen Ambition und kollektiver Sehnsucht nach Erfolg

Einleitung

Turbo ist mehr als ein weiterer Beitrag zum reichhaltigen Katalog der frühen 2010er Jahre im Familienkino; der Film stellt die offensichtliche, fast kindlich-naive Faszination für Geschwindigkeit in eine erzählerische Form, die zugleich eine Bestandsaufnahme zeitgenössischer Leistungsnarrative anbietet. In der Gestalt einer titelgebenden Schnecke werden Fragen nach Tempo, Anerkennung und Selbstverwirklichung auf eine Art entpersonalisiert, die es erlaubt, individuelle Sehnsüchte als gesellschaftliche Phänomene abzubilden. Damit tritt der Film in eine Tradition der Animationswerke, die anthropomorphe Figuren als Projektionsfläche für erwachsene Erwartungen nutzen.

Aus filmhistorischer Perspektive lässt sich Turbo als Produkt einer Ära lesen, in der große US-Studios ihre Formeln variieren: vertraute Genreschnitte des Roadmovie und Sportfilms werden mit dem visuellen Vokabular computergenerierter Animation verwoben. Der Film nutzt das Potenzial der digitalen Bildgestaltung nicht nur zur Effekthascherei, sondern zur Umkehrung von Skalen - Nahaufnahmen, die gewöhnlich menschliche Mimik vermitteln sollen, werden an ein Winziges angelegt und öffnen so ein spezifisches kameratechnisches und emotives Register.

In gesellschaftlicher Hinsicht reflektiert Turbo ein kollektives Bedürfnis nach Aufstieg in einem Umfeld, das Leistung personalisiert. Die Figur der Schnecke fungiert als Katalysator für ein Gespräch über Individualismus, Teamarbeit und die Mechanismen des Ruhms in einer medial aufgeladenen Gegenwart. Der Film ist somit relevant, weil er die populäre Form des Animationsabenteuers nutzt, um zugleich moderne Ambitionen zu spiegeln und zu verhandeln.

Kurzüberblick zur Produktion

Turbo entstand bei DreamWorks Animation und wurde 2013 veröffentlicht. Regie führte David Soren, dessen Handschrift in diesem Projekt durch ein Händchen für genretypische Beats und eine Vorliebe für tempoorientierte Bilder erkennbar wird. Es handelt sich um einen Versuch, die Ästhetik klassischer Rennfilme - mit ihren Suspense-Bauten und spektakulären Sequenzen - in das Feld der familienorientierten Animation zu übersetzen.

Die Produktion folgt dem großen Studioanspruch jener Jahre: opulente CGI, ausgefeilte Texturen und eine synkopierte Schnittfolge, die den Eindruck von Geschwindigkeit und Dringlichkeit erzeugt. Innerhalb der Werkgeschichte des Studios steht Turbo als Beispiel für die Suche nach neuen Stoffen und Figuren, die das mainstreamige Animationsrezept variieren, ohne sich von den marktwirtschaftlichen Regeln für große Familienproduktionen zu lösen. Die Produktionsumstände verbinden dabei kommerziellen Ehrgeiz mit technischen Ambitionen, die sich in detailreichen Close-ups und einer aufwändigen Gestaltung der Miniaturwelt manifestieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble setzt auf prominente Hollywoodstimmen, die dem Film eine zusätzliche kulturmediatische Schicht verleihen. Ryan Reynolds leiht dem Titelcharakter seine Stimme und vermittelt eine Mischung aus Witz, Verletzlichkeit und Getriebenheit, die das Zentrum der Erzählung bildet. Paul Giamatti übernimmt die Rolle des vorsichtigen, familiären Gegenpols; seine Tonlage bringt die Skepsis und den Schutztrieb eines Bruders zum Ausdruck.

Michael Peña fungiert als menschlicher Verbündeter, dessen bodenständiger Tonfall die Brücke zwischen der Schneckenwelt und der menschlichen Alltagsrealität schlägt. Samuel L. Jackson ist als markante Gegenspielerstimme präsent und kontrastiert die jungenhaften Sehnsüchte des Protagonisten durch eine autoritäre Motorik in Sprache und Rhythmus. Ergänzt wird das Ensemble durch Stimmen wie Michelle Rodriguez, Snoop Dogg, Bill Hader und Maya Rudolph, die verschiedene Figuren des Freundes- und Förderkreises personifizieren und so die soziale Dimension der Geschichte ausformen.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung des Films folgt einem klaren, mythologisch aufgeladenen Aufbau: Ein vermeintlich ungeeignetes Subjekt hegt einen großen Traum, stößt auf Skepsis aus dem nahen Umfeld, findet Verbündete und wird schließlich mit einer Welt konfrontiert, die Leistung und Aufmerksamkeit mit Ruhm belohnt. Im Zentrum steht die titelgebende Schnecke, deren Sehnsucht nach Geschwindigkeit der Motor der Geschichte ist.

Der dramatische Konflikt besteht weniger in physischen Gefahren als in der Spannung zwischen innerem Anspruch und sozialer Erwartung. Während sich externe Prüfsteine in Form von Wettbewerben und Hindernissen manifestieren, geht es in der Narration vor allem um Zugehörigkeit, Selbstbehauptung und die Frage, welche Mittel legitim sind, um Ziele zu erreichen. Begleitet wird die Story von einer bunten Schar an Nebenfiguren - sowohl schneckenhaften Weggefährten als auch Menschen - deren Dynamiken das Thema von Teamgeist versus Individualismus modellieren.

Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen heiterem Abenteuer und pathetisch aufgeladenen Rennsequenzen. Die Bildsprache ist energetisch, die Musik treibend, die Gags sind familiengerecht, dennoch bemüht sich der Film um eine cineastische Nähe zu echten Rennfilmen, indem er Tempo und Risiko mit einer beinahe heroischen Bildlogik versieht.

Zentrale Themen und Motive

Turbo arbeitet mit einer Reihe von Leitmotiven: Geschwindigkeit als Versprechen von Erlösung, die Diskrepanz zwischen wahrgenommener Begrenzung und innerer Ambition, und die Konstruktion von Erfolg als kollektives Ereignis. Die Schnecke, deren Natur eigentlich dem Langsamen verpflichtet ist, wird zur Metapher für das menschliche Streben nach Beschleunigung. Diese Umkehrung wirft Fragen nach Authentizität und Selbstsicht auf: Wird das Subjekt durch das Errei-chen äußerer Ziele verändert oder bleibt es in seiner Identität verankert?

Weiterhin thematisiert der Film die Ökonomie der Aufmerksamkeit. In einer Zeit, in der Sichtbarkeit häufig mit Wert gleichgesetzt wird, stellt Turbo die Mechanismen des Spektakels dar, ohne die Analyse auf rein moralische Urteile zu reduzieren. Gemeinschaftsbildung und Solidarität treten als Gegenkräfte hervor: Die Idee, dass Erfolg nicht ausschließlich individueller Triumph ist, sondern durch Kooperation und gegenseitige Anerkennung entsteht, durchzieht die Erzählung als ethische Unterströmung.

Schließlich bleibt die Auseinandersetzung mit Größe und Maßstab ein wiederkehrendes Motiv. Indem das Kleine groß denkt und das Große in Miniatur neu gemessen wird, eröffnet der Film einen poetischen Blick auf Alltagsweltlichkeiten und ihre Aufladung durch Sehnsüchte. Turbo kann so als ein filmischer Versuch gelesen werden, Beschleunigung und Beharrung in ein dramaturgisches Gleichgewicht zu setzen und damit einen populären Diskurs über Ambition und Zugehörigkeit zu spiegeln.

Filmkritik von Josef Lommer

Schon der Name der renommierten kalifornischen Produktionsfirma DreamWorks bezeichnet einen der wichtigsten Mechanismen des Animationsfilms überhaupt: Hier arbeitet man an Träumen. Nachdem die Trickfilmschmiede vor wenigen Monaten „Die Croods“ aus ihrer prähistorischen Höhle vertrieben hat und für deren Tochter Eep der lange gehegte Wunsch nach der Erkundung der Welt in Erfüllung gegangen ist, darf nun in „Turbo“ die vom Arbeiterleben gelangweilte Schnecke Theo ihre Sehnsüchte ausleben. Als Theo bei einem nächtlichen Ausflug versehentlich mit Stickstoffoxid in Berührung kommt, mutiert sein lahmer Körper über Nacht zur Megamaschine, die nicht nur unkontrollierbar Radiowellen empfängt, sondern sich auch ultraschnell fortbewegen kann. Wie gut, dass er und sein Bruder Chet bald von dem armen Taco-Verkäufer Tito aufgegabelt werden, der das unglaubliche Weichtier ganz groß rausbringen möchte.

Der Animationsfilm hat offenbar vor einiger Zeit den adrenalingetriebenen Geschwindigkeitsrausch für sich entdeckt. Unlängst konnte bereits die pfiffige „Cars“-Reihe beachtliche Erfolge verbuchen. Natürlich gibt es erneut viel zu munkeln, inwieweit man sich wieder einmal an den großen Kontrahenten Disney und Pixar orientiert hat. Die Tatsache, dass sich DreamWorks – wie es beispielsweise schon bei „Große Haie, kleine Fische“ der Fall war – thematisch erneut an den Konkurrenten annähert, sollte man aber erst einmal außen vor lassen. Interessant ist in erster Linie, wie die Produktionsfirma ihre Version des „Rennsportanimationsfilms“ umsetzt.

Gas geben kann „Turbo“ in jedem Fall, und das nicht nur in seinem rasanten Finale. Insgesamt ist der Film in weiten Teilen recht flott, auch wenn er nach Theos Wandlung einen etwas anderen Einschlag bekommt. Mit der Einführung einiger menschlicher Figuren wird „Turbo“ nämlich zum waschechten Sozialmärchen. Da entwerfen die Macher ein schäbiges Fleckchen Stadt, auf dem Tito mit Bruder Angelo eine Taco-Bude betreibt und das dem Zuschauer schließlich von allerlei gescheiterten Existenzen erzählt. Sie alle träumten dort einst von der Freiheit durch berufliche Unabhängigkeit. Ein Nagelstudio, eine Autowerkstatt und ein Hobbyladen werden im Laufe der Story zum Inbegriff des geplatzten Traumes. Voller Vorfreude eilt man dort an das klingelnde Telefon, nur um dann resigniert festzustellen, dass sich der Anrufer verwählt hat.

Dabei arbeitet „Turbo“ charmant mit Repräsentationen aus der populären Ghettokultur. Nicht nur wird eine kindgerechte Topografie des modernen Armutsviertels gezeichnet, Theo bekommt auch ein paar prollige Gefährten zur Seite gestellt, die die Geschichte zur putzigen „The Fast and the Furious“-Parodie werden lassen. Passend dazu gibt es einen ordentlichen HipHop-Soundtrack auf die Ohren. Animalische und humane Lebenswelten vermischen sich schließlich an diesem elenden Ort, und alle sind Teil eines Unterschichten-Sozialgefüges, das vor allem durch seine Zeitgemäßheit auffällt.

Dass die schnelle Schnecke zum großen Renner wird, ist denn auch nicht allein den neuen Fähigkeiten zu verdanken, sondern vielmehr den nicht minder rasanten Kommunikationsprozessen der viralen Videowelt. Kurzerhand wird die Schnecke per Smartphone aufgezeichnet, ins Clipformat konvertiert und mit brechenden Dubstep-Beats hinterlegt. Das neue Kuriosum nimmt seinen digitalen Lauf. Theo, das kleine Wunder der Natur, muss dazu nicht viel beitragen und twittert sich dank des Wunders der Technik in die Herzen der sensationsgierigen Web-2.0-Gesellschaft.

Dadurch schleicht sich aber etwas Ernüchterndes in den actiongeladenen Spaß ein. Für einen Animationsfilm ist „Turbo“ erschreckend entzaubert. Keine Magie, keine Mysterien, sondern Ursache-Wirkungs-Verhältnisse von chemischen Reaktionen und medialen Hypes. Wo wir in „Die Croods“ noch auf eine Entdeckungsreise durch die geheimnisvolle Steinzeit geschickt wurden und mit „Shrek“ durch einen fabelhaften Märchenwald tingelten, da geleitet uns „Turbo“ – so skurril die Mutation der Hauptfigur auch sein mag – durch Phänomene und Prinzipien der uns vertrauten Weltordnung. Das kann man zwar gleichermaßen als Stärke des Films betrachten, aber mal ehrlich: Erwarten wir von einem derartigen Trickfilm nicht, dass er uns das Unbekannte vor Augen führt, dass er unsere Imagination kitzelt und uns etwas vorgaukelt von fremden Orten, sonderbaren Sphären und neuen Gesetzmäßigkeiten?

Auch verweigert der Film eine völlig andere, weil teils menschliche Perspektive, und so geht gleichfalls dieser Reiz, der einige Genrekollegen wie „Madagascar“ oder eben „Cars“ auszeichnet, schnell verloren. „Turbo“ hält nur bedingt Aufsehenerregendes für den Zuschauer bereit, stattdessen zwingt er mehr und mehr das Wundersame des animierten Bildes in die Knie. Wenn Theo am Ende seine außerordentlichen Kräfte wiedererlangt, die während des großen Rennens verloren gehen, dann geschieht dies nicht durch Zufall oder Zauberei, sondern durch die technischen Hilfsmittel unserer modernen Welt. Schade, aber so gehen wohl heutzutage Träume in Erfüllung.

DreamWorks schickt einen turbulenten, aber harmlosen Animationsspaß ins Rennen, der in Sachen Originalität, Figuren und Detailreichtum von vielen Genrekonkurrenten abgehängt wird.

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