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Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll

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kritiken.de Redaktion 03.10.2013
Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll© DCM Filmverleih
A ca. 3490 Worte Lesezeit ca. 12 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll: Glanz, Einsamkeit und die Mechanik der Maskerade

Einleitung

Der Film Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll tritt an als Porträt einer Figur, die wie kaum eine zweite das amerikanische Showbusiness der Nachkriegszeit personifiziert: äußerster Prunk im Dienst einer sorgfältig kultivierten Persona. Die Relevanz des Films liegt gerade darin, dass er nicht nur eine Biographie über einen Entertainer erzählt, sondern die Mechanik von Ruhm, Inszenierung und Intimitätsverlust ausleuchtet. In einer Zeit, in der mediale Selbstdarstellung und Celebrity-Kultur omnipräsent sind, liest sich Liberace zugleich als historische Fallstudie und als Spiegel heutiger Phänomene.

Für den Regisseur markiert der Film einen bewussten Schritt in Richtung eines konzentrierten Charakterstudiums. Die erzählerische Zurückhaltung, die klare Bildsprache und die Präzision in der Figurenführung lassen das Werk in eine Linie mit anderen filmischen Porträts treten, die weniger Effekthascherei als psychologische Beobachtung suchen. Das Resultat ist ein Werk, das zwischen glitzernder Oberfläche und innerer Leere balanciert.

Gesellschaftlich betrachtet berührt der Film Fragen nach Homosexualität, Machtverhältnissen und öffentlicher Moral in einer Ära, die sexuelle Nonkonformität mit beruflicher Bedrohung gleichsetzte. Gleichzeitig reflektiert das Werk den Wandel der Repräsentation: Es verlagert die Betrachtung weg vom bloßen Klatsch hin zu einer Analyse, wie Privatheit und Öffentlichkeit miteinander kollidieren. Die Tonalität dieses Zugangs ist seriös, feuilletonistisch und auf Tiefenschärfe bedacht.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Steven Soderbergh, dessen Handschrift sich in der kompositorischen Klarheit und dem distanzierten Blick auf Glamour und Melancholie abzeichnet. Soderbergh, bekannt für einen flexiblen Umgang mit Genrekonventionen und einem Hang zur technischen Experimentierfreude, verwendet hier eine minimalistischere Ästhetik als in einigen seiner filmischen Extravaganzen. Die Bildführung konzentriert sich auf Nähe und Textur, die Montage hält Zwischentöne, und die Ausstattung dient weniger der reinen Show als dem Sinnbildhaften.

Die Produktion entstand in Kooperation mit einem größeren Fernsehstudio und orientiert sich formal an hochwertigen Fernsehspielen, die filmische Ambitionen mit zugänglicher Narration verbinden. Auffällig ist der Einsatz von Musik und Kostüm als narrative Instrumente - weniger als Dekor denn als Indikatoren innerer Zustände. Im Gesamtwerk des Regisseurs steht dieser Film für eine Phase, in der Soderbergh wiederholt das Intime über das Spektakuläre stellt und sich mehr auf Figurenpsychologie konzentriert.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Michael Douglas übernimmt die Rolle des Liberace und tritt in eine lange Tradition schauspielerischer Transformationen, die seine Karriere prägt. Douglas arbeitet weniger mit Effekten als mit feiner mimischer Nuancierung und Körperarbeit, um die Kluft zwischen Bühnenpersona und privatem Selbst auszutarieren. Matt Damon gibt den Kontrastpart als junger Begleiter und Biograph in spe, eine Rolle, die von ambivalenter Zuneigung und erkennbarer Verwundbarkeit geleitet wird.

Eine Reihe bekannter Nebendarsteller wie Dan Aykroyd, Rob Lowe und Debbie Reynolds ergänzt das Ensemble und verankert das Biopic in einem weiten Panorama aus Showbusiness-Ikonographie. Ihre Figuren spiegeln unterschiedliche Facetten des Umfelds - Bewunderung, Opportunismus, familiäre und berufliche Nähe - und lassen so die Protagonisten in einem sozialen Kontext erscheinen, der die Grenzen zwischen Privatem und Inszeniertem ständig neu auslotet.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film zeichnet den Verlauf einer Beziehung zwischen einem herausragenden Entertainer und einem deutlich jüngeren Begleiter, wobei die Erzählung weniger chronologisch als psychologisch strukturiert ist. Ausgangspunkt sind die Galavorstellungen, die konzertanten Auftritte und die schillernden Kostüme, die in regelmäßigen, fast ritualisierten Sequenzen gesetzt werden. Dem gegenüber stehen private Räume, Interviewsituationen und intime Außenaufnahmen, die das soziale Klima jener Zeit spiegeln.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Asymmetrie von Macht, Berühmtheit und Bedürfnis nach Nähe. Verschiedene Figuren fungieren als Katalysatoren für Eifersucht, Abhängigkeit und Selbstinszenierung. Zentrale Personen sind der glänzende Entertainer, sein junger Begleiter und ein enges Umfeld aus Freunden und Geschäftspartnern, deren Loyalitäten und Interessen unterschiedlich gewichtet sind. Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen theatralischem Glamour und stiller Dramatik; der Film vermeidet übermäßige Sentimentalität zugunsten einer präzisen Beobachtung.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach der Echtheit von Identität unter Bedingungen ständiger Beobachtung. Der Film stellt die These in den Raum, dass öffentliche Persona und private Person nicht einfach zwei getrennte Sphären sind, sondern in einem ständigen, oft schmerzhaften Austausch stehen. Die Kostüme, das Bühnenlicht und das Klavier fungieren als Symbole für Rüstung und Verstärkung - sie schützen und isolieren zugleich.

Weiterhin geht es um Macht in intimen Beziehungen: um Abhängigkeiten, ökonomische und emotionale Verhältnisse, die Liebe, Besitzansprüche und Fürsorge miteinander verknüpfen. Die Darstellung versucht, die moralischen Grauzonen aufzuzeigen, in denen Opfer und Täter nicht immer klar getrennt sind. Schließlich ist der Film auch ein Kommentar zur Geschichte medialer Sensationen und der Art, wie Gesellschaften Persönlichkeiten formen, konsumieren und fallen lassen.

In der Summe bietet Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll mehr als eine biographische Skizze. Er fungiert als analytisches Instrument, das Fragen nach Öffentlichkeit, Intimität und der Politik des Begehrens stellt, ohne sie in einfache Urteile zu zwingen. Die filmische Sprache bleibt dabei ruhig und beobachtend, so dass die Ambivalenzen, die die Figur umgeben, zur produktiven Unruhe des Werks werden.

Filmkritik von Gregor Torinus

Steven Soderbergh hatte angekündigt, dass der Thriller „Side Effects“ (2013) sein letzter Film für die große Leinwand ist. Da verwundert es, dass der Regisseur bereits im selben Jahr das Drama „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ gedreht hat. Doch wirklich wortbrüchig ist Soderbergh mit seinem Biopic um den gleichnamigen Entertainer nicht geworden. Den großen Hollywoodstudios war die Geschichte „zu schwul“, doch letztendlich konnte Soderbergh den für seine innovativen Serien bekannten TV-Produzenten HBO für das Projekt gewinnen. Somit ist das im Original als „Behind the Candelabra“ betitelte Werk in den USA „nur“ ein Fernsehfilm. Im Gegensatz zu vielen mit Fernsehgeldern mitproduzierten deutschen Kinospielfilmen, sieht „Liberace“ jedoch keineswegs nach einem TV-Film aus. Ganz im Gegenteil besticht der Film nicht nur durch seine hervorragenden Schauspieler, sondern auch durch seine große visuelle Kraft.

Heute ist der Name Liberace bereits ein wenig in Vergessenheit geraten. Dabei war der ebenso virtuose, wie exzentrische Pianist von den frühen Fünfzigern, bis zum Ende der siebziger Jahre der erfolgreichsten Entertainer seiner Zeit. Liberace vereinte Glamour und Kitsch, Charme und Eloquenz, handwerkliche Brillianz und spielerische Rasanz. Er kreierte einen ganz eigenen pompösen Stil, der heute unschwer als Bestandteil einer Queer-Culture zu erkennen ist. Liberace trat mit zum Teil über 50 Meter langen Pelzmänteln auf, die über und über mit kostbaren Steinen bestickt waren. Ein gewaltiger Kerzenständer (engl. „Candelabra“, deshalb der Originaltitel) auf seinem Klavier wurde sein Erkennungszeichen. Auch die Klaviere, von denen er in seiner prunkvollen Villa ganze 39 Stück besaß, waren über und über mit Gold und mit Schmucksteinen verziert.

Erstaunlicherweise ahnten seine zumeist weiblichen Fans nicht, dass ihr Idol homosexuell war. Alle glaubten die Story von der enttäuschten Jugendliebe zu einer wesentlich älteren Eiskunstläuferin, die Liberace für den Rest seines Lebens das Herz gebrochen habe. Seine wahre Sexualität lebte der als Wladziu Valentino Liberace in Wisconsin geborene Sohn einer polnischen Mutter und eines italienischen Vaters nur im Verborgenen aus. Liberace umgab sich mit immer neuen gutgebauten, jungen Männern, die er gerne als „Assistenten“ oder „Protegés“ in seine Show integrierte und mit denen er Fern der Blicke des Publikums in seiner Villa auch das Bett teilte. Einer von Liberaces Geliebten war Scott Thorson, mit dem er nicht nur fünf Jahre leiert war, sondern den er zeitweise sogar adoptieren wollte. Thorsen verarbeitete die ebenso leidenschaftliche, wie wechselhafte Beziehung später in seinen autobiografischen Erinnerungen „Behind the Candelabra“, der direkten Vorlage für Steven Soderberghs Film.

Die Handlung beginnt im Jahre 1977. Scott Thorson (Matt Damon) ist bei Pflegeeltern auf dem Lande aufgewachsen und arbeitet als Hundetrainer für TV-Werbespots. In einer Bar lernt er den Choreografen Bob Black (Scott Bakula) kennen, mit dem er einen Wochenendtrip nach Las Vegas macht. Dort sehen sie sich eine Show von Liberace (Michael Douglas) im Hilton-Hotel an, den Bob auch persönlich kennt. Scott ist von der unglaublichen Show und von der Ausstrahlung von Liberace vollkommen fasziniert und nutzt begeistert die Gelegenheit den Entertainer im Backstagebereich persönlich kennen zu lernen. Auch Liberace wirft sofort ein Auge auf den jungen gutaussehenden Mann und innerhalb kürzester Zeit sorgt er dafür, dass Scott bei ihm einzieht. Dieser genießt das sorglose Leben in Saus und Braus und die innige Liebe zu dem älteren Mann. Sie beide kennen das Gefühl der inneren Einsamkeit, dass sie einerseits verbindet, aber andererseits auch ihre Beziehung sehr kompliziert macht. Erschwerend hinzu kommt, dass sich Scott zunehmend wie in einem goldenen Käfig eingesperrt fühlt...

Die Wahl von Michael Douglas als Darsteller für Liberace könnte befürchten lassen, dass die Vita des schillernden Entertainers in diesem Biopic gnadenlos für seine skurrilen Schauwerte und latent homophobe Witzeleien ausgebeutet wird. Immerhin wurde der Schauspieler mit Rollen wie dem toughen Bullen in den „Straßen von San Francisco“ oder als der skrupellose Finanzhai Gordon Gekko in Oliver Stones „Wallstreet“ (1986) berühmt. Jedenfalls ist Michael Douglas wahrscheinlich nicht die erste Person, an die man denkt, wenn man einen Darsteller für eine nuancierte Interpretation des homosexuellen Liberace sucht. Doch erstaunlicherweise erweist sich Douglas als die perfekte Besetzung, bringt er doch viel von seiner eigenen schillernden Persönlichkeit in sein Spiel mit hinein. Zugleich genießt er es sichtlich einmal eine Rolle zu spielen, die in Bezug auf seine sonstigen Parts extrem ver-queer ist. Das gleiche gilt für Matt Damon, obwohl jener natürlich schauspielerisch generell weit weniger festgelegt ist.

Die beiden verkörpern nicht nur vollkommen glaubhaft ein schwules Liebespaar. Sie bringen zusätzlich eine verblüffende Ambivalenz und Vielschichtigkeit in ihre Figuren hinein. Liberace ist ein unglaublicher Charismatiker und ein Menschenfreund und zugleich ein despotischer Egomane und ein sentimentaler Clown. Scott ist einerseits der schlichte Typ vom Land, der den alternden Star gnadenlos ausnützt und die Dolce Vita in dessen palastartigen Anwesen genießt. Aber viel mehr noch empfindet er echtes Mitleid und wahre Liebe und möchte einfach sein Leben mit dem Mann teilen, der Geliebter, Vater, Mentor und Kumpel in einem für ihn ist. „Liberace“ ist ein Plädoyer für mehr Toleranz, nicht nur für Homosexuelle, sondern für alle Abweichler vom aktuellen gesellschaftlichen Status Quo. Doch der Film drängt seine Botschaft keineswegs auf. In erster Linie gibt Liberace einen hoch unterhaltsamen Einblick in eine der besonders schillernden und skurrilen Welten der Siebziger, die ihre Vielschichtigkeit und ihre reichen Zwischentöne erst nach und nach preisgibt.

Am ehesten vergleichbar ist der Film deshalb mit „Boogie Nights“ (1997), Paul Thomas Andersons Meisterwerk über die Pornoindustrie der selben Zeit. Sollte Steven Soderbergh tatsächlich keine Kinofilme mehr drehen, so wäre „Liberace“ ein würdiges Abschiedswerk. „Side Effects“ ist zwar ein guter Thriller, doch stößt dort der penetrant zur Schau getragene, gesellschaftskritische Anspruch auf, zumal dieser sich mit der Zeit als nichts, als heiße Luft entpuppt. „Liberace“ macht es hingegen genau anders herum: Was auf den ersten Blick nicht viel mehr, als eine leicht hysterische Feier der Geschmacklosigkeit wirkt, offenbart sich später als unerwartet bereichernd und komplex.

Filmkritik von Mattes Teschabai

Steven Soderbergh schämt sich für die Gleichmacherei in Hollywood, für die Diktatur des Geldes, kehrt ihr den Rücken – und findet glücklichweise Hilfe beim Fernsehen. Mit „Liberace – zu viel des Guten ist wundervoll“ verfilmt er die Erinnerungen von Scott Thorson, der als 17-Jähriger Farmjunge eine sechsjährige Beziehung mit dem 40 Jahre älteren amerikanischen Star-Pianisten, Meisterentertainer und Milliardär Liberace begann. Dass Matt Damon deutlich älter wirkt als 17, fällt nicht weiter auf, weil Michael Douglas als Liberace ohnehin jedwede Menschlichkeit um sich herum aufsaugt. Als säuselnder Traum aus Schmuck, Schminke und Erleuchtung tänzelt sich Douglas durch die bittersüße Mechanik der Liebe und spielt dabei locker seinen eigenen Gordon Gecko an die Wand. Soderbergh erfindet mit dieser HBO-Produktion, die Hollywood zu speziell war, seinen altbekannten Spagat aus Unterhaltung und Filmkunst noch einmal neu. Er pendelt zwischen greller Satire über Ruhm und Las Vegas und intensivem Kammerspiel einer komplizierten, homosexuellen Beziehung, ohne dabei das eine gegen das andere auszuspielen.

Scott Thorson (Matt Damon) ist auf einer wohlbehüteten Farm aufgewachsen. Er ist ruhig, bisexuell, ausgeglichen, zuvorkommend und arbeitet als Tiertrainer beim Film. Als ein Freund aus Hollywood ihn mit nach Las Vegas nimmt, um ihn dem großen Liberace (Michael Douglas) vorzustellen, beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Noch am nächsten Tag stellt „Lee“ ihn als eine Art bezahlten Lebenspartner ein und holt Scott in seine Villa. Was sich zunächst wie ein Traum anfühlt, bestätigt der Hausdiener ihm kühl als solchen, indem er zu verstehen gibt, dass er weder der erste noch der letzte Lover in diesem Haus sei. Ganz andere Bedenken stellen sich ein, als Liberace ihn mit zu Dr. Startz (Rob Lowe) nimmt, ein Gemälde seiner selbst vorführt und Scott darum bittet, ein paar Gesichtsoperationen über sich ergehen zu lassen. Während Lee seine Shows durchzieht und seinen Feierabend mit einem fröhlichen und verwöhnten Nachwuchs-Liberace verbringen möchte, versucht Scott mit Tabletten und Drogen dem optischen und mentalen Anspruch des Stars gerecht zu bleiben. Der alte Wunsch, einmal Tierarzt zu werden ist lange vergangen und die Angst vor der Prophezeiung des Hausdieners wächst.

Soderbergh gab seiner Wut auf Hollywood in einer feurigen Rede auf dem internationalen Filmfest in San Francisco Ausdruck und machte nach der Ablehnung seines Liberace-Projekts Stimmung als Studio-Deserteur. Wenn man denn will, könnte man sogar meinen, man merke dem Fernseh-Soderbergh eine gewisse Ruhe an, eine neue Gelassenheit, die sich vollends von den störenden Schwierigkeiten des Effektekinos gelöst hat. „Liberace“ öffnet mit einer lakonischen Filmset-im-Film-Szene. Tierpfleger Thorson erklärt dem Kameramann, die Umständlichkeiten beim Dreh mit scharfen Hunden. Vieles müsse aus Sicherheitsgründen in mehreren Anläufen und Einstellungen gedreht werden. Im Haus von Liberace gibt es keine scharfen Hunde mehr, sondern nur blinde Pudel und schnurrende Schoßhunde, um die sich Scott in aller Ruhe und Liebe kümmern kann. Weg von den obligatorischen Action-Setpieces, zurück zur echten Kamera, zum wahren Kino, zu den komplexen, menschlichen Dramen.

Soderbergh, der in den letzten Jahren noch durch innovative Action-Choreographie (Haywire) und aufwendiges Ensemble-Kino (Contagion) auffiel, konzentriert sich mit „Liberace“ auf die langen Einstellungen, die ihm sowieso schon immer lagen. Er geht aus vom bunten Paradiesvogel und seinem absurden Palast aus Gold, Opal und Strass und nimmt dem künstlichen Überfluss durch eine ruhige, beharrliche Regie ganz langsam die Ferne und Exotik, macht kritisch sichtbar, wie es sich anfühlt innerhalb dieser Welt eine abgeschiedene Beziehung zu führen. Nach dem narrativ mehr-bödigen, fast unfairen Psycho-Thriller „Side Effects“ ist „Liberace“ vor allem ehrlich. Soderbergh lässt den Figuren alle Zeit, sich zu erklären, jeder noch so hanebüchenen Regung, gibt er nach der satirischen Ausschlachtung die filmische Möglichkeit sich als Motivation zu entfalten. Der meterlange Chinchilla-Pelz, ein Strass-Stein besetzter Rolls Royce, ein Palast aus Gold und Spiegel, Perücken, Implantate und Operationen – der künstliche Kosmos des Liberace ist genau so absolut wie zielgerichtet. Doch Michael Douglas verleiht dem Rattenfänger die selbstgenügsame, lebensbejahende Integrität eines viel beschäftigten Schlagersängers und unterlegt das Ganze mit weltferner Poesie.

Die extravagante Welt und die schillernd zurückgezogene Beziehung zwischen den beiden außergewöhnlichen Liebenden gibt ihm genügend vielschichtige Angriffsfläche, um all seinen cineastischen Gelüsten nachzugehen. Neben der Regie hat er, wie immer unter Pseudonym, auch Schnitt und Kamera übernommen und tobt sich in den vielen Facetten des Films ordentlich aus. Soderbergh zeigt zwar wenige Las Vegas-Auftritte, lässt diese dafür aber pointiert in die Dramaturgie einfließen und schafft es sowohl den mitreißenden Rhythmus der Liberace-Show als auch das subjektive Erlebnis von Scott auf den Punkt zu bringen. Matt Damon und Michael Douglas fordert er mit minutenlangen, häuslichen Plansequenzen zu einer faszinierenden, ehrlichen Leistung heraus, die von mehr zeugt als schauspielerischem Genius und einer guten Kameraführung. Wie Damon und Douglas sich als Verliebte, Verkrachte, Verrückte auf dem Bett und im Whirlpool räkeln und über Liebe und ihr Leben philosophieren, zeugt, wie der ganze Film, von einer betörenden Angstfreiheit.

Die Hauptdarsteller werden von einer erstklassigen Riege an Nebendarstellern verwöhnt. Rob Lowe ist als Beverly-Hills-Schönheitschirurg für den morbide-satirischen Teil des Films verantwortlich und wirkt wie eine desillusionierte Mischung aus Michael Jackson und Don Johnson. Dan Akroyd wird gegen den Strich gebürstet und vertritt als nüchterner Manager den unbarmherzigen Überlebenstrieb des Stars Liberace. Debbie Reynolds produziert sich in süffisant polnischem Akzent als Mutter von Mr. Showmanship. Zu viel des Guten ist eben wundervoll. In seiner Rede gegen die Studios spricht Soderbergh auch von der riesigen Verantwortung, die Filmemacher tragen, weil sie das Glück haben, eben Filme zu machen. „The only way to repay that karmic debt is to make something good, is to make something ambitious, something beautiful, something memorable.“ Mit „Liberace“ ist Soderbergh seinem Nirvana ein bisschen nähergekommen und schließt mit der geplanten Krankenhaus-Miniserie „The Knick“ hoffentlich genau dort an.

Filmkritik von Jochen Werner

„Ich bin kein Rubinstein. Aber Rubinstein ist auch kein Liberace“, so heißt es einmal in Steven Soderberghs filmischer Biografie des exaltierten Starpianisten (Michael Douglas), der im Grunde immer schon zu überlebensgroß und zu schwul schien für die Karriere, die er in den USA der prüden 1950er Jahre hinlegte. Aber es war wohl wirklich so, wie der Begleiter des großäugig und mit offenem Mund gen Bühne starrenden Scott Thorson (Matt Damon) hier bereits am Filmbeginn formuliert: „Sie haben keine Ahnung, dass er schwul ist.“ Und so wurde der Pianist in den kaum fassbaren Glitzerkostümen zum populärkulturellen Idol für die ganze, meist schwer heteronormative nordamerikanische Familie.

Steven Soderbergh betrachtet seinen extrovertierten Protagonisten durch die Augen eines Menschen, der ihm auch privat nahe kam – jedenfalls sofern es für eine Kunstfigur wie Liberace überhaupt so etwas wie ein Privatleben geben konnte. Scott Thorson war einer unter den zahlreichen deutlich jüngeren Liebhabern des Klassikpop-Stars, und wie er werden auch die Zuschauer von „Behind the Candelabra“, der nun unter dem so hübschen wie treffenden Titel „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ in die deutschen Kinos kommt, zunächst staunend in die schillernde Welt Liberaces eingeführt. Wie ein amerikanischer Wiedergänger Ludwig II. hat dieser sich ein Märchenschloss errichtet, vollgestellt mit Kitsch und narzisstischen Devotionalien des eigenen Ruhms – eine schwule Glitzerwelt, die Scott zunächst zum Versprechen und dann zum Gefängnis wird.

Denn aus dem Umwerben des jugendlichen Liebhabers mittels Schmeicheleien und aller nur denkbaren Aufmerksamkeiten wird schnell ein Besitzdenken seitens des alternden Superstars – kulminierend in einer Reihe kosmetischer Operationen durch den zwielichtigen Schönheitschirurgen Dr. Jack Startz (Rob Lowe). Diese Operationen nämlich veranlasst Liberace nicht nur, um die noch nicht einmal wirklich augenfällig dahin schwindende Jugendlichkeit seines Liebhabers zu bewahren, sondern in erster Linie, um diesen zu einem jüngeren Doppelgänger seiner selbst umzugestalten. Das „Vertigo“-Syndrom to the max und als narzisstische Persönlichkeitsstörung uminterpretiert, wenn man so will – Steven Soderbergh betritt hier dunkles und aus pathologischer Perspektive höchst faszinierendes Territorium.

Leider interessiert ihn die Weiterführung dieser Perspektive dann aber doch höchstens halb, und „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ bewegt sich im Grunde zwei Stunden lang auf eher abgesichert erscheinendem Biopic-Territorium. Das muss ja freilich nicht schlecht sein, und kompetent inszeniert ist der Film allemal: Vielleicht zählt er gar zu den besten Arbeiten des in seinem Oszillieren zwischen Hollywood-Blockbuster und unabhängigen Produktions- wie Vertriebswegen mitunter ja nicht völlig zu Unrecht mit dem Vorwurf einer gewissen Beliebigkeit ringenden Steven Soderbergh. Aber im Grunde geht es dem Zuschauer doch beizeiten so, wie es ihm nicht selten mit Soderbergh-Filmen geht: Unter der Oberfläche eines annehmbaren Films verbergen sich Spuren eines interessanteren, klügeren, besseren Films, der aber ungedreht geblieben ist.

Dabei gibt es durchaus viel zu mögen an „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“, und mit manch einem Detail hat sich Soderbergh gar – im noch immer allzu eng abgesteckten Rahmen des amerikanischen Mainstream-Films – recht weit aus dem Fenster gelehnt. Zu schwul für das Kino, so hieß es im Vorfeld, sei sein Biopic geplant gewesen – was den Regisseur dazu bewog, sich gleich gänzlich vom Kino als Produktionsstruktur (angeblich endgültig) abzuwenden. „Liberace“ ist eigentlich ein TV-Film, produziert vom Pay-TV-Sender HBO, der ja auch lange Zeit quasi alleinverantwortlich für den inzwischen knapp eineinhalb Jahrzehnte andauernden Höhenflug der amerikanischen TV-Serie schien.

Dass Soderbergh seine Geldgeber nun beim Fernsehen statt in Hollywood sucht und findet, ändert aber nur wenig daran, dass das Kino als Dispositiv weiterhin den Maßstab und Fixpunkt seiner Inszenierung darstellt. Die Bilder von „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ sind reiche, mitunter überbordende Kinobilder, der Erzählrhythmus ist ein filmischer. Eher deutet das Asyl, das inzwischen zahlreiche Filmemacher im Fernsehen suchen – meist in seriellen Erzählformen, denen sich nun auch Soderbergh mit der angekündigten Mini-Serie „The Knick“ zuzuwenden plant –, darauf hin, dass das Kino im Zeitalter des Konzept-Blockbusters und des Independent Mainstream (an dessen Etablierung Steven Soderbergh freilich sicher nicht unschuldig war) zu viel Bewegungsspielraum eingebüßt hat, um halbwegs ambitionierten oder auch nur in geringstem Maße grenzensprengenden Filmprojekten noch Raum zu bieten.

Dass allerdings ein handwerklich gediegener, dabei aber grundsätzlich konventioneller Film wie „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ bereits als dermaßen transgressiv gehandelt wird, dass er die Grenzen des Darstellbaren im amerikanischen Gegenwartskino strapaziert, sagt weniger etwas über Soderberghs Inszenierung als über den in dieser Hinsicht dann doch tendenziell beklagenswerten Status quo des US-Kinos aus. Was vor Jahr und Tag noch seinen Ort in den liberaleren Peripherien des Mainstreams gefunden hätte – und vermutlich, angesichts etwa der Performance von Michael Douglas in der Titelrolle, gar nicht einmal zu Unrecht als veritabler Oscar-Kandidat gehandelt worden wäre – muss sich heute im televisionären Exil ereignen, um überhaupt noch möglich zu werden. Nur dass dieses Exil vielleicht gar kein Exil mehr ist, sondern für Filmemacher wie Soderbergh zum eigentlichen, zentralen Fokus ihres Schaffens wird. Die Grenzen des Kinos sind die Chancen des Fernsehens.

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