kritiken.de Filme
Filme

Der Schaum der Tage

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 03.10.2013
Der Schaum der Tage© StudioCanal Deutschland
A ca. 1772 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Der Schaum der Tage - Gondrys visuelle Melancholie zwischen Nonsens und literarischer Verzweiflung

Einleitung

Mit Der Schaum der Tage trat Michel Gondry an, den mythischen Roman von Boris Vian in eine filmische Sprache zu überführen, die seinem eigenen Erfindungsreichtum entspricht. Die Verfilmung aus dem Jahr 2013 war mehr als ein bloßes Adaptationsprojekt; sie las sich als Herausforderung, die verspielte Wortgewalt und die surreale Logik des Ausgangstextes in eine handgreifliche, visuelle Phantasie zu übersetzen. In einer Zeit, in der Literaturverfilmungen oft zwischen Treue zum Werk und kinotauglicher Vereinfachung oszillieren, versucht Gondry eine dritte Möglichkeit: die Metapher als Raum, nicht nur als Motiv.

Der Film ist relevant, weil er einen populären Stoff mit einer eindeutigen ästhetischen Handschrift kombiniert. Gondry arbeitet mit Blicken und Apparaturen, die gleichzeitig Kinderspielplatz, Labor und Traumbühne sind. Das macht Der Schaum der Tage zu einem Prüfstein dafür, wie weit zeitgenössisches Kino visuelle Originalität verteidigen kann, ohne die emotionale Klarheit einer Liebesgeschichte zu untergraben.

Für die Rezeption des Films war außerdem prägnant, dass Gondry starke, international profilierte Darsteller verpflichtete. Das Ensemble bringt starbesetztes, vielfach im populären Kino bewährtes Spielvermögen in einen filmischen Kosmos, der auf poetische Überhöhung und groteske Details setzt. Diese Spannung zwischen Star-Appeal und künstlerischem Experiment prägt die Wahrnehmung des Films ebenso wie seine formalen Ambitionen.

In gesellschaftlicher Hinsicht korrespondiert Gondrys Umsetzung weniger mit konkreter Zeitdiagnose als mit einer fortwährenden Reflexion über Konsum, Entfremdung und die Verletzlichkeit des Privaten. Die filmische Oberfläche mag verspielt erscheinen, doch darunter arbeitet eine melancholische Präzision, die das Werk als zeitloses Kapitel einer postmodernen Mythologie liest.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Michel Gondry, dessen Werk sich durch handgemachte Effekte, improvisatorische Bühnentechniken und eine Vorliebe für das Spiel mit physischer Realität auszeichnet. Bekannte Stationen seiner Filmographie wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind und The Science of Sleep markieren den Schnittpunkt von Popularität und formaler Experimentierfreude, an dem auch Der Schaum der Tage steht. Gondry überträgt hier seine charakteristischen Mittel auf einen groß angelegten, literarisch verankerten Stoff und skaliert seine Ästhetik in kompliziertere Produktionsräume.

Die Inszenierung legt auffälligen Wert auf Ausstattung, Kulisse und Requisiten, die nicht nur dekorativ sind, sondern als erzählerische Elemente fungieren. Viele Effekte wirken bewusst handgefertigt und mechanisch, wodurch der Film eine taktile Qualität erhält, die digitalen Glättereien widerspricht. Diese Entscheidung macht den Film aufwändig, sowohl in der Herstellung als auch in der Korreographie von Bild und Raum, und positioniert ihn innerhalb von Gondrys Schaffen als ambitioniertes, spielerisches Großprojekt.

Im Kontext des Gesamtwerks steht der Film für eine Radikalisierung jener Methoden, die Gondry bereits in seinen früheren Arbeiten erprobt hat: die Fusion aus persönlicher Poetik, visueller Improvisation und einer fast theatralen Materialität. Zugleich ist es eine der wenigen Gelegenheiten, auf denen Gondry einen literarischen Klassiker der französischen Nachkriegszeit in dieses persönliche Vokabular übersetzt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Romain Duris nimmt die zentrale Rolle des jungen Protagonisten ein und bringt die Mischung aus naiver Leichtigkeit und aufkeimender Ernsthaftigkeit, für die er früher in Filmen wie L'Auberge Espagnole und De battre mon coeur s'est arrêté Anerkennung erhielt. Seine Präsenz wirkt weniger als Starsignal als vielmehr als tragfähiges Zentrum, an dem die surreale Gestaltung auf menschliche Empfindungen trifft.

Audrey Tautou, international bekannt durch Amélie, verkörpert die geliebte Figur und liefert die stille, fast fragile Gegenstimme zur überschäumenden Bildsprache. Ihre Darstellung vermeidet theatralische Überhöhung und setzt stattdessen auf unmittelbare Intimität, die den filmischen Mikrokosmos erdet. Gad Elmaleh, primär als Komiker und Schauspieler im populären französischen Kino präsent, bringt als obsessiver Freund eine Mischung aus komischem Timing und pathologischem Ernst in die Geschichte.

Omar Sy, der sich durch seinen Erfolg in Intouchables einen breiten Bekanntheitsgrad verschaffte, übernimmt eine Rolle als enger Vertrauter im Ensemble und fungiert als Stabilisator zwischen absurden Einfällen und menschlicher Wärme. Aïssa Maïga, Charlotte Le Bon und die weiteren Ensemblemitglieder tragen durch präzise Akzentuierung und charakterstarke Auftritte zur Chorbildung des Films bei; sie verleihen dem städtischen Milieu Kontur und unterstreichen den hybridisierten Tonfall zwischen Klamauk und Tragik.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Schaum der Tage erzählt von Begegnung, Verliebtheit und den Folgen, die das Leben trotz der schönsten Imaginationen bereithält. Im Zentrum steht ein junger Mann, dessen Lebenslauf sich durch Zufall und Freundschaft erweitert, während Liebe und Kultur den Alltag durchdringen. Der dramatische Konflikt entsteht nicht allein aus äußeren Gegenspielern, sondern aus dem Zusammentreffen von inneren Sehnsüchten, sozialer Erwartung und unerwarteten Härten, die das private Glück bedrohen.

Der Film setzt auf eine Abfolge von tableausartigen Szenen, in denen alltägliche Gesten zu symbolischen Akten geraten. Die zentralen Figuren operieren in einem Paris, das wie ein Bühnenbild funktioniert: real genug, um Empathie zu stiften, aber verfremdet genug, um metaphorische Wahrheiten offenzulegen. Ton und Atmosphäre schwanken zwischen schelmischem Einfallsreichtum und einer langsam einsetzenden Schwere.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern des Films stehen Fragen nach der Substanz von Liebe, nach der Verletzlichkeit des Individuums und nach der Art, wie Kultur und Besitz die Emotionen infiltrieren. Gondry übersetzt Vianische Motive in filmische Bilder: Musik als Überlebensform, Sammlerleidenschaft als Parabel auf Konsum, und körperliche Veränderung als Metapher für existenzielle Bedrohung. Die Sprache des Films ist dabei weniger erklärend als poetisch, sie konfrontiert das Publikum mit Bildern, die Assoziationen provozieren anstatt sie zu kanalisieren.

Philosophisch lotet der Film die Grenzen zwischen Leichtigkeit und Last aus. Was heißt es, in einer Welt zu lieben, die zugleich absurd und zerstörerisch ist? Psychologisch interessiert sich Gondry für die Mechanik des Festhaltens und Loslassens, für die Art, wie Menschen Bindungen knüpfen und unterhalten. Gesellschaftlich wirkt die Geschichte als Kommentar auf die Bedingungen modernen Wohlstands, der Liebe zu konsumieren versucht und dem Individuum dennoch wenig Schutz bietet.

Filmkritik von Mattes Teschabai

Mit den wachsenden technischen Möglichkeiten des zeitgenössischen Films sinkt die Anzahl der unverfilmbaren Romane – von solchen Thesen möchte Michel Gondry (Vergiss mein nicht, Science of Sleep) nichts hören und setzt sich mit Schere und Prittstift an seine cineastische Künstlerwerkbank. Nachdem der Regisseur für „Green Hornet“ einmal gehörig ins Zeitlupen-Explosion-Blue-Screen-Universum tauchen durfte, kommt „Schaum der Tage“ wieder radikal Do-It-Yourself daher. Gondry bastelt sich mit kindlicher Freude durch die herrlich surreale Prosa der Kult-Romanvorlage seines Landsmannes Boris Vian (1920-1959) und verbreitet verschwenderische Aufbruchstimmung. Dabei spielen Audrey Tautou, Romain Duris und Publikumsliebling Omar Sy leider nur teilweise erfolgreich gegen die gnadenlose Trickmaschinerie an, die Gondry da liebevoll zusammengeschustert hat. Detailverliebt und Technikversessen schiebt er uns durch die bewegte Liebesgeschichte von Colin und Chloé und bindet Auf und Ab der Handlung weniger an die steril ausfallenden Figuren, sondern viel mehr an Farbe, Filmset und Effekte. Teils störrisch, teils zauberhaft, irgendwo zwischen Jean Cocteau, Shakespeare und Sendung mit der Maus – „Der Schaum der Tage“ ist nicht perfekt, aber erntet besonders gegen Ende die Früchte eines frischen und mutig überladenen Ansatzes

Colin (Romain Duris) besteht darauf, sich zu verlieben. Sein bester Freund Chick (Gad Elmaleh) erzählt ihm von seiner neuen Freundin Alise (Aissa Maiga), und auch Colins Koch, Rechtsanwalt und Vertrauter Nicolas (Omar Sy) kann sich vor Frauen kaum retten. Jazzfan, Erfinder und Träumer Colin beschließt schnellstmöglich eine Frau zu finden mit der er sein Leben und sein Vermögen gemeinsam genießen kann. Auf der Geburtstagsparty des Pudels einer Freundin, lernt er die hübsche Chloé (Audrey Tautou) kennen und in ihrer Verschrobenheit verlieben sich die beiden Hals über Kopf, teilen Freunde und alles andere, und heiraten bald. Doch in den Flitterwochen entwickelt sich eine schwere Krankheit in Chloés Brust, als sie eine Seerose in den rechen Lungenflügel atmet. Die Behandlung ist sehr teuer, frisst das Vermögen auf und Colin muss wohl oder übel seine Freiheit aufgeben und arbeiten gehen. Trotz seiner Anstrengungen verbessert sich Chloés Lage nicht und der bunte Bausch vergangener Tage verblasst zusehends zur kümmerlichen Existenz.

Boris Vian erzählt die Freuden und Leiden des jungen Paares in seinem Roman mit einer freien Dreistigkeit, die gleichzeitig Distanz, Überblick und kosmische Empathie ausdrücken. Die Großstadt ist ihm, was die Natur den Romantikern war – Spiegel der Seele. Ovaler Lärm, wohlschmeckende Aale im Wasserhahn, existentialistische Hausmäuse. Vian stellt seine synästhetischen Surrealismen klar über die Naturgesetze und ruft mit jeder noch so absurden Beschreibung im Leser doch eine tief empfundene Zustimmung hervor. Wer möchte leugnen, dass die Wände schrumpfen, wenn wir unter Druck stehen, dass das Essen besser schmeckt, wenn wir verliebt sind. Vian überformt seine Geschichte auf so konsequente und radikal beiläufige Art, dass wir ihm jeden Wahnwitz aus der Hand fressen, als wären es die eigenen Erinnerungen.

Doch Vians selbstbewusste Fantasten-Prosa lebt nicht zuletzt von ihrer zärtlichen Unwirklichkeit, von der dichterischen Offenheit des geschriebenen Wortes, das jeden Leser mit seinen Vorstellungen allein lässt. Der Filmemacher ist in diesem Fall der Elefant im Porzellangeschäft. Gondry versucht sich aus dieser Verlegenheit zu retten, indem er seine Inszenierung nie zur Ruhe kommen lässt. Vians Respektlosigkeit gegenüber der Realität fiebert Gondry in einem wilden Bastelwahn hinterher. In Colins Wohnung kreucht und fleucht jedes zweite Einrichtungsstück. Stop-Motion und Textur-Experimente lassen die erzählte Welt wie ein Puppenhaus erscheinen. Die Figuren bewegen sich grinsend durch diese artifizielle Welt und kommen aus dem Staunen kaum heraus – die Handlung wird zur Nebensache. Ein Effekt hetzt den nächsten Effekt. In der ersten Hälfte des Films wird kaum eine Szene pointiert ausgespielt, sondern immer durch die nächste Überraschung bereits in den Schatten gestellt. Das wirkt oft etwas unrund, was aber auch daran liegen kann, dass wir in Deutschland die um 30 Minuten gekürzte Schnittversion von „Der Schaum der Tage“ zu sehen bekommen.

Die Schauspieler müssen Gondrys Filmwelt als ständigen Gegenspieler im Auge behalten. Sie dürfen sich von den überbordenden Effekten weder an die Wand spielen lassen, noch sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Romain Duris und Audrey Tautou behandeln die Gratwanderung mit sterilen Mitteln – sie lächeln, schmachten, leiden und lieben in glatter Routine und versuchen mit der Technik Schritt zu halten, die den Hauptteil der dramatischen Entwicklung für sie übernimmt. Mit der wachsenden Geldnot und Chloés schlimmer werdender Gesundheit schrumpft die Wohnung in sich zusammen. Der einstige Sonnen-Palast verkümmert zusehends, von Szene zu Szene zu einem graueren Ort. Gleichzeitig fährt Gondry grundsätzliche Geschütze auf und nimmt fortschreitend die Farben aus seinem Film und lässt das fluoreszierende bunte Schimmern der Anfangsphase in monochromen, beengenden Bildern auslaufen.

Der bunte Überfluss der Reichen und Verliebten, die schnöde Depression von Armut, Arbeit und Krankheit – inmitten seiner erzählerischen Experimentierfreude bleibt Gondry konsequent. Aufstieg und Abstieg seiner Liebenden erzählt er als zeitliches Phänomen, organisch fortschreitend, unabänderlich und absolut. Er reduziert sein zu Beginn ziellos überschwellendes Feuerwerk zu einer sukzessiv zupackenden Ausweglosigkeit. Das Leben von Chloé und Colin verfällt im wahrsten Sinne des Wortes vor den Augen des Zuschauers. Die Figuren sind Sklaven der soghaften zuspitzenden Inszenierung. In dieser langsamen Reise vom Bunten ins Dunkle setzt Gondry neue dramaturgische Akzente. Die fatalistische Poesie von Vian wird in eine ebenso fatalistische, filmische Entwicklung gesteckt, die erst im farblosen Ende den Wert des überdrehten Anfangs deutlich werden lässt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de