Rush - Die Anatomie der Rivalität zwischen Vernunft und Wagemut im Rennsport der 1970er
Einleitung
Rush rekonstruiert keinen bloßen Sportfilm - Ron Howards Blick richtet sich auf die Psychologie des Wettkampfs, die Körperlichkeit des Risikos und die Ästhetik der Geschwindigkeit. Indem der Film die spektakuläre Oberfläche des Motorsportereignisses mit intimen Momentaufnahmen seiner Protagonisten verwebt, behauptet er sich als Reflexion über Ruhm, Identität und die Formen männlicher Selbstdarstellung in einer Ära des Umbruchs. Die Relevanz des Films liegt weniger in der Chronik eines Wettbewerbs als in der Frage, wie öffentliche Figuren ihre private Zerbrechlichkeit performen.
In einer Zeit, in der Biopics häufig bemüht-heroische Narrative liefern oder durch übermäßige Verklärung pauschale Mythen nähren, setzt Rush auf Nuancen und Ambivalenzen. Der Film tritt an, die Spannung zwischen kalkulierter Technik und intuitivem Mut zu entfalten - eine Spannung, die weit über den Rennsport hinaus als Metapher für moderne Arbeits- und Leistungsbedingungen liest. Damit ist Rush weniger ein Denkmal als eine Verhandlung des Preises, den persönliche Exzellenz fordert.
Howards Arbeit kastet den Stoff in eine klassische Dramaturgie, zugleich experimentiert der Film formal mit Tempo und Sinnesüberwältigung. Die Rennszenen, das Sounddesign und die Montage fungieren als narrative Motoren, die innerpsychische Linien nach außen kehren. So positioniert sich Rush als zeitgenössisches Biopic, das historisches Material nicht bloß dokumentiert, sondern ästhetisch verdichtet.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Ron Howard, dessen filmische Handschrift sich durch eine präzise Erzählstruktur, ein Interesse an biografischer Materialität und eine Vorliebe für aufwändige, aber zugängliche Inszenierungen auszeichnet. Howard hat in seinem Werk wiederholt Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts ausgegraben - von Apollo 13 bis zu A Beautiful Mind - und Rush reiht sich in diese Reihe als Studie über Wettbewerb, Technik und Persönlichkeit ein.
Als aufwendig produzierte US-Inszenierung verdankt Rush seine Eindringlichkeit der Kombination aus zeitgenössischer Technik und traditionellem Filmhandwerk. Die Rennsequenzen werden durch eine intensive Kameraarbeit und einen dichten Montage-Rhythmus gestaltet; praktische Sets, Nachbauten historischer Rennwagen und Location-Drehs erzeugen eine spürbare Materialität. Sound und Schnitt sind so orchestriert, dass sie nicht nur die äußere Geschwindigkeit vermitteln, sondern auch die psychische Beschleunigung der Protagonisten.
Im Gesamtwerk Howards steht Rush für eine Rückkehr zum sportlich-historischen Stoff unter dem Ethos einer erzählerischen Klarheit. Anders als seine früheren Porträts brilliert Rush durch eine kongeniale Verquickung von Biografie und kinetischer Form - eine Position, die sowohl filmhistorische Traditionen des Sportfilms aufgreift als auch ihre Konventionen unterläuft.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Daniel Brühl macht aus der Figur, die er verkörpert, ein Studienobjekt präziser Zurückhaltung. Bekannt geworden durch Good Bye Lenin! und durch seine Rollen in internationalen Koproduktionen, bringt Brühl eine Konzentration und eine Detailsensibilität ein, die die technische Rationalität seines Charakters sichtbar macht. Seine Darstellung zeichnet sich durch die Kontrolle kleiner Gesten aus - eine Form des präzisen, kühlen Inneren, das in heftigen, physischen Kontrasten zur Selbstdarstellung seines Gegenspielers steht.
Chris Hemsworth, populär geworden als Verkörperung heroischer Körperlichkeit im Blockbuster-Kino, übernimmt hier die Figur des anderen Extremes: den charmant-provokanten Draufgänger. Hemsworths Typ wirkt als Projektionsfläche für ein damals modernes Männlichkeitsideal - selbstbewusst, medienwirksam und mit einem Hang zur Selbstinszenierung. Die Performance reduziert sich nicht auf Attraktion; sie analysiert die Mechanismen des Ruhms und der Öffentlichkeit.
Alexandra Maria Lara tritt als die stabilisierende Gegenkraft in Erscheinung. Sie hat sich in europäischen Produktionen einen Ruf für subtile, nuancierte Rollen erarbeitet und fungiert hier als emotionale Achse innerhalb des privaten Kosmos ihrer Figur. Olivia Wilde, zuvor bekannt aus Serien- und Genreproduktionen, übernimmt eine Rolle, die dem narrativen Gefüge intime Verwerfungen und gesellschaftliche Spiegelungen zuführt. Natalie Dormer ist in einer unterstützenden Rolle präsent - ihre frühere Bekanntheit durch historische Serien wie Game of Thrones macht sie zur vertrauten Figur der Popkultur, die hier eine spezifische soziale Schicht und mentale Haltung verkörpert.
Handlung (spoilerfrei!)
Rush erzählt von einem persönlichen wie professionellen Wettstreit zweier Rennfahrer, deren unterschiedliche Temperamente und Strategien die Dynamik des Films prägen. Der dramatische Konflikt entspringt weniger einem äußeren Antagonisten als dem Zusammentreffen zweier Lebensentwürfe - des kalkulierten Perfektionisten und des eleganten Risiko-Ästheten. Diese Gegenüberstellung liefert den narrativen Motor und erlaubt, Motive von Loyalität, Selbstaufgabe und öffentlicher Darstellung zu untersuchen.
Die zentralen Figuren werden nicht als bloße Archetypen belassen; ihre Beziehungen, Ambitionen und Verletzlichkeiten werden in Rückblicken, intimen Dialogen und sportlich aufgeladenen Momenten moduliert. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen adrenalingeladener Ekstase und kontemplativer Verlangsamung - der Film weiß, wann er die Sinne überfluten und wann er den Blick nach innen richten muss.
Zentrale Themen und Motive
Rush stellt Fragen nach dem Preis persönlichen Erfolgs und nach der Ambivalenz von Öffentlichkeit. Wie formen Medien und Publikum Identität? Welche Rolle spielt Körperlichkeit, nicht nur als Instrument des Wettbewerbs, sondern als Träger sozialer Erwartung? Der Film thematisiert die Dialektik von Kalkül und Intuition - wie Technik und Gefühl, Messbarkeit und Unberechenbarkeit das Handeln beeinflussen.
Darüber hinaus ist Rush eine Reflexion über Erinnerungskultur - darüber, wie historische Gestalten durch filmische Repräsentation neu gedeutet werden. Motive wie Feuer, Maschine und Helm erscheinen nicht nur als physische Gefährdungen, sondern als Symbole für Kontrolle, Verwundbarkeit und das Streben nach Unsterblichkeit durch Leistung. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanismen der Selbstbehauptung und die dabei entstehenden Risse - eine Thematik, die im Kontext der 1970er Jahre auch von gesellschaftlichen Umbrüchen und einem veränderten Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit geprägt ist.
Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger
Eigentlich ist der Titel dieses Rennfahrerfilms ein wenig irreführend, suggeriert er doch, dass es sich hier um die klassische Story eines Motorsportlers auf dem Weg zum Sieg handelt. Doch hinter „RUSH – Alles für den Sieg“ verbirgt sich deutlich mehr als nur dies. Schließlich folgt das Drehbuch von Peter Morgan nicht nur einer, sondern gleich zwei Hauptfiguren. Es sind James Hunt (Chris Hemsworth) und Niki Lauda (Daniel Brühl), deren vielschichtiges Verhältnis hier unter die Lupe genommen wird.
Der Brite James Hunt ist ein Lebemann. Er trinkt, kifft und vögelt alles, was sich ihm in den Schoß wirft. Auch auf der Rennstrecke ist er ein Draufgänger, der lieber sein Leben als einen Gewinn riskiert. Als er in der Formel 3 erstmals auf den disziplinierten Österreicher Niki Lauda trifft, merkt er sofort, dass ihm sein bislang größter Konkurrent gegenübersteht. Niki ist nicht nur ein begnadeter Rennfahrer. Er ist ein ebenso cleverer Mechaniker, handelt stets wohl überlegt und zeigt dabei nicht weniger Ehrgeiz als James Hunt selbst. Mit seiner maßlosen Überheblichkeit und Regeltreue macht sich Niki Lauda unter den Kollegen wenig Freunde. Doch niemand ist so schlecht auf ihn zu sprechen wie James Hunt. Ihre Rivalitäten tragen die beiden Fahrer von der Formel 3 direkt in die Königsklasse, die Formel 1. Und je schneller die Autos, desto gefährlicher wird auch das private Wettrennen, dass sich die jungen Männer liefern. Geht es hier wirklich noch um den Titelsieg oder lediglich darum, den anderen zu übertreffen?
Wer sich schon einmal mit dem Formel 1 Sport beschäftigt hat, der weiß natürlich, worin die Geschichte von James Hunt und Niki Lauda endet. Jetzt könnte man meinen, diese Vorhersehbarkeit der Ereignisse nähme dem Film seine Spannung, doch das Gegenteil ist der Fall. Da wir wissen, auf welche Katastrophe dieser Konkurrenzkampf hinausläuft, befinden wir uns in permanenter Erwartung auf ihren Eintritt, während wir gleichzeitig die irrationale Hoffnung hegen, Niki Lauda würde all das erspart bleiben.
Neben dem übergeordneten Spannungsbogen sorgen die Grand Prix Szenen definitiv für eine erhöhte Herzfrequenz. Regisseur Ron Howards inszeniert die einzelnen Rennen mit großer Dynamik und viel Tempo. Motoren röhren, die Schnitte sind schnell, die Bilder teilweise verschwommen. Detailaufnahmen des Autos, Blicke in die Helme der Fahrer sowie natürlich Point of View Shots und klassische Außenaufnahmen wechseln sich in einem irrwitzigen Tempo ab, so dass der Zuschauer nicht nur die Geschwindigkeit der Autos nachfühlen kann, sondern auch an demselben Rausch teilhaben darf, der die Fahrer trotz großer Risiken immer wieder ins Auto steigen lässt. Dabei wird die Gefahr tödlicher Unfälle in der ersten Hälfte des Films ein wenig überbetont, vermutlich um den Höhepunkt, Niki Laudas Unfall auf dem Nürburgring, entsprechend einzuleiten. Für ein amerikanisches Kinopublikum mag dies sinnvoll sein, doch hierzulande wissen die meisten Zuschauer ohnehin was passieren wird. Statt also Spannung zu erzeugen, führt diese Inszenierung permanenter Lebensbedrohung zu einer übertriebenen Heroisierung der Protagonisten, die zuweilen ins Pathetische abzudriften droht.
Andererseits ist Pathos integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts. Schon die Musikuntermalung von Hans Zimmer verleiht dem Film epische Größe. „RUSH – Alles für den Sieg“ ist Blockbuster durch und durch. Ein dramatischer Soundtrack, Tempo, Action, eine Prise Humor, Heldentum, bekannte Schauspieler und ein bisschen Liebe – es ist einfach alles da, was einen gelungenen Kinofilm ausmacht. Allein mit der Inszenierung von Niki Laudas Krankenhausaufenthalt hat es Ron Howard ein wenig übertrieben. In der Absicht seine Hauptfigur noch stärker als Helden zu inszenieren, gewährt er dem Kinopublikum zu tiefen Einblicke in Laudas Siechtum und die qualvollen Behandlungen. Nicht nur hat diese Darstellung etwas unnötig Voyeuristisches, sie mag sogar zart besaiteten Zuschauern das Popcorn im Magen herumdrehen.
Daniel Brühl meistert die Leiden seiner Figur ebenso wie deren Freuden und legt eine respektable Schauspielleistung an den Tag. Er verkörpert Niki Lauda nicht nur mit der Sprache und dem obligatorischen Wiener Dialekt, sondern mit dem ganzen Körper, inklusive einer meisterhaften Mimik. Dabei scheint Brühl niemals aus der Rolle zufallen. Aber auch Chris Hemsworth kann überzeugen, wobei ihm das Image als gut gebauter Frauenschwarm bei der Darstellung seiner Figur durchaus entgegen kommt. Nichtsdestotrotz vermag er mit „RUSH – Alles für den Sieg“ zu demonstrieren, dass er auch anspruchsvollere Rollen als hammerschwingende Superhelden spielen kann.
Während die weiblichen Darstellerinnen, Olivia Wild und Alexandra Maria Lara, auf Grund ihrer reduzierten Parts kaum zur Geltung kommen, entpuppen sich die beiden Hauptdarsteller als optimal besetztes Gegenpaar. So wie ihre Leinwandcharaktere unterschiedlicher nicht sein könnten, stammen auch die beiden Schauspieler aus gänzlich verschiedenen Filmsphären. Hollywood trifft auf europäisches Arthauskino. Es ist gerade dieser Kontrast, der die Leinwandchemie zwischen Hemsworth und Brühl ausmacht und ihre Konkurrenz wie auch die wachsende Wertschätzung füreinander glaubwürdig gestaltet. James Hunt und Niki Lauda sind mehr als nur Konkurrenten, sie fungieren einander auch als Motivation und notwendige Messlatte, um immer wieder zu neuen Höchstleistungen aufzufahren. Das übrigens verstehen wir auch ohne den finalen Dialog, der dem Film erneut eine Prise zu viel Pathos verleiht. Ron Howards und Peter Morgan gelingt es, dem Zuschauer beide Protagonisten gleichsam ans Herz wachsen zu lassen. Auf der einen Seite erschwert es diese Dramaturgie, sich ganz einer Figur zu verschreiben und angespannt mitzufiebern, gleichzeitig aber gewinnt der Film hiermit an Komplexität. Es geht eben nicht nur um den Sieg, sondern vor allem um die Dynamik zweier ursprünglich verfeindeter Konkurrenten, die einander zu respektieren lernen.
„RUSH – Alles für den Sieg“ ist ein absolutes Muss für Fans von Niki Lauda und der Formel 1, aber auch für all jene, die mal wieder einen gelungenen Blockbuster sehen wollen, der neben Spannung und Action auch eine durchdachte Story liefern kann.
Filmkritik von Martin Beck
„Je näher der Tod ist, desto lebendiger fühlt man sich.“ Das in Stein gemeißelte Lebensmotto jedes engagierten Formel-1-Fahrers schreibt quasi sein eigenes filmisches Drehbuch, so dass es umso mehr verwundert, wie wenig und vor allem wie wenig gelungene Filme es über den Motorrennsport gibt. „Driven“? Um Himmels willen. „Tage des Donners“? Ist „Top Gun“ auf vier Rädern. „Grand Prix“? Großartige Rennszenen, aber knirschende Dramatik. „Le Mans“? Jenseits von Steve McQueen und dem Porsche 917 passt alles auf eine bereits einmal gefaltete Serviette.
„Rush“ trifft also auf überschaubare Konkurrenz und kann sich sogleich in die erste Startreihe schieben, weil hier nämlich genau erkannt wurde, was ein Sportfilm unbedingt braucht: eine starke Rivalität und starke Actionszenen. Regisseur Ron Howard, der bereits bei seinem Regiedebüt, „Grand Theft Auto“ (1977), auf qualmende Reifen setzte, geht dafür zurück in die siebziger Jahre und erzählt den Kampf um die Formel-1-Meisterschaft zwischen Niki Lauda (Daniel Brühl) und James Hunt (Chris Hemsworth). Einen sehr realen Kampf, einen unglaublich dramatischen Kampf – angesiedelt in einer Zeit, als Formel-1-Fahrer noch todesmutige Draufgänger sein durften.
Dass „Rush“ auf wahren Begebenheiten basiert, ist vor allem von Vorteil, denn solche Typen und Situationen wie hier geschildert, könnte selbst Hollywood zu einem dünneren Pinselstrich verleiten. Lauda und Hunt waren zwei absolute Ausnahmesportler und gleichzeitig zwei absolut konträre Persönlichkeiten: Lauda ist der kühle, aufgeräumte, perfekt fokussierte Vorzeigefahrer und Hunt der zwar ebenso begabte, aber auch ziemlich chaotische Lebemann. Beide Männer hassen sich bis aufs Blut, beharken sich nach allen Regeln der Kunst und zeigen gleichzeitig respektvolle Bewunderung füreinander. Ein Duell auf Augenhöhe, weit jenseits eigentlich zu erwartender Gut-/Böse-Klischees.
Ron Howard ging es bei „Rush“ offensichtlich zunächst um Authentizität, die dann praktischerweise zwei kantige, stark gegensätzliche Hauptfiguren einschließt. Niki Lauda und James Hunt sind ein Geschenk für Drehbuchautor Peter Morgan („Die Queen“, „Frost/Nixon“), der, weise wie er anscheinend ist, nicht den Formel-1-Kampf selbst in den Mittelpunkt des Geschehens stellt, sondern immer die Nähe zu den beiden Männern sucht. Auch nach mehreren Jahrzehnten dürften ja die Ereignisse der Saison ’76 vielen noch geläufig sein, so dass eine primäre Austarierung der Dramatik auf Niki Laudas Unfall kaum echte Spannung erzeugen kann. Der Crash ist natürlich schon anwesend, aber eben eingebettet in ein dichtes narratives Bett. Die wahre Geschichte ist eher das, was um den Feuerball herum passiert.
Zum einen stellt „Rush“ also das Drama in der Vordergrund und weiß zum anderen aber auch um den Thrill kinetischer Actionszenen. Genauso wie John Frankenheimer bei „Grand Prix“ geht es auch Ron Howard um Realitätsnähe, die heutzutage natürlich ganz andere technische Möglichkeiten hat und dabei zum Glück kaum Gebrauch von CGI-Kinnhaken macht. Mal abgesehen von ein paar Pixel-Tupfern sind die Motoren hier tatsächlich röhrende Stinkbomben, und mal abgesehen von einer gewissen Tendenz, dass Kameramann Anthony Dod Mantle zu nahe rangeht und dabei zu viel Handkamera einsetzt, bleibt die Motor-Action auf erfreulich erdigen siebziger-Jahre-Füßen.
Auch das war nicht unbedingt zu erwarten, und bewirkt letztendlich eine gewisse Bewunderung für einen Regisseur, der seit Jahren eigentlich als Synonym für überraschungfreie Multiplex-Unterhaltung steht. Dass Ron Howard immer noch Ron Howard ist, kann an dem grundsätzlich traditionellen Aufbau des Films festgemacht werden, der diese wahre Geschichte in ein schon ein, zwei...hundert Mal gesehenes Hollywood-Muster zwängt. Wirkliche Überraschungen oder gar unerwartete Wendungen sucht man hier vergebens, was aber nicht heißt, dass das Erwartete auch erwartungsgemäß platt rübergebracht wird. „Rush“ ist vielmehr geprägt von einer Inszenierung, die Zwischenräume lässt und den einzelnen Szenen, egal wie bekannt sie auch sein mögen, souveräne Pausen ermöglicht.
Ob das nun Ron Howard oder doch eher dem Drehbuch von Peter Morgan zuzuschreiben ist, bleibt letztendlich ein sekundäres Geheimnis. „Rush“ packt seine Klischees auf jeden Fall in unerwartet reiche, intelligente Kleider, inklusive erwartungsgemäßer Ausstattungs-Authentizität vom allerfeinsten, und schafft es tatsächlich, sein Publikum mitzureißen. Zu Beginn z.B. steht nicht etwa Geschwindigkeits-Adrenalin an, um den Zuschauern erstmal eine vor den Latz zu knallen, sondern feinfühlige und ausgiebige Figurenzeichnung...die sich dann auf lange Sicht bezahlt macht, natürlich auch gefördert durch die beiden überraschend charismatischen Hauptdarsteller.
Dass Daniel Brühl mit österreichischem Dialekt antritt – komischerweise geschenkt. Dass Chris Hemsworth auch ohne Hammer nicht nackt erscheint – komischerweise ebenfalls geschenkt. Solche Rollen wie Niki Lauda und James Hunt sind natürlich auch Drehbuch-Geschenke, doch für den letzten Schritt zur glaubwürdigen Identifikation braucht es einfach gute Schauspieler. Beide Hauptdarsteller liefern hier großartige Leistungen ab und besonders Daniel Brühl, der die deutlich schwierigere Aufgabe hat, nämlich einen grundsätzlichen Unsympathen „menschlich“ zu machen, setzt einen preiswürdigen Karrierehöhepunkt. Niki Lauda, charmanter Superstar. Wer hätte das gedacht?
Dito für „Rush“: Wer hätte das gedacht...dass Ron Howard nochmal einen richtig guten Film macht – der zwar immer noch Konventionen folgt, aber das auf so bemerkenswert souveräne Weise, wie man es nach „Frost/Nixon“, der ersten Zusammenarbeit mit Peter Morgan, maximal erhoffen durfte. Die Suche nach dem ersten wirklich gelungenen Film über ständig im Kreis herumfahrende Sportautos darf als beendet angesehen werden.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
Auch wenn ausgeprägte Rivalität eine Grundkonstante in allen Sportarten darstellt, nimmt die Formel 1 eine ganz besondere Stellung ein. Ihre Geschichte ist nicht nur reich an Namen großer Kontrahenten. Der Konkurrenzkampf auf und neben der Rennstrecke präsentiert sich darüber hinaus immer wieder in einer Intensität, die in der Welt des Sports ihres Gleichen sucht. Vielleicht weil es beim großen Rennzirkus, im Gegensatz zu vielen anderen sportlichen Ausprägungen, am Ende wirklich um alles geht. Der Tod ist ein ständiger Begleiter, gerade in der Anfangszeit der Formel 1, als heutige Sicherheitsstandards noch lange nicht gültig waren. Ron Howards neue Regiearbeit „Rush – Alles für den Sieg“ fügt sich perfekt ein in das hier skizzierte Bild des Motorsports, wird dem Zuschauer darin doch der legendäre Wettstreit zwischen dem Österreicher Niki Lauda (Daniel Brühl) und dem Engländer James Hunt (Chris Hemsworth) vor Augen geführt. Nicht umsonst betont Letzterer an einer Stelle des Films, dass gerade die ständige Konfrontation mit dem Tod die große Faszination der Formel 1 ausmache.
Schon zu Beginn seiner Karriere kreuzt der perfektionistische Lauda den Weg des leichtlebigen Rennfahrers Hunt. Da die beiden Männer grundverschieden sind, entwickelt sich sehr schnell ein erbittertes Konkurrenzdenken. Während der Österreicher aus gutem Hause seinen Einstieg bei Ferrari mit Krediten vorantreiben kann, wird der Brite, der ebenfalls einer begüterten Familie entstammt, von seinem Gönner Hesketh in die höchste Rennklasse befördert. Fehlende Sponsorengelder zwingen Hunt jedoch, den Rennstall zu wechseln. Bei McLaren glaubt er, endlich konkurrenzfähig zu sein und Lauda in die Schranken weisen zu können. Der zeigt sich allerdings wenig beeindruckt und fährt dem Gegenspieler bei der WM 1976 wiederholt davon. Erst Laudas schwerer Unfall beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring bietet Hunt die Möglichkeit zur Aufholjagd.
Der Titel des Films scheint den für die Geschichte unabdingbaren Actiongehalt bereits überdeutlich anzukündigen. Und doch ist „Rush“ weit davon entfernt, aus purer Freude an Effekten spektakuläre Rennszenen beliebig aneinander zu reihen. Vielmehr noch: In der ersten Hälfte haben rasante Actionpassagen eher Seltenheitswert. Regisseur Ron Howard und sein Drehbuchautor Peter Morgan, der bereits vielfältige Erfahrungen mit historischen Stoffen gesammelt hat („Die Queen“, „Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht“, „Frost/Nixon“), fokussieren sich zunächst fast ausschließlich auf die ausgiebige Gegenüberstellung der beiden Protagonisten. Eine Entscheidung, die einen wohl überlegten Handlungsaufbau zur Folge hat, wobei sich die Gegensätzlichkeit der Heldenfiguren freilich recht schnell herauskristallisiert.
Obwohl Hunt größere sportliche Erfolge erreichen will, ist er vor allem eins: ein Lebemann, wie er im Buche steht. Der Engländer nimmt sich, worauf er Lust hat, und ist um keine Affäre verlegen. Das ändert sich auch dann nicht, als er das Model Suzy Miller (Olivia Wilde) heiratet. Ebenso exzessiv wie sein Lebensstil ist sein sportliches Verhalten. Es gibt kein Risiko, das der Draufgänger auf der Rennstrecke scheuen würde. Ganz anders sein Widersacher Niki Lauda, der all sein technisches und analytisches Verständnis aufbringt, um sich und seinen Wagen stetig zu verbessern. Der ehrgeizige Österreicher ist von seinen Fähigkeiten überzeugt und legt nicht selten ein arrogantes Auftreten an den Tag. Frauengeschichten sind ihm fremd. Und so ist er zufrieden, als er in Marlene Knaus (Alexandra Maria Lara) eine zuverlässige Partnerin findet, die seinen beschwerlichen Weg an die Spitze des Rennsports rückhaltlos begleitet.
Es braucht nicht allzu viel Filmverständnis, um zu erkennen, dass die auffallend differenzierte Charakterzeichnung der Hauptfiguren den Boden für die dramatische Fallhöhe in der zweiten Hälfte legt. Dass Peter Morgan dabei gewisse Eigenschaften verdichtet und verschärft, versteht sich von selbst. Schließlich kommt kein Mainstream-Biopic ohne ein derartiges „Zurechtbiegen“ realer Begebenheiten aus. Umso wichtiger ist daher auch, wie wirkungsvoll das Drehbuch auf den großen Wendepunkt, Laudas folgenreichen Unfall auf dem Nürburgring, hinarbeitet. Wenngleich vielen Zuschauern die Ereignisse der WM 1976, zumindest in Ansätzen, bekannt sein dürften, fällt die Spannung im zweiten Teil des Films nur selten ab. Dynamisch in Szene gesetzte Rennsequenzen veräußern den vorher aufgebauten Konkurrenzdruck und halten das Tempo nun auf einem konstant hohen Niveau.
Spätestens hier wird deutlich, dass die Macher bei der Wahl der Schauspieler ein glückliches Händchen bewiesen haben. So füllt der Australier Chris Hemsworth die Rolle des temperamentvollen James Hunt erstaunlich authentisch aus und verleiht ihr die nötigen Ecken und Kanten. Noch eindrucksvoller ist allerdings die Darbietung Daniel Brühls, der die Willenskraft Niki Laudas auf faszinierende Weise zum Ausdruck bringt und dessen Mimik perfekt imitiert. Gleichzeitig lotet er immer wieder gekonnt die komischen Seiten des Österreichers aus, der mit seinen klaren Ansprachen und seiner Schlagfertigkeit wiederholt für Verblüffung sorgt.
Gänzlich frei von Schwächen ist das Rennfahrerdrama jedoch nicht. Trotz der wirkungsvollen Konzentration auf die Protagonisten und ihre jeweiligen Eigenschaften wäre es sicher nicht falsch gewesen, bedeutenderen Nebenfiguren wie Suzy Miller und Marlene Knaus etwas mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Letztlich sind die Frauen nichts anderes als funktionale Drehbuchstützen, die die Gegensätzlichkeit der Kontrahenten einmal mehr betonen sollen. Zum Ende hin übertreiben es der Regisseur und sein Autor zudem mit ihrer Erklärungswut. Fast schon aufdringlich wird dem Zuschauer unter die Nase gerieben, was im Subtext der Handlung eigentlich die ganze Zeit mitschwingt: Egal, wie unterschiedlich Lauda und Hunt auch sind, sie brauchen einander, um sich zu sportlichen Höchstleistungen anzutreiben.
Sieht man über diese kleinen Mängel hinweg, bietet „Rush – Alles für den Sieg“ mitreißendes, gut geschriebenes und überzeugend gespieltes Unterhaltungskino, bei dem nicht nur Fans der Formel 1 auf ihre Kosten kommen dürften.

