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The Whispering Star

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kritiken.de Redaktion 26.05.2016
The Whispering Star© Rapid Eye Movies
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The Whispering Star - Stille Raumpoetik zwischen Menschsein und Maschine

Einleitung

The Whispering Star eröffnet einen ungewöhnlich leisen Diskurs innerhalb des aktuellen Science-Fiction-Kinos - ein Film, der seine Zukunftsvision nicht durch Effekte, sondern durch Askese und Bildstille entwirft. Die Relevanz des Films liegt weniger in technologischer Spekulation als in seiner beharrlichen Beschäftigung mit Kommunikation, Erinnerung und dem Verstummen menschlicher Stimmen. In einer Zeit, in der das Genre häufig auf Spektakel und Beschleunigung setzt, wirkt diese Zurücknahme wie ein bewusster Gegenentwurf.

In der Filmarbeit des Regisseurs markiert The Whispering Star eine konsequente Erweiterung und Umkehrung seiner bekannten Positionen. Bekannt geworden durch Werke, die Tabubrüche, Extrema und visuelle Überfülle als Formmittel nutzten, wendet er sich hier einer minimalistischen Form zu, die ebenso radikal ist. Dieses Werk zeigt einen Regisseur, der die Möglichkeiten filmischer Reduktion testet - seine erzählerische Brutalität weicht einer forcierten Sanftheit, die die moralischen und existenziellen Fragen umso schärfer konturiert.

Der gesellschaftliche Kontext dieses Films bleibt spürbar: In einer Ära digitaler Überinformation problematisiert der Film das Verhältnis von Präsenz und Abwesendheit. Während die Welt vernetzt erscheint, treten Isolation, das Verschwinden von Nähe und die Frage nach der Authentizität menschlicher Stimmen als drängende Themen hervor. The Whispering Star antwortet auf diese Gegenwart nicht mit Polarisierung, sondern mit einer meditativen Prüfung dessen, was Hören und Erzählen heute noch bedeuten können.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film wurde von Sion Sono inszeniert, einem Regisseur, dessen Handschrift lange mit Splatter, Exzess und radikaler Gesellschaftskritik verbunden wurde. In The Whispering Star zeigt sich eine andere Facette seiner Werkstatt - eine, die Form und Stille als dramatische Instrumente einsetzt. Die Kameraarbeit und die monochrome Bildgestaltung sind bewusst reduziert; sie geben dem Bildraum Zeit, die Leere und die kleinen menschlichen Details auszufüllen.

Die Produktionsumstände tragen zur speziellen Ästhetik des Films bei. Mit einem vergleichsweise knappen Budget und sparsamen Mitteln wurde eine Welt suggeriert, die größer ist, als ihre sichtbaren Kulissen. Diese ökonomische Knappheit wird nicht als Makel, sondern als programmatisches Element gelesen - sie erzwingt kreative Lösungen und einen hyperfokussierten Blick auf das, was auf der Leinwand geschieht. Auffällig ist der Verzicht auf übliche Science-Fiction-Accessoires zugunsten von stillen Interieurs und funktionalen Requisiten.

Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs hat der Film den Rang eines Experiments zur Formverdichtung. Er platziert sich als eine Art meditative Studie neben dessen lauteren, konfrontativeren Arbeiten und erweitert so das Spektrum seines künstlerischen Anspruchs - von provokativer Zuspitzung hin zu kontemplativer Bildpoesie.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Megumi Kagurazaka, die wiederholt als Muse des Regisseurs fungiert. Bekannt geworden durch frühere Zusammenarbeit mit ihm, bringt sie eine stille Präsenz und eine reduzierte Mimik in die Rolle, die weniger auf Ausdruck als auf Zuhören angelegt ist. In diesem Film verkörpert sie eine künstliche Entität - eine Zustellerin, deren äußere Ruhe Räume für die Geschichten der Menschen schafft, denen sie begegnet.

Kenji Endo, Yûto Ikeda und Koko Mori übernehmen die episodischen menschlichen Begegnungen, die das narrative Gerüst des Films bilden. Ihre Darstellungen sind bewusst zurückgenommen; es geht nicht um psychologische Tiefenschürfung im klassischen Sinn, sondern um Momentaufnahmen menschlicher Verfasstheit. Die Besetzung mischt professionelle Erfahrung mit einer gewissen Unprätentiösität, sodass die Figuren eher als Archetypen denn als ausführlich psychologisierte Personen erscheinen. Auf diese Weise wird jede Begegnung zu einer Tablette, die dem Publikum einen kurzen, konzentrierten Einblick in verschiedene Lebenswirklichkeiten gewährt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt einer androiden Zustellerin, die durch das All reist, um Pakete an verstreute Menschen auszuliefern. Aus diesen Lieferungen entfalten sich kurze, klare Begegnungen - Menschen in Momenten von Einsamkeit, Verlust oder banaler Alltäglichkeit. Der dramatische Konflikt ist nicht in äußeren Bedrohungen verankert, sondern in der Schwierigkeit wahrer Verständigung: Die Apparatur der Zustellung steht gegen die Unwägbarkeiten menschlicher Innenräume.

Als narratives Prinzip setzt der Film auf episodische Schnitte, die jeweils ein kleines menschliches Universum öffnen und wieder schließen. Die zentrale Figur fungiert dabei weniger als Charakter mit eigener Entwicklung und mehr als Medium - ein stiller Spiegel für die Geschichten, die ihr anvertraut werden. Ton und Atmosphäre bleiben durchweg meditativ und elegisch; das Tempo ist bedacht, die Kamera verweilt oft und lässt Räume und Gesichter sprechen.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach der Natur von Kommunikation und nach dem Status von Empathie in einer technologisierten Welt. Was bedeutet Zuhören, wenn Stimmen fragmentiert, abgeschnitten oder nur noch als Aufzeichnung vorhanden sind? Wie verändert sich Intimität, wenn ein Dienstleister - in diesem Fall eine Maschine - in die Rolle eines Zwischenbeauftragten rückt? Diese Fragen durchziehen das Werk wie eine feine Glissando-Linie.

Philosophisch bewegt sich der Film in der Nähe von Reflexionen über Subjektivität und Erinnerung. Die gelieferten Pakete werden zu Symbolen für das, was Menschen bewahren und verlieren. Psychologisch behandelt der Film Einsamkeit weniger als soziales Phänomen denn als existentielle Bedingung, gegen die Kommunikationsversuche oft hilflos bleiben. Gesellschaftlich spricht er eine leise Kritik an der Reduktion von Beziehungen auf Transaktionen aus - die technologischen Vermittlungen lösen Nähe nicht automatisch ein.

Stilistisch prominent ist die Verbindung von Bildräumen und akustischen Spuren. Die Stimme, oft geflüstert oder brüchig, fungiert als Leitmotiv - ein Flüstern, das ähnlich einem Stern am Himmel zu leuchten scheint. Auf diese Weise verschränkt der Film die großen Fragen der Zukunftsethik mit einer kleinen, poetischen Bildsprache und lädt zur Contemplation ein statt zur schnellen moralischen Abrechnung.

Filmkritik von Peter Osteried

Die schwarzweiße Einsamkeit des Alls: Whispering Star

„Dieser Film lässt einen besser verstehen, was es heißt, ein Mensch zu sein“, beschreibt Sion Sono seinen kontemplativen Abstecher in die Science Fiction, der auf einem Skript basiert, das er vor 25 Jahren geschrieben und nun mit seiner eigenen Firma produziert hat. Mit nur einer Schauspielerin und mehrheitlich auf eine Location beschränkt, ist Whispering Starein Low-Budget-Film, der die Geduld des Publikums auf die Probe stellt.

Die Menschen haben einen Fehler gemacht. Darum gibt es kaum noch welche. 80 Prozent aller Lebewesen im All sind künstliche Intelligenzen, nur 20 Prozent sind noch Menschen. Diese leben ihre kurzen Leben, während ein weiblicher Android mit einem Raumschiff quer durchs All unterwegs ist, um Pakete zu auszuliefern. Mit ihrer eigenen Einsamkeit konfrontiert, beginnt die Androiden-Frau darüber zu sinnieren, was Menschlichkeit ausmacht, welchen Stellenwert Mementos haben und wie man sich die Zeit vertreibt.

Gerade letzteres ist auch eine Herausforderung für das Publikum, denn die 101 Minuten sind extrem langsam erzählt. Über weite Strecken befindet man sich nur im Raumschiff, dessen Interieur einer kleinen Wohnung der 1950er Jahre nachempfunden ist. Äußerlich sieht das Raumschiff wie ein kleines Häuschen aus. Es kriecht behäbig durchs All – mit einer Geschwindigkeit, die kaum messbar ist. Wenn Sono den Moment hält und man miterlebt, wie es sich bewegt, dann kann man jeden einzelnen Millimeter sehen.

Sonos Filme waren schon immer herausfordernd und unkonventionell, mit Whispering Starliefert er aber sein vielleicht sperrigstes Werk vor. Eines, bei dem nichts passiert. Das zelebriert Sono richtiggehend, wenn es Minuten dauert, in denen er uns zeigt, wie die künstliche Frau an Bord des Raumschiffs den Boden saugt, sich die Zehennägel schneidet oder den Wasserhahn zuschraubt. Ein Tag ist wie der andere – und das in Schwarzweiß gehaltene Drama, das den SF-Aspekt nur als Katalysator nutzt, trägt dem Rechnung, indem er ein immenses Gefühl der Einsamkeit ausstrahlt.

Eine Geschichte im eigentlichen Sinn gibt es nicht, stattdessen ergeht sich Whispering Stardarin, das Kunstwesen darin zu zeigen, wie es menschlichen Nichtigkeiten begegnet. Am exemplarischsten geschieht dies, als sie einige der Pakete öffnet, deren Inhalte im Grunde bedeutungslos sind, auch wenn sie Einzelnen vielleicht sogar alles bedeuten mögen. Aber das muss die Frau in dem Raumschiff verstehen lernen.

Whispering Star polarisiert. Die minimalistische Erzählweise wird für die meisten zu dröge sein, manch einer mag darin jedoch die Vision eines unangepassten Geists erkennen oder zumindest erahnen. Sion Sono verbiegt sich für seine Kunst nicht. Er macht, was er für richtig hält. Zumindest dafür muss man ihm applaudieren.

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