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Mein Praktikum in Kanada

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kritiken.de Redaktion 26.05.2016
Mein Praktikum in Kanada© Arsenal Filmverleih GmbH
A ca. 1309 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Mein Praktikum in Kanada - Eine lakonische Studie über Staatsmacht und persönliche Moral

Einleitung

Mit Mein Praktikum in Kanada legt Philippe Falardeau eine Komödie vor, die weniger auf Gags als auf die feinen Risse im demokratischen Alltag zielt. Der Film nutzt Humor als Lupe, um Mechanismen politischer Repräsentation, die Komplizenschaft von Bürokratie und Medien sowie die Zerbrechlichkeit individueller Überzeugungen sichtbar zu machen. In einem Kinojahr, das sich wieder verstärkt mit Fragen von Verantwortung und Öffentlichkeit auseinandersetzt, gewinnt Falardeaus Film seine Relevanz aus der Verbindung von leichter Unterhaltung und ernsthafter politischer Beobachtung.

Falardeau, international bekannt geworden durch Monsieur Lazhar, hat sein Talent für eine humane, dialoggetriebene Erzählweise hier in eine komödiantische, dabei aber nicht oberflächliche Form überführt. Sein Interesse an der Aushandlung von Moral und Alltag - Lehrpersonen, Eltern oder eben Parlamentarier als Träger widersprüchlicher Erwartungen - bleibt auch in diesem Film zentral. Die Relevanz des Stoffes liegt darin, wie er Alltagskomik und institutionelle Absurdität verknüpft, ohne das Publikum lediglich zu unterhalten; vielmehr wird nach den Bedingungen gefragt, unter denen ethische Entscheidungen getroffen werden.

Zeitlich verortet der Film in eine Phase, in der demokratische Institutionen in vielen Ländern unter Druck stehen und die Legitimität politischer Eliten Gegenstand öffentlicher Debatten ist. In diesem Kontext liest sich Mein Praktikum in Kanada als eine Momentaufnahme - nicht als Parabel mit eindeutiger Moral, sondern als filmische Exploration der Diskrepanzen zwischen rhetorischer Empörung und administrativer Routine. Falardeaus Ton ist dabei seriös ironisch: er lacht nicht über die Betroffenen, sondern über die Strukturen, die ihr Handeln formen.

Kurzüberblick zur Produktion

Philippe Falardeau führt Regie; seine Handschrift zeichnet sich durch einen nüchternen Humanismus aus, der Nähe zu Figuren mit einer gewissen Distanz zu Institutionen verbindet. In Mein Praktikum in Kanada setzt er diese Signaturen in eine formal zurückhaltende Komödie um. Kameraführung und Schnitt dienen weniger spektakulären Pointen als der Offenlegung sozialer Dynamiken - die Kamera beobachtet, ohne zu dominieren, die Montage schafft Rhythmus für Begegnungen und Missverständnisse.

Die Produktion ist in Kanada angesiedelt und bewegt sich im Rahmen eines nationalen Kinos, das zwischen Arthaus und populärem Erzählen balanciert. Die faktische Ausstattung slottet sich in die mittelgroßen kanadischen Produktionen ein, die mit solider Technik und Augenmerk auf Lokalkolorit arbeiten, ohne große visuelle Effekte. Gedreht wurde vornehmlich in urbanen Institutionen, deren sachliche Architektur als Kontrast zu den persönlichen Konflikten fungiert. Falardeau bleibt seinem Produktionsumfeld treu und nutzt die Ressourcen, um ein klares, auf Figuren konzentriertes Bild zu zeichnen.

Im Gesamtwerk des Regisseurs steht der Film für eine Nuancierung seiner bisherigen Themenwelt: Wenn Monsieur Lazhar das Schweigen und die moralische Verantwortung im schulischen Alltag thematisierte, verlagert sich hier der Blick ins politische Alltagsleben. Es ist kein radikaler Bruch, sondern eine Variierung seiner konstanten Fragestellungen - Konflikte zwischen Individuum und Institution, die Suche nach Empathie in strukturell kalten Räumen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Patrick Huard, als einer der bekanntesten Schauspieler Quebecs, bringt seine Erfahrung aus Komödien wie Bon Cop, Bad Cop und dramatischen Rollen in eine Figur ein, die zwischen Pragmatismus und persönlichem Unbehagen oszilliert. Seine Präsenz verleiht der Bürokratie ein menschliches Gesicht, ohne sie zu verherrlichen. Suzanne Clément, die in der frankokanadischen Filmszene für ihre nuancierten, oft stillen Charaktere bekannt ist, übernimmt die Rolle einer Figur, die innere Spannungen subtil nach außen trägt. Ihre Arbeit ist weniger auf Showeffekte ausgelegt als auf das minutiöse Austarieren von Ton und Miene.

Clémence Dufresne-Deslières und eine Reihe profilierter kanadischer Schauspielerinnen und Schauspieler ergänzen das Ensemble mit kontrapunktischen Energien. Namen wie Paul Ahmarani, Alexis Martin oder Micheline Lanctôt stehen hierbei für eine Theater- und Filmszene, die zwischen Karikatur und Tiefenschärfe zu navigieren weiß. Irdens Exantus, dessen Präsenz dem Film eine jugendliche Perspektive einbringt, repräsentiert die zeitgenössische Einwanderer-Generation, die im Zentrum der thematischen Auseinandersetzungen steht.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt einem jungen Praktikanten, der in den Korridoren eines Parlaments seinen Platz finden muss. Die Erzählung konzentriert sich auf Begegnungen - zwischen dem Praktikanten, etablierten Politikern, Beraterinnen und der Öffentlichkeit - und auf die kleinen wie großen Entscheidungen, die das politische Leben strukturieren. Dramatischer Motor ist der Gegensatz zwischen Idealen und pragmatischen Notwendigkeiten; Konflikte entstehen dort, wo persönliche Überzeugungen mit parteipolitischer Logik kollidieren.

Die Figuren werden nicht als eindimensionale Typen gezeichnet, sondern als Menschen mit Widersprüchen und Kompromissen. Der Ton des Films pendelt zwischen lakonischer Komik und nachdenklicher Beharrlichkeit: Szenen des absurden Bürokratismus stehen neben Momenten der stillen Reflexion. Atmosphäre und Rhythmus sind weniger auf Hektik angelegt als auf die Beobachtung kleiner Gesten, die das Innenleben politischer Arbeit verraten.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach Verantwortlichkeit in einer repräsentativen Demokratie - wer entscheidet, wessen Stimme zählt und wie werden ethische Ansprüche in bürokratische Abläufe integriert oder abgeschliffen. Falardeau interessiert sich weniger für politische Programme als für die Mechanik des Entscheidens: Abstimmungsprozesse, informelle Absprachen, Medieninszenierungen und die Rolle persönlicher Geschichten in formalen Verfahren.

Der Film stellt Fragen zur Identität von Akteuren in einem Alltag, der zunehmend von Performanz bestimmt ist. Motivisch wiederkehrend sind Räume der Institution - Flure, Büros, konferenzartige Settings - die als kalte Spiegel erscheinen für warme, oft unordentliche persönliche Anliegen. Zugleich eröffnet die komödiantische Form ein hermeneutisches Fenster: Lachen wird hier nicht als Flucht verstanden, sondern als Methode, um Widersprüche zu markieren und sie für eine kritische Betrachtung zu öffnen.

Mein Praktikum in Kanada bietet damit keine patentierte Antwort, sondern eine situative Analyse: Der Film macht sichtbar, wie politische Verfahren Charaktere formen und wie individuelle Moral in institutionelle Logik eingespannt wird. Als Beitrag zum gegenwärtigen politisch-kulturellen Diskurs ist er weniger laut als beobachtend - und in dieser Zurückhaltung liegt seine intellektuelle Stärke.

Filmkritik von Peter Osteried

Die Politik in Kanada steht Kopf – und das nicht wegen eines Praktikanten!

Filme aus Kanada kommen nicht allzu häufig in die hiesigen Kinos. Es mag auch daran liegen, dass gerade der frankokanadische Humor nicht unbedingt eins zu eins einem europäischen Publikum zu vermitteln ist. Das merkt man auch Mein Praktikum in Kanada an, der durchaus seine amüsanten Momente hat, als politische Satire aber recht zahnlos bleibt – zumindest dann, wenn man keinen Bezug zur kanadischen Politik hat.

Der junge Haitianer Souverain Pascal kommt nach Quebec, um bei dem Politiker Steve Guibord ein Praktikum zu machen. Er hätte keinen besseren Moment finden können, denn erstmals in der Karriere des Politikers geht es um etwas. Es liegt nämlich an Guibord als letztem Mitglied des Parlaments, das noch unentschieden ist, seine Stimme abzugeben. Dabei geht es um nicht weniger als die Entscheidung, ob das Land im Mittleren Osten in den Krieg zieht. Da Guibord nicht sicher ist, wie er entscheiden soll, will er die Wähler befragen.

Die Idee ist an sich nicht schlecht, aus ihr wird aber recht wenig gemacht. Einerseits könnte man sich stärker mit der politischen Dimension dieser Entscheidung auseinandersetzen, andererseits hätte man das alles auch etwas bissiger gestalten können. Der Humor bleibt leider recht unspektakulär, aber immerhin funktioniert die Beziehung zwischen dem Politiker und seinem idealistischen Praktikanten ganz gut. Daraus bezieht der Streifen seine besten Momente, die, die auch zum Schmunzeln einladen und für eine gewisse Kurzweil sorgen.

Davon abgesehen leidet Mein Praktikum in Kanada aber vor allem darunter, dass er sehr behäbig erzählt ist. Es dauert schon eine ganze Weile, bis die eigentliche Handlung in Gang gesetzt wird. Bis dahin gibt es Szenen, die kurios, bisweilen sogar bizarr sind, was auch damit einhergeht, dass hier Probleme behandelt werden, die außerhalb Kanadas vielleicht weniger Menschen interessieren.

Das Bedauerliche ist vor allem, dass dies eigentlich ein interessanter Stoff ist. Man könnte diese Geschichte sehr ähnlich in fast jedem Land der Welt erzählen, was den Stoff – ähnlich dem kanadischen Starbuck – dazu prädestiniert, zu Remake-Ehren zu kommen. Nur wenn das passiert, dann bleibt zu hoffen, dass künftige Versionen der Geschichte etwas stärker in die politische Satire eindringen und sich weniger oberflächlichen Gags hingeben. Das ist zum Teil wirklich langweilig, auch wenn die Schauspieler durch die Bank gut sind. Letzten Endes reicht es aber nicht, diesen Film zu mehr als einer banalen Nummernrevue zu machen.

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