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Der Nachtmahr

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kritiken.de Redaktion 26.05.2016
Der Nachtmahr© Koch Media
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Der Nachtmahr - Zwischen Adoleszenz, Trauma und Surrealismus: Eine radikale filmische Alptraumfabel der Gegenwart

Einleitung

Der Nachtmahr, am 26.05.2016 in Deutschland präsentiert, tritt nicht als konventionelles Jugenddrama in Erscheinung, sondern als eine verstörende Bildfabel, die den Zuschauer an die Grenzen narrativer Gewissheiten führt. In einer Zeit, in der Coming-of-Age-Geschichten oft nach psychologischer Erklärbarkeit und realistischer Sozialbeschreibung verlangen, setzt dieser Film auf eine ästhetische Verunsicherung, die sowohl Form als auch Inhalt betrifft. Er wirkt wie ein seismografischer Abdruck von Angstzuständen, die nicht unmittelbar sprachlich zugänglich sind.

Die Relevanz des Films liegt gerade in dieser Unschärfe zwischen Realismus und Traumlogik. Dort, wo viele Werke der Gegenwart Gesellschaftskritik durch didaktische Zuspitzung suchen, erzeugt Der Nachtmahr seine Wirkung durch Suggestion, Bildkomposition und ein insistierendes Unbehagen. Der Film zwingt zu einer doppelten Lektüre - einer emotionalen Erfahrungsebene und einer reflexiven Analyse der filmischen Mittel.

In der Tradition eines europäischen Kinos, das Verfremdung und Surrealismus als kritische Instrumente einsetzt, lässt sich Der Nachtmahr als ein Werk lesen, das Fragen nach Identität, Wahrnehmung und gesellschaftlicher Zuschreibung formuliert, ohne diese explizit zu beantworten. Seine Tonalität ist dabei weniger moralisierend als beobachtend und zugleich verstörend analytisch.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte der Filmemacher AKIZ, dessen Handschrift sich durch eine Vorliebe für atmosphärische Verdichtung und die Verschiebung zwischen Alltäglichem und Groteskem auszeichnet. In Der Nachtmahr manifestiert sich diese Handschrift in einer Bildsprache, die mit repetitiven Motiven und einer knappen, aber suggestiven Mise-en-Scène arbeitet. Die Kameraarbeit sucht Nähe und Entfremdung zugleich - oft werden intimer Blick und distanzierende Perspektive unmittelbar nebeneinander gesetzt.

Die Produktionsumstände des Films folgen dem Muster unabhängiger Autorenkinos - eine überschaubare Finanzierung, ein enger Produktionsrahmen und die Notwendigkeit, ökonomische Einschränkungen kreativ zu überspielen. Gerade daraus entsteht eine formale Stringenz: Einschränkungen werden zu Gestaltungsprinzipien und lassen den Film wie ein diszipliniertes Kunstprodukt erscheinen, das bewusst auf überflüssige Erklärungen verzichtet. Die Stilmittel - kühle Farbgebung, sporadische Soundeinspielungen, prägnante Kamerafahrten - dienen der Verdichtung einer inneren Logik, die sich nicht narrativ, sondern atmosphärisch erschließt.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert Der Nachtmahr eine konsequente Fortsetzung eines Interesses an Grenzsituationen - sei es in psychologischer, sozialer oder ästhetischer Hinsicht. Der Film steht weniger für eine Abkehr als für eine Verdichtung dessen, was AKIZ zuvor als Thema verfolgte: die Ambivalenz jugendlicher Subjektivität im Spannungsfeld öffentlicher Beobachtung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Carolyn Genzkow, deren Darstellung die filmische Achse bildet. Genzkow vermeidet jede Reduktion auf autobiografisches Pathos und entwickelt stattdessen eine nuancierte Körperlichkeit - ein Spiel von Zurückgezogenheit und eruptiven Momenten, das die Ambivalenz ihrer Figur plastisch macht. Ihre Leistung ist weniger auf Dialoge gebaut als auf gestische und mimische Feinheiten, die den Film tragen.

Sina Tkotsch und Wilson Gonzalez Ochsenknecht liefern prägnante Gegenparts, die verschiedene Facetten des sozialen Umfeldes der Protagonistin spiegeln. Tkotsch spielt mit einem kontrollierten Realismus, der die Grenzen zwischen Empathie und Misstrauen auslotet, während Ochsenknecht eine Präsenz bietet, die oft als Katalysator für die Eskalation von Spannungen wirkt. Die Nebenrollen - etwa von Arnd Klawitter, Julika Jenkins und Aram Arami - ergänzen das Gefüge als archetypische Bezugspersonen und institutionelle Instanzen, die die Hauptfigur bewerten, befragen oder pathologisieren.

Besonders bemerkenswert ist der sparsame Umgang des Films mit erklärenden Figurenmonologen - die Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten oft mit reduziertem Text, wodurch Körpersprache und Blickführung an Bedeutung gewinnen. Dadurch entsteht eine Ensemblearbeit, die weniger auf psychologische Auslotung einzelner Biografien als auf die atmosphärische Verwebung von Individuum und sozialer Umgebung setzt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Nachtmahr erzählt von einer jungen Frau, deren Alltagsrealität durch eine rätselhafte Erscheinung gestört wird. An die Stelle einer geradlinigen Handlung tritt ein Bündel von Begegnungen, Momentaufnahmen und eskalierenden Situationen, die sukzessive die Wahrnehmung der Protagonistin infrage stellen. Der dramatische Konflikt entfaltet sich zwischen innerer Unruhe und äußerer Nichtanerkennung - zwischen dem Bedürfnis, das Unfassbare zu benennen, und der gesellschaftlichen Tendenz, das Ungewöhnliche zu medizinisieren oder zu pathologisieren.

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Die zentralen Figuren bezeugen verschiedene Reaktionsmuster auf das Unheimliche - von Desinteresse über Sensationslust bis hin zu institutioneller Intervention. Tonal ist der Film dicht, oft beklemmend, mit einer dauerhaften Verschiebung zwischen nüchterner Beobachtung und surrealeingetrübten Bildern. Die Atmosphäre bleibt absichtlich unentschieden und lässt den Zuschauer in einem Zustand latenter Erwartung zurück.

Zentrale Themen und Motive

Der Nachtmahr stellt Fragen nach der Grenzziehung zwischen Innenwelt und sozialer Außenwelt - wer darf deuten, wer legitimiert die Realität eines anderen? Damit verbunden ist eine Kritik an der Mechanik gesellschaftlicher Normalisierung: Abweichung wird nicht nur wahrgenommen, sondern kategorisiert und institutionalisiert. Der Film problematisiert die Mechanismen der Zuschreibung und die damit einhergehenden Machtverhältnisse.

Philosophisch lässt sich das Werk als Untersuchung von Wirklichkeitskonstruktionen lesen. Es geht um das Hören auf Nichtwissen, um die Schwierigkeit, Erfahrungen zu artikulieren, die sich den traditionellen Sprachen des Erklärens entziehen. Psychologisch nähert sich der Film dem Thema Trauma und Entfremdung weniger über diagnostische Begriffe als über die sensorische Nachzeichnung innerer Zustände.

Motivisch wiederholt sich das Bild des Blickes - des beobachteten Subjekts, des voyeuristischen Zuschauers und der Kamera als wiederum beobachtendem Organ. Dieses Netzwerk aus Sichtbarkeiten macht deutlich, wie Realität in Zwischenräumen entsteht - nicht nur als individuelle Erfahrung, sondern als Produkt sozialer Mechanismen, medialer Repräsentation und ästhetischer Formgebung. Der Nachtmahr bleibt damit ein Film, der Fragen öffnet, statt sie zu schließen - ein Werk, das das Kino als Raum der Ambivalenz und der existenziellen Unschärfe verteidigt.

Filmkritik von Peter Osteried

Kein traditioneller Horror: Der Nachtmahr

Einen reinrassigen Horrorfilm wollte Autor und Regisseur Akiz nicht erschaffen, ein gewöhnliches Coming-of-Age-Drama sollte es aber auch nicht sein. Er selbst nennt sein Werk ein „Narcotic-Mindfuck-Melodram“, mit dem Begriff des „Neuen Deutschen Fantastischen Kinos“ kann er aber auch leben. Wie auch immer man ihn klassifizieren will, eines ist Der Nachtmahr auf jeden Fall: Grenzen sprengendes Kino.

Tina (Carolyn Genzkow) ist 17 Jahre alt. Ein Mädchen, das alles hat. Sie sieht gut aus, sie hat viele Freunde, sie ist beliebt. Aber eines Nachts ändert sich auf einer geheimen Poolparty alles. Denn sie hat Visionen, die ihr den eigenen Tod zeigen. Aber damit nicht genug: Wieder zuhause vernimmt sie seltsame Geräusche aus der Küche. Als sie nachsieht, erkennt sie ein kauerndes, unheimliches Wesen, das niemand außer ihr sehen kann. Als sie ihren Eltern davon erzählt, lassen die sie therapieren, während Tina langsam, aber sicher ein Band zu diesem Wesen aufbaut.

Hier gibt es kein Monster, das das Mädchen verfolgt. Vielmehr ist es eine tragische Kreatur, die hier immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Aber auch eine, die nur bedingt existiert. Die 100.000 Euro teure Produktion ist vielseitig lesbar. Man kann Der Nachtmahr als Psychogramm eines jungen Mädchens und das Wesen als Fleisch gewordene Verkörperung ihres Außenseitergefühls verstehen, man kann sich dem Werk aber auch direkter nähern, ohne dass Akiz den Rezipienten in die eine oder andere Richtung drängen würde. Er hat seine hypnotische Mär so gestaltet, dass vieles denkbar und fast alles interpretierbar ist. Das Geschehen kann verlaufen, wie man es sieht, oder es sind die letzten Momente eines sterbenden Verstandes, der versucht, den Übergang leichter erträglich zu machen. Dafür spricht der Umstand, dass Tina und das Wesen miteinander verbunden sind. Was dem einen passiert, widerfährt auch der anderen.

So manche Szene bleibt kryptisch, ist aber notwendig, um die Ambivalenz zu erhalten. Die Wurzeln von Der Nachtmahr liegen im deutschen Expressionismus der 1920er Jahre. Akiz hat einen irrlichternden Trip erschaffen, der mit seiner hämmernden Musik und den Stroboskopeffekten direkt auf den Zuschauer einwirkt. Der Filmemacher hat mit isochromatischen und binauralen Sounds experimentiert, die die narkotische Wahrnehmung noch steigern sollten. Darüber hinaus inszenierte er alles mit Weitwinkel-Objektiven, mit denen er die Peripherie des Blickfelds ausfransen lassen konnte. Es sind die Dinge, die man nur noch im Augenwinkel erahnt, die unwirklich zwischen den Welten existieren. Genau dieses Gefühl transportiert auch Der Nachtmahr, der Akiz‘ erster Eintrag in seiner „Dämonischen Trilogie“ ist, die sich mit einer sprachlosen Kreatur mit dem Triptychon „Geburt, Liebe, Tod“ befassen will.

Der Nachtmahr ist faszinierendes, extrem schnelles, immens lautes Erlebniskino, das weniger die logische Seite als vielmehr die Gefühlsebene des Zuschauers anspricht. Diesen Film spürt man mehr als dass man ihn versteht.

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