kritiken.de› Filme›
Filme

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 26.05.2016
Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln© Walt Disney Germany
A ca. 1365 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln - Spiegelbilder der Zeit und die Ästhetik des Verlorenen

Einleitung

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln kehrt an einen Ort zurück, der sich längst zu einem visuellen Markenzeichen des modernen Fantasykinos gemausert hat. Als Fortsetzung einer 2010 von Tim Burton angestoßenen Neuinterpretation des Carrollschen Stoffes trägt die Produktion die Ambition, nicht nur ein vertrautes Bilderrepertoire zu wiederholen, sondern die mythologische Dichte des Wunderlands weiterzuspinnen. Relevanz entsteht hier weniger aus narrativer Innovation als aus dem Versuch, eine populäre Erzählung medienspezifisch zu erweitern und dabei Fragen nach Identität, Erinnerung und der Temporalität von Figuren zu verhandeln.

Für das filmische Feuilleton lohnt sich die Beobachtung, wie ein auf Hochglanz poliertes Studioprodukt mit viktorianischen Versatzstücken und digitaler Opulenz existenzielle Themen zur Schau stellt. Der Film repräsentiert eine Phase des Hollywood-Kinos, in der etablierte Franchise-Strategien auf gestalterische Risiken treffen: Ein bekanntes Universum wird erweitert, ohne die Verpflichtung, sich ausschließlich den Erwartungen des Mainstreams unterzuordnen.

In dieser Hinsicht ist die Arbeit des Regisseurs eine interessante Brücke zwischen dem ihm vorgegebenen Erbe und einer eigenen Handschrift. Die Inszenierung benutzt das Wunderland als Bühne für eine Reflexion über Zeit, Verlust und Selbstfindung, ohne dabei die konventionellen Mechaniken des modernen Eventkinos zu ignorieren. Der Ton ist folglich doppelt: einerseits verspieltes Spektakel, andererseits dichter Symbolismus.

Kurzüberblick zur Produktion

James Bobin führte Regie bei Hinter den Spiegeln und übernimmt damit die Verantwortung für einen Nachklang einer ursprünglich von Tim Burton initiierten Bildsprache. Bobin, zuvor bekannt geworden durch seine Arbeit an modernen Puppenspiel- und Komödienprojekten, bringt eine präzise komische Fassung und einen Rhythmus in den Film, der sich von Burtons oft melankolischer Exzentrik unterscheidet. Zugleich bleibt die Handschrift des Vorgängers in der extravaganten Kostüm- und Make-up-Ästhetik sowie in der Tendenz zu hyperrealen, digital erweiterten Räumen spürbar.

Hinter den Spiegeln ist ein großangelegtes Studioprojekt des Disney-Kinos mit entsprechendem Produktionsaufwand. Die Produktion setzt auf umfangreiche visuelle Effekte, prägnante Produktionsdesigns und ein Starensemble, das sowohl reale Darsteller als auch Sprechrollen umfasst. Solche Umstände begünstigen eine Form der Erzählung, die zwischen theatralischer Überhöhung und einer gewissen nostalgischen Anlehnung an viktorianische Bildwelten oszilliert.

Im Gesamtkontext des Regisseurs markiert der Film einen Schritt in Richtung größerer visueller Ambitionen und massenkompatibler Erzählungen. Bobins Arbeit demonstriert, wie ein Regisseur mit komödiantischem Hintergrund ein etabliertes Fantasie-Universum neu interpretieren kann, indem er dessen Formeln übernimmt und zugleich neue thematische Akzente setzt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble versammelt vertraute Gesichter des modernen britisch-amerikanischen Kinos und Stimmen, die das Wunderland populär gemacht haben. Johnny Depp kehrt als der Hutmacher zurück, eine Figur, die in den vergangenen Adaptionen zum psychologisch ambivalenten Zentrum einerseits skurriler, andererseits tragischer Elemente wurde. Mia Wasikowska steht erneut in der Rolle der Alice Kingsleigh, die als Stu?ckzeugin einer Zwischenwelt fungiert und deren Entwicklung von Kindheit zur erwachsenen Selbstbestimmung ein wiederkehrendes Motiv bleibt.

Anne Hathaway und Helena Bonham Carter verkörpern die entgegengesetzten Königinnenspersonae, deren ikonografische Überhöhung das filmische Spektakel prägt. In der Erweiterung des Casts bringt Sacha Baron Cohen eine neue, symbolisch aufgeladene Figur in das Universum ein - die Personifikation der Zeit - deren Konzeptualisierung durch Schauspiel und Maske zur thematischen Achse des Films wird. Stimmen wie die von Alan Rickman und Stephen Fry liefern weiterhin Kontinuität im Klangbild des Wunderlands und verankern die Fortsetzung im kollektiven Erinnerungsraum der Zuschauer.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt dem Muster klassischer Fortsetzungen: Eine vertraute Protagonistin kehrt in eine veränderte Version ihrer früheren Umgebung zurück, um eine Aufgabe zu erfüllen, die sowohl persönlicher als auch kosmischer Natur ist. Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus der Konfrontation mit der Zeit als greifbarer Kategorie und aus der Notwendigkeit, verlorene oder verschobene Identitäten zu rekonstruieren. Alice ist mehr als Tourist in dieser Welt; sie wird zum Motor einer Suche, die Erinnerungen, Erbe und die Rolle des eigenen Handelns verknüpft.

Die zentralen Figuren agieren auf Bühnen, die formal zwischen Traum und Bühne oszillieren. Königliche Figuren repräsentieren Machtstrukturen, während Nebencharaktere als Spiegel oder Katalysatoren fungieren. Die Atmosphäre bleibt dicht an der Tradition des Surrealen und des Grotesken, angereichert durch zeitgenössische Digitaleffekte und eine ausgeprägte Farbdramaturgie, die die Tonalität von ironisch-verspielt bis ernsthaft melancholisch variieren lässt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Zeitlichkeit und Identität. Indem die Erzählung die Zeit personifiziert, wird sie zur metaphernreichen Projektionsfläche für Überlegungen über Vergänglichkeit, Erinnerung und die Möglichkeit persönlicher Veränderung. Die Rückkehr in ein vermeintlich Bekanntes dient als Rahmen, um zu erkunden, wie Geschichten Menschen formen und wie die Erinnerung selbst zur Handlungsquelle werden kann.

Spiegelmotive und Doppelungen durchziehen das Bild und verweisen auf die literarische Vorlage wie auf filmische Mechanismen der Wiederholung und Variation. Das Wunderland fungiert als Ort, an dem normative Kategorien aufgelöst werden - Identität wird performativ verhandelt, Machtbeziehungen werden parodiert und die Grenze zwischen Ernst und Spiel bleibt fließend. Psychologisch betrachtet thematisiert der Film die Arbeit am Ich in Zeiten des Übergangs und beleuchtet, wie Traum und Narrative zur Selbstkonstruktion beitragen.

Formalerseits ist die Auseinandersetzung mit Inszenierungsästhetik ein eigenes Thema: Wie produziert man in einer digitalen Gegenwart das Gefühl des Fremden und Vertrauten zugleich? Die Antwort liegt im Zusammenspiel von Makeup, Kostüm, Set-Design und digitalen Eingriffen, die das Wunderland als persistenten, wandelbaren Raum ausweisen. So wird Hinter den Spiegeln weniger als einfache Fortführung einer Marke interessant denn als Beispiel dafür, wie Fantasie-Blockbuster gegenwärtig Bedeutungsarbeit leisten.

Filmkritik von Peter Osteried

Die Rückkehr ins Wunderland, das hinter den Spiegeln liegt

Angesichts des Erfolgs von Tim Burtons Alice im Wunderland ist es erstaunlich, dass es sechs Jahre dauerte, bis die Fortsetzung in die Kinos kam. Das ergab sich vor allem daraus, dass man lange am Drehbuch feilte, war man doch anfangs nicht mit dem Ergebnis zufrieden. Linda Woolverton, die auch schon den Erstling schrieb, orientierte sich immer weniger an Lewis Carrolls zweiten Roman. Das mag in der Tradition des ersten Films stehen, ist aber auch ein Schwachpunkt.

Alice (Mia Wasikowska) betritt durch einen Spiegel erneut das Wunderland. Dort erfährt sie, dass der Mad Hatter (Johnny Depp) nicht mehr er selbst ist. Er glaubt, dass seine Familie nicht vor lange Zeit getötet wurde, sondern noch lebt – aber das macht ihn verrückter denn je. Alice will im helfen, kann aber nicht zu ihm durchdringen, weswegen sie einen kühnen Plan fasst: Sie muss in die Vergangenheit reisen, um dort die Familie des Mad Hatters zu retten. Doch dafür benötigt sie die Chronosphäre von Zeit (Sacha Baron Cohen), der sie nicht freiwillig herausrückt. Alice stiehlt sie, womit ein Wettrennen mit der Zeit beginnt, denn die Vergangenheit kann und darf nicht verändert werden.

In erster Linie erzählt man hier eine ganz eigene Geschichte. Carrolls Vorlage ist nur noch Inspiration, mehr aber nicht. Stattdessen verzettelt man sich in einer sehr episodischen Erzählung, die immer weiter in die Vergangenheit führt und aufzeigt, wie es kommen konnte, dass die Herzkönigin eine derart böse Person geworden ist. Das täuscht Bedeutungsschwere vor, ist aber in seiner Essenz reichlich albern, da inhaltliche und emotionale Substanz einfach fehlt. Dementsprechend ist auch Helena Bonham Carter verschwendet, deren Figur hier vollkommen verblasst. Das ist ein Schicksal, das sie jedoch mit einigen anderen teilt, nicht zuletzt auch Johnny Depp, dessen Rolle hier zwar größer ist, der aber aus dem Einerlei auch nicht hervorstechen kann.

Mit die besten Momente hat sicherlich noch Sacha Baron Cohen als Personifizierung der Zeit, aber was ihn gerieten hat, im Original einen schweren, deutschen Akzent zu bemühen, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. Es ist irritierend, aber ein Makel, der in der Synchronisation verloren geht. Etwas hirnrissig wird es, wenn Woolverton mit Gewalt allerhand Wortspiele mit der Zeit einbringen muss, die eher nach Checkliste denn nach Inspiration aussehen.

Punkten kann Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln mit seiner visuellen Pracht. Hier steht die Produktion dem Original in nichts nach. Regisseur James Bobin macht es Tim Burton nach und ersinnt ein buntes, schrilles, mit opulenter Pracht aufwartendes Wunderland. Leider fehlt dem Ganzen aber das Herz – so wie es auch schon in Burtons Film war. Die Emotionalität bleibt auf der Strecke, die Figuren wirken blass und unscheinbar. Letzten Endes erfreut man sich am visuellen Reiz des Werks, verliert aber an der Geschichte das Interesse. Was auch daran liegt, dass es letztlich nur um ein Törtchen und ein paar Krümel geht. Das ist wenig, passt aber zu den platten Botschaften, die am Ende noch auf den Zuschauer einprasseln.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de