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Gambit

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kritiken.de Redaktion 20.06.2013
Gambit© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1571 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Gambit: Ein intellektueller Coup zwischen Konvention und Illusion im leichten britisch-amerikanischen Kriminalfilm

Einleitung

Gambit tritt an als eine Art eleganter Tribut an die konventionalisierte Welt des Heist-Films - leichtfüßig, stilbewusst und mit einem spöttischen Blick auf die Mechaniken von Vertrauen und Täuschung. In einer Zeit, in der das Kino wiederholt auf das Motiv des großangelegten Betrugs zurückgreift, bemüht sich dieser Film weniger um Nervenkitzel als um eine Feinarbeit an Figuren, Gesten und dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen Echtheit und Schein. Das macht ihn relevant: nicht als epochales Statement, sondern als Kommentar zur Predilektion moderner Unterhaltung für die Raffinesse des Plans und die Schönheit der Ausführung.

Regisseur Michael Hoffman, der hier mit einem versierten Ensemble aus britischen und amerikanischen Darstellern arbeitet, nähert sich dem Stoff mit der Verve eines Szenografen und der Ruhe eines Chronisten. Gambit fügt sich in Hoffmans Werk als eine Arbeit, die seine Vorliebe für adaptives Erzählen und für Figurenstudien in stilisierten Milieus bestätigt. Wie in früheren Filmen ist ihm nicht primär der Plotabtausch wichtig, sondern die Art, wie Menschen Rollen annehmen - im Wortsinne und im übertragenen Sinn.

Der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem Gambit wirkt, ist die erneute Lust an Nostalgie und an formalisiertem Spiel. In den frühen 2010er Jahren beobachtet das Publikum gleichermaßen eine Rückkehr zur klassischen Erzählform und ein wachsendes Interesse an Geschichten, die mit der Idee von Wert jonglieren - ökonomisch wie kulturell. Gambit ist deshalb auch ein Film über Wahrnehmungsökonomien: wie Wert konstruiert, verhandelt und verkauft wird. Seine Relevanz liegt weniger in Aktualität als in der Beständigkeit des Themas.

Kurzüberblick zur Produktion

Gambit, veröffentlicht 2013, ist als modernes Remake eines älteren Heist-Stücks konzipiert und verbindet den britischen Sinn für Understatement mit der amerikanischen Vorliebe für starbesetzte Komödien. Michael Hoffman, der Regie führt, ist kein erzählerischer Provokateur, sondern eher ein stilbewusster Dienstleister für Figuren und Atmosphäre. Seine Handschrift zeigt sich in einem Fokus auf Ausstattung, Dialogton und der kultivierten Beobachtung zwischenmenschlicher Dynamiken.

Die Produktionsumstände lassen den Film als typisch mittleren Studioumfang erscheinen - kein Blockbuster, aber auch kein kleines Independent-Experiment. Die mise-en-scene setzt auf ausgesuchte Interieurs, kunstvolle Requisiten und einen casting-getriebenen Zugang, der den Film als Starvehikel versteht. Innerhalb von Hoffmans Oeuvre markiert Gambit eine leichte Neigung zum Spiel mit Genre-Formeln - eine Erkundung dessen, wie sich traditionelle Elemente des Kriminalfilms mit zeitgenössischem Geschmack mischen lassen.

Bemerkenswert ist die Arbeit an der Oberfläche des Films: Kostüm, Ausstattung und Kamera sind nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern fungieren als narrative Instrumente. Sie produzieren Stimmung und kommentieren Handlung durch subtile Blicke auf Luxus und Abnutzung - ein visuelles Vokabular, das die Themen des Films vorantreibt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Colin Firth übernimmt die Rolle des ruhigen, eleganten Taktikers - eine Besetzung, die auf seine bekannten Typen als verkörperter britischer Gentleman verweist. Firths Präsenz misst sich an Zurückhaltung, seine Mittel sind Nuance und Kälte unter charmantem Äußeren. Cameron Diaz fungiert als das bewegliche Gegenstück: ihre körperlich-komödiantische Energie und ihr Improvisationswille bringen eine Unberechenbarkeit in das Ensemble, die der Konstruktion des Betrugs ebenso dient wie der Aufweichung klassischer Gentlemen-Kontraste.

Alan Rickman ist der typusbildende Charakterdarsteller, dessen kulturelle Raffinesse und latente Bedrohlichkeit der Figur Schwere verleihen. Stanley Tucci ergänzt das Team mit jener metierbezogenen Verspieltheit, die er in seiner Karriere als verlässlicher, intellektueller Sidekick kultiviert hat. Cloris Leachman und Tom Courtenay bringen Veteranen-Autorität, die dem Ensemble eine historische Tiefe verleiht - sie sind die Zeugen und Chronisten einer kleineren, alten Welt des Geschmacks.

Anna Skellern und Togo Igawa runden das Bild als Komplizen im Hintergrund ab, Figuren, die weniger durch große Gesten als durch Subtilität funktionieren. Insgesamt arbeitet der Film mit den Erwartungshaltungen, die diese Namen beim Zuschauer wecken - und nutzt die Star-Persona als narrativen Hebel. Die Figuren sind archetypisch angelegt, doch gerade in ihren kleinen Abweichungen lässt der Film Raum für menschliche Komplexität.

Handlung (spoilerfrei!)

Gambit erzählt von der Konstruktion eines kunstvollen Betrugs: Ein Mann plant, einen wohlhabenden Sammler um einen immens wertvollen Gegenstand zu bringen - nicht mit roher Gewalt, sondern durch die minutiöse Inszenierung einer alternativen Realität. Zu diesem Zweck rekrutiert er ein Team aus Spezialisten und eine Komplizin, deren schauspielerische Verwandlung zum Kern der Täuschung wird.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich zwischen der Perfektion des Plans und den Unwägbarkeiten menschlicher Emotionen. Die zentrale Figur fungiert als Regisseur eines Spiels, bei dem jeder Partitur folgen muss - doch je tiefer die Rollen eingenommen werden, desto unschärfer werden die Grenzen zwischen Verstellung und Echtheit. So entsteht ein Spannungsfeld, das weniger aus Action als aus psychologischer Spannung gespeist wird.

Ton und Atmosphäre sind urbane Eleganz mit einem Hang zur leichten Komik. Die Erzählung schreitet in gemächlichem Rhythmus voran, setzt auf kleine Offenbarungen und das sukzessive Aufscheinen von Details, statt auf spektakuläre Wendungen. Der Film ist damit weniger ein Adrenalinausbruch als eine feinsinnig komponierte Übung in stilvoller Manipulation.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von Gambit steht die Frage nach Authentizität - nicht nur im Sinne des Kunstmarktes, sondern als ontologische Problemstellung: Was macht etwas wertvoll? Ist es die Objektivität eines Werkes oder die gemeinsame Einigung auf seine Bedeutung? Damit verhandelt der Film auch philosophische Fragen nach Schein und Sein, Identität und Performance. Die Figuren sind Performer, deren soziale Rollen sowohl Werkzeug als auch Maske sind.

Gesellschaftlich adressiert Gambit Themen wie Klassengrenzen, Geschmackshierarchien und die Ökonomie der Täuschung. Der Kunstmarkt als Schauplatz fungiert als Metapher für eine Welt, in der Wert zugeschrieben und gehandelt wird - ein Terrain, auf dem Glaube und Besitz sich wechselseitig bedingen. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanik des Betrugs: wie Überzeugung entsteht, wie Vertrauen hergestellt und wie es missbraucht wird.

Formal wiederholt sich das Motiv der Verstellung in Bildkomposition und Schauspielkunst. Ausstattung und Requisiten werden zum Spiegel der Figuren; das Kostüm zur Identität, die der Körper ausführt. In dieser Wechselwirkung zwischen Form und Inhalt offenbart Gambit weniger eine moralische Lehre als eine kühle, fast wissenschaftliche Neugier auf die menschlichen Voraussetzungen des Spiels.

Filmkritik von Jochen Werner

Mit Gambit – Der Masterplan kommt 2013 ein Film in die deutschen Kinos, dessen Vorgeschichte bis weit in die 1990er Jahre zurückreicht. Da nämlich fasste Produzent Mike Lobell den Entschluss, ein Remake von Ronald Neames nicht so ganz klassischer Gaunerkomödie Das Mädchen aus der Cherry-Bar von 1966 zu inszenieren. Diese war mit Michael Caine, Shirley MacLaine und Herbert Lom vorzüglich besetzt, und der vielfältige, aber recht harmlose Haken schlagende Plot schien ohne Weiteres aktualisierbar auf die amerikanische Kinogegenwart um die Jahrtausendwende. Vielleicht lag es daran, dass sich Lobell in jener Zeit vor allem durch eine Reihe starbesetzter Flops, von … aber nicht mit meiner Braut – Honeymoon in Vegas (1992) bis Striptease (1996), hervorgetan hatte, vielleicht waren auch andere Gründe ausschlaggebend – jedenfalls wurde aus Gambit eines jener Projekte, die eineinhalb Jahrzehnte lang von Schublade zu Schublade geschoben werden, ohne jemals so ganz als gestorben durchzugehen. Manchmal werden solche Vorhaben dann, lange Zeit später und wie aus heiterem Himmel, doch noch realisiert. Meistens hätte man es in solchen Fällen besser bleiben lassen.

Ausschlaggebend für den mittelmäßig glücklichen Umstand, dass für Gambit doch noch irgendwann die Klappe fiel, mag vor allem gewesen sein, dass sich die Coen-Brüder dazu hinreißen ließen, ein Skript für das konstant auf der Kippe stehende Projekt zu verfassen: ein Skript freilich, dass sie selbst nicht zu verfilmen gedachten. Stattdessen wagten sie anschließend, inmitten ihrer wohl bisher größten kreativen Krise und nach dem desaströsen Ladykillers (2004), mit ihrer hochdekorierten Kinoadaption von Cormac McCarthys Roman No Country for Old Men eine künstlerische Neuausrichtung. Hätten sie Gambit selbst inszeniert, ihre Karrieren wären womöglich anders verlaufen, denn ganz ähnlich wie Ladykillers kommt auch dieser Film, der schließlich vom routinierten, aber etwas gesichtslosen Handwerker Michael Hoffman abgedreht wurde, staubig, betulich und nur sehr mäßig komisch daher.

Gambit ist ein Paradebeispiel jener Art des Schauspielerkinos, in dem namhafte Darsteller jede Chance nutzen, sich selbst und ihre Images auf den Arm zu nehmen – und dabei derart konsequent aneinander vorbeiagieren, dass das entstehende Ganze nie mehr, sondern meist weniger als die Summe seiner Teile ist. Colin Firth, Alan Rickman, Cameron Diaz, Stanley Tucci – sie alle sind durchaus mit Spielfreude bei der Sache, arbeiten sich aber fast verzweifelt am öden Plot und seinen schlecht getimten Witzen ab. Hierin will der frustrierte Kunstkurator Harry Deane (Colin Firth) seinen tyrannischen Boss Lionel Shahbandar (Alan Rickman) mit einem gefälschten Gemälde um zwölf Millionen Dollar betrügen – und zur Durchführung dieses Coups, wie es die Willkür des Drehbuchs so will, benötigt er die Hilfe des lebensfrohen texanischen Cowgirls PJ Puznowski (Cameron Diaz).

Der forcierte Kauf klappt natürlich nicht so reibungslos, wie der trockene und überkorrekte Deane es sich ausgemalt hatte, und allmählich stellen sich um die hübsche und etwas schlichte PJ denn auch die erwartbaren amourösen Verstrickungen ein – erst als sie vom protzerischen Shahbandar umworben wird, stellt Deane fest, dass er nicht nur bis aufs Blut genervt von der Amerikanerin und ihren Marotten ist, sondern sich in sie auch rettungslos verliebt hat. So weit, so absehbar, und wenn in einem Genre, das sich vor allem über seinen unberechenbaren Handlungsverlauf definiert, noch die letzte Wendung so angestaubt und überraschungsfrei daherkommt, dann bleibt auch für ein hochkarätiges Ensemble wenig zu retten. Dazu kommt, dass Gambit – Der Masterplan dort, wo er Zugeständnisse an die komödiantischen Normen der Gegenwart zu machen versucht, ungemein hilflos wirkt: ob der nackte Hintern des vermeintlichen Nudisten Shahbandar als fast schmerzhaft verschämter Gag ins Bild gesetzt wird, ob ein hosenloser Colin Firth durch eine Hotellobby flaniert oder vor dem Löwen seines Chefs davonrennt – kaum eine Pointe mag so richtig zünden.

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