kritiken.de› Filme›
Filme

Die Monster Uni

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 20.06.2013
Die Monster Uni© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
A ca. 1536 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Die Monster Uni - Campusmetapher und Identitätslabor in Pixars reflektierter Universitätskomödie des Erwachsenwerdens

Einleitung

Mit Die Monster Uni vollzieht Pixar keinen bloßen Markenauftrag, sondern einen kulturellen Schritt in Richtung Rückschau: Das Studio kehrt zu einem seiner beliebtesten Universen zurück und liest die Vorgeschichte eines etablierten Duos als Campusfabel. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner Stellung als Franchise-Teil als in seiner formalen Entscheidung, das Coming-of-Age als institutionelle Erfahrung zu befragen. Der Film überträgt die vertraute Topik des Erwachsenwerdens in die Architektur von Hörsälen, Studentenverbindungen und Leistungswettbewerben und macht so aus einer Kindergeschichte ein Spiegelbild universaler Bildungsnarrative.

Diese Rückblende ins Studium der Figuren funktioniert zugleich als Reflexion über Herkunft, Begabung und das Ringen um Anerkennung. In einer Phase, in der Pixar seine Programmatik zwischen originären Erzählexperimenten und sequellenhafter Pflege bekannter Marken austariert, markiert Die Monster Uni einen bewusst erzählerischen Kurs: die Erweiterung eines Mythos durch psychologische Vorzeit. Regisseur und Team setzen weniger auf radikale formalästhetische Neuerungen als auf die Präzisierung von Figurenbiografien und sozialer Dynamik.

Gesellschaftlich ist der Film in eine Debatte eingebettet, die weit über kinderfreundliche Unterhaltung hinausweist: Es geht um Leistungsdruck, die Ökonomisierung von Bildung und die Konstruktion von Talent. Als animierter Campusfilm reagiert Die Monster Uni auf ein Publikum, das zunehmend kritisch gegenüber Meritokratie und Konkurrenzlogik ist, und verhandelt diese Themen in einer Tonlage, die humoristisch bleibt, ohne die Tragweite der Fragen zu verharmlosen.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Monster Uni entstand bei Pixar Animation Studios und erschien 2013 unter dem Dach von Walt Disney Pictures. Regisseur Dan Scanlon, der sein Spielfilmdebüt liefert, führt die Studiohandschrift weiter - präzise CGI-Animation, detailreiche Produktionsdesigns und ein dramaturgischer Fokus auf emotionalen Kernmomenten. Die Inszenierung bleibt technisch auf dem hohen Niveau, das Pixar zur Marke gemacht hat, und nutzt die Möglichkeiten digitaler Animation, um ein glaubwürdiges, spielerisch überhöhtes Universitätsmilieu zu schaffen.

Die Produktionsumstände zeichnen ein Bild von Ambition und kalkulierter Sicherheitsstrategie: Die Wahl eines Prequels erlaubt die narrative Erweiterung einer bereits etablierten Welt, reduziert zugleich das Risiko, ein völlig neues Erzählsystem entwickeln zu müssen. Die visuelle Palette, das Kostümdesign und die Ausstattung evozierten zugleich die Ikonographie amerikanischer Campusfilme - ein Referenzgerüst, das von der Komödie bis zur Campuschronik reicht und dem Animationsfilm eine verlässliche kulturelle Matrix zur Interpretation gibt.

Innerhalb des Gesamtwerks von Pixar nimmt Die Monster Uni eine zwiespältige Stellung ein. Es ist einerseits ein Versuch, Figurenbiographien zu vertiefen und damit emotionale Kontinuitäten zu sichern; andererseits steht der Film in einer Phase, in der das Studio vermehrt auf etablierte Marken setzt. In Scanlons Handschrift lässt sich bereits ein Interesse an familiären Bindungen und persönlicher Suche ablesen, Motive, die er in späteren Arbeiten weiter verfeinern wird.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Stimme hinter Mike Wazowski bleibt Billy Crystal, dessen komödiantische Präzision und Timing den Charakter geprägt haben. Crystal, bekannt aus der amerikanischen Komödie und der Romantikkomödie der 1980er und 1990er Jahre, bringt dieselbe vokale Energie in die Rolle eines unermüdlich ehrgeizigen Underdogs, der über Worte, Rhythmus und energetische Modulation arbeitet.

John Goodman, der in der Originalfassung bereits Sulley seine Stimme gab, liefert auch hier die sonor-ruhige Kontur von James P. Sullivan. Goodmans Filmografie - geprägt von robusten, oft ambivalenten Präsenzleistungen in Kino und Fernsehen - ermöglicht es der Figur, körperliche Autorität mit einer überraschenden Verletzlichkeit zu verbinden, selbst wenn diese nur über Stimme vermittelt wird.

Steve Buscemi, der die Rolle des Konkurrenten spricht, bringt seine charakteristische Mischung aus Nervosität und latenter Bedrohlichkeit ein. Seine früheren Rollen als oft scharfsinniger Außenseiter finden eine animierte Entsprechung in den Spannungen, die er zwischen Rivalität und Ehrgeiz auslotet. Ergänzt wird das Ensemble durch Helen Mirren als Dean Hardscrabble, deren theatralische Präsenz und autoritäre Kühle der Figur eine aristokratische Strenge verleihen. Die Wahl etablierter, vielfach prämierter Schauspieler verleiht dem Film eine vokale Vielstimmigkeit, die über reine Gagdichte hinaus Charaktertiefe stiftet.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Monster Uni erzählt die frühen Jahre zweier Figuren, die im Vorgänger bereits zu ikonischen Partnern avanciert waren. Ausgangspunkt ist die akademische Ausbildung, in deren Rahmen sich Ambitionen, Talente und soziale Netzwerke formen. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Gegensatz zwischen dem Glauben an erlernbare Fähigkeiten und der Vorstellung von angeborenem Talent. Auf diesem Feld kreist die Handlung um Prüfungen, Wettbewerbe und die Suche nach Anerkennung.

Die zentralen Figuren sind ein zielstrebiger Außenseiter und ein natürlicher Charismatiker, deren Beziehung in der universitären Konstellation auf die Probe gestellt wird. Der Ton des Films bewegt sich zwischen College-Komödie und melodramatischer Bildungsmontage; Atmosphäre und Bildsprache variieren von heiteren Studiengängen bis zu Momenten, die die Protagonisten in ihrer Selbstwahrnehmung ernsthaft herausfordern. Trotz der komödiantischen Oberfläche bleibt der Plot auf der Ebene struktureller Herausforderungen fokussiert, nicht auf überraschenden Wendungen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Begabung, Leistung und Zugehörigkeit. Die Monster Uni konfrontiert die Vorstellung, dass Erfolg allein durch natürliche Bestimmung erreichbar ist, mit der Idee, dass Ausbildung, Gemeinschaft und Selbstverständnis ebenso prägend sind. Das Ergebnis ist eine Reflexion über Meritokratie - wie gesellschaftliche Systeme Talent definieren und wie Individuen darauf reagieren.

Auf philosophischer Ebene berührt der Film Themen der Identität und des Selbstbildes: Was bedeutet es, in einer Rolle zu funktionieren, die einem entweder zugewiesen oder angestrebt wurde? Psychologisch verhandelt die Erzählung Phänomene wie Impostor-Syndrom und die Dialektik von Ehrgeiz und Selbstakzeptanz. Gesellschaftlich liest sich Die Monster Uni als Parabel auf Bildungsinstitutionen - ihre Ritualisierung, Hierarchien und die symbolische Gewalt von Prüfungen und Zertifikaten.

Formal nutzt der Film die Verfremdungseffekte animierter Monsterwelt, um universelle Fragen zu abstrahieren: Indem Angst, Schrecken und Furcht figürlichisiert werden, eröffnet sich ein Rahmen, in dem emotionale Lernprozesse sichtbar, komisch und doch ernsthaft untersucht werden können. So bleibt Die Monster Uni weniger eine Neuauflage als eine thematische Präzisierung eines universellen Erzählmotivs - die Suche nach sich selbst im sozialen Raum.

Filmkritik von Jochen Werner

Man konnte sich zuletzt des Eindrucks nicht mehr so recht erwehren, dass die Zeit der ganz großen Ambitionen bei Pixar vorbei ist. Gegen Ende des letzten Jahrzehnts hatte man sich mit Filmen wie Wall-E (2008) oder Oben (2009) noch daran gemacht, die Grenzen des künstlerisch Machbaren im CGI-Animationsfilm – trotz seiner prinzipiell unendlichen Möglichkeiten eine der wohl redundantesten Erscheinungsformen des gegenwärtigen Filmschaffens – zumindest tendenziell zu erweitern. Obgleich jedes dieser Experimente letztlich nur halbkonsequent angegangen wurde, und man die Genre-Standards – niedliche sprechende Tiere und schlichte humanistische Botschaften – nie so ganz auszulassen wagte, entstanden doch Filme, die in Ambition und Umsetzung weit über die oft humor- und seelenlosen Endlosreihen der Konkurrenz auf dem inzwischen blühenden Animationsfilmmarkt hinausgingen, ob diese nun Ice Age oder Madagascar hießen.

Im Anschluss an Oben, in dem einige der ungewöhnlichsten und schönsten Momente zu sehen waren, die der CGI-Animationsfilm je hervorgebracht hat, entstand im Hause Pixar zwar noch durchaus Schönes: So verbarg sich mit Toy Story 3 (2010) ausgerechnet hinter dem bereits dritten Aufguss des Gründungsmonuments von Pixars Erfolgsgeschichte ein verblüffend tiefgreifender, kluger und berührender Film über Liebe, Verlust und Abschied. Doch wirklich Überraschendes hat man seitdem vermisst. Cars 2 (2011) setzte einen ohnehin eher durchschnittlichen Film eher unterdurchschnittlich fort, und Merida – Legende der Highlands (2012) war eine überaus disneyeske Variation auf die gut abgehangene Erzählung der sich emanzipierenden Prinzessin, die in einer traditionsbewussten, patriarchal organisierten Gesellschaft ihren eigenen Weg sucht und findet.

Nun also die nächste Fortsetzung eines frühen Erfolgsfilms. Wobei es sich bei der Monster-Uni genau genommen um ein Prequel handelt, das die späteren Meisterschrecker aus der Monster AG (2001), James P. Sullivan und Mike Glotzkowsky, während ihrer Studentenzeit zeigt. Der Film eignet sich dabei die Perspektive Mikes an, eines überenthusiastischen Studenten der Schreckologie, der davon träumt, das furchteinflößendste Monster der Welt zu werden, aber allem Fleiß und aller theoretischen Brillanz zum Trotz an seiner allzu großen Niedlichkeit scheitert. Im zunächst größtmöglichen Gegensatz dazu erscheint „Sulley“ Sullivan, Abkömmling einer Familie von Meisterschreckern und dementsprechend felsenfest davon überzeugt, dass ihm das Erschrecken im Blut liegt.

Während Mike also für Fleiß und harte Arbeit steht, die ihn trotzdem nicht so einfach über die Grenzen der eigenen Talente tragen können, verkörpert Sulley das angeborene Genie, das mangels Bereitschaft zur Weiterentwicklung der eigenen Begabungen im Ansatz zu verkümmern droht. Die trotz anfänglicher zwischenmonsterlicher Reibungspunkte absehbare (und vom späteren Status quo der Monster AG bereits vorgegebene) Freundschaft der beiden so unterschiedlichen Protagonisten bedeutet also auch einen Pakt zwischen Genie und Handwerk. Über Mikes Akzeptanz der unumstößlichen Tatsache, dass eben nicht jeder Traum durch Zuversicht, Überzeugung und harte Arbeit erreichbar ist, wird in Die Monster Uni also doch wieder eine Auseinandersetzung mit einer mitunter durchaus schmerzvollen Wahrheit eingeschleust, die manch anderem Animationsfilm wohl schon zu finster erschiene, um ein kindliches Publikum damit zu konfrontieren.

Obgleich Dan Scanlons Film sich erfreulicherweise nicht allzu aufdringlich bemüht, die schroffen Kanten dieser Erkenntnis abzuschleifen, handelt es sich bei Die Monster-Uni selbstredend keinesfalls um einen düsteren oder auch nur einen mitunter melancholischen Film. Ganz im Gegenteil taucht er mit spürbarer Freude erneut ein in die bunt schillernde Welt seiner zahllosen, meist quietschbunten Monster. Er nutzt die Folie der College-Komödie – John Landis’ Ich glaub’, mich tritt ein Pferd (1978) etwa kommt als Vorbild in den Sinn, oder mehr noch Jeff Kanews Die Rache der Eierköpfe (1984) –, um einen leichtfüßigen und nur sacht anarchisch-antiautoritären Grundton unter den sehr klassischen Plot des Films zu legen und die gestalterischen Freiräume, die die recht absehbare Ereignisfolge eröffnet, um eine Reihe liebevoll entworfener Nebenfiguren zu einiger Lebendigkeit zu erwecken.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de