Feinde - Hostiles: Ein kontemplatives Epos über Gewalt, Versöhnung und das verlorene Amerika
Einleitung
Feinde - Hostiles tritt in eine lange Linie von amerikanischen Western, die nicht allein den Horizont vermessen, sondern die moralischen Risse einer Nation freilegen. Scott Coopers Film verzichtet auf die glorifizierende Mythologie des Genres und bevorzugt stattdessen eine kontemplative, fast meditative Auseinandersetzung mit Gewalt und Verantwortung. Gerade in einer Zeit, in der historische Narrative und nationale Selbstbilder wieder intensiv debattiert werden, wirkt diese Neubewertung der Grenzgeschichte von eindringlicher zeitgenössischer Relevanz.
Der Film spricht weniger als Monument denn als persönliches Zeugnis - eine Perspektive, die mehr an Innenleben und Schuld zu arbeiten scheint als an heldenhaften Taten. In dieser Haltung liegt seine Bedeutung: Feinde - Hostiles fordert das Publikum dazu auf, die Kollision zwischen privater Moral und institutionalisierter Gewalt zu betrachten. Es ist ein Film, der den Western nicht nur neu erzählt, sondern ihn als Schauplatz moralischer Prüfung nutzt.
Die Relevanz des Films ergibt sich auch daraus, wie er historische Gewalt in Beziehung zu gegenwärtigen Debatten über Erinnerung, Gerechtigkeit und kulturelle Verantwortung setzt. Die Entscheidungen, die Figuren im Film treffen, spiegeln größere Fragen wider - nach Sühne, nach dem Preis von Rache und nach der Möglichkeit grundsätzlich menschlicher Begegnung jenseits vorgefasster Feindbilder.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Scott Cooper, dessen Handschrift sich durch eine Vorliebe für rauhe Realismen, psychologisch dichte Charakterstudien und eine kompromisslose Bildsprache auszeichnet. Nach Arbeiten wie Crazy Heart, Out of the Furnace und Black Mass hat Cooper eine Neigung entwickelt, moralisch ambivalente Männerfiguren in von Gewalt markierten Milieus zu inszenieren. Feinde - Hostiles fügt sich in dieses Motivgefüge ein, erweitert es jedoch um eine ausgeprägte historische Perspektive.
Die Produktion bewegt sich im Rahmen eines mittelgroßen Studiospektrums: kein Independent-Experiment, aber auch kein opulentes Blockbuster-Projekt. Diese Position ermöglicht dem Film eine sorgfältige, handwerklich ausgerichtete Umsetzung - aufwändige Kostüme und Requisiten, ein aufwendiger Dreh in Feld- und Wüstenlandschaften sowie eine Inszenierung, die auf atmosphärische Dichte statt auf spektakuläre Effekte setzt. Die filmische Entscheidung, die Weite und Kargheit der Szenerie ästhetisch zu nutzen, ist eine der prägnantesten Produktionsentscheidungen.
Im Gesamtwerk Coopers stellt Feinde - Hostiles eine weitere Konzentrierung seiner Themen dar - die Verbindung von persönlichem Trauma und gesellschaftlichen Strukturen, gefasst in ein Genre, das Traditionen hinterfragt. Der Film markiert zugleich einen Moment, in dem der Regisseur sein Interesse an historischen Stoffen vertieft, ohne seine Vorliebe für intime, charaktergetriebene Erzählungen aufzugeben.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Christian Bale übernimmt die zentrale Rolle eines geschundenen Militärs und bringt die bekannten Fähigkeiten mit, harte, komplexe Männerrollen psychologisch fein auszuloten. Bales Spiel folgt nicht der Show eines Westernhelden, sondern der feinen Schichtung von Verdrängung, Pflichtbewusstsein und innerer Härte. Rosamund Pike, in den vergangenen Jahren vor allem als präzise, kontrollierte Darstellerin wahrgenommen, verkörpert eine verletzte Überlebende - ihre Präsenz steuert einen intimen, emotionalen Gegenpol zur ansonsten männlich dominierten Reise.
Wes Studi bringt die langjährige Erfahrung als Darsteller indigener Rollen ein und verleiht dem Film eine gebrochene Würde, die von persönlicher und kollektiver Geschichte geprägt ist. Neben ihnen steht ein Ensemble aus etablierten und aufstrebenden Namen - darunter Adam Beach und Q’orianka Kilcher, die die indigene Perspektive in unterschiedlichen Facetten vertreten, sowie Timothée Chalamet und Jonathan Majors in frühen, prägenden Nebenrollen. Diese Besetzung ermöglicht eine vielstimmige Darstellung der historischen Konstellationen, ohne die Figuren in einfache Stereotype zu zwängen.
Handlung (spoilerfrei!)
Feinde - Hostiles erzählt von einer Gefährtenreise durch eine gefährliche Grenzregion - nicht als Abenteuergeschichte, sondern als existenzielle Prüfung. Der dramatische Konflikt entfaltet sich aus der Spannung zwischen militärischer Pflicht, persönlicher Verletzung und der Frage, wie man mit einem als Feind markierten Gegenüber umgeht. Auf dem Weg begegnen die Protagonisten Siedlern, Soldaten und jenen, deren Leben von den vorherigen Gewalttaten gezeichnet sind.
Im Zentrum steht die Beziehung zwischen den Hauptfiguren - eine Beziehung, die anfänglich von Misstrauen und historischen Gräben geprägt ist und sich durch kleine, hart erworbene Momente der Verständigung verändert. Der Ton des Films ist dabei nüchtern, oft bedrückend; die Atmosphäre wird durch karge Landschaften, langsames Erzähltempo und eine klaustrophobische Nähe zu den Figuren geprägt. Gewalt bleibt präsent, wird aber nicht spektakulär inszeniert, sondern als lastende Realität, deren Folgen schwer wiegen.
Zentrale Themen und Motive
Feinde - Hostiles stellt grundlegende Fragen nach Versöhnung und Verantwortung. Der Film fragt, ob und wie persönliche Schuld anerkannt und bearbeitet werden kann - nicht symbolisch, sondern in praktischen, zwischenmenschlichen Handlungen. Er lotet die Grenzen von Empathie aus und macht deutlich, dass Begegnung keinen einfachen Ausweg aus historischen Verstrickungen darstellt.
Weitere zentrale Motive sind die Zyklen der Gewalt und die Schwierigkeit, Gewalt in ein narratives Gerüst von Recht und Ordnung zu fassen. Der Western dient hier als Prüfstein für amerikanische Selbstbilder: die Landschaft fungiert nicht nur als Hintergrund, sondern als Spiegel für innere Verlorenheit und kollektive Wunden. Coopers Film lässt zudem die Frage anklingen, wie Männlichkeit in Extremsituationen konstruiert wird - nicht als Triumph, sondern als Last, die moralische Entscheidungen nur schwerlich vereinfacht.
Formal ist die Filmarbeit auf eine reduzierte, sinnlich spürbare Bildsprache ausgelegt. Die Kompositionen betonen Nähe und Distanz, Licht und Schatten, und der Rhythmus der Montage zwingt zu einem langsamen Blick auf Details, die in klassischen Western oft übergangen werden. In dieser Kombination aus inhaltlicher Schärfe und formaler Strenge liegt die spezifische Ambition des Films - ein Western, der sich als ethische Vexierprobe versteht.
Filmkritik von Bianka Piringer
Der Soldat, der dem Häuptling vergibt
Die Indianerkriege sind im Jahr 1892 vorbei, der Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) sitzt seit sieben Jahren in Gefangenschaft in Fort Berringer in New Mexico. Der Army-Captain Joseph Blocker (Christian Bale) aber hasst seinen Feind aus früheren Schlachten weiterhin inbrünstig, wie die „Wilden“ überhaupt. Nun hat Yellow Hawk, der an Krebs erkrankt ist und sterben wird, um seine Freilassung gebeten. Er will zurück nach Montana in heiliges Cheyenne-Land, um seine letzte Ruhe zu finden. Der US-Präsident begnadigt ihn und so wird ausgerechnet Joseph Blocker dazu abkommandiert, den Häuptling und seine mitinhaftierte Familie mit ein paar Soldaten nach Montana zu eskortieren.
Der Western, den Regisseur Scott Cooper inszeniert hat, ist eigentlich ein filmisches Klagelied über das große Sterben. Joseph vollzieht auf dem langen Ritt nach Montana eine innere Kehrtwendung. Das jahrzehntelange Töten hat ihn und seine Kameraden moralisch zermürbt. Joseph spielt dem heutigen US-Kinopublikum exemplarisch eine Vergangenheitsbewältigung vor, die zur pathetischen Geste gerinnt und die historische Schuld den Ureinwohnern gegenüber nicht wirklich auf den Punkt bringt.
Die berittene Gruppe gabelt unterwegs die Farmersfrau Rosalie (Rosamund Pike) auf. In der ersten Filmsequenz sah man, wie eine Bande Komantschen ihre Farm angriff, Mann und Kinder töteten, die Pferde stahlen, das Haus abbrannten. Die Feindschaft zwischen Siedlern und Indianern hat ihre Gründe auf beiden Seiten, will der Film wohl sagen. Mit Rosalie setzt der Film den unschuldigen Pioniersfrauen ein Denkmal. Die Witwe ist nicht nur taff, sondern auch gütig und gottesfürchtig. Freundlich geht sie bald auf die Familie von Yellow Hawk zu und schlägt so auch ihrem Beschützer Joseph eine Brücke.
Unterwegs wird weiter getötet, getrauert an Gräbern mitten in der wunderschönen Natur. Die Reisenden blicken stumm mit tragischer Hamlet-Miene in die Landschaft oder ins Lagerfeuer, an dem manchmal zaghaft melancholische Lieder erklingen. Mit seiner fatalistischen Haltung und bedrückten Stimmung erinnert der Film an Sydney Pollacks „Jeremiah Johnson“ von 1972. Darin spielte Robert Redford einen Weißen, der die blutige Rache der Indianer an seiner Familie mit der Waffe erwidert und zur Legende wird – bis er dann endlich merkt, dass es keinen Grund mehr zum Schießen gibt. Coopers Held Joseph hatte nach eigener Auffassung – und der des Films – ebenfalls keine Alternative für seine Taten. Er habe nur seine Pflicht als Soldat erfüllt, sagt er einmal. Und er zählt dem Häuptling die Namen der Freunde vor, die dieser offenbar im Kampf tötete. Der Chief wendet den Kopf kurz bedauernd zur Seite.
Joseph, von Christian Bale mit stolzem Ernst gespielt, bereut also nicht nur, er bietet auch selbst Vergebung an. Diese aber steht ihm als Soldat der Erobererseite nicht zu. Was soll der Häuptling eines niedergemetzelten Stammes, dessen Familie der kulturelle Tod im Reservat erwartet, mit einer dermaßen simplen Aufrechnerei Schmerz gegen Schmerz anfangen?
Cooper packt in diesen auf theaterhafte Überhöhung setzenden Western zeitlose Botschaften. Ein weißer Grundbesitzer demonstriert mit der Knarre in der Hand abschreckend das archaische Denken, das hinter dem heute immer noch populären Recht auf Waffenbesitz steckt. Auch im Handschlag zwischen Häuptling und Soldat steckt sicherlich eine gut gemeinte philosophische Absicht des Films. Konkret aber wird diese Geste zum Ärgernis. Joseph soll, so will es der Film ja, sogar beim Massaker in Wounded Knee 1890 gewütet haben.

