Solo: A Star Wars Story - Die Konstruktion eines Mythos zwischen Abenteuer und Herkunft
Einleitung
Solo: A Star Wars Story tritt in eine doppelte Spannung: Als Teil eines der global wirkmächtigsten Franchises muss der Film mit der Erwartungshaltung eines kulturellen Mythos umgehen, als auch mit der Frage, welche Erzählung hinter einer bereits ikonisierten Figur noch erzählt werden darf. Die Relevanz des Films liegt weniger in neuen kosmischen Offenbarungen als in der Versuchsanordnung, wie Herkunftsgeschichten legendenbildende Figuren entmythologisieren oder wieder neu mythisch aufladen können.
Regisseur Ron Howard, der nach einer öffentlich ausgetragenen Regieumschichtung an das Projekt trat, steht für eine klassische, handwerklich saubere Erzählweise. Seine Beteiligung markiert daher nicht nur einen Wechsel in der filmischen Tonlage, sondern auch einen konzeptionellen Schnitt zwischen improvisatorischer, genrehybrider Handschrift und konventioneller Blockbuster-Narration. Solo ist damit in mehrfacher Hinsicht ein Experiment - sowohl narrativ als auch industrial.
Der Film erschien 2018 in einer Zeit, in der das Kino zunehmend mit Serienrealität, Nostalgiekonsum und dem Erwartungsdruck gegenüber Franchises ringt. Publikum und Kritik diskutierten seither nicht allein über Qualität, sondern über Sinn und Funktion von Epen, die ihre eigenen Legenden nacherzählen. Solo steht somit exemplarisch für den Zeitgeist einer Ära, in der Herkunftsgeschichten ökonomisch attraktiv und kulturell ambivalent zugleich sind.
Kurzüberblick zur Produktion
Die offizielle Regieübernahme durch Ron Howard folgte auf eine Phase intensiver Entwicklung und Neujustierung. Die Produktion des Films fand unter dem Dach von Lucasfilm und den Ressourcen eines großen Hollywood-Studios statt, mit einem entsprechend hohen Produktionsaufwand. Berichtet wurde von umfangreichen Nachdrehs und einer signifikanten Investition in Kulissen, Kostüme und visuelle Effekte - Faktoren, die den Film in die Kategorie des aufwändigen Popkulturkinos einordnen.
Howards Handschrift zeigt sich im Bemühen um klare Figurenkonstellationen und erzählerische Präzision. Im Vergleich zu seinen früheren Filmen, die zwischen intimen Figurenporträts und spektakulärem Mainstreamkino oszillieren, markiert Solo eine Rückkehr zu streng durchkomponierter Erzähltechnik. Das Studioumfeld, die Verpflichtung gegenüber einer vorgegebenen Franchiseikone und die Produktionssituation prägen den Film sichtbar - nicht nur in handwerklicher Solidität, sondern auch in der stilistischen Kompromissbereitschaft zwischen Authentizität und marktwirtschaftlicher Vermittlung.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Alden Ehrenreich übernimmt die titelgebende Rolle und steht vor der Herausforderung, eine weltweit bekannte Figur in jungen Jahren zu verkörpern, ohne zur bloßen Imitation zu verkommen. Seine bisherigen Arbeiten, etwa in Filmen abseits des Blockbusters, positionieren ihn als Schauspieler mit feinem Gespür für tonal subtile Darstellung; in Solo geht es für ihn vor allem um das Ausbalancieren von Charme, Unsicherheit und schrittweiser Selbstbehauptung.
Emilia Clarke, international prominent geworden durch eine langlebige Fernsehserie, bringt eine ambivalente Präsenz in die Produktion. Sie spielt eine Figur, die sowohl Vertrautheit als auch Undurchsichtigkeit zulässt. Clarke ist hier weniger die archetypische Heldin als eine Katalysatorin für Entscheidungen und Konfliktlinien innerhalb des Ensembles.
Woody Harrelson fungiert als erfahrener Antiheld und Mentorfigur. Mit einer Vita, die von Independent-Seriosität bis zu massentauglichen Produktionen reicht, liefert Harrelson eine Performance, die auf Abgeklärtheit und rauer Pragmatik basiert. Die Besetzung zeigt ein bewusstes Interesse, star- und charakterbesetztes Schauspiel in den Dienst einer genretypischen Abenteuererzählung zu stellen.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt von den Anfängen einer Figur, deren Name bereits im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Ausgangspunkt ist eine Reise aus kleinem Milieu in eine größere, oft gesetzlose Sphäre - eine Unterwelt, in der Loyalitäten käuflich sind und Überleben über moralische Klarheit gestellt wird. Die erzählerische Bewegung ist linear und auf Entwicklung angelegt: Aus Begegnungen und Konflikten entsteht eine prägende Formation des Protagonisten.
Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen individueller Identität und einem Umfeld, das Anpassung verlangt. Die Figur muss Entscheidungen treffen, die nicht nur ihr Schicksal, sondern auch die Beziehungen zu den Begleitfiguren bestimmen. Tonal liegt der Film zwischen rauer Kriminalgeschichte, heiteren Momenten und dem weiten Atem eines Science-Fiction-Abenteuers; die Atmosphäre ist dadurch sowohl nostalgisch als auch handlungsorientiert.
Zentrale Themen und Motive
Solo operiert auf mehreren thematischen Ebenen. Im Vordergrund steht die Frage nach Herkunft und Selbststiftung - wie wird aus einem Menschen eine Legende, und inwieweit ist Legendenbildung performativ? Der Film lotet die Spannung zwischen Zufall und Absicht, zwischen prägenden Begegnungen und eigenen Entscheidungen. Er fragt, ob Herkunftsgeschichten die Aura einer Figur erklären oder weiter verschleiern.
Hinzu kommt ein Reflexionsbogen über Loyalität und Vertragsbeziehungen in einer ökonomisierten Welt. In der Darstellung von Unterweltstrukturen, Rivalitäten und Transaktionen wird das Motiv der Zweckgemeinschaft zum Spiegel für größere gesellschaftliche Ordnungen. Schließlich ist Solo auch ein filmtheoretisches Statement über das Erzählen selbst - über die Risiken und Möglichkeiten, eine populäre Ikone in ein narratives Vor-licht zu stellen und ihr dadurch eine neue, teils widersprüchliche Tiefe zu verleihen.
Filmkritik von Peter Osteried
„Solo: A Star Wars Story“: Im Weltall nichts Neues
In Sachen Lucasfilm ist man es schon fast gewohnt, dass es hinter den Kulissen chaotisch zugeht und Regisseure vor und während der Dreharbeiten entlassen und ersetzt werden. Bei SOLO: A STAR WARS STORY geschah dies, als fast schon der ganze Film im Kasten war. Die ursprünglichen Regisseure gingen, Ron Howard kam. Das Ergebnis ist ein seltsam lebloser Film.
Han (Alden Ehrenreich), der seinen Nachnamen erst noch bekommen soll, muss Correlia verlassen, nachdem er sich mit der Unterwelt angelegt hat. Seine Freundin Kira (Emilia Clarke) wird jedoch gefangen genommen. Er kann nur entkommen, weil er sich der imperialen Armee anschließt. Aber während er über Jahre hinweg auf irgendwelchen Planeten am Ende der Welt für den Ruhm des Imperiums kämpft, denkt er nur daran, zurückzukehren und Kira zu befreien. Die Chance dafür erhält er, als er auf die Gaunertruppe rund um Tobias Beckett (Woody Harrelson) trifft, die einen guten Piloten noch gebrauchen kann.
Im Endeffekt muss man wohl aufgrund der Produktionsgeschichte ein Auge zudrücken, das ändert aber nichts daran, dass dieser neuerliche Ausflug in eine Galaxie weit, weit entfernt, recht langatmig daherkommt. Schon in den ersten Minuten hat man das Gefühl, dass diese Geschichte entgleisen wird. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Geschichte minimaler nicht ausgelegt sein könnte, der Film leidet aber auch darunter, dass nichts Nennenswertes passiert. Streng nach Checkliste werden die bekannten Dinge abgehakt: Han als imperialer Soldat, Han rettet Chewie, Han gewinnt den Millennium Falken. All das ist längst bekannt, wird hier aber dennoch stur durchexerziert.
Darum herum bauen Lawrence und Jake Kasdan eine episodische Geschichte, bei der die Logik gerne mal über Bord geworfen wird. Das fängt mit dem Schicksal von Becketts Freundin an und endet mit dem auch schon in EPISODE IV angesprochenem Kessel-Lauf, den Han in Rekordzeit absolviert – und der hier reichlich irritierend gestaltet ist.
Auf der Habenseite kann der Film verbuchen, dass man einen tieferen Einblick in die Unterwelt des STAR WARS-Universums erhält. Paul Bettany ist hier als Anführer eines Teilbereichs von Crimson Dawn überzeugend und bringt eine Ernsthaftigkeit ein, die dem Film guttut. Auch die Halunken, mit denen Han zu tun hat, gefallen mehrheitlich, eher fragwürdig kommt jedoch der von Donald Glover gespielte Lando Calrissian daher, der aussieht, als wäre er einem Blaxploitation-Film der 1970er Jahre entsprungen. Und nicht nur das: Die Beziehung zu seinem Droiden, die wohl witzig sein soll, erweist sich weitestgehend als nervig.
Ehrenreich schlägt sich als junger Han ganz gut, auch wenn es wohl noch bessere Kandidaten für die Rolle gegeben hätte. Emilia Clarke bleibt indes farblos, was die Frage aufwirft, ob sie abseits von GAME OF THRONES überhaupt etwas zu leisten imstande ist. Ihre bisherigen Filmausflüge liefen alle nicht. Auch hier ist sie reichlich langweilig. Erst zum Ende hin relativiert sich das etwas. Überhaupt nimmt der Film in den letzten 20 Minuten Fahrt auf und zeigt, was er hätte sein können, wenn zuvor schon eine Geschichte geboten worden wäre, die emotional auf Han Solo einwirkt. Hier gibt es plötzlich echtes Drama mit Verrat und Gegenverrat, mit den großen Gefühlen und den noch größeren Enttäuschungen. Urplötzlich erwacht der Film zum Leben. Da ist er aber auch schon fast aus, womit man das Finale wohl als eine Art Versprechen für die Zukunft betrachten muss. Immerhin hat Ehrenreich für drei Filme unterschrieben, so dass es wohl noch weitere Jugendabenteuer von Han Solo geben wird.
Den schönsten Moment des Films gibt es kurz vor Ende – mit dem überraschenden Auftritt einer Figur, die bei Fans sehr beliebt ist. Nein, C-3PO ist es nicht. Es ist viel besser, zumal auch eine Brücke zu dem geschlagen wird, was chronologisch vor SOLO: A STAR WARS STORY gekommen ist.

