Papillon - Die Wiederkehr eines Leidenserlebnisses zwischen Mythos und materialistischer Wirklichkeit
Einleitung
Papillon kehrt als filmische Neuauflage zu einem Klassiker zurück, der in der kollektiven Vorstellung als Ikone von Freiheitssehnsucht und Gefängnisrealismus verankert ist. Die 2018er-Version tritt nicht nur in die Fußstapfen des legendären Films aus den 1970er Jahren, sondern verhandelt zugleich die Frage, wie sich historische Erzählungen von Strafe, Schuld und Überleben in unserer Gegenwart lesen lassen. Die Relevanz des Films liegt weniger in der bloßen Wiederholung einer bekannten Erzählung als in der Möglichkeit, dieselbe Biografie erneut auf ihre zeitgenössischen Resonanzen zu befragen.
Regisseur Michael Noer, der sich in früheren Arbeiten einen Ruf für eine nüchterne, körperlich verortete Bildsprache erworben hat, bringt diese Handschrift in die Auseinandersetzung mit einem Stoff ein, der zwischen Mythenbildung und dokumentarischem Zeugnis oszilliert. Insofern ist Papillon weniger ein nostalgisches Remake als ein Versuch, die mythologische Dimension des Charrière-Mythos mit einer modernen, strengen Ästhetik zu koppeln.
Der Film trifft auf einen Zeitgeist, in dem Fragen nach staatlicher Gewalt, Erinnerung und der Auslagerung von Strafe in koloniale Räume wieder ganz oben auf der öffentlichen Agenda stehen. Dass die Geschichte eines verurteilten Mannes, der gegen ein übermächtiges Justiz- und Strafvollzugssystem ankämpft, heute anders gelesen wird als vor vierzig Jahren, macht Papillon zu einem kulturellen Beobachtungsfeld für Debatten über Würde, Institutionenkritik und die Ästhetik des Leidens.
Kurzüberblick zur Produktion
Michael Noer, international bekannt geworden durch seine kompromisslosen Sozialdramen, bringt in Papillon eine reduzierte, körperorientierte Regiephilosophie ein. Seine Filmsprache tendiert zu engem, oft dokumentarisch anmutendem Realismus, der Emotionen über physische Präsenz und Raumgestaltung vermittelt. Diese Handschrift prägt die Neuauflage und sorgt dafür, dass der Klassiker nicht als bloße Reminiszenz, sondern als eigenständiges filmisches Argument auftritt.
Die Produktion des Films bewegt sich in einem Feld zwischen kommerziellen Erwartungen und künstlerischem Anspruch. Die Entscheidung, einen weithin bekannten Stoff noch einmal auf die Leinwand zu bringen, impliziert die Notwendigkeit, sowohl die Erwartungen eines Publikums an einen Abenteuerfilm zu bedienen als auch die Ernsthaftigkeit des Ursprungsmaterials zu wahren. Dies schlägt sich in der Auswahl der Darsteller, der Bildästhetik und der Inszenierung physischer Härte nieder.
Im Gefüge von Noers Gesamtwerk stellt Papillon eine Ausweitung seiner Themen dar - weg von sozialräumlichen, städtischen Milieus hin zu einem größeren historischen Tableau, das kolonial geprägte Strafsysteme und individuelle Überlebensstrategien verhandelt. Es ist ein Schritt, der Noers Neigung zum Realismus in einen größeren, beinahe epischen Rahmen stellt, ohne dabei in Sentimentalität zu verfallen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Charlie Hunnam, der hier die titelgebende Figur übernimmt, ist dem Publikum vor allem durch seine Arbeit in Fernsehserien wie Sons of Anarchy und kinoreifen Genreproduktionen wie Pacific Rim vertraut. Hunnam bringt eine rauhe Körperlichkeit und eine kontrollierte Expressivität mit, die der Figur des Papillon eine Mischung aus stoischer Entschlossenheit und verletzlicher Menschlichkeit verleiht. Seine Darstellung ist darauf angelegt, das physische Element des Überlebenskampfes ebenso zu vermitteln wie die inneren Brüche eines Mannes, der mit einem überbordenden System ringt.
Rami Malek, in den Jahren vor Papillon besonders prominent durch die Serie Mr. Robot und später durch eine oscarprämiere Biografierolle, tritt hier in eine Rolle, die eine andere Facette seines Könnens verlangt. Malek ist bekannt für seine Fähigkeit, subtile psychologische Risse auszuspielen; in Papillon verkörpert er eine Figur, die für den Protagonisten sowohl Komplize als auch Spiegel ist. Seine Leistung zielt darauf ab, inneren Konflikt und moralische Verschiebungen ohne große Gesten lesbar zu machen.
Tommy Flanagan vervollständigt das Ensemble als markanter Charakterdarsteller, dessen raues Profil oft Antagonisten oder zwielichtigen Figuren Gewicht verleiht. In diesem Rahmen fungiert er als Teil des Milieus, das den Strafvollzug nicht nur als Institution, sondern als soziales Geflecht sichtbar macht. Zusammen bilden die Darsteller ein Ensemble, das weniger auf großen emotionalen Ausbrüchen beruht als auf einer dialektischen Spannung zwischen Körperlichkeit und psychologischer Nuancierung.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt die Geschichte eines verurteilten Straftäters, dessen Name zu einem Synonym für Hartnäckigkeit und den Drang nach Freiheit geworden ist. Im Zentrum steht der dramatische Konflikt zwischen dem Individuum und einem rigiden Strafsystem, das Gewalt, Isolationsmechanismen und institutionelle Demütigungen als Mittel der Kontrolle einsetzt. Die Erzählung folgt dem Protagonisten in ein Geflecht von Machtverhältnissen, die sowohl physische als auch moralische Grenzen verschieben.
Wesentliche Figuren sind neben dem Protagonisten Verbündete und Gegenspieler, deren Beziehungen nicht selten ambivalent und wechselhaft sind. Der Ton des Films bleibt beharrlich ernsthaft - Abenteuerlichkeit verbindet sich hier mit existenzieller Schwere. Die Atmosphäre ist geprägt von einem Gefühl permanenter Bedrohung, wobei die Inszenierung eher auf eine unmittelbare, drängende Präsenz als auf romantische Verklärung setzt.
Zentrale Themen und Motive
Papillon arbeitet an der Schnittstelle von Freiheitsmythos und konkreter Strafrealität. Der Film fragt danach, was Freiheit in einem Kontext bedeutet, der sie formal negiert - ob Freiheit als körperliche Flucht, als psychische Autonomie oder als Narrativ existiert, das der Protagonist für sich beansprucht. Daneben thematisiert der Film Loyalität und Verrat, nicht als Einzelausdruck, sondern als konstante Verhandlungsmasse innerhalb einer gewalttätigen Ordnung.
Philosophisch rückt die Auseinandersetzung mit Würde und Subjektwerdung in den Vordergrund. Wie bleibt ein Ich intakt, wenn Institutionen mit teilweise entmenschlichenden Praktiken reagieren? Welche Rolle spielt Erinnerung, Erzählung und das Festhalten an einem persönlichen Ethos angesichts struktureller Entwertung? Gesellschaftlich lässt sich der Film als Kommentar auf die Funktionsweise historischer Strafsysteme lesen - auf die Brutalisierung, die Grenzen von Recht und die kolonialen Dispositive, in denen viele Strafkolonien verortet waren.
Motivisch arbeitet Papillon mit wiederkehrenden Bildern von Enge und Weite, von Körperlichkeit als Erzählmittel und von Natur als zugleich lebensspendender wie bedrohlicher Sphäre. Diese Konstellationen erzeugen eine doppelte Spannung: Die Landschaft suggeriert eine Möglichkeit der Flucht, dient aber auch als harscher Prüfstein für physische und moralische Belastbarkeit. In dieser Spannung liegt das strukturelle Interesse des Films - die Unabdingbarkeit, Geschichte als Ort individueller Entscheidungen zu begreifen, ohne sie zu simplifizieren.
Filmkritik von Peter Osteried
„Papillon“: Charlie Hunnam macht auf Steve McQueen
Die Lebensgeschichte von Henri Charriére alias Papillon wurde schon einmal im Jahr 1973 verfilmt – damals mit Steve McQueen in der Titelrolle und mit Dustin Hoffman als seinem Freund. Von diesem Film war auch Produzent Joey McFarland begeistert, las aber auch den Roman, sowie das Sequel „Banco“, das sich mit Papillons Leben vor und nach dem Gefängnis befasst. Letzteres kommt in der neuen Verfilmung gar nicht zum Tragen – und auch das Vorleben wird nur gestreift.
Der Dieb Papillon (Charlie Hunnam) wird wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, angeklagt und verurteilt. Man deportiert ihn in ein Gefängnis in Französisch-Guayana, wo er den Fälscher Dega (Rami Malek) kennenlernt. Der hat Geld, aber kaum eine Chance, in diesem Gefängnis zu überleben. Also schlägt Papillon ihm einen Deal vor: Er wird ihn beschützen, aber dafür muss Dega seine Flucht finanzieren.
Es ist immer schwierig, einen ganz großen Klassiker neu zu verfilmen. Sicherlich hilft es, wenn 45 Jahre dazwischen liegen, weil sich auch Sehgewohnheiten des Publikums ändern, aber wenn die Vorlage derart bedeutungsschwer über jeder Neuauflage schwebt, ist das eine Herausforderung, die nur schwer zu meistern ist. Immerhin kann man dem neuen PAPILLON aber attestieren, dass hier eine dichte Erzählung zustande kam, die sich auf die Gefängnisjahre konzentriert und das Leben in dieser Hölle auf Erden greif- und spürbar auferstehen lässt.
Dabei profitiert der Film von einem hervorragenden Charlie Hunnam, der zwar (noch) nicht das Charisma eines Steve McQueen hat, aber mit Körpereinsatz diese Rolle sich wirklich zu eigen macht. Besonders merkt man dies in der langen Sequenz, in der Papillon über zwei Jahre hinweg in Einzelhaft einsitzt und zum Schweigen verdammt ist. Hunnam ist hager und abgemagert, man sieht ihm an, wie seine Figur sich fühlen muss. Das ist eine körperliche Leistung, aber auch die schauspielerische ist nicht zu unterschätzen. Hunnam spielt stoisch, lässt aber auch die Moral der Figur immer wieder durchscheinen.
So bunt und farbintensiv wie das Original ist das Remake nicht. Hier setzt man auf natürlichere Farben, die auch die flirrende Hitze Französisch-Guayanas gar nicht so sehr in den Vordergrund rückt. Die Sets und Locations sind ausgezeichnet, der Dreck und die primitiven Lebensbedingungen werden authentisch dargestellt. Dies ist ein Gefängnis, neben dem die Zuchthäuser anderer Filme fast schon wie Ferienlager anmuten.
PAPILLON wartet mit einem durchweg überzeugenden Ensemble auf. Hunnam führt es an, aber auch Rami Malek als schwächlicher Dega ist überzeugend – das so sehr sogar, dass sich die Leben der beiden Männer im Grunde wirkungsvoll kontrastieren. Wo der eine dem Wahnsinn verfallen sollte, hat man das Gefühl, dass es dem anderen passiert ist. Das Ende ist dabei interpretierbar und derart, dass man lange über die Entscheidung von Papillons Freund nachdenken kann.
Das Remake ist eine gute Neuinterpretation des Stoffs, allerding kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass dieser Film dennoch nicht sein Publikum finden wird. Es ist fast 50 Jahre her, dass Charriéres autobiographischer Roman zum Erfolg geworden ist. Für ein modernes Publikum ist PAPILLON so weit entfernt wie Französisch-Guayana von Frankreich.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
Unbändiger Freiheitswillen
Einen Filmklassiker neu aufzulegen, ihn dann aber fast eins zu eins zu imitieren, macht das Remake angreifbar und kann seine Aussagekraft komplett untergraben. Exemplarisch ist in diesem Zusammenhang Gus Van Sants Hitchcock-Verbeugung „Psycho“ von 1998, die wegen ihrer eklatanten Nähe zum Original auf breite Ablehnung stieß. Fragen lassen muss sich auch der dänische Regisseur Michael Noer („Nordvest – Der Nordwesten“), ob es seine nun ins Kino kommende Modernisierung der Romanverfilmung „Papillon“ wirklich gebraucht hat. Unter dem Strich fehlt es der Auffrischung des angeblich von realen Geschehnissen geprägten Stoffes an spannenden neuen Perspektiven und Akzentverschiebungen.
Im Paris der dreißiger Jahre verdingt sich Henri Charrière (Charlie Hunnam), der aufgrund eines Schmetterling-Tattoos nur „Papillon“ genannt wird, als Tresorknacker, möchte mit seiner Freundin aber so bald wie möglich ein ruhiges Leben auf dem Land beginnen. Eines Tages hängt man dem jungen Mann jedoch einen Mord an, für den man ihn schließlich in die berüchtigte Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana verbannt. Auf der Überfahrt nach Südamerika macht er Bekanntschaft mit dem schwächlichen, allerdings wohlhabenden Fälscher Louis Dega (Rami Malek), dessen persönlichen Schutz Papillon fortan übernimmt. Im Gegenzug will er mit Degas Geld in der Umgebung des Gefangenenlagers ein Boot erwerben und dem unmenschlichen Haftsystem entkommen.
Hauptdarsteller Charlie Hunnam kann einem schon ein wenig leidtun. Obwohl er seinen durchtrainierten Körper voll zur Geltung bringen darf und sichtlich bemüht ist, die Qualen des Protagonisten eindringlich zu vermitteln, fehlt ihm das Charisma eines Steve McQueen, der in Franklin J. Schaffners Version den Titelhelden spielte. Wer den Ursprungsfilm gesehen und dessen obercoolen Kinostar vor Augen hat, wird zwangsläufig Vergleiche anstellen und nur zu einem Schluss kommen können: Dem neuen Film fehlt das gewisse Etwas.
Schuld daran ist nicht zuletzt das gerade in der zweiten Hälfte unsauber wirkende Drehbuch von „Prisoners“-Autor Aaron Guzikowski, das weder sonderlich tiefschürfend in das Innenleben des gepeinigten Titelhelden blickt noch die Nebenfiguren komplexer ausgestaltet. Während bei Rami Maleks Louis Dega zumindest kleine Ecken und Kanten aufscheinen, wird der von Roland Møller verkörperte Celier allzu offensichtlich und plump als verschlagener Finsterling beschrieben, was sein Verhalten jederzeit ausrechenbar macht. Eine noch undankbarere Rolle fällt dem Mithäftling Maturette (Joel Basman) zu, der über den Status einen blassen Funktionsträgers nicht hinauskommt. Schaut man auf Schaffners epische, das Martyrium noch stärker ins Visier nehmende Erzählung zurück, lässt sich außerdem nicht verhehlen, dass das Ende des Remakes deutlich gehetzter erscheint.
Als Charakterdrama überzeugt Noers Neuinterpretation höchstens in Ansätzen. Freunde grimmig-atmosphärischer Abenteuerkost kommen dafür jedoch etwas mehr auf ihre Kosten. Ohne große Längen schildert „Papillon“ den harten, mit brutalen Rückschlägen gespickten Überlebenskampf des unschuldig Verurteilten, scheut dabei nicht vor drastischen Gewaltbildern zurück und bietet einige höchst stimmungsvolle Passagen auf, die eine beklemmende Intensität entfalten. Für gesteigerte Unruhe sorgt etwa die Überfahrt zur Strafkolonie, bei der das Publikum tief in den düsteren Bauch des aus allen Nähten platzenden Gefangenenschiffes eintaucht. Haften bleiben auch einige versiert choreografierte, aus nächster Nähe gefilmte Kampfszenen, in denen sich das Aufeinanderprallen der Körper direkt auf den Zuschauer überträgt. All das ist letzten Endes aber zu wenig, um sich ernsthaft mit der Originalverfilmung messen zu können, die 1973, vier Jahre nach Veröffentlichung des zwischen autobiografischen Elementen, historischen Fakten und Erfindungen pendelnden Charrière-Romans, in die Kinos kam.

