Deadpool 2 - subversive Superheldenkomödie, Parodie des Franchise-Kinos und Studie über Trauma und Gewaltästhetik
Einleitung
Deadpool 2 tritt in eine Landschaft, die von überbordender Superheldenproduktion und einem fortgesetzten Wettbewerb um Originalität geprägt ist. Als Fortsetzung des Überraschungserfolgs von 2016 versucht der Film mehr als nur die Gagdichte zu erhöhen: Er artikuliert eine Haltung gegenüber dem Genre, die ironisch und zugleich zutiefst generös ist. Relevanz gewinnt der Film dabei nicht allein durch seine Berechtigung als kommerzieller Blockbuster, sondern durch sein Bewusstsein für die Mechanik zeitgenössischer Popkultur und die Erwartungen eines publikumserfahrenen Zuschauers.
In einem Moment, in dem Sequels oft nur Variation sind, reagiert Deadpool 2 auf die Strategie des Franchise-Kinos mit Selbstreflexion. Die Figur des Deadpool hat sich in der Popkultur als eine Stimme etabliert, die das Konzept des Superhelden von innen heraus kommentiert - ein Phänomen, das die Debatte über Authentizität, Gewalt und Humor in Mainstreamkinos angeschoben hat. Die Entscheidung, die erzählerische Tonlage zu verschärfen und zugleich größere set-piece-Impulse zu liefern, macht den Film zu einem Kristallisationspunkt für Diskussionen über Form und Inhalt des Genres.
Feuilletonistisch betrachtet ist Deadpool 2 weniger eine konventionelle Fortsetzung als ein kulturelles Phänomen, das Komik, Brutalität und Sentiment so zusammensetzt, dass gängige Binarys - Unterhaltung versus Anspruch, Ironie versus Ernst - in Unschärfe geraten. Diese Ambivalenz ist das produktive Moment des Films: Er will unterhalten und provozieren, gleichzeitig aber auch narrative Verantwortung übernehmen, indem er Fragen nach Konsequenzen, Bindung und Verantwortung stellt.
Kurzüberblick zur Produktion
Die Regie von Deadpool 2 liegt bei David Leitch, einem Filmemacher, dessen Handschrift wesentlich von einem Hintergrund im Stunt- und Actionbereich geprägt ist. Leitch, der zuvor mit Produktionen wie Atomic Blonde seine Affinität für stilisierte, rigoros choreografierte Action gezeigt hat, überträgt diese Präzision auf ein Set, das Humor und Gewalt paradox miteinander verschränkt. Seine Inszenierung zeichnet sich durch kinetic camera movement, punktuelle Zeitlupe und eine rigorose räumliche Logik in den Kampfsequenzen aus - wobei die körperliche Präsenz der Stunts nie nur demonstrativ, sondern immer dramaturgisch eingesetzt wird.
Hinter dem Projekt steht 20th Century Fox, das Kapital und Infrastruktur eines großen Studios bereitstellte und zugleich auf die unkonventionelle Marke Deadpool setzte. Das Budget von geschätzten rund 110 Millionen US-Dollar erlaubt opulente Effekte und aufwändige Action-Choreographien, doch auffällig ist, wie ökonomische Ressourcen hier für Gags und ironische Set-Pieces genutzt werden. Produktionsgeschichte und Regiewechsel zwischen Teil eins und zwei deuten auf eine Fortentwicklung der Reihe: Die Ausgangsenergie der Indie-Ästhetik wurde durch professionellere, aber nicht weniger subversive Mittel ersetzt.
Im Gesamtwerk Leitchs markiert Deadpool 2 eine Verschiebung ins Komödiantische bei gleichzeitiger Bewahrung seiner Action-Expertise. Der Film fungiert als Versuch, anspruchsvolle, körperzentrierte Kinosprache mit der Sprache des modernen Studiokinos zu verbinden - eine Gratwanderung zwischen kunstvoller Choreographie und massenkompatibler Narration.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Ryan Reynolds operiert hier nicht nur als Titelheld, sondern als geistiger Architekt der Figur. Reynolds hat Deadpool zu seiner Signatur gemacht und bringt eine seit Jahren kultivierte Balance aus Selbstironie, Timing und physischer Präsenz ein. Sein Spiel lebt von der Dialektik zwischen greller Überzeichnung und einem überraschenden Moment emotionaler Wahrhaftigkeit, das die Figur mehrdimensional erscheinen lässt.
Zazie Beetz ergänzt dieses Zentrum mit einer fast nonchalanten Coolness. Bekannt geworden durch die Serie Atlanta, verkörpert Beetz eine Figur, die souverän mit dem Paradox von Fatalismus und Effizienz spielt. Ihre Performance ist von ökonomischer Geste und einer Ruhe geprägt, die die lauten Exzesse des Films kontrastiert.
Josh Brolin tritt als stoische Gegenfigur auf, deren kinopolitische Präsenz - vor allem im Licht seiner zeitgleichen Besetzung als Antagonist in anderen Blockbustern - dem Film eine kantige Ernsthaftigkeit verleiht. Brolin bringt eine erprobte Schwere mit, die den Komikapparat von Deadpool 2 nicht nivelliert, sondern ihm einen moralischen Gegenschlag verleiht. Das Zusammenspiel dieser drei Darsteller hält den Film in einem Spannungsfeld zwischen Karikatur und dramatischer Konsequenz.
Handlung (spoilerfrei!)
Ohne die konkreten Wendungen vorwegzunehmen, lässt sich der erzählerische Kern von Deadpool 2 so fassen: Ein Protagonist, der bereits als antiheroischer Außenseiter etabliert ist, sieht sich mit neuen, eskalierenden Herausforderungen konfrontiert, die ihm persönliche Entscheidungen abverlangen. Der Hauptkonflikt entspinnt sich aus der Konfrontation zwischen impulsiver Selbstjustiz und der Notwendigkeit kollektiven Handelns - eine Spannung, die durch die Einführung einer heterogenen Gruppe von Mitstreitern verdichtet wird.
Die zentralen Figuren agieren in einer Tonalität, die simultan zynisch und hingebungsvoll ist. Die Atmosphäre wechselt zwischen heiteren, oft derben Momenten und Sequenzen, die eine nachdrückliche physische oder emotionale Wucht besitzen. Visuell und tonal bleibt der Film nahe an der Comic-Ästhetik - überzeichnet, kontrastreich und bereit, Genregrenzen zu ignorieren.
Zentrale Themen und Motive
Deadpool 2 verhandelt wiederkehrende Fragen von Verantwortung, Identität und der Möglichkeit von Wiedergutmachung. Unter der Oberfläche der komischen Selbstvermarktung liegt ein ernsthaftes Interesse an Verlust, Trauma und der Suche nach Zugehörigkeit. Besonders deutlich wird dies in der Art, wie der Film Gemeinschaften konstruiert - nicht als natürliche, sondern als bewusst zusammengefügte Form der Rettung und des Widerstands.
Filmisch nutzt der Film Motive wie die Unterbrechung der narrativen Illusion - das Brechen der vierten Wand ist nicht nur ein Gag, sondern ein Mittel, um Autorenschaft und Zuschauererwartung zu thematisieren. Die visuelle Gewaltdarstellung wirkt zugleich kathartisch und reflexiv; sie unterstreicht die Fragilität moralischer Motive in einem genreüberfüllten Markt. Zugleich stellt der Film die Frage, wie Humor als Bewältigungsstrategie für ernste Themen fungiert und wo die Grenze zwischen Pointe und Verdrängung verläuft.
In seiner Mischung aus amerikanischem Blockbusterhandwerk und beißender Genrekomik bleibt Deadpool 2 ein relevantes Zeugnis dafür, wie populäres Kino sich selbst analysieren kann - nicht indem es sich entwertet, sondern indem es seine Mittel zur Debatte stellt.
Filmkritik von Peter Osteried
Deadpool 2“: Jetzt wird gestorben!
Mit DEADPOOL kam frischer Wind ins X-MEN-Universum. Wie in den Comics durchbrach Wade Wilson auch hier die vierte Wand und sprach direkt mit dem Zuschauer. Beim zweiten Teil wird das noch forciert, da Deadpool nicht nur vieles kommentiert und sich sorgt, dass coole Szenen auch in Zeitlupe daherkommen, sondern auch den richtigen Musikeinsatz fordert. Der kann sich ganz besonders sehen lassen. Neben unerwarteten Songs aus Pop und Musical gibt es auch „Thunderstruck“ von AC/DC. Alleine damit coolifiziert man schon jede Szene.
Wade macht international Jagd auf das organisierte Verbrechen, erwischt aber nicht jeden. Ein Boss der Russenmafia kann entkommen und plant seine Rache. Wade und Vanessa werden in ihrem Appartement überfallen. Eigentlich kann Deadpool alle ausknipsen, aber eine Kugel verirrt sich und Wade verliert das Liebste, was es für ihn gibt. Colossus versucht ihn aufzumuntern, aber auch das klappt nicht so recht. Dafür findet Wade einen neuen Grund zum Leben: Er will dem Mutantenjungen Russell helfen, hinter dem der aus der Zukunft stammende Cable her ist.
Wie schon beim Erstling geht man auch hier mit der Comic-Historie recht frei um. Das gilt einerseits für Cables Hintergrund und Motivation, andererseits auch für Figuren wie Black Tom Cassidy, der schlichtweg verschwendet wird. Immerhin gibt es die überraschende Rückkehr eines Mutanten, der schon mal in den alten X-Men-Filmen dabei war, dort aber ausgesprochen schlecht dargestellt wurde. Da DEADPOOL 2 rotzfrech ist, traut man sich auch, einigen Figuren und deren Fans gehörig vors Schienbein zu treten. Das trifft dann auch Mitglieder von X-Force, die abseits von Domino nicht wirklich Bedeutung haben, aber für einen Gag gut sind.
Die Titelsequenz des Films will die des Vorgängers noch toppen. Bei den Stabsangaben funktioniert das nicht, weil der Trick mittlerweile bekannt ist, die visuelle Orientierung an den Titelsequenzen der James-Bond-Filme macht aber Laune. Generell hat man bei diesem Film das Gefühl – übrigens ähnlich dem Sequel zu GUARDIANS OF THE GALAXY, das auch einem Film folgen musste, der aus den Konventionen ausbrach –, dass man teils zu verbissen versucht, die Höhepunkte des Originals zu übertreffen. Manchmal gelingt das, oftmals wirkt es bemüht. Dafür hat man mit Deadpool und Cable ein Duo, das sich gut ergänzt. Ersterer ist der Witzige, letzterer der „straight man“, der mit stoischer Mine auf diese Gags reagieren muss. Das macht Laune, auch und gerade bei der letzten großen Szene Deadpools, die das einlöst, was er schon in den ersten Minuten verspricht.
Es ist sicherlich persönlicher Geschmack, ob einem dieser Film nicht schon zu meta ist, auf jeden Fall kann man jedoch sagen, dass die Kombination aus dramatischen und humorigen Szenen nicht immer funktioniert. Das funktionierte im ersten Teil noch besser, weil es für Wade um weniger ging. Hier ist der Einsatz – der Verlust! – höher. Für seine Figur ergibt es durchaus Sinn, dass sie Schmerz mit Humor verarbeitet, als Zuschauer stolpert man bisweilen darüber, denn der Film hat einige wirklich dramatische und tragische Momente, in denen ein Gag dann nicht unbedingt wirkungsvoll ist. Hier hätte man eine etwas sorgsamere Balance finden müssen.
Im direkten Vergleich mit dem Original schneidet DEADPOOL 2 etwas schlechter ab, im Großen und Ganzen bietet der Film aber schon flotte Unterhaltung, da die Highlights des Vorgängers variiert und ein paar wirklich coole Neuerungen eingebaut werden. Zudem gibt es für X-Men-Fans auch die eine oder andere Überraschung – und während des Nachspanns gibt es dann noch eine kleine Nachklappe, bei der man sich fragen muss, ob die einen dritten Teil vorbereiten könnte.

