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Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?

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kritiken.de Redaktion 03.05.2018
Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?© Alamode Film
A ca. 1253 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

„Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ als Studie über Entzauberung und romantische Leitbilder der Gegenwart

Einleitung

Mit dem lakonischen Titel Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? tritt ein deutscher Kinodrama an, das weniger Antworten als Beobachtungen anbietet. Seit seiner Veröffentlichung im Mai 2018 besetzt der Film ein Feld, das in der gegenwärtigen Kulturdebatte wiederholt verhandelt wird: die Spannung zwischen romantischer Erwartung und alltäglicher Realität. Anstelle einfacher Moral wird hier das Geflecht aus Sehnsucht, Macht und Gewohnheit in den Blick genommen, und zwar mit einer Präzision, die das Innenleben der Figuren als Mikrokosmos gesellschaftlicher Verhältnisse lesbar macht.

Der Film ist relevant, weil er die romantische Imagination als historische Konstruktion begreift und zugleich deren lebenspraktische Folgen auslotet. In einer Zeit, in der digitale Medien, ökonomische Prekarität und neue Formen partnerschaftlicher Arrangements die Bedingungen des Zusammenlebens verändern, bietet der Film eine konzentrierte Reflexion über das, was wir Liebe nennen - ohne plakative Allgemeinplätze, dafür mit einer feinen, oft schmerzhaften Beobachtungsgabe.

Die Einordnung in das Werk eines namentlich hier nicht genannten Regisseurs ist insofern problematisch als konkrete filmographische Kontinuitäten schwer zu benennen sind. Formale Entscheidungen und thematische Vorlieben des Films lassen sich jedoch in eine Tradition des deutschen Autorenkinos einreihen, das psychologische Genauigkeit mit sozialer Verortung verbindet. Die filmische Sprache sucht Nähe zu den Figuren, bleibt dabei aber selten sentimental - ein Zug, der auch in jüngeren Perspektiven auf Intimität und Moral wiederzufinden ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden? erscheint wie ein Produkt des unabhängigen deutschen Autorenkinos: konzentriert auf Figuren, Dialoge und Innenräume anstatt auf spektakuläre Setpieces. Die Produktion operiert mit feinem Gespür für kammerspielartige Situationen und dürfte - typisch für derartige Projekte - aus einer Mischung von Fördergeldern der Filmförderung, Koproduktionen mit öffentlich-rechtlichen Sendern und privatem Engagement entstanden sein. Ein opulentes Budget ist nicht spürbar; vielmehr zeichnet sich der Film durch ökonomische, aber ästhetisch stringente Entscheidungen aus.

Formal setzt die Regie auf eine behutsame Bildsprache, die Tempo und Rhythmus der Erzählung aus den Blicken und Körperhaltungen der Darsteller gewinnt. Kameraarbeit und Schnitt verschränken Szenenwechsel mit Momenten des Verharrens - eine Strategie, die dem Zuschauer Zeit gibt, Nuancen zu registrieren und Widersprüche in den Beziehungen der Figuren zu spüren. Diese Produktionsweise positioniert den Film innerhalb eines Kinos, das weniger auf narrativen Drive als auf atmosphärische Dichte und psychologischen Realismus setzt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Meret Becker ist als zentrale Figur ein gewichtiger Besetzungsentscheid. Bekanntermaßen eine vielseitige Darstellerin mit starkem Präsenzfeld, bringt sie eine Mischung aus Verletzlichkeit und Widerstandskraft in die Rolle, die dem Film seine emotionale Achse verleiht. Corinna Harfouch, deren Karriere von intensiven Charakterporträts auf Bühne und Film geprägt ist, übernimmt hier die Funktion einer Gegenkraft - eine Stimme der Abrechnung mit nostalgischen Vorstellungen, ohne plakativ zu moralisieren.

Bruno Cathomas ergänzt das Ensemble als präzise gesetzter Gegenpart; seine Erfahrung in subtilen, oft ambivalenten Nebenrollen gibt dem filmischen Gefüge Kontur. Karl Kranzkowski, Jonas Müller-Liljeström, Annalee Ranft, David Hugo Schmitz und Sabine Timoteo füllen das personalisierte Feld mit Figuren, die nicht nur Nebencharaktere sind, sondern Motoren verschiedener Beziehungsdynamiken. Gemeinsam formen die Schauspieler ein Ensemble, dessen Glaubwürdigkeit aus der feinen Abstimmung von Tonfall, Körpersprache und Timing erwächst.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film entfaltet eine konzentrierte Erzählung über amouröse Verwicklungen, familiäre Bindungen und die Brüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Anstatt eine linear dramatische Kurve zu verfolgen, verwebt die Struktur persönliche Episoden zu einem Netz von Begegnungen, in dem wiederkehrende Motive und Konfrontationen das eigentliche Gewicht ausmachen. Zentrale Figuren navigieren durch Lebensphasen, in denen Erwartungen aufeinanderprallen: das Verlangen nach Nähe trifft auf existentielle Sorgen, alte Muster stoßen auf neue Ansprüche.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dieser Kollision: Was bedeutet Treue, wenn Lebenspläne auseinanderlaufen? Wie verhalten sich Verantwortung und Begehren zueinander, wenn gesellschaftliche Normen ins Wanken geraten? Der Ton des Films ist ruhig, manchmal lakonisch, oft von einer unterschwelligen Spannung durchzogen. Atmosphärisch dominiert eine Mischung aus Intimität und Entfremdung - Innenräume, Gespräche bei gedämpftem Licht und langsame Kamerafahrten schaffen ein Gefühl der Nähe, das zugleich Distanz zulässt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach der Erfindung der Liebe als kulturellem Narrativ. Der Film lädt dazu ein, Liebe nicht als naturgegebenes Phänomen zu verstehen, sondern als historisch vermittelte Praxis, die Regeln, Erwartungen und Folgen generiert. Aus dieser Perspektive spielt die Auseinandersetzung mit Erinnerung und Wiederholung eine große Rolle: Wie sehr tragen wir Vorannahmen und Modelle aus Herkunftsfamilien in unsere Beziehungen hinein? Welche Formate von Partnerschaft werden noch als lebbar empfunden, und welche brechen unter dem Druck moderner Lebensverhältnisse auseinander?

Psychologisch artikuliert der Film Themen wie Schuld, Verdrängung und die Suche nach Selbstbestimmung; gesellschaftlich berührt er Fragen nach Geschlechterrollen, ökonomischer Sicherheit und den Folgen einer Medialisierung von Intimität. Motive wie das Innenleben von Wohnräumen, das Schweigen zwischen Gesprächspartnern und die kleine Geste als Indikator tieferer Bindungen wiederholen sich und arbeiten an der Dekonstruktion romantischer Mythen. Am Ende bleibt kein einfaches Resümee, sondern eine Vielzahl von Perspektiven, die den Zuschauer zwingen, gängige Annahmen über Liebe und Verantwortung neu zu denken.

Filmkritik von Peter Osteried

„Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“: Dieser Film nicht

Am Interessantesten an WER HAT EIGENTLICH DIE LIEBE ERFUNDEN? ist vermutlich der Umstand zu sehen, wie die Marketing-Abteilung sich verbiegt, um aus einem Film etwas zu machen, das er nicht ist. Man verweist auf LITTLE MISS SUNSHINE und DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE, um diesen Film zu beschreiben, aber abseits gewisser Grundmuster – der Road Trip auf der einen, ein paar inszenatorische Kniffe auf der anderen Seite – gibt es hier keine Ähnlichkeiten. Stattdessen gestaltet sich das Ganze sehr sperrig.

Charlotte (Corinna Harfouch) ist seit fast 40 Jahren mit Paul (Karl Kranzkowski) verheiratet, aber das Leben besteht nur noch aus Routine. Beide reden nicht mehr miteinander, obwohl sie viel zu sagen hätte. Doch Charlotte möchte nun den Rest ihres Lebens genießen. Kurzentschlossen lässt sie so ihren Mann auf einer Raststätte zurück und fährt mit ihrer Enkelin Jo ans Meer. Paul und Charlottes Mutter machen sich auf den Weg, die beiden zu suchen. Auf einer ruhigen Insel kommt die Familie wieder zusammen …

Diese Tragikomödie möchte vor allem eines sein: bedeutungsschwanger. Oder vielleicht auch bedeutend, aber die sperrige Erzählung gibt das nicht her. Die Figuren sind ungreifbar und losgelöst. Sie teilen sich mit Dialogen mit, die kein echter Mensch jemals sagen würde. Das zerstört den realistischen Ansatz des Films, der so gerne etwas Wichtiges über das Menschsein und über die Bedeutung von Liebe und Familie aussagen würde, aber im Großen und Ganzen leer und fade bleibt. Tatsächlich ist es das größte Verbrechen eines Films, frei von jeder Emotion zu sein, wenn man doch eigentlich von der stärksten aller Emotionen erzählen will.

Der Film verrät dabei mehr als einmal seine Figuren, indem er sie handeln lässt, ohne dieses Handeln zu erklären. So begeben sich die beiden Hauptfiguren in One-Night-Stands, die ziellos dastehen, die weder für das Vorangegangene noch das Kommende Bedeutung haben und in einem Limbo des Nichtexistenten vor sich hin wabern. Hier hätte die Möglichkeit zur Ernsthaftigkeit bestanden, auch zum Konflikt und zum Drama, aber daraus macht dieser Film einfach nichts. Stattdessen gestaltet er sich als ein fast schon Frankensteinartiges Monster, das aus vielen Teilen zusammengesetzt ist, aber eben nur entfernt an einen Menschen erinnert. So geht es auch diesem Film, der so gerne bedeutsam wäre, aber in Irrelevanz versinkt.

Dem passen sich auch die an sich guten Schauspieler an, die an ihren Figuren, aber auch den Dialogen scheitern, weil die Leblosigkeit, die beiden inne ist, auch von einer Corinna Harfouch oder einem Karl Kranzkowski nicht aufgebrochen werden kann. Was bleibt, ist sperriges, deutsches Kino, das um sich selbst kreist und darum eigentlich auch kein Publikum benötigt.

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