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A Beautiful Day

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kritiken.de Redaktion 26.04.2018
A Beautiful Day© Constantin Film Verleih
A ca. 1441 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

A Beautiful Day: Gewalt, Schweigen und die Poetik der Zerrissenen in Lynne Ramsays Film

Einleitung

A Beautiful Day tritt als ein Film auf, der die Konventionen des Thriller-Genres unterwandert, ohne ihnen vollständig zu entsagen. In der Gestalt eines knappen, eindringlichen Dramas beobachtet er einen Mann, dessen äußerliche Entschlossenheit die innere Zerrissenheit nicht verbergen kann. Die filmische Erfahrung zielt weniger auf Aufklärung denn auf atmosphärische Überwältigung: Bild und Klang rücken in den Dienst einer subjektiven Wahrnehmung, die sich zwischen Schutzimpuls und Gewaltbereitschaft bewegt.

Relevanz gewinnt der Film durch seine radikale Konzentration auf Leid und Fürsorge in einer politischen Gegenwart, die institutionelles Versagen oft in Kauf nimmt. A Beautiful Day wirkt wie ein Kommentar zur Ohnmacht moderner Gesellschaften gegenüber privater Gewalt und zugleich als Studie über die Grenzen individueller Rettungsversuche. Daraus entspringt eine Spannung, die nicht in Auflösung, sondern in Verweigerung der einfachen Deutung liegt.

Innerhalb des Werks seiner Regisseurin markiert der Film eine konsequente Fortführung bekannter Motive: die Neigung zu fragmentarischer Erzählung, zu sensorischer Verdichtung und zur Darstellung von Trauma nicht als psychologische Diagnose, sondern als körperliche Präsenz. Die visuelle Sparsamkeit und die insistente Arbeit mit Sound verankern den Film in einer Linie, die zwischen arthousiger Reflexion und einem kaum bändigen Drang nach unmittelbarer, fast archaischer Wucht oszilliert.

Kurzüberblick zur Produktion

A Beautiful Day entstand als internationale Koproduktion und bewegte sich im Spannungsfeld zwischen unabhängigen Arthaus-Produktionen und dem Markt für anspruchsvolle Genrevarianten. Die Adaption eines literarischen Ausgangsmaterials erlaubt der Regie eine Verdichtung von Figurenfokus und Stimmung; die erzählerische Ökonomie ist dabei Programm. Auffällig ist die enge Verzahnung von Bild- und Tonkonzept, die dem Stück seine fast essayistische Präzision verleiht.

Die Produktion ist geprägt von einer klaren, auf Minimierung gesetzten Ästhetik: kurze Laufzeit, limitiertes Setting und ein kleiner Cast verschieben das Gewicht auf die dichte Komposition einzelner Szenen. Auf Festivals fungierte der Film rasch als Diskussionsobjekt - nicht zuletzt wegen seiner Umgangsformen mit Gewalt und wegen der ästhetischen Konsequenz, mit der er die Innenwelt seiner Hauptfigur darstellt.

Im Gesamtwerk der Regisseurin ist A Beautiful Day weniger ein Bruch als eine Zuspitzung. Wer ihre früheren Arbeiten kennt, findet hier die gleiche Präferenz für präzise, oft elliptische Montage, für Close-ups, die mehr verraten als narrative Erklärungen, und für eine Klanggestaltung, die Körperlichkeit ins Zentrum rückt. Der Film führt diese Handschrift in eine Härte, die immer wieder nahe an die Grenze des Erträglichen stößt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Joaquin Phoenix, dessen Darstellung hier auf Reduktion und Intensität setzt. Phoenix bringt eine Körperlichkeit und eine dichte Präsenz mit, die bekannte Register seines Schaffens - von existenzieller Zerrissenheit bis zu eruptiver Gewaltbereitschaft - bündelt. Die Rolle baut auf der Fähigkeit, eine Figur kommunizieren zu lassen, auch wenn sie sprachlich oft schweigt; Mimik, Atem und physische Kontinuität tragen die narrative Last.

Die junge Darstellerin, die die verletzliche Gegenfigur verkörpert, funktioniert als moralischer und emotionaler Fixpunkt. Ihre Gegenwart legitimiert die wiederholten, brutalen Entscheidungen der Hauptfigur und macht zugleich dessen Unfähigkeit zur normalen Fürsorge sichtbar. Die erfahrene Nebendarstellerin, die einen familiären Bezug zur Hauptfigur bildet, ergänzt das Porträt um eine Tonebene der Erinnerung und des Alterns; ihre Szenen geben dem Film eine bedächtige, fast sakrale Gegenstimme zur rohen Aktion.

Das Ensemble insgesamt bleibt nie rein illustrativ, sondern vervollständigt den Blick auf eine Stadtgesellschaft, in der Netzwerke der Macht und der Gleichgültigkeit nebeneinander existieren. Viele der Nebenfiguren wirken weniger als Psychogramme denn als Funktionsfiguren, die dramatische Mechanismen freilegen - sowohl solche der Ausbeutung als auch jene des emotionalen Überlebens.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung konzentriert sich auf einen stillen, in sich gekehrten Protagonisten, der als Spezialist für das Aufspüren und Befreien von Opfern arbeitsteilig agierender Kriminalität tätig ist. Sein Alltag ist geprägt von routinierter Gewalt, medizinischer Nachsorge und der Wiederkehr traumatischer Bilder. Als ein Auftrag die Grenze seiner bisherigen Praxis verschiebt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihn nicht nur in äußere, sondern vor allem in innere Konfrontation zwingt.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall zweier Ebenen: dem professionellen, scheinbar kontrollierbaren Handeln und dem unbeherrschbaren, privaten Gestus der Selbstzerstörung. Zentrale Figuren sind der Retter mit seiner vernarbten Vergangenheit, das Opfer, dessen Schweigen und Augenzeugenstatus als moralischer Kompass fungiert, sowie Vertreter einer Umwelt, die mal komplizierend, mal hilflos erscheint. Ton und Atmosphäre sind dominiert von Verdichtung - das Bild ist oft nah, der Raum eng, der Klang körpernah und drückend.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films steht die Frage nach der Vereinbarkeit von Gewalt und Fürsorge. Er erkundet, ob und in welchem Maße die Anwendung von Gewalt als Mittel der Rettung legitimiert werden kann, und wie sehr sie den Retter zugleich beschädigt. Trauma erscheint hier nicht als innerer Zustand allein, sondern als strukturierendes Prinzip, das Wahrnehmung, Handlung und Beziehungsfähigkeit nachhaltig verändert.

Verbunden mit dieser ethischen Grundfrage ist eine Reflexion über Männlichkeit und ihre Konstruktionen: Der Protagonist agiert in einem Umfeld, das erwartete Härte honoriert, während seine Verletzlichkeit tabuisiert bleibt. Institutionelles Versagen - Polizei, Politik, soziale Dienste - bildet den Hintergrund, vor dem private Gewalt als fragwürdige Lösung auftritt. Der Film fragt also nach Verantwortung in einer Welt, die oft auf das Individuum abwälzt, was Kollektivstrukturen nicht zu leisten vermögen.

Formal operiert der Film mit wiederkehrenden Bild- und Klangmotiven: Close-ups auf Körperteile, Abfolgen von Ritualen, das Pochen eines Schmerzes im Sounddesign und leitmotivische musikalische Untertöne. Diese Motive erzeugen eine Poetik der Wiederkehr, die weniger linear erklärt als wiederholt erfahrbar macht. So entsteht eine filmische Ethnographie des Leidens, die sich jeder simplen Einordnung entzieht - und genau darin ihre produktive Irritation findet.

Filmkritik von Bianka Piringer

Der Schmerzensmann mit dem Hammer

Der Held dieses Thrillers ist müde, aber er kommt nicht zur Ruhe. In seinem Kopf hört Joe (Joaquin Phoenix) ein Kind rückwärts zählen, ein Mann erteilt Befehle. Kurze, grässliche Erinnerungen bedrängen Joe und man begreift, dass er als Junge schwer misshandelt wurde. Die schottische Regisseurin und Drehbuchautorin Lynne Ramsay („We Need to Talk About Kevin“) hat am Schauplatz New York einen bedrückenden Psychothriller inszeniert, der auf der Novelle „You Were Never Really Here“ von Jonathan Ames basiert.

Joe ist innerlich und äußerlich verwundet. Die dicken Narben auf seinem Körper können aus der Kindheit stammen oder aus seiner Zeit bei der Armee. Die Stadt, in der der ehemalige Polizist jetzt in privatem Auftrag als Mann fürs Grobe unterwegs ist, fügt ihm neue Wunden zu. Er wird überfallen, oder er kämpft, oft mit einem Hammer bewaffnet, gegen Kinderschänder und Mörder. Auch sein Gemüt wird neu belastet, denn er sieht Not, die hilflos macht. Joe stemmt sich gegen die eigene Schwäche, spürt aber den Drang, sich zu ergeben und zu sterben. Dann meldet sich wieder der Überlebenswille zurück.

Joe bekommt einen neuen Auftrag: Nina (Ekaterina Samsonov), die minderjährige Tochter eines Senators, ist in ein Bordell für junge Mädchen verschleppt worden. Der Vater will sie zurückhaben, ohne die Polizei einzuschalten. Joe befreit Nina, die ihm dankbar um den Hals fällt, doch der Fall verkompliziert sich und sie wird erneut entführt. Joe kann das Mädchen nicht vergessen, es scheint ihm so ähnlich zu sein. In Joes Auto zählte Nina gedankenverloren rückwärts – oder bildete er sich das nur ein, wie so vieles andere auch?

Lynne Ramsay inszeniert in einem ständigen Wechsel zwischen Gegenwartsebene, Joes Erinnerungen und seinen Visionen oder Fantasien, die einer beinahe schon hellseherischen Empfindsamkeit geschuldet sind. Die Ebenen des Geschehens überlagern sich, weil Joe meistens nur zum Teil im Hier und Jetzt steckt. Wie Joaquin Phoenix diesen Schmerzensmann und Krieger spielt, hat ihm den Darstellerpreis des Filmfestivals von Cannes 2017 eingebracht. Als Verlorener quält er sich durch eine verkommene Welt und den Lärm ihrer Straßen. Die Kakophonie des Großstadtverkehrs inspiriert manchmal die elektronische Filmmusik von Jonny Greenwood, die ordentlich draufloshämmern kann. Wenn hingegen Radiomusik mit lieblichem Frauengesang erklingt, betont sie die Perversion dessen, was sich auf der Bildebene abzeichnet. Joe singt selbst Melodien, die ihm Trost spenden sollen, aber der will sich dabei nicht einstellen. Und auch die Beziehung zur alten Mutter (Judith Roberts), mit der er zusammenwohnt, wirkt gerade in ihrer Sanftheit leicht irritierend – auch ohne die eingebaute witzig-makabre Anspielung auf „Psycho“.

In Cannes bekam der Film auch den Preis für das beste Drehbuch. Er ist insofern verdient, als die Geschichte spannend, unvorhersehbar und bis zum Schluss ein Stück weit rätselhaft bleibt. Das Schreckliche, von dem sie handelt, bleibt oft lediglich angedeutet – was keineswegs heißt, dass es nicht ausgesprochen blutig werden kann. Ramsay inszeniert visuell aufregend, roh, fast schon experimentell, beispielsweise betrachtet die Kamera einen der vielen Kämpfe durch einen zerbrochenen Spiegel an der Decke. Joes Einsamkeit sorgt zwar für Noir-Atmosphäre, seine Not hat jedoch etwas fiebrig Haltloses. So fehlt diesem Charakter, anders als dem Helden in „Léon - der Profi“, eine emotionale Mitte. Das Drehbuch skizziert ihn lediglich, wenngleich mit beeindruckender Wucht, als einen Fels in dämonischer Brandung.

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