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Euphoria

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kritiken.de Redaktion 24.05.2018
Euphoria© Wild Bunch Germany
A ca. 1403 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Euphoria - Zärtliche Gewissheiten und existenzielle Brüche im Blick auf das Begehren der Gegenwart

Einleitung

Euphoria, veröffentlicht am 24.05.2018, stellt sich als ein europäisches Kammerspiel vor, das zwischen Großbritannien, Schweden und Deutschland angesiedelt ist. Der Film behauptet eine Ruhe, die nicht aus Passivität entsteht, sondern aus genauem Beobachten - eine Ruhe, die die Unruhe der Figuren umso stärker konturiert. In einem Kinojahr, das von lauten Inszenierungen und komplexen Franchise-Erzählungen geprägt war, wirkt Euphoria wie ein leiser Einspruch gegen die Gewohnheit des Überstürzten.

Ohne explizit die Namen eines Regisseurs voranzustellen, lässt sich dennoch eine erkennbare Regiehandschrift adressieren: eine Präferenz für Innenräume, für subtile Gesten und für die Langsamkeit als dramatisches Verfahren. Der Film lädt nicht zur schnellen Identifikation ein, sondern verlangt eine geduldige Aufmerksamkeit, die Nuancen von Mimik, Licht und Raum als erzählerische Informationen liest. In diesem Sinne ordnet sich Euphoria in eine Strömung zeitgenössischer Autorenfilme ein, die Seelenzustände durch formale Zurückhaltung modellieren.

Relevanz gewinnt der Film gerade dadurch, dass er große Themen nicht als programmatische Thesen behandelt, sondern als intime Konfliktlinien ausspielt. In einer Zeit, in der soziale Medien und politische Polarisierung öffentliche Räume dominieren, kehrt Euphoria die Perspektive ins Private und beleuchtet, wie Begehren, Erinnerung und Verantwortung sich auf engem Raum gegenseitig durchdringen. Damit spricht der Film ein Publikum an, das an der Schnittstelle von persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Lage nach kompositorischer Tiefe sucht.

Kurzüberblick zur Produktion

Die formale Zurückhaltung des Films korrespondiert mit Produktionsbedingungen, die man am ehesten als europäische Koproduktion beschreiben würde - beteiligte Länder sind Großbritannien, Schweden und Deutschland. Solche Konstellationen erlauben oft eine künstlerische Freiheit, die sich auf Ensemblearbeit und atmosphärische Inszenierung konzentriert, statt auf marktorientierte Effekte. Obgleich konkrete Budgetzahlen hier nicht vorliegen, legt die ästhetische Anlage nahe, dass Euphoria eher im Bereich des ambitionierten Autorenkinos als im Bereich großer industrieller Produktionen angesiedelt ist.

Die Dreharbeiten und die Zusammenarbeit mit einem internationalen Ensemble deuten auf einen wohlüberlegten Casting-Prozess hin, der Schauspielstärke über spektakuläre Effekte stellt. Technisch setzt der Film auf eine Kameraarbeit, die Nähe herstellt und doch Distanz wahrt - eine Balance, die in vielen europäischen Dramen der letzten Dekade als poetische Strategie etabliert wurde. Produktionsseitig ist Euphoria damit Ausdruck einer Filmkultur, die auf Wahrhaftigkeit und handwerkliche Präzision setzt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Alicia Vikander übernimmt eine zentrale Rolle, deren Präsenz von intensiver Innenarbeit geprägt ist. Bekannt geworden durch Ex Machina und mit einem Academy Award für The Danish Girl im Rücken, hat Vikander in den letzten Jahren eine Bandbreite zwischen intellektueller Kühle und körperlicher Einsatzbereitschaft gezeigt. In Euphoria nutzt sie diese Erfahrung, um eine Figur zu zeichnen, die sich durch kleine, aber entscheidende Bewegungen definiert.

Eva Green bringt ihre charakteristische Mischung aus Geheimnis und Expressivität in den Film ein. Ihre früheren Arbeiten - etwa Casino Royale und die Serie Penny Dreadful - haben ein Bild von ihr als Spielerin zwischen Verführung und Abgründigkeit etabliert. Charlotte Rampling fügt dem Ensemble eine ruhige, kontemplative Autorität hinzu; sie ist eine Verfechterin des subtilen Kinos und wurde in der Vergangenheit für ihre lakonische Intensität weithin gerühmt. Charles Dance, bekannt aus großen Serien und historischen Rollen, fungiert als Träger etablierter Konventionen, während Darsteller wie Adrian Lester und Mark Stanley das Ensemble mit tragfähiger Tiefe unterstützen. Tiger Kirchharz, als Tänzerin und Schauspielerin, bringt eine körperliche Sensibilität ein, die den filmischen Raum zusätzlich strukturiert.

Handlung (spoilerfrei!)

Euphoria erzählt von engen Begegnungen, die an Schwellen stattfinden - zwischen Nähe und Distanz, zwischen Erinnerung und Verdrängung. Die Erzählung folgt mehreren Figuren, deren Wege sich kreuzen und deren innere Konflikte durch Alltagsmomente ausgelöst werden. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus äußeren Ereignissen als aus moralischen und emotionalen Verwerfungen: Entscheidungen, die Vergangenheit aufrufen, und Sehnsüchte, die gegen Verpflichtungen stoßen.

Im Zentrum stehen Figuren, deren Beziehungen nicht als klar definierte Rollenverhältnisse gezeichnet sind, sondern als fragile Arrangements, die jederzeit kippen können. Der Film entfaltet seine Spannung aus Beobachtung und Implikation - er zeigt nicht die große Geste, sondern die Nachwirkung kleiner Entscheidungen. Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer kühlen, aber nicht distanzierten Bildsprache; das Geräuschdesign und die musikalischen Akzente unterstützen eine Stimmung, die zwischen Melancholie und Zärtlichkeit oszilliert.

Zentrale Themen und Motive

Euphoria stellt Fragen nach Begehren und Verantwortung und nach der Fähigkeit, Erinnerungen zu halten oder loszulassen. Der Film arbeitet mit Motiven wie Licht und Schatten, Spiegelung und Fragmentierung - formale Elemente, die mentale Zustände sichtbar machen. Wiederkehrende Bilder erzeugen ein Sinngewebe, in dem die Figuren weniger als abgeschlossene Charaktere erscheinen, sondern als Orte emotionaler Wahrheit.

Philosophisch bewegt sich der Film in einem Feld zwischen Existenzialismus und psychoanalytischer Sensibilität: Er fragt, wie Subjektivität zustande kommt und wie sie durch Beziehungen verändert wird. Gesellschaftlich tangiert Euphoria Fragen der Generationenverhältnisse, der Geschlechterdynamik und der Suche nach Selbstbestimmung in engen sozialen Gefügen. Psychologisch interessiert sich der Film für die Mechanik des Erinnerns - welche Erinnerungen schützt man, welche verdrängt man, und welche Narrative konstruieren Identität.

Formal nutzt Euphoria die Beschränkung als ästhetische Strategie - weniger als Defizit, mehr als Methode, um Wahrnehmung zu schärfen und Empathie zu erzeugen. Auf dieser Basis fordert der Film sein Publikum zu einer aufmerksamen Betrachtung heraus, die sich an den Rändern des Sichtbaren orientiert. So wird Euphoria zu einer Arbeit über das Sehen selbst - über das, was wir behalten, wenn das Offensichtliche verblasst.

Filmkritik von Bianka Piringer

Spüren, was am Ende zählt

Emilie (Eva Green) hat ihre jüngere Schwester Ines (Alicia Vikander) seit Jahren nicht mehr gesehen. Doch nun ist Ines, die in New York als Künstlerin lebt und arbeitet, ihrer Einladung nach Europa gefolgt. Emilie lädt Ines in ein teures Hotel, ein teures Restaurant und dann auf eine Autoreise ein, die mitten im Wald endet. Dort befindet sich ein Schloss in einem großen Park, die Bewohner lassen darauf schließen, dass es sich um ein Sanatorium handelt. Aber erst bei der Aufnahme erfährt Ines bestürzt die ganze Wahrheit über Emilie und ihren Plan.

Auf diesem idyllischen, abgeschiedenen Grundstück können todkranke Menschen ihre letzten Tage so verbringen, wie sie das wünschen – und sie bekommen Sterbehilfe. Die krebskranke Emilie will in sechs Tagen aus dem Leben scheiden und Ines an ihrer Seite haben. Die schwedische Regisseurin und Drehbuchautorin Lisa Langseth („Die innere Schönheit des Universums“) erzählt in diesem atmosphärisch dichten Drama von der konflikthaften Wiederannäherung zweier Schwestern mit unglücklicher Vergangenheit.

Schrittweise offenbart sich der tiefe Riss zwischen Emilie und Ines. Nachdem der Vater die Familie einst verließ, wurde die Mutter depressiv. Ines wandte sich innerlich ab von ihr und kam nach ihrem Selbstmord Jahre später auch nicht zur Beerdigung. Emilie hingegen hatte sich bis zuletzt um die Mutter gekümmert und sich danach vergeblich um Kontakt mit Ines bemüht. Ines sträubt sich massiv dagegen, mit dem Leid in ihrer Familie konfrontiert zu werden. Emilie aber ist verbittert, sie hadert damit, das Leben verpasst zu haben und geht wütend auf die Schwester los. Vor allem aber will sie endlich selbst wahrgenommen werden und Zuwendung erhalten.

Diese Geschichte einer Versöhnung vor dem Tod verwendet ein konventionelles Strickmuster. Beide Schwestern müssen sich dem Schmerz stellen, der sie auseinandergebracht hat. Aber es wird deutlich, wie wichtig es am Lebensende ist, an familiäre Bande anzuknüpfen und sich an schöne Erlebnisse zu erinnern. Eva Green spielt Emilie überzeugend, während Alicia Vikander ihrer Rolle wenig Leben einhauchen kann. Aber beiden Filmcharakteren verleiht die Dramaturgie auch nur wenig Tiefe, als wäre das Hauptaugenmerk der Regisseurin auf etwas anderes gerichtet.

Die wahre emotionale Kraft des Films geht vom Hospiz selbst aus. Es gelingt hervorragend, die Wichtigkeit eines solchen Rückzugsorts zu zeigen, der Todkranken hilft, ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Vom Lärm der Städte ist in dieser grünen Natur nichts zu hören, das Personal steht bereit, um den Bewohnern Kaffee im Garten zu servieren, bei Gesprächen zu assistieren, die Blaubeerpfannkuchen aus der Kindheit zu backen. Charlotte Rampling ist die perfekte Besetzung für Marina, die Seele des Hauses und Emilies achtsame Begleiterin, die sich auch um die überforderte Ines kümmert.

Eine Frau sitzt nackt auf einer Parkbank, ein alter Mann lässt eine Rockband zu seiner Abschiedsparty einfliegen und bleibt doch unglücklich. Nicht jedes Ende verläuft versöhnlich. Auch die wunderbare Filmmusik wechselt von Streichermelodien zu leichten Dissonanzen, die Töne aus der Natur weiterspinnen und die Sinne für die wilde, auch verstörende Intensität des Lebens öffnen. Der Ort wurde bewusst im Ungewissen belassen, gedreht wurde aber auf Schloss Dennenlohe in Bayern. Es ist unmöglich, sich dem friedlichen, Trost spendenden Zauber dieses Wohlfühlmilieus zu entziehen. Des Reizthemas aktive Sterbehilfe hätte es im Grunde gar nicht mehr bedurft, geht es doch gerade darum, sich noch einmal vom Leben berühren zu lassen.

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