We steal Secrets - The Story of WikiLeaks: Enthüllungsarchäologie zwischen Idealismus, Hybris und staatlicher Gegenwehr
Einleitung
Alex Gibneys We steal Secrets - The Story of WikiLeaks nimmt das Phänomen WikiLeaks nicht als bloße Chronik einzelner Ereignisse, sondern als seismographische Messung eines Zeitenbruchs. Die Dokumentation konzentriert sich auf das Verhältnis von Information, Macht und Moral in einer Ära, in der digitale Transparenz Staaten, Medien und Individuen vor neue, oft unaufhebbare Dilemmata stellt. In der Folge kann der Film als Versuch gelesen werden, die Linie zu ziehen zwischen ethischem Aktivismus und persönlicher Inszenierung.
Die Relevanz des Films liegt nicht allein in der Reanimation bekannter Skandale, sondern in der Verdichtung von Motiven: Wer spricht, wer schweigt, wer entscheidet über Öffentlichkeit? In einer Zeit, in der die Politik zunehmend mit Datenskandalen leben muss und Geheimhaltung an Brutalität verliert, wird Gibneys Werk zum Diskussionsstück über das Verhältnis von Öffentlichkeit und Geheimnis, von Pressefreiheit und nationaler Sicherheit.
Innerhalb von Gibneys Oeuvre steht der Film als konsequente Fortsetzung seiner investigative Handschrift. Seine Vorarbeiten - Filme, die Korruption, Machtmissbrauch und institutionelles Versagen beleuchten - bilden das formale und intellektuelle Handwerkszeug, mit dem er hier die Protagonisten und die Mechanik eines medialen Erdbebens freilegt. Zeitgeist und gesellschaftlicher Hintergrund verbinden sich zu einer Topographie der Transparenz, in der der Zuschauer eingeladen ist, historische Konturen und moralische Konturen zugleich zu lesen.
Kurzüberblick zur Produktion
Regisseur Alex Gibney ist bekannt für seine faktentreue, zugleich essayistische Annäherung an kontroverse Themen. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine Mischung aus gründlicher Recherche, narrativer Präzision und dem Einsatz von Archivmaterial sowie Zeitzeugeninterviews aus. In We steal Secrets - The Story of WikiLeaks wendet er diese Mittel an, um ein dichtes Panorama zu zeichnen, das zwischen forensischem Detail und großem epochalen Bogen oszilliert.
Die Produktion setzt auf intensives Interviewmaterial, interne Kommunikation und öffentliches Archivgut, wobei die Montage eine zentrale Rolle spielt: Bild- und Tonebenen werden so verknüpft, dass Ursachen, Motivationen und Konsequenzen sichtbar werden, ohne in simple Schuldzuweisungen zu verfallen. Budgetangaben sind nicht im Vordergrund, die Herstellung wirkt jedoch aufwendig recherchiert und in der Materialfülle souverän disponiert. Besondere Produktionsumstände entstehen aus den rechtlichen und sicherheitsrelevanten Fragen, die der Stoff mit sich bringt - Rechteklärung, Anonymisierung und der Umgang mit sensiblen Dokumenten prägen den Produktionsprozess.
Im Gesamtwerk markiert der Film eine konsequente Auseinandersetzung mit den Themen Macht, Transparenz und Institutionenkritik. Er fügt sich in Gibneys Neigung, komplexe Skandale narrativ zu ordnen und als Spiegel gesellschaftlicher Brüche zu präsentieren.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
In einem Dokumentarfilm fungieren die "Hauptdarsteller" weniger als Darsteller denn als Akteure im realen Geschehen. Julian Assange erscheint als zentrale Figur - charismatisch, polarisierend und als personifizierte Schnittstelle zwischen Medienstrategie und radikalem Transparenzanspruch. Seine Präsenz im Film gestaltet sich als Knotenpunkt von Rhetorik, Öffentlichkeit und juristischer Bedrohung.
Bradley Manning, in der Filmzeit noch unter seinem Geburtsnamen präsent, tritt als diejenige Figur hervor, die das materialisierte Dilemma der Whistleblowing-Praxis darstellt - ein Individuum, dessen Entscheidungen weitreichende geopolitische Wirkungen entfalten. Adrian Lamo fungiert als Verbindungsglied zur Außenwelt und als Katalysator für juristische Konsequenzen, seine Rolle bringt die Frage persönlicher Verantwortung in den Vordergrund.
Auf der anderen Seite liefert Michael Hayden, als Repräsentant des nationalen Sicherheitsapparats, die institutionelle Perspektive auf die Bedrohung durch unkontrollierte Informationsverbreitung. James Ball, als Journalist und Zeitzeuge, sowie Timothy Douglas Webster und andere Interviewpartner ergänzen das Panorama - sie bringen unterschiedliche Blickwinkel ein, von medienstrategischer Einordnung bis zu operativen Details.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt nicht linear im klassischen Sinn, sondern montiert Ereignisse, Aussagen und Dokumente zu einer analytischen Sequenz. Ausgangspunkt sind die Enthüllungen, die WikiLeaks öffentlich bekannt machten, gefolgt von der Untersuchung ihrer Urheber, Förderer und Gegner. Zentral ist der Ablauf vom Zugriff auf geheime Materialien bis zur Publikation - die Mechanismen von Sammlung, Austausch und Veröffentlichung werden nachvollziehbar gemacht, ohne bloß zu rekapitulieren.
Der dramatische Konflikt besteht im Aufprall zweier Logiken: der Logik radikaler Offenlegung, die von Transparenz als perfektem demokratischen Korrektiv ausgeht, und der Logik staatlicher Geheimhaltung, die sich zu schützen versucht und dafür normative, juristische und technologische Mittel mobilisiert. Diese Konfrontation wird nicht nur politisch ausgetragen, sondern auf persönlicher Ebene erkennbar: zwischen den Protagonisten, ihren Motiven und den Folgen ihres Handelns.
Die zentralen Figuren sind sowohl Individuen als auch Stellvertreter größerer Kräfte: Gründer, Informanten, Journalisten und Vertreter staatlicher Institutionen. Ton und Atmosphäre des Films sind nüchtern, bisweilen angespannt und analytisch-spekulativ; die Montage schafft eine Nähe zu den Protagonisten, ohne dabei voyeuristisch zu werden.
Zentrale Themen und Motive
We steal Secrets stellt grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis von Information und Herrschaft: Wem gehört Wissen, wer entscheidet über dessen Verbreitung und welche moralischen Verpflichtungen entstehen daraus? Der Film fragt nach der Legitimität von Geheimhaltung und nach den Spielräumen, in denen ziviler Ungehorsam gegenüber staatlicher Geheimhaltung als politisches Instrument gelten kann.
Philosophisch liegt der Film zwischen Utilitarismus und deontologischer Pflichtethik - er konfrontiert die Vorstellung, dass Transparenz immer der Demokratie dient, mit der Einsicht, dass Enthüllung schwere, oft unvorhersehbare Folgen haben kann. Gesellschaftlich untersucht er die Rolle von Medien als Filter, Zwischeninstanz und Verteilungsinstanz von Information. Psychologisch geht es um Motive der Protagonisten - Idealismus, Narzissmus, Überforderung, Pflichtgefühl - und um die Art, wie persönliche Narrative öffentliche Diskurse prägen.
Im Kern bleibt der Film eine Reflexion über Machtverhältnisse in einer digital vernetzten Welt: Er zeigt, wie Information zu Waffe, zu Schutzschild oder zu Brandbeschleuniger werden kann. Ohne einfache Antworten zu geben, liefert Gibney ein vielschichtiges Panorama, das den Zuschauer dazu auffordert, die gebotenen Einsichten in ethische, politische und historische Perspektiven zu überführen.
Filmkritik von David Siems
Wann immer Dokumentarfilme von der Realität eingeholt werden, dann lässt sich die Dringlichkeit ihres Anliegens kaum besser unterstreichen und hervorheben. Und genau davon muss die Rede sein, wenn man über Alex Gibneys Geschichte von Julian Assange, dem weißhaarigen Internet-Guru, und seinem Enthüllungsportal Wikileaks spricht. Der Filmemacher weiß, was er tut. Und er geht gerne dahin, wo es wehtut. Seine Dokumentation „Taxi to the Dark Side“ (2007) erzählte von den Foltermethoden des US-amerikanischen Militärs in Afghanistan, Irak und Guantanamo Bay am Beispiel eines unschuldigen Taxifahrers aus Kabul, der 2002 getötet wurde. Zu Recht wurde die schonungslose Bestandsaufnahme über die dunkle Seite des „War on Terror“ damals mit einem Oscar ausgezeichnet. Und auch diesmal tritt das US-Militär wieder als Antagonist ins fahle Zwielicht der Kameras.
Denn „We steal Secrets: The Story of Wikileaks“ erzählt nicht nur detailliert vom Aufstieg und Fall des aktuell in London unter Hausarrest stehenden Julian Assange, sondern auch vom „Whistleblower“ Bradley Manning, dem US-Soldaten und IT-Experten, der hunderttausende Geheimdepeschen, Protokolle und Videos an Wikileaks weiterreichte und somit für den größten Informationsskandal in der Geschichte des US-Militärs sorgte. Bereits seit 2010 sitzt der 25-Jährige im Gefängnis, die meiste Zeit davon verbrachte er in Isolationshaft. Menschenrechtsverbände rund um den Globus protestieren gegen seine Haftbedingungen. Erst Ende Mai diesen Jahres begann vor einem US-Gericht der offizielle Prozess gegen den „Verräter“. Für die US-Regierung ist die Sprachregelung klar: Manning hat nicht nur geheime Akten an Wikileaks weitergereicht, sondern vor allem „den Feind unterstützt“. Wie auch immer man das interpretieren mag. Obwohl das Prinzip von Wikileaks darauf basiert, dass man Informanten vollkommene Immunität gewährleistet, wurde Mannings Identität trotzdem entlarvt. Wie konnte das passieren?
Regisseur Gibney beantwortet diese Frage auf mehreren Ebenen und inszeniert seinen Film mit den Mitteln eines politischen Thrillers: Vor der Kamera trifft er Informanten, den ehemaligen CIA-Chef, frühere Wikileaks-Mitarbeiter und andere Figuren eines raffinierten wie verschachtelten Plots, der direkt aus dem Leben stammt. Am Brisantesten ist das Überwachungsvideo eines Apache-Militärhubschraubers, das schonungslos die Gräuel des Krieges aufdeckt: Auf dem grauen Bildschirm erkennt man aus der Luft schemenhaft die Figuren mehrerer Passanten, die sich auf einer Straße in Bagdad bewegen. An einer Ecke erahnt man die Silhouette eines Mannes, der einen üppigen Gegenstand in der Hand hält. Was erst später klar wird: Es ist ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters mit einem Kameraobjektiv. Aus dem Off hört man ein paar Wortfetzen, die sich Pilot und Kommandant hin und herwerfen. Der Mann an der Ecke wird als vermeintlicher Terrorist entlarvt – und plötzlich eröffnet der Hubschrauber das Feuer auf ihn und zahlreiche andere Passanten. Die Schützen beglückwünschen sich gegenseitig, als hätten sie gerade in einem Videospiel das nächste Level erreicht. Es ist eine sonderbare, ja erschütternde Szene. Ein Dutzend Passanten liegt tot und von Kugeln durchsiebt im Straßendreck.
Für Bradley Manning ist dieses Video der Stein des Anstoßes: Auf intime Weise zeichnet Alex Gibney hier das Bild eines Mannes, der aufgrund seiner unterdrückten Homosexualität zum zweifelnden Querulanten wird, der den moralfreien Männlichkeitsritualen innerhalb des Militärs entsagt und irgendwann auf psychologischer Ebene implodiert. Der Film geht sogar soweit zu behaupten, dass der labile GI während eines Heimaturlaubs als erstes in Frauenkleider schlüpft und sich in die U-Bahn setzt. Schräge Details, die ihn im Gesamtkontext voreilig als Gender-Opfer stigmatisieren. Letztlich ist es aber ein AOL-Chatprogramm und der ehemalige Hacker Adrian Lamo, der sich ihm am anderen Ende der virtuellen Leitung zunächst anvertraut, ihn dann aber doch ans FBI verpfeift. Für Julian Assange ist die „Akte Branning“ Fluch und Segen zugleich: Dank seiner enthüllten Geheimprotokolle hat Assange die Möglichkeit zum Global Player zu werden, der Regierungen zwar nicht ins Angst und Schrecken versetzt, ihnen aber immerhin empfindlich auf den Zahn fühlt. Gemeinsam mit dem britischen Guardian, dem Spiegel und anderen renommierten Medienhäusern schmiedet er damals eine großangelegte Allianz. Die Tatsache, dass sein wichtigster Informant in Isolationshaft sitzt, ist gleichzeitig auch das designierte Scheitern für seine Enthüllungs-Website. Wer will sich ihm jetzt noch ernsthaft anvertrauen?
„We steal Secrets: The Story of Wikileaks“ ist ein informativer Brocken von einem Film, und er lässt auch nicht jenes schicksalsträchtige Kapitel aus, das Assanges persönlichen Status in Verruf bringt. Wie ein Krimi arbeitet die Doku den Vorwurf zweier Frauen auf, die ihn wegen mutmaßlicher Vergewaltigung verklagt haben. Es ist viel die Rede von „geernteten Früchten“, und „hingebungsvollen Groupies“. Einmal wird Assange sogar in seiner Strahlkraft mit John Lennon verglichen. Ein Rockstar eben, der den Sexfrust der Jugend als kontaktscheuer Computerexperte nun kompensieren möchte. Eine der Frauen taucht sogar verkleidet vor der Kamera auf, man sieht animierte Beischlafszenen und wiederholt wird von kaputten Kondomen berichtet. Als man in einer Szene sogar ein stilisiertes und entfremdetes Verhütungsmittel mit gebrochener Spitze sieht, ergötzt sich der Film an detektivischer Genauigkeit, wandelt aber auch am Rande des Zumutbaren und an Glaubwürdigkeit. „Assange in der Falle von Sex-Spioninnen?“, fragten damals die Gazetten weltweit. Eine eindeutige Antwort kann der Film auch nicht liefern. Was er aber zeigt: Als der Wikileaks-Gründer in einem TV-Interview mit den Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert wird, bricht er das Interview ab und verlässt den Raum mit den Worten: „You blew it.“ Sie haben es vermasselt.
Vielleicht hat es aber der Internet-Guru selbst vermasselt: Regisseur Gibney porträtiert ihn als zunächst freundlichen und beinahe sanftmütigen Mann, der im Laufe der Spielzeit seine Schattenseiten offenbart. Held oder Verräter? Seit Wikileaks wird die mediale Transparenz der Informationskultur kritischer hinterfragt und durchleuchtet. Nicht nur von arrivierten Medien, sondern auch von Einzelpersonen. Die aktuelle Geschichte vom anderen „Whistleblower“, dem früheren CIA-Mitarbeiter Ed Snowden“, der vor wenigen Wochen das US-Spähprogramm „Prism“ offengelegt hat, ist ein weiteres mahnendes Beispiel dafür, wo von die aufgeklärte Welt erfahren sollte.

