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A Field in England

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kritiken.de Redaktion 05.07.2013
A Field in England© MFA
A ca. 1725 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

A Field in England - Ein psychedelisches Geschichtsexperiment zwischen Mythos, Kriegstrauma und Kammerspiel

Einleitung

A Field in England tritt als ein Film in Erscheinung, der weniger nach konventioneller Historienwiedergabe strebt als nach einer radikalen Verdichtung von Form, Atmosphäre und psychischer Bedrängnis. In der schroffen Beschränkung seines Settings und der monochromen Bildsprache wird Geschichte nicht erzählt, sondern erlebt - als klaustrophobischer Albtraum, in dem die Gegenwart des Zuschauers mit den Projektionen einer zutiefst gestörten Vergangenheit kollidiert. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner historischen Korrektheit als in seiner Fähigkeit, die historischen Topoi als Projektionsfläche für Fragen nach Macht, Erinnerung und kollektiver Gewalt zu nutzen.

Als Kapitel im frühen Werk seines Regisseurs stellt A Field in England eine konsequente Fortführung eines künstlerischen Interesses dar, das sich bereits in den Vorgängerfilmen zeigte. Ben Wheatley setzt sein formales Wagnis dort fort, wo er zuvor Genregrenzen hinterfragte und das Vertraute durch surreale Verzerrung untergrub. Hier verschiebt er die Erzählmodalitäten zugunsten einer intensiven, beinahe empfindungslogischen Bild- und Klangästhetik, die das Kino als sensorisches Instrument begreift - ein Instrument, das historisches Material zersetzt und neu zusammensetzt.

Der Film kam zu einer Zeit, in der britisches Kino erneut mit seinem historischen Erbe rang: nicht nur um Rekonstruktion, sondern um die Frage, wie Geschichte im kollektiven Bewusstsein wirkt und welche Mythen sie nährt. In einer Ära politischer Neuorientierungen und kultureller Rückbesinnungen wirkt Wheatleys Werk wie ein Reflex darauf, wie sehr Vergangenheit in Gegenwart hineinwirkt - nicht linear, sondern als latent wirksames, bedrohliches Reservoir.

Kurzüberblick zur Produktion

Ben Wheatley, bekannt für seine Mischung aus lakonischem Humor, Genreunterminierung und drastischer Gewalt, inszeniert A Field in England mit der ihm eigenen Präzision für Rhythmus und Bildkomposition. Zusammen mit seiner langjährigen Mitarbeiterin und Co-Autorin Amy Jump formt er eine Filmsprache, die gleichermaßen aus dem Low-Budget-Independent-Kino wie aus experimentellen Traditionslinien gespeist ist. Die Entscheidung für Schwarzweiß verstärkt den Eindruck einer mythischen Zeitlosigkeit und lenkt die Aufmerksamkeit auf Kontrast, Textur und Körperlichkeit.

Die Produktionsbedingungen sind geprägt von Sparsamkeit und Einengung - Merkmale, die Wheatleys Arbeiten oft zu eigen sind. Die reduzierte Besetzung, das begrenzte Setting und eine ökonomische Kameraarbeit erzeugen eine intensive Konzentration auf die Figurenkonstellation und die atmosphärische Dichte. Auffällig war bei der Veröffentlichung auch das hybride Vertriebsmodell, das zwischen Kino, Fernsehen und digitalen Plattformen schwankte und damit einen unkonventionellen Zugang zum Publikum suchte - ein Ansatz, der der experimentellen Haltung des Films entsprach.

Im Gesamtwerk Wheatleys nimmt A Field in England eine Sonderstellung ein: Es ist weniger ein Genrefilm als ein filmisches Essay, das Elemente des Historiendramas, des psychedelischen Horrors und des Kammerspiels amalgamiert. In dieser Werkreihe fungiert der Film als radikale Variierung des Regisseurs auf das Thema Gewalt und Gemeinschaftsdesintegration.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung des Films setzt auf vertraute britische Ensemblekräfte, deren Repertoires zwischen Komik, Horror und Charakterdarstellung oszillieren. Michael Smiley, häufig als Markenzeichen unaufgeregter Unheimlichkeit in Wheatleys Umfeld präsent, bringt seine Fähigkeit ein, Ambiguität zwischen Freundlichkeit und Bedrohung zu transportieren. Reece Shearsmith, aus dem Bereich schwarzer Comedy und psychologischer Abgründigkeit bekannt, liefert eine Darstellung, die zwischen rationaler Kontrolle und innerer Auflösung changiert. Julian Barratt, dessen komödiantisches Vokabular weithin geschätzt ist, erweitert hier seine Palette in Richtung beklemmender Ernsthaftigkeit.

Die weiteren Darsteller - darunter Peter Ferdinando, Ryan Pope, Richard Glover und Sara Dee - agieren als ein dichtes Geflecht von Charaktertypen, die nicht als psychologische Porträts im Detail ausgearbeitet werden, sondern als archetypische Stimmen in einem ritualisierten Konflikt. Ihre Erfahrungen und Reaktionen sind weniger individuell motiviert als durch eine gemeinsame Dynamik, die das Drehbuch prägnant nutzt: Rivalität, Verführung, Unterwerfung und die Suche nach Kontrolle sind Kräfte, die das Schauspiel ebenso formen wie die sparsam eingesetzten Dialoge.

Handlung (spoilerfrei!)

A Field in England spielt zur Zeit des Englischen Bürgerkriegs und begleitet eine kleine Schar von Männern, die auf einem von der Außenwelt abgeschnittenen Landstück aufeinandertreffen. Die Narrative konzentriert sich auf die Mechanik ihrer Beziehungen - Anführung, Gehorsam, Gier und Misstrauen - und auf ein zentrales, katalysierendes Element, das die Gruppe in eine immer intensivere psychische und physische Auseinandersetzung treibt. Der dramatische Konflikt entspringt weniger einem klar umrissenen äußeren Antagonisten als dem Zusammenprall konkurrierender Begierden und dem Ausbruch irrationaler Kräfte.

Die Figuren sind archetypisch skizziert: Anführer, Verstoßene, Manipulatoren und Zeugen formieren sich zu einem Mikrokosmos, in dem die Grenzen zwischen Realität und Halluzination zunehmend verschwimmen. Ton und Atmosphäre sind düster, beklemmend und oft surreal; eine Mischung aus ländlicher Isolation, steten Bedrohungen und einem durchdringenden Gefühl historischen Nachhalls. Der Film arbeitet mit langsamer Eskalation, wiederkehrenden Bildern und einer Klanggestaltung, die das Unheimliche nicht erklärt, sondern erfahrbar macht.

Zentrale Themen und Motive

Wheatleys Film stellt grundlegende Fragen nach Macht, Kontrolle und der Konstruktion historischer Mythen. Wie formen kollektive Traumata Identität? Wie wird Gewalt ritualisiert und legitimiert? A Field in England nähert sich diesen Fragen nicht durch historische Analyse, sondern durch die Verdichtung von Symbolen - das Feld als Verheißung und Falle, berauschende Substanzen als Mittel der Auflösung von Selbstbeherrschung, die Gruppe als Labor für Hierarchie und Anarchie.

Philosophisch betrifft der Film das Verhältnis von Subjektivität und historischer Obszönität: Die Vergangenheit erscheint als etwas, das nicht vollständig repräsentiert werden kann, sondern das in psychischen Zuständen weiterwirkt. Psychologisch interessiert sich das Werk für kollektive Projektionen und dafür, wie Erzählungen über Recht und Ordnung in Zeiten des Zusammenbruchs in Gewalt umschlagen. Motive wie Ritual, Besessenheit und die Aufweichung rationaler Identität wiederholen sich und verweben sich mit ästhetischen Mitteln - Schwarzweißfotografie, enge Bildräume und rhythmische Schnitte - zu einem kohärenten, wenn auch irritierenden Ganzen.

Ohne einfache Antworten zu liefern, fordert der Film den Zuschauer heraus, historische Stoffe als lebendige, ambivalente Kräfte zu begreifen. A Field in England bleibt damit weniger ein historisches Refugium als ein experimentelles Feld, in dem Kino die Möglichkeiten auslotet, Geschichte sinnlich zugänglich und zugleich destabilisiert zu machen.

Filmkritik von Jochen Werner

Das Feld in England, das dem neuen Film des britischen Regisseurs Ben Wheatley seinen Titel gibt, ist zunächst einmal ein Schlachtfeld. Im englischen Bürgerkrieg in der Mitte des 17. Jahrhunderts trifft da eine seltsame Gruppe von Männern aufeinander: Der furchtsame Alchimist Whitehead (Reece Shearsmith), der etwas simpel gestrickte Familienvater Cutler (Ryan Pope), die zwei desertierten Soldaten Jacob (Peter Ferdinando) und Friend (Richard Glover) – und, schließlich, der mittels eines langen Taus gewissermaßen aus dem Nichts in den Bildkader gezogene, mysteriöse Ire O'Neill (Michael Smiley), der schnell das Kommando über das Grüppchen sehr ungleicher Gefährten übernimmt und diese von ihrem Weg abbringt. Der sollte sie nämlich eigentlich nur in eine nahe gelegene Kneipe führen, stattdessen macht man sich aber nun gemeinsam auf die Suche nach einem O'Neill zufolge irgendwo auf dem Feld vergrabenen Schatz.

Nun weiß man ja eigentlich seit John Hustons Klassiker „Der Schatz in der Sierra Madre“ (und spätestens seit Sergio Leones „Zwei glorreiche Halunken“), dass derlei Zweckgemeinschaften angesichts der Konfrontation mit versprochenem, unermesslichem Reichtum einer gewissen Zerreißprobe ausgesetzt werden. Bei Ben Wheatley freilich muss der Schatz gar kein realer mehr sein, ausgegraben wird hier nichts außer einem Totenschädel. Eine angemessene und vielleicht von Grund auf viel näher liegende Verwendung finden die anlässlich der Schatzsuche ausgehobenen Gruben dann aber schlussendlich doch: als Massengrab, in dem der Tod durch ihre eigenen Hände die Gefährten schließlich endgültig zusammen schmiedet.

Ein Ziel gibt es im Grunde also gar nicht in „A Field in England“, vielmehr ist hier der Weg das Ziel. Und der nimmt, gelinde gesagt, oftmals überraschende Wendungen. Dass Regisseur Ben Wheatley für seltsame und logisch nicht vermittelbare Plotwendungen eine gewisse Vorliebe hegt, bewies er schon mit seinem zum Showdown hin ziemlich fiebrig entgleisenden Horror-Thriller „Kill List“, und hier lässt er die Form seines Films gleich von Beginn an ziemlich ungebremst ins Halluzinatorische hineindelirieren. Der Krieg ist im Grunde nur am Filmbeginn präsent, insbesondere in Form einer beeindruckend komponierten, apokalyptischen Geräuschkulisse. Den Einschlag eines Geschosses in unmittelbarer Nähe seiner Protagonisten setzt Wheatley durch eine gewaltsame Attacke auf der Tonspur um: dem infernalischen Krach folgt das Fiepen und Rauschen des anschließenden Tinnitus, außerdem das Verstummen der Geräusche der Welt. Imposanter, brutaler lässt sich das Erleben des Krieges wohl kaum vermitteln, will man nicht, wie Samuel Fuller vorschlug, gleich mit einem Maschinengewehr in den Zuschauerraum zielen und schießen.

Aber über den Krieg zu sprechen, das ist nicht oberste Priorität in „A Field in England“. Stattdessen stürzt man sich lustvoll und kopfüber in alle nur denkbaren Absurdismen, in Psychedelik und in die Grenzgebiete zum Experimentalfilm – und manchmal auch einfach nur in eine eigentümliche und vermutlich sehr britische Variation des schwarzhumorigen Splatterfilms. Gegen Ende jedenfalls hält sich Ben Wheatley wenig zurück, lässt Blut spritzen und Körperteile zerschießen. Auf dem Weg dorthin wird es jedoch so manchem etwas konservativerem Splatterfan mehrfach sehr mulmig werden ob der nicht immer inhaltlich integrierbaren Skurrilitäten, die ihm der Film so vorsetzt. Insbesondere wenn die Erzählung dezidiert im Drogenrausch versinkt – zweimal werden halluzinogene Pilze verspeist, beim zweiten Mal in durchaus beeindruckenden Mengen –, greift die Bewusstseinserweiterung der Protagonisten auf der Leinwand direkt auf das Publikum über und der Film entgleist zunehmend, ergeht sich in brutalen Schnittfrequenzen bis hin zu stroboskopischen Flickerfilm-Montagen, bildet abstrakte, kaleidoskopische Bildkörper aus den Körperbildern seiner Figuren und watet knietief im Obskurantismus. Diese seine extremsten, überbordendsten Sequenzen sind auch seine besten.

Denn leider trägt Ben Wheatley auch die Schwächen seiner früheren Arbeiten in „A Field in England“ hinein – mit dem er sich ansonsten, auch in seiner expressiven und mitunter wunderschönen Schwarz-Weiß-Fotografie, weiter als je zuvor von den ausgetreteneren Pfaden des Genre-Filmemachens entfernt. Das Gefühl jedoch, dass Wheatley stets den einzelnen, möglichst überraschenden Einfall über das Filmganze stellt, mag auch hier nie so ganz verfliegen – und so steht sich auch „A Field in England“, manch einem inszenatorischen Kabinettstückchen und einer grundsätzlich ja auch durch und durch sympathischen Unberechenbarkeit zum Trotz, letzten Endes immer wieder selbst im Weg. Ein Gespür für Rhythmus geht Ben Wheatleys Regie jedenfalls stellenweise schmerzhaft ab, und so scheint manches viel zu langatmig auserzählt, während hinter der nächsten Ecke auch schon wieder der nächste eigenartige Plottwist wartet.

Immerhin muss man Ben Wheatley und „A Field in England“ zweierlei zugute halten. Letzterer ist ein ganz eigenständiger Film, einer, wie man ihn so oder ähnlich noch nicht gesehen hat. Und all den Schwächen und den persönlichen, nicht immer wohldosiert eingesetzten stilistischen Ticks zum Trotz, die sich durch seine Filmografie ziehen, beweist sich Wheatley stets aufs Neue als ein Filmemacher, der darauf bedacht ist, sich nicht zu wiederholen. „A Field in England“ ist, auch wenn er keineswegs makellos und im Grunde noch nicht einmal durchweg gelungen ist, vermutlich sein bisher interessantester Film.

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