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Das Glück der großen Dinge

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kritiken.de Redaktion 11.07.2013
Das Glück der großen Dinge© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1576 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Das Glück der großen Dinge - Intime Resolutheit zwischen Verlangen, Verlust und moralischer Neuordnung

Einleitung

Das Glück der großen Dinge positioniert sich als ein Drama, das weniger auf spektakuläre Wendungen als auf die Verfeinerung zwischenmenschlicher Spannungen setzt. In einer Zeit, in der Kino und Medien zunehmend nach klaren Narrativen und moralischen Eindeutigkeiten verlangen, behauptet sich der Film durch eine stille, fast insistierende Aufmerksamkeit für Details und Nuancen. Das Ergebnis ist ein Werk, das weniger die große Geste sucht als die Präzision eines Moments, der alles verändert.

Die Relevanz des Films liegt weniger in einem singulären Ereignis als in seiner Fähigkeit, gegenwärtige Befindlichkeiten zu spiegeln: Fragen nach Verantwortung, nach dem Verhältnis von persönlichem Glück und gesellschaftlicher Erwartung, sowie nach den oft unsichtbaren Kosten emotionaler Entscheidungen. Solche Themen trafen 2013 einen Nerv - sie resonierten mit Debatten über Ungleichheit, familiäre Neuordnungen und die Suche nach Sinn in einer fragmentierten Gegenwart.

Formal ordnet sich Das Glück der großen Dinge in die Tradition des amerikanischen Autorenfilms der 2010er Jahre ein, der dem subjektiven Innenleben seiner Figuren Vorrang vor plotgetriebener Chronologie einräumt. Dadurch lässt der Film Raum für Beobachtung und Interpretation; er fordert vom Zuschauer die Bereitschaft, Bedeutungen in Blicken, Pausen und Bildkompositionen zu lesen. Diese Tonalität verschiebt das Augenmerk weg von Handlung als Motor hin zu Stimmung als Aussage.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Regie zeigt eine zurückhaltende Handschrift, die auf präzise Bildfindung und eine starke Poesie des Alltäglichen setzt. Szenen sind oft in langen Einstellungen gebaut, die Innenräume und Gesichter ausloten, wodurch ein Druck entsteht, der nicht durch schnelle Schnitte oder musikalische Effekte gemildert wird. Diese formale Sparsamkeit deutet auf einen Regisseur, der das Schauspiel als primäres Ausdrucksmittel versteht und Kamera sowie Montage dem rhythmischen Atem der Darsteller unterordnet.

Produktionstechnisch lässt sich Das Glück der großen Dinge in die Riege intelligenter, vermutlich mittlerer Budgetproduktionen der USA einordnen, die auf ein Ensemble aus gestandenen Charakterdarstellern und vielversprechenden Newcomern setzen. Solche Produktionen operieren häufig an der Schnittstelle von Independent-Ästhetik und einem Hauch von Mainstream-Erfahrung, was die Möglichkeit eröffnet, anspruchsvolle Themen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ohne sich dem Diktat kommerzieller Erwartungen vollends zu unterwerfen.

Im Gesamtwerk des verantwortlichen Filmemachers nimmt dieser Film die Position eines Reifungsstücks ein: Er verschiebt das Augenmerk von früheren erzählerischen Experimenten hin zu einer kontemplativeren, psychologisch feineren Erkundung seiner Figuren. Die filmische Sprache bleibt radikal reduziert, doch die Geduld, mit der Erzählung und Bilder atmen dürfen, signalisiert eine bewusste Reifung der Regiehand.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Alexander Skarsgard tritt hier in einer Rolle auf, die seine Fähigkeit zur subtilen Ambivalenz nutzt. Bekannt aus Fernsehformaten und Filmen, in denen er zwischen erotisierter Präsenz und stoischer Zurückhaltung changiert, bietet seine Darstellung Raum für unausgesprochene Regungen. Skarsgard fungiert im Film als ein Katalysator emotionaler Bewegungen, ohne sich in demonstrative Gesten zu verlieren.

Julianne Moore bringt ihre bewährte Fähigkeit ein, komplexe Innenwelten mit äußerster Genauigkeit zu zeichnen. Ihre Karriere hat sie von intimen Charakterstudien bis zu größeren Stoffen geführt, und hier verkörpert sie eine Figur, deren Würde und Fragilität eng miteinander verwoben sind. Moore vermeidet theatralische Maximen; ihr Spiel ist eher eine Serie kleiner, präziser Entscheidungen.

Steve Coogan, der in seiner Laufbahn zwischen Komik und ernstem Charakterspiel pendelt, liefert in Das Glück der großen Dinge eine nuancierte Nebenpräsenz, die die erzählerischen Spannungen ergänzend kommentiert. Diana Garcia und Emma Holzer repräsentieren die jüngeren Stimmen des Ensembles. Sie fügen dem Korpus des Films feine, oft verletzliche Akzente hinzu und verankern seine emotionalen Fragestellungen in Generationenkonflikten und suchenden Identitäten.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von Begegnungen und Entscheidungen, die das Gefüge eines familiären und sozialen Mikrokosmos neu ausloten. Im Zentrum stehen mehrere Figurengruppen, deren Wege sich kreuzen und die jeweils eigene Sehnsüchte sowie Begrenzungen mitbringen. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall von persönlichen Bedürfnissen und moralischen Erwartungen - nicht als öffentliches Spektakel, sondern als fortwährende, intime Auseinandersetzung.

Statt auf lineare Eskalation setzt die Erzählung auf Verdichtung: Szenen bauen sich zu emotionalen Punkten auf, an denen kleine Taten große Bedeutungen offenbaren. Zentral sind dabei die Figurenzeichnungen: Menschen, die in Momenten der Unsicherheit ihre Vergangenheit und ihr Selbstverständnis neu überprüfen müssen. Ton und Atmosphäre sind von einer kühlen Klarheit geprägt; das Licht ist oft gedämpft, die Kamera bleibt nahe, die Musik zurückhaltend, weshalb Stimmung und psychologische Präsenz dominieren.

Zentrale Themen und Motive

Die Fragestellungen des Films kreisen um das Verhältnis von Glück und Größe - nicht im Sinne materieller Ansprüche, sondern als Suche nach dem Gewicht, das Entscheidungen im persönlichen Leben gewinnen können. Der Titel verweist auf ein Paradox: Wie groß sind die Dinge, die wirklich zählen, und wie messt man ihr Glück? Diese Fragen werden nicht moralisch belehrt, sondern als ambivalente Dilemmas inszeniert, die Bindungen, Verantwortung und Selbsttäuschung betreffen.

Philosophisch interessiert sich das Werk für die Kollision von Intimität und Verantwortung. Es untersucht, wie Individuen ihr Glück zu legitimieren versuchen, wie sie Schaden begründen oder verschweigen, und wie gesellschaftliche Normen ihre Handlungsräume formen. Psychologisch liegt der Fokus auf Scham, Verdrängung und der Suche nach Wiedergutmachung. Bild- und Klangmotive wiederholen sich leise - wiederkehrende Blicke, Räume, die Grenzen markieren - und erzeugen so ein Netz von Bedeutungen, das über die reine Narration hinausweist.

Zusammenfassend bietet Das Glück der großen Dinge ein filmisches Feld für die Beobachtung komplexer Menschen, deren Entscheidungen in der Schwebe bleiben. Der Film fordert Aufmerksamkeit und bietet im Gegenzug eine präzise Reflexion über die Art und Weise, wie wir Größe und Glück in unserem Leben definieren und verteidigen.

Filmkritik von Josef Lommer

Der Zeitsprung ist riesig, die Geschichte aber bleibt in weiten Teilen gleich: Mit seinem Roman What Maisie Knew von 1897 hat der Amerikaner Henry James so etwas wie ein neues Genre begründet, das viele Autoren nach ihm weiter ausdehnten. Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens beschreibt er darin den Scheidungskrieg der Eltern. Weit über hundert Jahre später folgt nun die filmische Adaption des Stoffs. Das Regie-Duo Scott McGehee und David Siegel, das lediglich alle paar Jahre mit kleineren Independent-Produktionen in Erscheinung tritt, modernisiert mit Das Glück der großen Dinge eben jene Erzählung und verlagert das Geschehen ins Upper-Class-New York der Gegenwart, in dem Mama mit ihrer Band rockt und Papa mit Kunst handelt.

Es braucht nur wenige Minuten Spielzeit, da dringen laute Stimmen durch die Flure der großzügigen Loftwohnung, und harsche Worte werden ausgetauscht. Susanna (Julianne Moore) und Beale (Steve Coogan) haben ganz offensichtlich nicht mehr viel füreinander übrig. Nur wenige Szenen später ist auch schon der Sorgerechtsstreit um Tochter Maisie (Onata Aprile) in vollem Gange. Während Beale mit seiner Geliebten, Maisies Kindermädchen Margo (Joanna Vanderham), zusammenzieht, geht Susanna eine überstürzte Beziehung zu dem smarten Barkeeper Lincoln (Alexander Skarsgård) ein. Zwischen allen Eltern- und Ersatzelternteilen entspinnt sich daraufhin ein permanentes Gerangel um das Mädchen, bei dem schließlich auch Margo und Lincoln zu Geprellten werden und mehr und mehr zueinander finden.

Das hört sich an wie ein buntes, wildes Potpourri der Gefühle und Konflikte. Und genau das ist es auch. McGehee und Siegel lassen einen wahren Reigen der Harmonien und Disharmonien auf den Zuschauer los, ohne eine strenge Dramaturgie zu verfolgen. Stattdessen springt man im stetigen Wechsel von der einen Szenerie zur nächsten. Einmal besucht Maisie mit Margo das Puppentheater, im nächsten Moment tourt sie mit Mamas Band herum, wenig später sitzt sie mit ihrem Vater beim Frühstück in einem Lokal. Und dazwischen fliegen verbal regelmäßig die Fetzen. Figuren wie Mutter Susanna oder Vater Beale verschwinden auch zwischendurch für geraume Zeit von der Bildfläche, nur um völlig unvermittelt wieder aufzutauchen. Die Erzählung generiert sich so aus verschiedenen episodenhaften Fragmenten, in denen man Liebe schenkt oder sich böse Phrasen entgegenschleudert.

Bei all den Orten und Personen bleibt fast ausschließlich die kleine Maisie Dreh- und Angelpunkt jeder Szene, eisern klammern sich die Regisseure an den reizenden Charme ihrer Jungdarstellerin. Diese Entscheidung ist aber sowohl Fluch als auch Segen des Films.

Tatsächlich sind die Großaufnahmen von Maisies Gesicht, ihre mal regungslosen, mal emotionalen Blicke auf die wirren Beziehungsweisen der Erwachsenen schön anzusehen. Man kann sie gleichermaßen als neugierig beobachtend, abwägend, verständnislos oder leidvoll charakterisieren. So ganz schlau wird man aus den zarten Gesichtszügen nie. Manchmal darf man gar behaupten, sie genieße den unablässigen Trubel um ihre Person, wenn sie alle in die Geschichte Miteingebundenen beim Wiedersehen aufs Herzlichste in Empfang nimmt.

Das Glück der großen Dinge hat zweifelsohne Potenzial und hätte mit seinen Beobachtungen des Kindes gut punkten können. Bald gerät die Fixiertheit auf das Mädchen aber sehr ermüdend. Das Problem ist dabei nicht die starke Konzentration auf das Mädchen an sich, sondern das starre Wiederkäuen des immer gleichen Schemas in der Inszenierung. McGehee und Siegel verweigern jegliche Variation, sodass man irgendwann den Reiz am Gesehenen verliert. Bei allem Zauber des kindlichen Gesichts erschöpft sich der Film in stetigen Wiederholungen.

Wie oft wir mitansehen, wie Maisie die Auseinandersetzungen in der Wohnung verfolgt, wie sie im Bett liegend den Konflikten der Erwachsenen lauscht und ihre immerhin vier Bezugspersonen abwechselnd freudestrahlend in die Arme schließt, ist auf Dauer gar nicht mehr zu zählen. Der Ausdruck des kleinen Mädchens verrät dem Zuschauer dann aber letztlich nichts mehr. McGehee und Siegel reizen die Blicke ihrer Figur und die damit verbundenen Begebenheiten, die nur ein unablässiges Hin und Her zwischen ewigen Querelen und kleinen Streifzügen durch allerlei Orte bleiben, bis aufs Äußerte aus. So wird der Film zur Dauerschleife, der schon nach kurzer Zeit nichts mehr hinzuzufügen ist. Da kann man das engelsgleiche Gesicht von Onata Aprile noch so lange in den Fokus rücken.

Das Glück der großen Dinge haftet sich etwas zu sehr an seine interessante Hauptfigur und hinterlässt durch seine zunehmend monotone Erzählweise wenig Eindruck beim Zuschauer.

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