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Voll verkatert

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kritiken.de Redaktion 31.03.2017
Voll verkatert © Universum Film GmbH
A ca. 1409 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Voll verkatert: Repräsentation des moralischen Erwachens in einem filmischen Rausch zwischen Chaos und Sentimentalität

Einleitung

Voll verkatert tritt in eine Gegenwart, die von Übermaß und seinen Nachwirkungen erzählt - nicht als bloße Komödie der Epigonen, sondern als filmischer Versuch, den Zustand des Nachspürens zu kartografieren. Die Relevanz des Films liegt weniger in seinem narrativen Einfall als in seiner Inszenierung der Folgen eines Ereignisses, das über das Screen-Erlebnis hinaus in kollektive Erfahrungsräume hineinragt. In einer Zeit, in der mediale Schlaglichter auf Exzesse und deren soziales Echo prallen, zielt der Film darauf ab, das Gefühl der Desorientierung zu sezieren - nüchtern und gleichzeitig formal verkatert.

Die Regiearbeit zeigt ein Selbstverständnis, das zwischen persönlicher Intimität und einem kalkulierten Einsatz von Ensembleästhetik oszilliert. Im Werk des Regisseurs lässt sich eine Neigung erkennen, das Große im Kleinen zu suchen - Momentaufnahmen, die zu Metaphern werden, und Figurenkonstellationen, die soziale Dynamiken spiegeln. Voll verkatert reiht sich insofern ein in eine filmische Handschrift, die wiederholt auf die Diskrepanz zwischen innerem Zustand und äußerer Ordnung fokussiert.

Der zeitgenössische Kontext des Films - geprägt von global vernetzten Produktionen und einer Kinoästhetik, die persönliche Erzählungen mit großskaligen Besetzungen verbindet - verleiht dem Projekt zusätzliche Bedeutung. Als Koproduktion zwischen Frankreich und China reflektiert der Film nicht nur grenzüberschreitende Finanzierungsströme, sondern auch eine Themenwahl, die internationale Resonanz sucht: es geht um Verletzbarkeit, Verantwortung und das öffentliche Ausspielen privater Krisen. Voll verkatert ist damit ein Produkt seiner Zeit - ein Versuch, filmisches Erzählen und gesellschaftliche Beobachtung miteinander zu koppeln.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Produktion von Voll verkatert operiert an der Schnittstelle zwischen europäischer Erzähltradition und dem internationalen Castingprinzip. Die französisch-chinesische Koproduktion ermöglicht einen hybriden Zugang zu Ressourcen und Märkten - sichtbar in der Präsenz eines weit gefächerten Ensembles und in einer Bildsprache, die zwischen intimer Kameraarbeit und konventionelleren Hollywood-Bildern changiert. Budget und Studioangaben bleiben im Hintergrund der öffentlichen Kommunikation relevant sind jedoch die Konsequenzen dieser Struktur - vor allem die Ambition, ein europäisches Sinnbild für postfaktische Unübersichtlichkeit in ein globales Publikum zu tragen.

Die Regiearbeit bevorzugt eine Montage, die Brüche zulässt - Szenen, die aneinandergereiht werden wie Erinnerungsfetzen, und eine Gestaltung von Raum, die das Innenleben in den öffentlichen Blick rückt. Technisch setzt der Film auf ruhige, oft statische Einstellungen, die durch kurze, fast staccatoartige Schnitte kontrastiert werden - ein Stilmittel, das den Eindruck des Verkatertseins visuell übersetzt. Diese formalen Entscheidungen positionieren Voll verkatert innerhalb eines filmischen Spektrums, das zwischen psychologischem Drama und satirischer Gesellschaftsanalyse pendelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble ist breit angelegt und mischt junge Talente mit etablierten Namen. Nathaly Thibault bringt eine Frische und Intimität in die Darstellung, wie sie bisher in unabhängigen Produktionen schon angedeutet wurde. Brian Degrace fungiert als konterkarierender Gegenpol - in früheren Rollen oft als nüchterner Akteur besetzt, hier als Figur, die auf die emotionale Schieflage reagiert. Galia Oliel-Sabbag und Serge Martineau übernehmen Nebenachsen, die das Geflecht der Beziehungen verdichten und Jede für sich als Spiegelungen gesellschaftlicher Erwartungen fungieren.

Die Besetzung mit internationalen Stars - darunter Jennifer Garner, Christopher Walken und Robbie Amell - signalisiert eine bewusste Balance zwischen arthausnaher Intention und kommerzieller Zugänglichkeit. Die Präsenz von Figuren wie Kevin Spacey fügt dem Ensemble eine zusätzliche, komplexe Schicht hinzu - nicht allein aus performativer, sondern auch aus diskursiver Sicht. Die Schauspielleistungen werden nicht als Soli inszeniert, sondern treten in ein musikalisches Gefüge, in dem jede Stimme den Ton der Erzählung moduliert.

Handlung (spoilerfrei!)

Voll verkatert entfaltet eine konzentrierte Beobachtung einer kurzen Zeitspanne nach einem schicksalhaften Ereignis - im Zentrum stehen mehrere Figuren, deren Leben durch einen gemeinsamen Vorfall in Unordnung geraten. Die Erzählung folgt weniger einem strengen Plotaufbau als einem Parcours von Konfrontationen und Rückzügen. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen den individuellen Bedürfnissen der Protagonisten und den sozialen Zwängen, die ihr Verhalten normieren oder kriminalisieren.

Die zentralen Figuren sind keine plakativ exaltierten Typen, sondern Menschen mit Ecken und Widersprüchen - Partner, Eltern, Freunde und entfernte Bekannte, die in verschiedenen sozialen Rollen agieren. Ton und Atmosphäre schwanken zwischen melancholischem Realismus und lakonischer Komik; die Tonalität vermeidet moralischen Zeigefinger, ohne die Züge der Figuren zu entschuldigen. Kamera und Schnitt arbeiten zusammen, um Stimmungslagen spannend zu begrenzen - Räume werden eng, Dialoge bleiben fragmentarisch, und die Zeit scheint sich in Momenten zu dehnen.

Zentrale Themen und Motive

Kern des Films ist die Frage nach Verantwortung - für eigene Entscheidungen, für das, was man anderen antut, und für die kollektiven Folgen persönlicher Fehltritte. Voll verkatert lotet aus, wie Schuldgefühle, Reue und das Bedürfnis nach Ablenkung aufeinandertreffen. Der Hang zum Übermaß dient dabei nicht nur als realistisches Motiv, sondern als Metapher für eine Gesellschaft, die ihre eigenen Grenzen zunehmend übergeht und dann mit den Nachwehen ringt.

Ein weiteres Motiv ist die Zerbrechlichkeit von Wahrheit und Erinnerung - der Film arbeitet mit multiplen Perspektiven und zeigt, wie Ereignisse je nach Blickwinkel konturiert werden. Diese formale Unschärfe verweist auf ein größeres epistemologisches Problem: Wie konstituiert sich Realität durch Erzählungen, und wer beansprucht die Deutungshoheit? Die psychologische Dimension dreht sich um Versuche, das Innere nach außen hin zu ordnen - ein Prozess, der oft scheitert oder in kleine, poetische Momente der Einsicht mündet.

Schließlich thematisiert der Film die Folgen der Globalisierung des Erlebens - nicht nur ökonomisch, sondern in puncto Aufmerksamkeit und medialer Verfügbarkeit. Die internationale Besetzung und die Produktionskonstellation spiegeln dieses Anliegen, indem sie lokale Bezüge in einen transnationalen Diskurs über Schuld, Reue und öffentliche Schuldzuweisung einbetten. Voll verkatert bleibt so ein Film, der mehr befragt als beantwortet - und der die Zuschauerinnen und Zuschauer einlädt, ihre eigenen Nachwirkungen zu bedenken.

Filmkritik von Peter Osteried

Nach dieser Synchro ist man wirklich voll verkatert

Geschichten über Menschen, an denen das Leben vorbeizieht, weil sie nur arbeiten, gibt es reichlich. Selbst solche, in denen mehr oder minder göttliche Umstände dafür sorgen, dass sie unter ganz neuen Voraussetzungen ihr Leben wieder schätzen lernen müssen, hat man schon viele gesehen. Bei Voll verkatert ist es nun so, dass ein Mann im Körper einer Katze gefangen ist.

Tom Brand (Kevin Spacey) ist reich und träumt davon, in New York den größten Wolkenkratzer der Welt zu haben. Aber wegen der vielen Arbeit vernachlässigt er seine Familie. Als er seiner Tochter schließlich eine Katze zu ihrem Geburtstag schenkt, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Er fällt ins Koma und erwacht im Körper der Katze wieder. Als Mr. Puschelkuschel muss er nun für seine Familie da sein, wie er es als Mensch nie gewesen ist. Aber derweil versucht der Vorstand seiner Firma, diese an die Börse zu bringen und den großen Reibach zu machen – etwas, das Tom niemals wollte.

Voll verkatert vom routiniert arbeitenden Barry Sonnenfeld hat ein Problem. Ein großes. Noch dazu solch eines, das in der Originalversion des Films gar nicht vorkommt. Nur durch die Synchronisation ist es entstanden. Denn Kevin Spacey wird hier nicht von Till Hagen gesprochen, der dem Mimen seit Jahrzehnten seine markante Stimme leiht. Stattdessen ist es Oliver Kalkofe, der nun in die Verlegenheit gekommen ist, Spacey seine Stimme zu leihen, weil der Verleih offensichtlich einen Komiker wollte, der die Katze reden lassen sollte.

Was auf dem Kater gerade noch so funktioniert, gerät auf Spacey vollends zum Desaster. Weil Kalkofe zwar gut darin ist, in seinen Fernsehshows über andere Formate zu lästern, als Schauspieler aber sehr limitiert ist. Was er hier abliefert, ist der Stoff, über den bei der SchleFaz-Show von Tele 5 normalerweise gelästert wird.

Das Bedauerliche ist dabei, dass Voll verkatert ansonsten ganz ordentlich ist. Natürlich läuft der Film nie Gefahr, dass er an seiner eigenen Originalität ersticken würde. Denn die gibt es nicht. Hier wird streng nach Schema F erzählt. Scharzweißzeichnung ist dabei nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Echte Dramatik mag so allerdings auch nie aufkommen, denn dass es letzten Endes ein Happyend gibt und Brands schmieriger Lakai, der versucht, die Firma an sich zu reißen, seine gerechte Strafe bekommt, ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Punkten kann Voll verkatert durch die exzellente Technik. Die Animation der Katze, die allerhand Abstruses erlebt, ist sehr gelungen. Man hat nie das Gefühl, eine CGI-Kreatur vor sich zu haben. Hinzu kommt, dass einige wirklich gelungene Gags daraus entstehen, Frank als Kater Dinge tun zu lassen, die nur zu menschlich sind. Aber auch seine Versuche, Katzenfutter herunterzuwürgen, sind erheiternd.

Letzten Endes käme der ganze Film besser weg, wenn der Verleih nicht bei der stimmlichen Besetzung der Hauptrolle so versagt hätte. So muss man empfehlen, Voll verkatert, der im Grunde ein Film für die ganze Familie ist, im englischen O-Ton zu sehen, falls sich die Möglichkeit ergibt.

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