Die andere Seite der Hoffnung als nüchterne Moralpoesie: Kaurismäkis melancholischer Blick auf Solidarität und Exil
Einleitung
Die andere Seite der Hoffnung positioniert sich als eines jener späten Werke, die nicht mit Effekten glänzen, sondern mit einer klaren Haltung. Aki Kaurismäki, seit Jahrzehnten ein singulärer Chronist finnischer Existenzrandzonen, legt mit diesem Film eine kühle, aber zutiefst humane Erzählung vor, die das Thema Flucht in eine ästhetische Reduktion übersetzt. Relevanz gewinnt der Film nicht nur durch sein Sujet, sondern durch die Art, wie er politische Dringlichkeit in eine nüchterne, fast musikalische Form gießt.
Innerhalb des Werkes von Kaurismäki markiert Die andere Seite der Hoffnung eine Fortsetzung seiner beharrlichen Auseinandersetzung mit Einsamkeit, Arbeit und Solidarität. Der Regisseur bleibt seiner Handschrift treu: lakonischer Humor, minimalistische Dialoge und eine Stilisierung des Alltäglichen, die gleichzeitig melancholisch und subversiv wirkt. Der Film tritt damit nicht als agitatorisches Statement auf, sondern als eine formbewusste Parabel, die mehr suggeriert als erklärt.
Die Veröffentlichung im Jahr 2017 fiel in eine Zeit, in der die Diskussion um Migration und nationale Identität in Europa erneut an Schärfe gewonnen hatte. Kaurismäkis Film reagiert auf diesen Zeitgeist weniger mit moralischem Pathos als mit einem beobachtenden, fast anthropologischen Blick. In dieser Zurückhaltung liegt seine politische Kraft: Indem er Figuren als Würfel im sozialen Raum zeigt, macht er Politik sichtbar ohne zu belehren.
Kurzüberblick zur Produktion
Aki Kaurismäki, Erneuerer des finnischen Kinos und Schöpfer eines unverwechselbaren filmischen Vokabulars, führt Regie in einem Ton, der zwischen Ironie und Mitgefühl oszilliert. Die Produktionsbedingungen sind typisch für Kaurismäki: kein großes Studioopulenz, sondern eine fokussierte, handwerklich genaue Umsetzung mit einem überschaubaren Budget. Die Beschränkungen werden bewusst als formale Tugenden behandelt - sparsame Ausstattung, präzise Sets und eine Kamera, die sich häufig auf ruhige, frontal komponierte Einstellungen beschränkt.
Die Dreharbeiten konzentrieren sich auf urbane Räume, in denen das Einsame und das Gemeinsame aufeinandertreffen. Kaurismäkis Team, bestehend aus langjährigen Mitstreitern sowohl vor als auch hinter der Kamera, schafft so eine kohärente visuelle und tonale Welt. Der Film nimmt eine klare Stellung im Gesamtwerk des Regisseurs ein: Er erweitert die wiederkehrenden Motive von Verlassenheit und Solidarität um ein explizites, zeitgenössisches Thema, ohne die formalen Konstanten seines Schaffens zu verraten.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Kaurismäki vertraut erneut auf bewährte Gesichter und bringt zugleich neue Stimmen in sein Ensemble. Kati Outinen, seit Langem Muse des Regisseurs, setzt ihre markante, stoische Präsenz ein, um eine Figur zu formen, die in ihrem Schweigen viel von der filmischen Moral komprimiert. Ville Virtanen bringt die lakonische Härte eines Mannes, dessen Alltag durch Begegnungen ins Rutschen gerät. Tommi Korpela und weitere Stammspieler vervollständigen jene Typenwelt, die Kaurismäki gern bevölkert - robuste, wortkarge Charaktere, deren Innenleben durch kleine Gesten verraten wird.
Besonders hervorzuheben ist Sherwan Haji, der den jungen syrischen Flüchtling spielt, dessen Anwesenheit der erzählerische Katalysator ist. Haji verleiht der Rolle eine Mischung aus Fragilität und Würde, die den aufgeladenen politischen Kontext auf menschlicher Ebene erfahrbar macht. Insgesamt agiert das Ensemble weniger als individuelle Charaktere mit dramatischen Steigerungen, sondern als Figurentypen, mittels derer Kaurismäki gesellschaftliche Haltungen und Reaktionen modelliert.
Handlung (spoilerfrei!)
Die andere Seite der Hoffnung verdichtet seine Handlung auf eine einfache, beinahe parabelhafte Prämisse: die Begegnung zwischen einem Flüchtling und Menschen an einem urbanen Rande. Aus dieser Begegnung entspinnt sich ein dramatischer Konflikt, der weniger in spektakulären Wendungen liegt als in moralischen und bürokratischen Spannungen: Anerkennung versus Ablehnung, menschliche Solidarität versus staatliche Regelung. Zentrale Figuren sind der ankommende Fremde und jene, die ihm - mehr oder minder bewusst - Aufnahme gewähren.
Ton und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer melancholischen Gelassenheit. Stille, trockener Humor und eine gewisse irrationale Logik bestimmen die Szenenverläufe. Die Dramaturgie arbeitet sich an kleinen Krisen ab, an bürokratischen Hindernissen und persönlichen Prüfungen, ohne die Geschichte in platten Humanitarismus zu überführen. Stattdessen entsteht ein beobachtender Radius, in dem Empathie langsam wächst und Grenzen sichtbar werden.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum steht die Frage, wie Gesellschaften mit Fremdheit umgehen - nicht nur politisch, sondern im konkreten Alltag. Der Film fragt nach der Möglichkeit von menschlicher Solidarität jenseits von Gesetzestexten und medialen Stereotypen. Es geht um Aufnahme und Abweisung, um die Würde des Einzelnen und die wechselseitigen Verpflichtungen einer Gemeinschaft. Kaurismäki interessiert sich weniger für symbolische Gesten als für die banalen, oft unbeachteten Akte des Beistands.
Formal arbeitet der Film mit wiederkehrenden Motiven: die nüchterne Bildkomposition, der lakonische Dialog, die musikalische Unterstreichung, die nicht emotionalisiert, sondern kommentiert. Diese Mittel schaffen einen ästhetischen Abstand, der das Publikum zur Reflexion zwingt. Philosophisch eröffnet Die andere Seite der Hoffnung ein Nachdenken über die Grenzen des Rechts und die Notwendigkeit moralischer Entscheidungen im Alltag. Psychologisch betrachtet thematisiert der Film die Isolation des Individuums und die Möglichkeiten, die sich aus der Begegnung mit dem Anderen ergeben.
Ohne plakativ zu werden, legt Kaurismäki eine Erzählung vor, die in ihrer Schlichtheit und Präzision ein politisches Klima spiegelt und zugleich eine poetische Antwort anbietet. Die andere Seite der Hoffnung bleibt so ein Film, der seine Botschaft nicht vorträgt, sondern in Bildern kultiviert - nüchtern, pointiert und tiefgründig.
Filmkritik von Bianka Piringer
Kommt ein Syrer nach Finnland...
Was passiert, wenn Träume wahr werden? Ist man dann ein glücklicher Mensch, oder um eine Illusion ärmer? Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki, bekannt für seine lakonischen Gratwanderungen zwischen Melancholie und Schalk, schaut sich diese andere Seite der Hoffnung genauer an. Der syrische Flüchtling Khaled (Sherwan Haji) hat es endlich geschafft, aus dem umkämpften Aleppo in die Festung Europa zu gelangen. Nach Finnland hat es ihn eher zufällig verschlagen, als er sich auf einem Schiff in Danzig vor gewalttätigen Angreifern versteckte.
Egal, Finnland ist ein gutes Land, sagt sich Khaled, es gibt hier keinen Krieg. Also geht er zur Polizei und beantragt Asyl. Die Behörden wollen sogar nach seiner Schwester suchen lassen, die er auf der Flucht aus den Augen verlor. Die Zukunft kann beginnen! Aber Khaled ist jetzt auf der Seite der Hoffnung angelangt, wo die Wirklichkeit haust. Rechtsextreme attackieren ihn auf der Straße. Und sein Asylgesuch wird abgelehnt, obwohl das Fernsehen darüber berichtet, wie die Leute in Aleppo sterben.
Trotzdem herrscht auch auf dieser anderen Seite das Prinzip der Hoffnung. Eine Angestellte im Aufnahmelager öffnet Khaled eine Hintertür, als die Polizei kommt, um ihn abzuschieben. Er flieht und begegnet dem Restaurantbesitzer Wikström (Sakari Kuosmanen). Erst fliegen die Fäuste, dann gehört Khaled zur Crew des „Goldenen Krugs“, mit dem sich der Hemdenverkäufer Wikström gerade den Traum eines späten Neuanfangs erfüllt. Der Laden läuft schlecht, also probiert man es mit Sushi, Tanzmusik, indischer Küche. Trotzdem bleiben Wikström, der Koch, der Portier, die Kellnerin wortkarge Finnen, die ihren Dauerfrust so gut im Griff haben wie er sie. Aber dann entweicht dem Anzugträger Wikström ein Satz wie „Bin ich denn ein Nichts?“. Ganz plötzlich, quasi aus dem Nichts heraus kommt dieser Protest einer verkannten Seele. Auch die Melancholie hat offenbar eine andere Seite, und die hört sich ganz schön lustig an.
Bei Kaurismäki stehen die Charaktere oft steif herum, wie eingefroren. Sie wissen, dass sie sich in einem Film befinden, der den Moment konserviert und der Realität entreißt. Die Pfade der Utopie beginnen im Kopf, um zurück in die Wirklichkeit zu führen, aber zu einer neuen Seite. So appelliert Kaurismäkis märchenhafter Existenzialismus hier eindringlich für Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen, für Willkommenskultur. Dafür gab es den Regiepreis auf der Berlinale 2017.
Wie bei Kaurismäki üblich, stellt sich auch der Stil der Gestaltung samt Retrostimmung in den Dienst des Humors. Die statische Kamera nimmt eine Umgebung ins Visier, die mit ironischer Konsequenz Tristesse ausstrahlt. Sie haftet den Charakteren bei ihren Schritten wie Blei an den Füßen an. Oft ist gerade Nacht, wie in einem Film noir. Wenn nicht, schwelgt die Ausstattung entweder in Grau, oder in satten Blau-, Rot- und Ockertönen. Aber die Farben scheinen aus der Mottenkiste zu stammen und sogar das einfallende Licht zu deprimieren.
Die Musik steht in starkem Kontrast zum gebremsten Spiel der Charaktere. So eröffnet sich dem Witz eine neue Plattform, auf der gealterte Rockmusiker ins Bild rücken und ihre Weltschmerz-Balladen vortragen. Es ist die Musik einer vergangenen Ära, die von Rebellion und Freiheitsstreben kündete. Zusammen mit Flüchtlingen wie Khaled könnten die Finnen – und nicht nur sie – herausfinden, wie sich die alte Hoffnung neu ausdrücken und leben lässt.

