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Die versunkene Stadt Z

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kritiken.de Redaktion 30.03.2017
Die versunkene Stadt Z© StudioCanal Deutschland
A ca. 1657 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Die versunkene Stadt Z: Expedition als Obsession und die Ruinen imperialer Erzählungen

Einleitung

Die versunkene Stadt Z tritt an als mehr als ein Abenteuerfilm über verlorene Karten und flirrende Urwaldriesen. In James Grays Mythosverarbeitung wird die Suche nach einer mythischen Stadt zur Projektionsfläche für Fragen nach Erinnerung, Männlichkeit und dem unstillbaren Bedürfnis, Unbekanntes in Narrative zu verwandeln. Der Film reagiert damit auf ein modernes Bedürfnis, historische Großtaten zu dekonstruieren und gleichzeitig die menschliche Triebkraft hinter diesen Taten zu verstehen.

Die Relevanz des Films liegt in seiner Doppelbewegung: Er dekonstruiert die heroische Erzählung des Kolonialzeitalters, ohne die Ebene des Individuums zu trivialisieren. In einer Zeit, in der globale Geschichtsdeutungen nach neuen Perspektiven verlangen, bietet Die versunkene Stadt Z ein formal reflektiertes Gegenbild zu einfachen Schuld- oder Glorifikationsmustern. Er zwingt das Publikum, sowohl die Faszination der Entdeckung als auch ihre moralische Verwundbarkeit wahrzunehmen.

Für den Regisseur James Gray - hier deutlich erkennbar an der dichten, melancholischen Tonalität und der humanistischen Figurenfülle - reiht sich das Werk in seine wiederkehrende Auseinandersetzung mit Ehre, Obsession und familiären Bindungen ein. Die Expedition wird zum moralischen Prüfstein, das Bild des Entdeckers zur Lupe, durch die innere Logik seiner Zeit und die langfristigen Folgen seines Handelns studiert werden können.

Kurzüberblick zur Produktion

James Gray führt bei Die versunkene Stadt Z Regie; sein Stil zeichnet sich durch präzise Bildkompositionen, eine Vorliebe für langsame Erzählrhythmen und eine dezidiert psychologische Figurenzeichnung aus. Als Regisseur bevorzugt Gray oft historischen oder halbhistorischen Stoff, den er weniger als Zeitdokument denn als seelische Landkarte nutzt. Diese Handschrift prägt auch den vorliegenden Film: weniger actionbezogenes Spektakel als atmosphärisch aufgeladene Expedition.

Die Produktion bewegt sich zwischen Historienepos und intimer Charakterstudie. Sie arbeitete mit aufwendiger Kostüm- und Produktionsgestaltung, die das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert atmosphärisch glaubhaft macht, und kombinierte Außenaufnahmen mit kontrollierten Studiosequenzen, um die physische Bedrohlichkeit des Dschungels und die isolierende Enge des Lebens an der Zivilisationsgrenze zu kontrastieren. Internationales Co-Finanzierungsmodell und ein mittleres bis gehobenes Budget ermöglichten diese Balance zwischen Authentizität und künstlerischer Zurückhaltung.

Im Gesamtwerk Grays nimmt der Film eine Scharnierfunktion ein: Er verbindet die intime Familienpsychologie seiner früheren Arbeiten mit einem größeren historischen Atem. Die Produktion setzte bewusst auf eine ruhige Dramaturgie, die dem Zuschauer Zeit gibt, die Kollision zwischen innerer Obsession und äußerer Wirklichkeit zu erleben.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Charlie Hunnam übernimmt die zentrale Rolle des entschlossenen Entdeckers. Bekannter geworden durch Serien- und Genrerollen, bringt er hier eine Mischung aus körperlicher Präsenz und introvertierter Intensität, die die Ästhetik des Getriebenen glaubhaft macht. Seine Darstellung vermeidet pathetische Überhöhung zugunsten feiner Nuancen - ein Mann, dessen Vision zugleich treibende Kraft und persönliche Last ist.

Robert Pattinson, dessen Karriere eine bemerkenswerte Verlagerung von Mainstream-Franchise zu anspruchsvollem Autorenkino erfahren hat, liefert eine komplementäre Gegenfigur: intellektuell, skeptisch, ein Vertrauter, der die Expedition mit einer anderen Form von innerer Zerrissenheit begleitet. Sienna Miller verleiht der häuslichen Sphäre Gewicht; als Partnerin des Entdeckers bildet sie das emotionale Zentrum, an dem Bindung und Verlust ablesbar werden.

Tom Holland, in einer frühen Nebenrolle zu sehen, steht für die nachfolgende Generation - emotional verwundbar und doch von der Aura familiärer Vorbilder geprägt. Das Ensemble wird ergänzt durch Charakterdarsteller, die den militärischen, wissenschaftlichen und lokalen Kontext der Unternehmung ausloten und so ein dichtes Figurengewebe schaffen, das weniger auf Einzelschicksale als auf die Dynamik kollektiver Entscheidungen zielt.

Handlung (spoilerfrei!)

Die versunkene Stadt Z erzählt die Geschichte einer wiederholten Expedition in den Amazonas, getragen von der Überzeugung, eine untergegangene, hochentwickelte Stadt gefunden zu haben. Im Zentrum steht der Gegensatz zwischen dem Drang, die Welt zu erforschen, und den Bindungen, die der Entdecker zu Hause zurücklässt. Dieser innere Konflikt strukturiert die Erzählung: Die äußere Reise ist gleichzeitig eine innere Prüfung.

Der dramatische Kern liegt nicht in spektakulären Enthüllungen, sondern in der sukzessiven Zuspitzung persönlicher Entscheidungen. Die Motoren der Handlung sind Pflichtgefühl, Eigensinn und wissenschaftlicher Ehrgeiz; daraus entstehen Konflikte mit Kollegen, Vorgesetzten und der heimischen Öffentlichkeit. Die Figuren agieren in einem Klima, das von Unwägbarkeiten des Dschungels, von politischem Kalkül und von der Unsicherheit historiographischer Wahrheiten geprägt ist.

Ton und Atmosphäre schwanken zwischen elegischer Ruhe und erdrückender Dichte. Der Film setzt auf lange Einstellungen, ruhige Bildkompositionen und eine gedämpfte Farbpalette, die die Fremdheit des Ortes ebenso vermittelt wie die Brüchigkeit der Gewissheiten der Protagonisten.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films steht die Frage nach der Natur von Entdeckung: Ist die Suche nach dem Unbekannten ein selbstloser Akt wissenschaftlichen Strebens oder Ausdruck imperialer Imagination? Die versunkene Stadt Z arbeitet beide Seiten aus, ohne einfache Antworten zu liefern. Stattdessen zeigt der Film, wie die historische Erzählung einerseits zivilisatorische Ansprüche legitimiert und andererseits individuelle Eitelkeiten nährt.

Obsession und Erinnerung bilden ein weiteres thematisches Gerüst. Die wiederkehrenden Bilder von Karten, Tagebüchern und Symbolen der Kartographie werden zu Metaphern für die Art und Weise, wie Menschen versuchen, Vergänglichkeit zu beherbergen. Der Dschungel erscheint als Kontrapunkt zur Kartographie - nicht nur als physischer Widerstand, sondern als Ort, an dem Narrative sich auflösen und neu formieren.

Schließlich geht es um die politische Dimension von Geschichten. Der Film macht deutlich, dass das Erzählen von Entdeckungen nie neutral ist; es konstruiert Identitäten, Machtverhältnisse und historische Legitimation. In der artifiziellen Ruhe seiner Inszenierung lädt Die versunkene Stadt Z dazu ein, über die Konsequenzen von Erzählungen nachzudenken - über das, was sie verschweigen, und über das, was sie auf ewig prägen.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

James Grays filmische Adaption des Sachbuchs von David Grann belebt ein verloren geglaubtes Genre wieder: den Abenteuerfilm. „Die versunkene Stadt Z“ rangiert irgendwo zwischen „Indiana Jones“ und „The Revenant“ und ist ein Fest für alle mit einer Vorliebe für die klassische „Männer allein im Wald“-Story. Aber von vorne:

Major Percy Fawcett (Charlie Hunnam) kommt Anfang des 20. Jahrhunderts irgendwie nicht recht zu Ruhm und Ehre. Umso verlockender ist die besondere Mission, auf die ihn die Royal Geographical Society schicken möchte: die Vermessung und Kartierung bislang „unentdeckter“ Gebiete in Bolivien. Und so lässt Fawcett Frau und Kind in England zurück und macht sich mit seinem Assistenten Henry Costin (Robert Pattinson) auf nach Südamerika. Nach einer entbehrungsreichen und lebensgefährlichen Floßfahrt auf dem Amazonas erreicht er endlich den Ursprung des Río Verde und stößt ebendort auf Spuren einer untergegangenen Zivilisation. Doch zurück im engstirnigen England will ihm niemand so Recht glauben. Eine Zivilisation von Wilden? Unmöglich. Doch Major Fawcett gibt nicht auf und verschreibt sein Leben fortan an der Suche nach der „versunkenen Stadt Z“.

In gewisser Weise ist „Die versunkene Stadt Z“ wie ein Western: tapfere Männer überschreiten die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, treffen auf „Indianer“ – so zumindest werden sie in diesem Film betitelt – und beweisen ihr Heldentum. Dabei ist Hauptfigur Percy Fawcett schon fast zu perfekt: nicht nur mutig und klug, sondern in puncto „Political Correctness“ seiner Zeit auch weit voraus. Mit seiner Ehefrau pflegt er eine moderne, gleichberechtigte Beziehung und den indigenen Stämmen im Amazonasgebiet begegnet er mit großem Respekt. Hierdurch fehlt es dem Helden allerdings auch an Fallhöhe. Percy Fawcett ist so überlebensgroß, dass er nicht zur Identifikation, sondern nur zur Bewunderung taugt. Ohne innere oder äußere moralische Konflikte, also immer integer und auf der Seite des Guten, bleibt Fawcett letztlich enttäuschend eindimensional.

Trotz der beträchtlichen Laufzeit widmet „Die versunkene Stadt Z“ einzelnen Etappen im Leben von Percy Fawcett zu wenig Zeit. Die großen Entbehrungen der ersten Amazonasreise beispielsweise werden durch die vergleichsweise kurze Erzählzeit für das Publikum nicht wirklich erfahrbar. Auch an anderen Stellen der Filmhandlung sorgen Zeitsprünge und Raffungen nicht nur für ein Abflachen des Spannungsbogens, sondern auch für einen Bruch mit der Atmosphäre. Vielleicht wäre es für die Dramaturgie des Gesamtwerks dienlicher gewesen, sich stärker auf einen einzelnen Teil von Fawcetts Forschungen, beispielsweise auf eine einzige Reise zu konzentrieren. So aber zieht sich „Die versunkene Stadt Z“ insbesondere im letzten Drittel unangenehm in die Länge. Der übertriebene Pathos, der sich gefühlt mit jeder Filmminute steigert, also gen Ende fast unerträgliche Ausmaße annimmt, macht es nicht besser.

Schade, hat „Die versunkene Stadt Z“ doch eigentlich eine wichtige und im Grunde auch brandaktuelle Geschichte von kolonialer Ausbeutung und Diskriminierung des „anderen“ zu erzählen. Percy Fawcett ist seiner Zeit deshalb weit voraus, weil er in der indigenen Bevölkerung Boliviens und Brasiliens eben keine Wilden, sondern eine fremde und in mancher Hinsicht gar überlegene Zivilisation sieht. Der Film formuliert scharfe Kritik an der Zerstörung der alten südamerikanischen Kulturen durch die Kolonialisten und entlarvt die westliche Arroganz gegenüber dem Fremden, das immer nur als etwas Minderwertiges gedacht werden kann.

Höchst bedauerlich allerdings gestaltet sich hier die Blindheit des Films für die eigenen kolonialen Denkstrukturen. So ist es geradezu haarsträubend, dass „Die versunkene Stadt Z“ Spanisch als indigene Sprache annimmt. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Stämme, die nie zuvor einem „Weißen“ begegnet sind, über einen spanischen Grundwortschatz verfügen? Es ist natürlich – und das muss leider so deutlich gesagt werden – völliger Blödsinn, wenn Percy Fawcett den Bewohnern des Amazonasgebiets mit „Amigo, Amigo“ begegnet oder diese ihm „comida“ (Essen) anbieten.

Auch an anderen Stellen nimmt es James Gray mit der Logik nicht ganz so genau. Da taucht während einer Expedition plötzlich ein Pferd auf, das nie zuvor zu sehen war. Menschen weichen einem mit Sicherheit tödlichen Pfeil-Reigen aus. Und eine russische Wahrsagerin sitzt unbeschadet in einem britischen Schützengraben. Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: An Realismus ist James Gray, trotz der Adaption eines Sachbuches, hier nicht gelegen.

Aber worum geht es dann? Wie im klassischen Western oder auch dem Oscar-prämierten Survival-Drama „The Revenant“ geht es um eine spezifische Form des Heldentums, um das unerschrockene Streben nach dem Unmöglichen. Die Männer stellen ihre Unbesiegbarkeit unter Beweis, kehren von vermeintlich aussichtslosen Missionen zurück und setzen sich trotz traumatischer Erlebnisse immer wieder dem Abenteuer aus. Und diese spezielle Form des Abenteuers kann ausschließlich in der Wildnis, jenseits der Zivilisation stattfinden, an einem Ort, an dem das eigene Gewisse das einzige Gesetz darstellt. Im Kontext dieses tradierten Erzählmusters betrachtet, ist „Die versunkene Stadt Z“ vermutlich gelungenes Popcorn-Kino. Als historischer oder auch biographischer Blick auf die Erforschung des südamerikanischen Kontinents jedoch, taugt dieser Film wahrlich nicht.

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