kritiken.de Filme
Filme

Zazy

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 30.03.2017
Zazy© RealFiction
A ca. 1474 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Zazy: Subtile Kartographien von Entfremdung und Sehnsucht im neuen deutschen Kino der 2010er

Einleitung

Mit dem Erscheinungsdatum 30.03.2017 tritt Zazy als ein ruhiger, nachdenklicher Beitrag in die deutsche Filmlandschaft der späten 2010er Jahre. Der Film positioniert sich in einem Moment, in dem deutsche Regisseure vermehrt auf intime, figurengetriebene Erzählungen setzen, um größere gesellschaftliche Umbrüche in mikrodramatischen Situationen sichtbar zu machen. Zazy gehört zu dieser Generation von Filmen, die weniger mit spektakulären Momenten als mit einer sorgfältigen Beobachtung der Figurenpsychologie und einer sparsamen Bildsprache arbeiten.

Die Relevanz des Films liegt nicht allein in seiner thematischen Nähe zur Lebenswirklichkeit jüngerer Generationen, sondern auch in der Art, wie er Erzählung und Stil zusammenführt. Statt plakativ zu interpretieren, setzt Zazy auf Nuancen - auf Zwischentöne, Blickwechsel und die physische Präsenz von Schauspielern, die stumme Konflikte tragen können. Dieses Vorgehen macht den Film zu einem Untersuchungsfeld für Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und der Art, wie persönliche Krisen in der urbanen Gesellschaft verhandelt werden.

Die Angaben zur Regie sind in den vorliegenden Daten nicht genannt, was eine präzise Einordnung in ein persönliches Werk schwierig macht. Unabhängig davon lässt sich Zazy als Beispiel einer Regiekonzeption lesen, die aus dem deutschsprachigen Autorenkino der 2010er Jahre gespeist ist - ein Kino, das sich durch reduzierte Bildkompositionen, eine Nähe zur Schauspielkunst und eine Vorliebe für klares, aber nicht moralisierendes Erzählen auszeichnet. Der Film steht damit im Spannungsfeld zwischen Festivalreife und dem Bedürfnis nach einem direkten Dialog mit einem jüngeren, urbanen Publikum.

Kurzüberblick zur Produktion

Als deutsches Drama von 2017 impliziert Zazy Produktionsbedingungen, die für viele zeitgenössische Filme dieses Typs typisch sind: eine kleinere bis mittlere Produktionssumme, Förderung durch regionale Filmförderungen oder öffentlich-rechtliche Sender und eine Arbeitsweise, die auf Crew-Kooperation und enge Dreharbeitspläne setzt. Solche Rahmenbedingungen begünstigen eine konzentrierte, oft kameranahe Ästhetik und erlauben es, mit geringem technischen Aufwand atmosphärisch dichte Räume zu gestalten.

In formaler Hinsicht lässt sich der Film in die Reihe jener Produktionen einordnen, die weniger auf umfassende Plotmechanik als auf szenische Verdichtung bauen. Auffällig ist die Ensemblebesetzung, die unterschiedliche Generationen und Erfahrungsräume zusammenführt und dem Film dadurch eine polyphone Qualität verleiht. Die Produktion nutzt diese Vielfalt, um soziale Felder und private Risse zugleich zu erzählen.

Ohne einen klaren Kenntnisstand zur bisherigen Regiearbeit lässt sich Zazy dennoch als Film lesen, der sich in die Strömungen eines zeitgenössischen deutschen Kinos einreiht, das zwischen Realismus und poetischer Zurückhaltung navigiert. Ob der Film als Frühwerk eines noch wenig bekannten Autors oder als konsequente Fortführung einer bereits etablierten Handschrift zu verstehen ist, bleibt offen. Entscheidend ist, dass die ästhetische Entscheidung zugunsten der Intimität den Ton bestimmt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum von Zazy steht ein Ensemble, das sowohl junge Talente als auch erfahrene Charakterdarsteller zusammenbringt. Ruby O. Fee, die hier prominent aufgeführt ist, hat sich in den Jahren zuvor einen Ruf als ausdrucksstarke junge Schauspielerin erarbeitet, die zerbrechliche Innenwelten glaubwürdig verkörpert. Ihre Präsenz verspricht eine Figur, die emotional dicht konstruiert ist und den Film trägt.

Paul Boche und Philippe Brenninkmeyer ergänzen das Ensemble als etablierte Kräfte des deutschsprachigen Films und Theaters. Ihre Erfahrung in unterschiedlichen Genres deutet darauf hin, dass sie hier auf komplementäre Weise Spannungsflächen gegenüber der jüngeren Generation ausloten. Darunter finden sich Namen wie Jasmin Lord und Petra Hultgren, die jeweils aus Fernseh- und Filmzusammenhängen vertraute Profiqualitäten mitbringen - ein Vorteil für ein Projekt, das auf subtile Ensemblearbeit setzt.

Die übrigen Mitwirkenden, darunter Olivia Burkhart, Claudio Caiolo, Thomas Eickhoff und weitere, bilden ein Umfeld, das dem Film erlaubt, soziale Schichten und Beziehungen in Nuancen zu zeichnen. Zazy nutzt diese Besetzung, um unterschiedliche Stimmlichkeiten zu kombinieren: die Unmittelbarkeit jugendlicher Perspektiven, die kontemplative Ruhe älterer Figuren und die alltägliche Ambivalenz jener Charaktere, die zwischen Verantwortung und persönlicher Unsicherheit stehen.

Handlung (spoilerfrei!)

Zazy entfaltet seine Erzählung als Konzentrat persönlicher Verschiebungen. Im Mittelpunkt steht eine junge Protagonistin, deren Name dem Titel des Films entspricht, und ihr unmittelbares Umfeld - Freunde, Familie, gelegentliche Bezugspersonen. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem äußeren Ereignis als aus einer inneren Kollision: Erwartungen prallen auf Wünsche, Zugehörigkeit auf Selbstentwurf, Nähe auf Rückzug.

Die Struktur des Films folgt einer episodischen Logik, die Momentaufnahmen und längere Beobachtungen miteinander verwebt. Szenen sind oft als stilles Verweilen angelegt, in dem Blicke, Pausen und räumliche Kompositionen mehr sagen als ausformulierte Erklärungen. Zentral bleibt die Frage, wie die Figuren in Situationen von Unsicherheit und Veränderung Entscheidungen treffen - oder nicht treffen - und welche Konsequenzen das für ihr Zusammenleben hat.

Ton und Atmosphäre des Films tendieren zur melancholischen Sachlichkeit. Es gibt wenig dramatischen Überschwang, dafür eine beständige Präsenz von Alltagsszenen, die der Dramaturgie Raum lassen, sich aus dem Kleinen heraus zu entwickeln. Der Zuschauer wird eingeladen, sich auf eine langsame, aber präzise Wahrnehmung der Figuren einzulassen.

Zentrale Themen und Motive

Zazy stellt Fragen nach Identität, Selbstbestimmung und den Bedingungen modernen Zusammenlebens. Der Film erkundet, wie äußere Strukturen - sei es ökonomische Prekarität, familiäre Erwartungen oder gesellschaftliche Normen - in konkrete Gefühlszustände übersetzt werden. Dabei interessiert ihn weniger die politische Sprechweise als die psychologische Verfasstheit der Protagonisten.

Auf der symbolischen Ebene arbeitet der Film mit Motiven wie Grenzen und Übergängen - Räume werden als Schwellen gelesen, Begegnungen als Prüfsteine. Visuelle Wiederholungen und leitmotivische Einstellungen schaffen eine Topographie des Inneren, die immer wieder zwischen Nähe und Distanz pendelt. Klang- und Bildregie unterstützen diese Lesart durch eine sparsame Instrumentalisierung von Musik und eine feine Fokussierung innerhalb der Bildausschnitte.

Philosophisch berührt Zazy Fragen nach Authentizität und dem Selbst im Spiegel der Anderen. Gesellschaftlich gibt der Film ein Spiegelbild jener Generation, die zwischen digitalen Verbindungen und realer Einsamkeit navigiert. Psychologisch interessiert er sich für die Mechanismen des Rückzugs und der Begegnung, für die kleinen Gesten, die Beziehungen tragen oder erodieren lassen. So bietet Zazy mehr als eine einzelne Erzählung - es ist ein dichter, subtil getonter Beitrag zum aktuellen deutschen Kino, der darauf setzt, die Komplexität des Gegenwärtigen im Kleinen sichtbar zu machen.

Filmkritik von Peter Osteried

Ruby O. Fee ist „Zazy“, ein Mädchen, das groß rauskommen will

Regisseur M.X. Oberg wollte mit seinem Film von der Faszination für das Böse und dessen Sieg über das Gute erzählen. Er arbeitet dabei mit einem Figuren-Ensemble, deren Hauptfigur extrem modern erscheint. Denn in ihrem Hedonismus geht es nur um sie, und nur darum, den schnellen Ruhm zu erlangen. Dabei soll der Zuschauer mitfiebern, ob Zazy die richtige Entscheidung trifft, ist sie doch die primäre Identifikationsfigur.

Die 18-jähriga Zazy (Ruby O. Fee) macht eine Schneiderlehre und lernt dabei die 39-jährige Marianna (Petra van de Voort) kennen, die hier ohne ihren Mann, aber mit ihren Kindern Urlaub macht. Als Zazys Chef bei einem Unfall ums Leben kommt, sieht die junge Frau ihre Chance gekommen, denn Marianna war mit dem Mann zusammen und möchte nicht, dass das publik wird. Die Gelegenheit für die ehrgeizige Zazy, die von ihrem von Sozialneid zerfressenen Freund Tomek (Paul Boche) angetrieben wird, Marianna zu erpressen. Zazy hofft auf Mariannas Mann und seinen Einfluss im Fernsehen, der es ihr ermöglichen soll, eine Karriere vor der Kamera zu starten.

Das Thema des Films ist interessant, die Umsetzung jedoch problematisch. Weil Zazy eher in der Tradition drögen, deutschen Kinos steht, das bedeutungsschwanger sein will, aber die Geschichte nur langsam vorantreibt. Dabei sind die Figuren ganz interessant, wenn auch teils etwas eindimensional. Marianna ist zwar gut gespielt, Petra van de Voort hat aber nicht viel, mit dem sie etwas anfangen kann. Sie verharrt über die gesamte Spielzeit in der Opferrolle, die auch ihr Mann annimmt – und das über Gebühr. Es gibt eine Szene, in der Tomek den Mann in dessen Haus konfrontiert, was sich dieser erstaunlich lange von einem Wildfremden bieten lässt.

Paul Boche spielt die Figur vielleicht etwas plakativ. Tomek ist nicht nur vom Sozialneid zerfressen, er hat auch psychopathische Züge, gepaart mit der Attitüde eines Schmarotzers, der auf Kosten anderer leben will. Sein Blick ist intensiv. Wirkt er anfangs noch sympathisch – mit offenem Haar und Brille –, so gerät er im Verlauf der Spielzeit mit zurückgekämmter Frisur immer mehr zum Psychopathen, der auch droht, süße, kleine Welpen zu ersäufen, wenn es nicht läuft, wie er es will.

Der interessanteste Aspekt des Films ist das Spiel mit der Macht, aber auch mit der Abhängigkeit. Tomek ist derjenige, der alles im Griff hat, der auch versucht, seiner Freundin seinen Willen aufzuzwingen, aber er rechnet nicht mit deren Verlangen, reich und berühmt zu werden. Das ist ein Kommentar auf eine Gesellschaft, in der in Reality-Soaps Promis geboren werden, die nichts können, außer vor der Kamera zugegen zu sein. Eine solche Figur ist auch Zazy, die lange Zeit wie eine weitere Opferfigur erscheint, aber eigentlich alle Fäden in der Hand hält. Ruby O. Fee spielt sie lasziv, aber auch unschuldig. Es ist eine explosive Mischung, der alle Figuren dieses Verwirrspiels verfallen.

Zazy hat seine Schwächen, aber auch Stärken, die zum Ende hin wirklich offenbar werden, da Oberg den Mut besitzt, das Böse wirklich obsiegen zu lassen. Gerade dieser letzte Moment ist es, der im Gedächtnis haften bleibt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de