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The Square

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kritiken.de Redaktion 19.10.2017
The Square© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1475 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Square - Gesellschaftsdiagnose und kultureller Spiegel in Östlunds präziser, unbequemer Satire über Moral

Einleitung

The Square tritt in die Büros und Galerieräume einer urbanen Kulturwelt ein, die sich gern humanitär und aufklärerisch gibt, während sie interne Widersprüche systematisch ausblendet. Ruben Östlunds Film fungiert weniger als konventionelles Drama denn als seismographische Beobachtung sozialer Mechanismen - ein Werk, das anhaltend Irritationen provoziert, weil es die Selbstgewissheiten einer privilegierten Schicht demaskiert. Die Relevanz des Films liegt gerade in dieser Zweischichtigkeit: Er ist gleichzeitig Porträt und Parabel, Gesellschaftskommentar und kunsttheoretisches Statement.

Im Kontext der Filmgeschichte steht The Square für eine Gegenwartskritik, die weniger auf direkte Anprangerung setzt als auf die Konfrontation mit peinlichen Grenzsituationen und moralischer Inkohärenz. Östlund verlegt das politische Fragenstellen in szenische Tests - in öffentlichen Räumen, auf Partys, in Pressekonferenzen - und lässt Figuren auf ihre Selbstbilder stoßen. So wird der Film zu einem Prüfstand für die Glaubwürdigkeit von Empathie und sozialer Verantwortung im urbanen Kapitalismus.

Der Film erschien in einer Zeit, in der Debatten um Identität, öffentliche Verantwortung und die Legitimität kultureller Institutionen hochkochten. Östlunds Blick ist dabei weder didaktisch noch moralistisch - vielmehr arbeitet er mit Verfremdung, Überzeichnung und dem Spiel mit Peinlichkeiten, um zugrunde liegende Machtverhältnisse sichtbar zu machen. The Square spricht damit in eine öffentliche Diskussion, die kulturelle Selbstvergewisserung und praktische Solidarität gegeneinander ausspielt.

Kurzüberblick zur Produktion

Ruben Östlund, der bereits mit Filmen wie Force Majeure internationale Aufmerksamkeit erregte, führt in The Square seine formale Signatur weiter - präzise inszenierte Tableaus, kalkulierte Unbehaglichkeit und eine Vorliebe für lang getragene, theatralische Einstellungen. Die Produktion ist eine internationale Angelegenheit mit deutlicher skandinavischer Prägung; gedreht wurde überwiegend in Stockholm, mit einem Team, das Östlunds Vorliebe für kontrollierte Setpieces und choreografierte Begegnungen unterstützt.

Besonderheiten der Produktion liegen weniger in Effekten als in der minutiösen Abstimmung von Raum, Licht und Timing. Östlund arbeitet oft mit Laiendarstellerinnen und -darstellern in öffentlichen Räumen sowie mit ausgedehnten Proben, um spontane Reaktionen in vorformulierte Szenen zu integrieren - eine Methode, die zwischen dokumentarischer Beobachtung und fiktionaler Konstruktion oszilliert. Am Festivalankang des Films - namentlich Cannes 2017 - wurde diese Mischung aus Sozialexperiment und Kammerspiel mit der Palme d'Or honoriert, was seine Stellung im internationalen Autorenkino bestätigte.

Innerhalb von Östlunds Gesamtwerk markiert The Square eine konsequente Vertiefung jener Themen, die schon seine früheren Arbeiten prägten - das Auseinanderklaffen von Image und Verhalten, die Fragilität sozialer Codes und die Analyse des Alltags als Bühne ethischer Prüfungen. Formal bleibt er dabei kompromisslos: präzise Kompositionen, ein Gespür für komische Dysfunktion und eine nüchterne Bildsprache, die das Absurde des Gezeigten nur noch stärker hervorhebt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Claes Bang, dessen Gewicht in dem Film die Figur des Museumskurators trägt, agiert als ruhiger, kontrollierter Mittelpunkts - eine Figur, die zunehmend mit den Brüchen zwischen beruflichem Anspruch und persönlicher Verunsicherung konfrontiert wird. Bangs Performance baut weniger auf expressive Ausbrüche als auf subtile Verschiebungen des Verhaltens - ein inneres Erzittern, das sich in kleinen Gesten und einer zunehmend erschütterten Fassade manifestiert.

Elisabeth Moss tritt in einer Rolle auf, die ihre Fähigkeit zu konzentrierter, oft lakonischer Präsenz nutzt. Bekannt wurde Moss vor allem durch Serienarbeiten, in denen sie die Balance zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit auslotet. In The Square fügt sie dieser Palette Nuancen hinzu - adaptiv, aber nicht durchsichtig, eine Gegenstimme zum Selbstbild des kulturellen Establishments.

Dominic West bringt als Teil des Ensembles eine gebrochene, teils provokative Energie ein - er bewegt sich mit der Erfahrung eines Darstellers, der sowohl für ernsthafte Dramen als auch für ironische Brechungen bekannt ist. Alle drei tragen Figuren, die weniger als glaubwürdige Individuen denn als Typen im Dienst einer analytischen Erzählung funktionieren - projektilartige Charaktere, die aufeinanderprallen und so das Beziehungsgeflecht der Kulturwelt freilegen.

Handlung (spoilerfrei!)

The Square folgt einem prominenten Kurator in einer städtischen Gegenwartskulisse, dessen Arbeit sich um ein provokantes Kunstprojekt dreht - ein Konzept, das angeblich Gemeinschaftssinn und Verantwortungsbewusstsein fördern soll. Als private und berufliche Konturen ins Wanken geraten, werden die Grenzen zwischen öffentlichem Diskurs und persönlicher Moral auf die Probe gestellt.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch einer Institution, moralische Werte zu vermitteln, und der Realität, in der diese Werte alltäglich gebrochen oder falsch angewandt werden. Die erzählerische Struktur setzt weniger auf eine lineare Krise mit klarer Auflösung als auf eine Serie von Begegnungen - Presseauftritten, social-awkward-Situationen, provokanten Kunstperformances - die das Ethos der Figuren sukzessive entblößen.

Ton und Atmosphäre des Films bewegen sich zwischen lakonischer Komik und resignierter Bitterkeit. Östlund lässt komische Momente nicht einfach als Auflockerung dienen, sondern nutzt sie als Messinstrumente - Lacher, die zugleich Stachel sind, und Peinlichkeiten, die als Indikatoren moralischer Schwäche fungieren.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum von The Square steht die Frage nach Verantwortung - wer fühlt sich ihr verpflichtet, wem gilt sie, und wie glaubwürdig ist die Moral, die kulturelle Institutionen vertreten. Der Film problematisiert die Differenz zwischen performativer Ethik und gelebter Solidarität und fragt, ob Empathie instrumentalisierbar wird, wenn sie Marktzwecken oder Imagepflege dient.

Weitere leitende Motive sind die Ambivalenz von Macht und Ohnmacht, die Inszenierung von Gutsein als kulturelles Kapital sowie das Spiel mit Öffentlichkeit und Privatsphäre. Östlund interessiert sich für jene sozialen Codes, die Menschen in Alltagssituationen leiten - Höflichkeitsrituale, medial vermittelte Empörung, die Dynamik von Scham und Beschämung - und zeigt, wie schnell diese Codes in Situationen moralischer Ambivalenz ihre Wirksamkeit verlieren.

Philosophisch verhandelt The Square Fragen nach Authentizität und Verantwortung in einer Gesellschaft, die auf Repräsentation angewiesen ist. Psychologisch arbeitet der Film mit dem Unbehagen, das entsteht, wenn Selbstbild und Handlung kollidieren. So wird die Leinwand zum Spiegel - nicht nur für die Figuren, sondern für ein Publikum, das eingeladen wird, seine eigenen Widersprüche zu erkennen und zu benennen.

Filmkritik von Bianka Piringer

Ein Mann, der mit dem Strom schwimmt

Männer haben es heutzutage nicht leicht, gerade weil sie auch nur Menschen sind. Das zeigte der schwedische Regisseur Ruben Östlund schon in seinem vorigen Spielfilm „Höhere Gewalt“. Dort rannte ein Mann vor einer heranrollenden Lawine davon und ließ Frau und Kinder im Stich. Das Unglück blieb aus, aber der Frau fiel es danach schwer, zur Tagesordnung überzugehen. Auch der Held im Film „The Square“, der 2017 die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes gewann, verfängt sich in seiner persönlichen Lücke zwischen Schein und Sein. Er heißt Christian (Claes Bang) und ist Kurator des X-Royal-Museums in Stockholm.

Gerade bereitet er eine Begleitausstellung zum neuen Kunstwerk „The Square“ vor, einem Quadrat auf dem Boden, das symbolisch mehr Raum für Vertrauen in die Mitmenschen und gegenseitige Fürsorge einfordert. Christian aber ist in Gedanken häufig woanders. Ihm wurden Brieftasche und Handy geklaut, und aus einem Impuls heraus entschließt er sich, das in einem Wohnblock für sozial Schwache geortete Handy auf eigene Faust wiederzubeschaffen. Er wirft in die Briefschlitze aller Wohnungen einen Zettel, der den Eindruck erweckt, den Absendern sei der Dieb bekannt. Dieser solle die Objekte in einem Laden in der Stadt abgeben. Die Rechnung geht nicht ganz auf, worauf Christian in einen Strudel aus Angst und Reflexverhalten schlittert.

Östlunds Film ist eine Satire, die sehr viele Themen anspricht und auf dynamische Weise miteinander verschränkt. Darf ein Mann offen aggressiv werden? Darf er rücksichtslos sein, darf er Sex haben ohne den Wunsch nach Bindung? Eine herrliche Episode konfrontiert Christian mit der Journalistin Anne (Elisabeth Moss), die nach der Liebe in den Besitz seines Kondoms kommen will und ihm auch noch fehlende Gefühle vorwirft. Diese aggressive Figur ist die reine Inkarnation männlicher Ängste, wie sie wahrscheinlich als Kollateralschaden der Frauenemanzipation durch die Köpfe zahlloser Zeitgenossen geistern.

Überhaupt erzeugt die Inszenierung Sympathie für Christians Erklärungsnöte und sein Gefühl eines eingeengten Spielraums. Er hat zu sehr der Sicherheit vertraut, die ihm die Annehmlichkeiten des gewohnten Alltags suggerierten. Wie er verhalten sich auch andere in seinem Umfeld gerne opportunistisch. Um diese Einstellung zu karikieren, erklingt immer wieder das seelenvolle „Ave Maria“ von Bach/Gounod in der Version einer Streichermelodie, die ein spöttisch-unbeschwerter Männerchor begleitet.

Der moderne Kunstbetrieb kommt in Östlunds Films nicht gut weg. Mal wissen die Experten selbst nicht, ob ein ausgestelltes Objekt Kunst ist, mal darf ein Schimpanse Bilder malen. Und dann sind da noch diese jungdynamischen Männer aus einer Werbeagentur, die den Museumsleuten einen dummen Videoclip einreden. Angeblich muss, damit Journalisten über „The Square“ berichten, ein sehr starker Reiz ausgesendet werden, der auf die sekundenlange Aufmerksamkeitsspanne der User Rücksicht nimmt. Christian passt nicht auf, die Mitarbeiter wollen aufgeschlossen sein für Neues, und schon ist im Netz die Hölle los. Das kommt wohl davon, dass diese Kreativen und Intellektuellen die Trends, auf die sie aufspringen, nicht begreifen und hinterfragen.

Und dieses So-tun-als-ob kennzeichnet auch das Verhältnis der Arrivierten, die sich für tolerant und verständnisvoll halten, zu den gerne übersehenen Bettlern und Migranten am Rande der Gesellschaft. Überall zeigen sich Risse im sozialen Kitt. Östlunds reichhaltiger, unterhaltsamer Film bietet viel Diskussionsstoff. Dennoch fällt auch wiederholt auf, wie plump die Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb geraten, wie forciert der moderne Mann als Opfer eines zu engen gesellschaftlichen Korsetts dargestellt wird.

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