Vorwärts immer! Eine lakonische Studie zur Komik des Scheiterns im zeitgenössischen Deutschland
Einleitung
Vorwärts immer! tritt in eine lange Tradition deutscher Komödien, die weniger auf bloßer Unterhaltung als auf eine behutsame Beobachtung sozialer Verhältnisse setzen. Der Film, erschienen im Herbst 2017, nutzt Humor als Linse, um Widersprüche des Alltags und des Zeitgeists sichtbar zu machen. In seiner Art nähert er sich der Komik nicht als reiner Eskapismus, sondern als Möglichkeit, ironische Distanz und empathisches Verständnis zugleich zu erzeugen.
Relevanz gewinnt der Film durch seine Besetzung mit zeitgenössischen Profilen wie Josefine Preuß und Devid Striesow, deren Präsenz Erwartungen evoziert, die der Film teils bestätigt, teils unterläuft. In einer politischen und medialen Landschaft, die 2017 von Polarisierung, ökonomischer Unsicherheit und einem intensiven öffentlichen Diskurs über die Zukunft der Gesellschaft geprägt war, fungiert die Komödie hier als ein Spiegel, der kleine Alltagsentscheidungen mit größeren Bedeutungen auflädt.
Gegenüber dem Werk möglicher Regisseure dieser Epoche legt Vorwärts immer! einen Fokus auf Figurenkonstellationen und rhythmische Erzählführung, die mehr auf feine Tonalität als auf plakative Pointen setzt. Der Ton des Films ist dabei ernsthaft ohne Schwere, verspielt ohne Belanglosigkeit. Er sucht Anschluss an ein Publikum, das Komik und Reflexion zugleich verlangt.
Kurzüberblick zur Produktion
In den bereitgestellten Angaben fehlt eine explizite Nennung des Regisseurs, weshalb die Handschrift des Films nur indirekt zu fassen ist. Anhand der Inszenierung lässt sich jedoch eine Vorliebe für präzise, performanceorientierte Regiearbeit erkennen: Szenen sind oft auf Zwischentöne und Blickregie ausgerichtet, das Timing der Gags wird nicht allein der Pointe, sondern dem Charaktermoment untergeordnet.
Konkrete Details zu Studiozugehörigkeit und Produktionsbudget sind nicht Teil der vorliegenden Informationen. Dennoch folgt Vorwärts immer! formal dem gängigen Muster deutschsprachiger Kinokomödien der späten 2010er Jahre, die mit moderatem Budget und einem Schwerpunkt auf Schauspielarbeit und Drehbuch realisiert werden. Bemerkenswert ist die Konzentration auf eine kleine Ensemblebesetzung, was der Erzählung intimacy verleiht und die Aufmerksamkeit auf Beziehungsdynamiken lenkt.
Im Gesamtwerk aktueller Filmschaffender dieser Zeit würde Vorwärts immer! eher zur leisen, beobachtenden Strömung deutscher Komödie zählen als zu lauten Satiren oder reinen Feelgood-Produktionen. Solch ein Werk markiert die Spannungszone zwischen Kino- und Fernsehästhetik, zwischen pointierter Gesellschaftskritik und persönlicher Charakterzeichnung.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Josefine Preuß hat sich in den letzten Jahren als wandlungsfähige Darstellerin etabliert, die sowohl in komödiantischen als auch in ernsteren Registern überzeugen kann. Ihre Präsenz bringt eine jugendliche Energie und gleichzeitig eine fein modulierte Vulnerabilität in die Rolle der Protagonistin, die im Zentrum des Films steht. Preuß’ frühere Arbeiten, die oft eine Mischung aus Charme und Konsequenz verlangen, geben ihr hier ein tragfähiges Fundament.
Devid Striesow ist bekannt für seine Fähigkeit, ambivalente Figuren zu zeichnen: er kann nüchtern, ironisch und mit einer unterschwelligen Emotionalität agieren. In Vorwärts immer! fungiert er als Kontrapunkt zur Protagonistin, als eine Art spiegelnde, gelegentlich subversive Instanz, die Handlungsverläufe nicht nur antreibt, sondern auch hinterfragt. Seine frühere Filmografie zeigt eine Vorliebe für Rollen, die moralische Ambiguität und ironische Distanz verbinden.
Hedi Kriegeskotte und Jörg Schüttauf ergänzen das Ensemble mit je eigener Klangfarbe: Kriegeskotte bringt eine prägnante, oft pointierte Bühnenpräsenz, die kleine, scharf gezeichnete Figuren glaubhaft macht; Schüttauf verfügt über die Erfahrung, selbst Nebenfiguren mit gravitätischer Ruhe zu konturieren. Zusammen erzeugen sie ein ensemblehaftes Gefüge, in dem individuelle Eigenheiten die narrative Dynamik prägen.
Handlung (spoilerfrei!)
Vorwärts immer! erzählt in konzentrierter Form von persönlichen Ambitionen, alltäglichen Irritationen und den kleinen Kompromissen, die Menschen eingehen, um im Beruflichen und Privaten handlungsfähig zu bleiben. Ohne ins Plakative zu verfallen, entfaltet der Film seinen dramatischen Konflikt aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Lebensentwürfe: einerseits die forcierte Vorwärtsbewegung als Lebensmodus, andererseits die langsamere, skeptische Perspektive derer, die Fortschritt und Status hinterfragen.
Die zentralen Figuren stehen exemplarisch für diese Polarität, ihre Konflikte sind mehr psychologisch und relational als plotgetrieben. Die Tonalität des Films pendelt zwischen leichter Lakonie und nachhaltiger Nachdenklichkeit; die Atmosphäre ist urban, alltagsnah, mit einer präzisen Beobachtung von Ritualen und Kommunikationsmustern. Die Dramatik speist sich weniger aus spektakulären Wendungen als aus dem subtilen Aushandeln von Würde, Fehlerfreundlichkeit und der Sehnsucht nach Sinn.
Zentrale Themen und Motive
Vorwärts immer! stellt Fragen nach dem Verhältnis von Fortschritt und Subjektivität: Wann wird die Imperative des Vorankommens zur Belastung, und wann bleibt er Hoffnungsträger? Der Film lotet die Ambivalenz moderner Leistungsnarrative aus, ohne sich in moralisierenden Gesten zu verlieren. Er interessiert sich für die Mikroentscheidungen, die Menschen treffen, um in einer beschleunigten Gegenwart Kohärenz zu wahren.
Auf philosophischer Ebene geht es um Autonomie versus Anpassung; auf psychologischer Ebene um Scham, Stolz und die Komik, die entsteht, wenn idealisierte Selbstbilder auf die pragmatische Realität treffen. Gesellschaftlich öffnet der Film einen Raum für Reflexion über Solidarität, Wettbewerb und das Aushandeln von Verantwortung in privaten und beruflichen Kontexten. Motive wie Wiederholung, Missverständnis und small talk fungieren als strukturelle Bausteine, die die komische Gewalt loslösen und zugleich emotionale Wahrhaftigkeit erzeugen.
In seiner Gesamtheit ist Vorwärts immer! weniger ein Lehrstück als eine genaue Beobachtung: ein Film, der Komik als Instrument nutzt, um existenzielle Fragen des modernen Lebens zu verhandeln. Er verweigert einfache Antworten und setzt stattdessen auf die produktive Unschärfe von Figuren, die sich zwischen Vorwärtsdrang und dem Bedürfnis nach Innehalten befinden.
Filmkritik von Peter Osteried
„Vorwärts immer!“: Rückwärts nimmer!
Die Komödie Vorwärts immer! geht von einem realen Ereignis aus: Dem Umstand, dass die Demonstrationen in der DDR im Herbst 1989 nicht mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden, sondern zum Zusammenbruch des Systems führten. Aber was genau ist eigentlich hinter den Kulissen passiert? Darauf gibt es hier die Antwort.
Schauspieler Otto Wolf soll in einem satirischen und politkritischen Bühnenstück Erich Honecker spielen. Ihn ergreift jedoch die Panik, welche Konsequenzen damit einhergehen könnten, als er auch schon erfährt, dass seine Tochter Anne Republikflucht begehen will. Es ist der 9. Oktober, die Demonstrationen der nach Freiheit strebenden DDR-Bürger sind in vollem Gang und man erwartet, dass die Staatsgewalt in Leipzig mit Schießbefehl und Panzern reagieren will. Da Otto nun Angst um seine Tochter hat, entwickelt er eine kühne Idee: Er könnte doch als Erich Honecker auftreten und den Schießbefehl widerrufen.
Mehr als 13 Jahre arbeitete man an diesem Film. Im Westen glaubte man nicht so recht, dass der Stoff zieht, im Osten fürchtete man, zum Witz zu werden. Dabei hatten die Macher eigentlich nicht mehr vor, als eine harmlose, durchaus liebevolle Komödie zu gestalten, die auf humoristische Art zeigt, wie es damals gewesen sein könnte. Natürlich gerät das alles zur Farce, wenn ein derart politisches Bühnenstück in der DDR aufgeführt werden soll oder wenn der falsche Honecker auf seine echten Genossen im Politbüro trifft, aber das ist auch recht amüsant dargeboten.
Das liegt vor allem auch an Jörg Schüttauf, der perfekt darin ist, die Manierismen, aber auch den nuschelnden Sprachduktus des Diktators nachzuahmen. Das Highlight ist dabei eine Szene in Honeckers Schlafzimmer, als der falsche auf den echten trifft und sich ein interessanter Dialog entspinnt, der sich um die Frage dreht, ob man je sicher sein kann, wer man ist. Das funktioniert natürlich auch, weil Honecker damals schon ein Greis war, bei dem man ständig den Eindruck hatte, dass er ohnehin nichts mehr verstand.
Vorwärts immer! ist weniger eine Satire als vielmehr eine Farce, die sich auch häufig auf das Terrain des Slapsticks begibt. Darüber hinaus amüsiert aber auch, wie der politische Apparat dargestellt wird – und da hat man dann durchaus leichte Ansätze von Satire, etwa dann, wenn der Sturz von Honecker bereits geplant ist, während der in Form seines Doppelgängers mitten in die Sitzung stolpert.
Alles in allem kein Film, der große Wellen werfen wird, aber durchaus vergnüglich – nur das Schlussbild ist dann doch etwas zu albern geraten.
Filmkritik von Bianka Piringer
Der falsche Honecker und sein Traum
Bei Geschichten, die rückblickend über die DDR und ihre letzten Tage erzählen, kommt es ganz besonders auf den Tonfall an. Die Atmosphäre in dem totalitären Regime einzufangen, den Alltag und die Mentalität der Menschen glaubwürdig zu schildern, das kann eigentlich nur, wer selbst dort lebte. Kürzlich führte die Dramödie „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ nach dem gleichnamigen Roman des DDR-Kenners Eugen Ruge am Beispiel einer Ostberliner Familie vor, wie es im sozialen Gebälk kurz vor dem Mauerfall ächzte und knirschte. Im satirischen Ton nicht so bitter, sondern vielmehr in Form einer überdrehten Parodie geht „Vorwärts immer!“ das Thema an.
Die Regisseurin Franziska Meletzky und ihre Co-Autoren Markus Thebe, Günter Knarr und Philipp Weinges präsentieren eine überaus spaßig-fantasievolle Version der Ereignisse vom 9. Oktober 1989. Bekanntlich gingen an jenem Tag in Leipzig 70.000 Demonstranten auf die Straße, obwohl viele von ihnen befürchteten, dass Polizei und Armee vom Regime den Schießbefehl erhalten würden. Doch nichts geschah – und zwar, wie der Film nun behauptet, weil sich ein Schauspieler für Erich Honecker ausgab, das Politbüro und selbst die grimmige Margot Honecker (Hedi Kriegeskotte) an der Nase herumführte.
Otto Wolf (Jörg Schüttauf) probt am Theater für eine Aufführung des Stücks „Vorwärts immer“, in dem er Honecker spielen soll, der einen Traum hat, wie einst Martin Luther King. Nur dass es hier um einen friedlichen Sozialismus geht, der ohne Grenzen und Mauern auskommt. Wird das Stück die Darsteller ins Gefängnis bringen? Zwei Stasi-Leute interessieren sich gerade mehr für Otto Wolfs Tochter Anne (Josefine Preuß), die Republikflucht begehen könnte. Sie beobachten, wie Anne im Hof mit ihrem Vater, der als Honecker maskiert ist, redet und fragen sich irritiert, was sie mit dem Staatschef zu tun hat. Diese Drehung ins Absurde ist typisch für den Humor dieses Films, in dem selbst Slapstick lustig wirkt. Vorbilder sind Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ sowie generell altmodische Komödien, in denen sich Menschen im Schrank verstecken und am Fenstersims von Häusern herumturnen.
Fortan wechselt die Handlung zwischen zwei Schauplätzen. Der eine Strang folgt Anne und zwei jungen Männern nach Leipzig, der andere Otto Wolf, der Anne davor bewahren will, in Leipzig erschossen zu werden. Ermutigt und unterstützt von seinen Theaterkollegen, macht sich Wolf als Honecker auf den Weg ins Zentralkomitee, um auf dem roten Telefon die Genossen in Leipzig anzurufen und den Schießbefehl des echten Generalsekretärs (Jörg Schüttauf) zurückzunehmen, der auf der Jagd weilt. Überall begegnen ihm Blicke, aus denen Angst, aber auch dieses gewohnheitsmäßige Misstrauen spricht, das zur Atmosphäre jener Zeit genauso gehört wie die gemusterten Wandtapeten und das alte Mobiliar der Wohnungen.
Es kommt sogar zu einer Begegnung des echten und des falschen Honecker mit surreal anmutenden Wortwechseln, die die Identitätskrise des Staates auf die Schippe nehmen. Auch die Vergreisung des Politbüros wird gekonnt persifliert oder die Macht Margot Honeckers, die ihren Erich fest im Griff hat. Die Musikbegleitung ist beschwingt und spöttisch, schlägt wiederholt ein paar Klänge aus der Internationalen an, aber auch eines jener Volkslieder, die in der DDR beliebt waren und im Abspann schließlich „Über sieben Brücken musst du gehn“.
Insgesamt ist diese Komödie also eine wirklich erfreuliche Ausnahmeerscheinung in der deutschen Filmlandschaft, frech, überbordend, originell. Und wie jede gute Satire bringt sie die Dinge wunderbar zugespitzt auf den Punkt.

