What Happened to Monday? - Sieben Gesichter, ein Identitätslabor der postdemokratischen Ordnung
Einleitung
What Happened to Monday? tritt in eine lange Linie dystopischer Visionen, die Politik und Alltag in einander verschränken und die Frage nach individueller Autonomie unter Bedingungen administrativer Gewalt neu verhandeln. Der Film verhandelt nicht nur ein mögliches Zukunftsszenario, er spiegelt aktuelle Ängste: demografische Panik, technokratische Kontrolle und die Ökonomisierung des Leibes. In diesem Sinne gehört er zu den Produktionen, die das Genre des Thrillers als Diagnoseinstrument für Gegenwartstendenzen nutzen.
Regisseur Tommy Wirkola, der hier sein Spiel mit Genre und Tonalität auf Englisch fortsetzt, wählt eine Mischung aus lakonischer Härte und opernhaften Setpieces, die das Stoffliche des Suspense mit einem moralischen Gewicht verbindet. Where Wirkola zuvor mit Horrorkomik und actionbetonten Figuren experimentierte, öffnet What Happened to Monday? den Blick auf familiäre Bindungen als Keimzelle politischer Gegenentwürfe: Der persönliche Überlebensmodus wird zur Metapher einer Gesellschaft, die Individualität rationiert.
Der Film ist deshalb relevant, weil er populäre Elemente - den Thriller, die Science-Fiction-Dystopie, das Multipel-Performance-Set-up - zu einem Essay über Verantwortung und Reglementierung formt, ohne seine Genreprinzipien zu verleugnen. In einer Ära, in der Überwachungsdiskurse, Reproduktionspolitik und algorithmische Steuerung öffentlich debattiert werden, fungiert der Film als ästhetischer Spiegel, der die Dramatik solcher Eingriffe verdichtet.
Kurzüberblick zur Produktion
What Happened to Monday? ist ein international produzierter Thriller, der amerikanische, britische, französische und belgische Produktionsbeteiligungen vereint, was sich in der ambitionierten Ausstattung und der Besetzung mit internationalem Starensemble niederschlägt. Regisseur Tommy Wirkola, bekannt geworden mit skandinavischen Genreexzessen, verlegt seinen Blick auf einen englischsprachigen Markt und arbeitet hier mit einem höheren Produktionsanspruch an Effekten und städtischer Choreographie.
Die Handschrift Wirkolas bleibt sichtbar: ein Hang zum stilisierten Gewaltbild, eine Affinität zu klaren, fast comichaften Figurenkonstellationen und ein Gespür für die Montage als Mittel zur Spannungssteigerung. Technisch setzt der Film auf visuelle Effekte und präzise inszenierte Doppelungssequenzen, die die Herausforderung, eine Darstellerin mehrfach in dieselbe Szene zu bringen, zur formalen Frage machen. Die Produktion nutzt dafür traditionelle und digitale Tricks - Motion-Control, Körperdouble und digitale Kompositing-Techniken - und ordnet sie einer erzählerischen Stringenz unter.
Im Gesamtwerk markiert What Happened to Monday? eine Verschiebung hin zu größer dimensionierten Genrestücken: weniger Kopfkino-Horror, mehr politisch aufgeladener Thriller. Die internationale Finanzierung und das Casting namhafter Schauspieler deuten auf die Absicht, ein breites Publikum anzusprechen und zugleich eine prägnante politische Aussage in ein populäres Gewand zu kleiden.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Noomi Rapace trägt den Film in einer Doppel- bis Vielrollenleistung, die an frühere Vielgestalt-Auftritte erinnert und zugleich eine neue, technisch anspruchsvolle Herausforderung darstellt. Bekannt geworden durch die schroffe, intensiv körperliche Verkörperung Lisbeth Salander in der Millennium-Trilogie, verlagert Rapace hier ihre Fähigkeit zur Differenzierung auf feinere Nuancen: Jede der von ihr gespielten Schwestern hat eine eigene Gestik, Stimme und Schachbrettposition im Gefüge der Familie.
Willem Dafoe steht für eine andere Art von Verlässlichkeit in diesem Ensemble. Sein Porträt des älteren Beschützers bringt die Geschichte in eine älterliche Dimension und macht die familiären Opfer als bewusstes, moralisches Handeln begreifbar. Glenn Close übernimmt die Rolle der bürokratischen Machtfigur und fungiert als personifiziertes System: hier ist nicht nur eine Gegenspielerin zu sehen, sondern die Verkörperung einer Institution, die das private Leben zur administrativen Kasernenbildung reduziert.
Das übrige Ensemble, zu dem Schauspieler wie Marwan Kenzari, Pål Sverre Hagen und Tomiwa Edun gehören, liefert Konturen für die externe Welt, die auf die Ausnahmefamilie trifft. Sie repräsentieren die Agenturen, Ermittler und Opportunisten einer Ordnung, die durch Angst und Gesetzesvollzug stabilisiert wird. Die Nebendarsteller geben dem zentralen Konflikt Gewicht, ohne ihn zu überformen.
Handlung (spoilerfrei!)
Die Prämisse des Films ist bewusst zugespitzt: In einer nahen Zukunft, in der staatliche Regulierungen die Geburtenrate und damit das Fortexistieren individueller Lebensentwürfe kontrollieren, hat eine Familie auf drastische Weise auf die Einschränkungen reagiert. Sie versteckt eine Multiple in Gestalt sieben getrennter Leben unter einer einzigen staatlich registrierten Identität. Jede Schwester tritt nur einen Tag pro Woche in die Öffentlichkeit, und ihr Alltag ist minutiös choreografiert.
Der dramatische Konflikt setzt ein, als die Routine fragmentiert wird und eine der Schülerinnen plötzlich ausbleibt. Diese Abweichung löst eine Kette von Konsequenzen aus: zwischen der Notwendigkeit zu überleben, dem Schutz innerer Bindungen und der Konfrontation mit einem überwachten, repressionsbereiten Staatsapparat. Die Handlung bleibt ein Thriller in konventionellem Sinn - es gibt Verfolgungen, Enthüllungen und Konfrontationen - doch der eigentliche Motor ist die Frage nach Loyalität und Selbstbehauptung unter äußerem Druck.
Ton und Atmosphäre sind durchgängig kühl gehalten, oft mit einer urbanen, fast klaustrophobischen Bildästhetik, die die Enge eines Systems und die psychische Belastung der Figuren sinnfällig macht. Der Rhythmus pendelt zwischen dichten, dialoggetriebenen Szenen und helium-leichten Actionsequenzen, die die Grundspannung aufrechterhalten.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Identität, Verantwortung und der Frage, was es bedeutet, ein eigenständiges Leben zu führen, wenn die Gesellschaft den Körper und seine Reproduktion regelt. Der Film stellt die Frage nach der Legitimität bürokratischer Eingriffe genauso wie die nach dem Preis individueller Solidarität. Die Multipel-Figur fungiert dabei als theoretisches Labor - sie verdichtet die Idee, dass Identität nicht monolithisch, sondern relational und performativ ist.
Philosophisch berührt der Film Debatten um Autonomie und Staat, um die Ethik der Eingriffe in private Lebensführung sowie um die Instrumentalisierung von Angst zur Durchsetzung politischer Maßnahmen. Psychologisch interessiert er sich für die Innenwelten derjenigen, die ihre Persönlichkeitsanteile zum Überleben fragmentieren müssen: Wie ordnet man Erinnerungen, Loyalitäten und Schuld, wenn die eigene Existenz aufgeteilt ist? Gesellschaftlich wird der Blick auf Fragen von Bevölkerungspolitik, Ressourcenknappheit und Überwachungsarchitekturen gelenkt.
What Happened to Monday? bleibt damit ein produktiver Beitrag zur aktuellen Diskurslandschaft: kein belehrender Pamphletfilm, sondern eine genregebundene Untersuchung dessen, wie Systeme Menschen formen - und wie Menschen, in letzter Instanz, versuchen, ihre Würde gegen solche Formungen zu verteidigen.
Filmkritik von Peter Osteried
„What Happened to Monday?“: Diese Frage stellen sich ihre Schwestern, die nun festsitzen
Nach seinen Dead Snow-Filmen hätte man bei Tommy Wirkola nicht unbedingt sozialkritische Science Fiction erwartet, aber genau damit befasst er sich in seinem neuesten Werk What Happened to Monday?, in dem Noomi Rapace gleich sieben verschiedene Rollen spielt.
In der nahen Zukunft ist die Überbevölkerung ein das Überleben der menschlichen Art bedrohendes Problem, das drastische Lösungen erfordert. So wird ein Gesetz erlassen, das Paaren erlaubt, nur noch ein Kind zu haben. Gibt es mehr als eines, werden die übrigen Kinder in Cryoschlaf versetzt – bis zu dem fernen Tag, da die Überbevölkerung nicht mehr existiert und man diese „Menschen auf Halde“ brauchen kann. Terence Settman (Willem Defoe) will die Kinder seiner Tochter aber nicht opfern. Siebenlinge sind es geworden, alle einander täuschend ähnlich. Er tauft sie nach den Wochentagen und bringt ihnen bei, dass sie sich ein Leben teilen müssen. Jede von ihnen kann nur an einem Tag in der Woche Karen Settman (Noomi Rapace) sein. Doch dann verschwindet Monday und ihrer aller Leben gerät aus den Fugen.
Man fühlt sich bei Noomi Rapaces Darstellung unwillkürlich an Tatiana Maslany in der Fernsehserie Orphan Black erinnert. Dort spielt Maslany Klone desselben Menschen. Bei Wirkolas Film sind es nun fast identische Schwestern, aber so gleich sind sie eben doch nicht. Das wiederum wird nicht nur durch die verschiedenen Frisuren transportiert, sondern auch durch Rapace, die es versteht, jede einzelne Version von Karen eigen und individuell zu gestalten. Technisch ist das zudem makellos gemacht. Wie Rapace mit sich selbst interagiert, ist so gut, dass man das Werk der FX-Künstler gar nicht mehr bemerkt.
Das Faszinierende ist aber sicherlich nicht der technische Aspekt, sondern der soziogesellschaftliche Unterbau. Einerseits, weil ein reales Problem etabliert wird, das sich in unserer Welt auch immer schneller potenziert, andererseits, weil mit Glenn Close als Antagonistin eine Figur in den Fokus rückt, die alles andere als eine handelsübliche Schurkin ist. Ihre Methoden mögen fragwürdig sein, das Ergebnis ist es aber nicht. Das Ende wiederum ist eine zwiespältige Angelegenheit, da es im Grunde glücklich ist – für die Hauptfiguren, aber auch für die Menschen als Individuum. Doch das grundsätzliche Problem der Überbevölkerung wächst sich dadurch wieder aus. Im Grunde wäre es interessant, wo die Welt dieses Films in 50 weiteren Jahren steht.
Das Gedankenkonstrukt von What Happened to Monday? ist das eigentlich interessante Element dieses Films. Deswegen ist der erste Akt auch weit faszinierender als alles, was danach kommt, weil Wirkola dann in Richtung eines durchaus auch auf Action setzenden Thrillers geht. Das ist nicht so brachial wie bei Michael Bays Die Insel, bei dem der intelligente Aspekt des Films zugunsten von Dauer-Action über Bord geworfen wurde, aber es geht in die Richtung. Zumal die Enthüllungen zum Ende hin nicht so überraschend sind. Man kann im Verlauf der Geschichte schon erahnen, wie sich das Finale gestalten wird.
Ein perfekter Film ist Wirkola damit wirklich nicht gelungen, aber ein durchaus unterhaltsamer, der in seinen besten Momenten Stoff zur Diskussion bietet, und in den schlechten simpel und einfach gut die Zeit vertreibt.

