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Snowden

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kritiken.de Redaktion 22.09.2016
Snowden© Universum Film GmbH
A ca. 1667 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Snowden - Ein intellektueller Thriller über Überwachung, Verantwortung und die Zerbrechlichkeit des Gewissens

Einleitung

Oliver Stones Snowden erscheint am 22.09.2016 in einer Zeit, in der die Debatten um digitale Überwachung, staatliche Geheimhaltung und die Rolle der Medien nicht nur politisch, sondern auch kulturell neu verhandelt werden. Der Film greift die konkreten Ereignisse um Edward Snowden auf und stellt sie in einen filmischen Zusammenhang, der weit über die Chronik eines Leaks hinausweist. Seine Relevanz liegt weniger in der Faktendokumentation als in der Vergegenwärtigung einer Grundsatzfrage unserer Gegenwart - wie demokratische Gesellschaften mit der Transparenz von Information und der Macht technischer Infrastrukturen umgehen.

Als Autorenfilmer, der seit den 1980er Jahren immer wieder politische Traumata auf die Leinwand brachte, setzt Stone in Snowden seine Auseinandersetzung mit Macht, Geheimhaltung und Verschwörung fort. Dabei verbindet er die formale Direktheit seiner früheren Politdramen mit den narrativen Anforderungen eines modernen Biopics. Das Ergebnis ist ein Film, der sich anschickt, nicht nur einen einzelnen Akteur zu porträtieren, sondern die Strukturbedingungen eines Überwachungsregimes filmisch sichtbar zu machen.

Der gesellschaftliche Hintergrund des Films ist unübersehbar: Drei Jahre nach den Enthüllungen von 2013 und inmitten eines globalen Diskurses über Datenschutz, Verschlüsselung und Whistleblowing tritt die Cinematographie an, um das Unsichtbare zu visualisieren - die Datenströme, die Protokolle, die Bürokratie. Stones Snowden sucht damit Anschluss an einen Zeitgeist, der von Misstrauen gegenüber Institutionen und gleichzeitiger Abhängigkeit von digitalen Diensten geprägt ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Snowden ist ein amerikanischer Thriller aus dem Jahr 2016, der von Oliver Stone inszeniert wurde. Stones Handschrift bleibt erkennbar in der Verbindung von politischer Anliegenführung und einem theatralen Erzählton - er arbeitet gern mit Montage, dokumentarischen Einschüben und einer Offenheit für polemische Zuspitzung. Der Film bewegt sich formal zwischen nüchterner Rekonstruktion und expressiver Inszenierung, wobei Stones Tendenz zu direkten filmischen Interventionen die narrative Kontur prägt.

Die Produktion ist im Rahmen des Studiosystems realisiert und folgt dem Modell eines midrange-Hero-Films - genug Budget und Ressourcen, um technische Ambitionen auszuspielen, ohne die enge Intimität des Protagonisten zu verlieren. Die Dreharbeiten verknüpfen realistische Büro- und Agenturumgebungen mit stilisierten Sequenzen, die den unsichtbaren Fluss von Information und die psychische Isolation seines Helden illustrieren.

Im Gesamtwerk Stones nimmt Snowden die Rolle eines späten, reflexiven Politstücks ein - kein radikaler Bruch, sondern die Fortsetzung einer Ästhetik, die Machtstrukturen ins Visier nimmt und politische Kontroversen cineastisch zuspitzt. Gleichzeitig ist es ein Versuch, ein aktuelles Ereignis ästhetisch zu fassen, das in der realen Welt noch in fortlaufender Auseinandersetzung steht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Joseph Gordon-Levitt verkörpert Edward Snowden und steht im Zentrum des Films. Bekannt geworden durch Arbeiten wie (500) Days of Summer und Inception, hat Gordon-Levitt in den letzten Jahren vermehrt Figuren übernommen, die zwischen Intellekt und innerer Zerrissenheit oszillieren. In Snowden ist seine Darstellung von Körpersprache und Stimmlage getragen - er versucht weniger eine bloße Imitation als eine filmische Verdichtung der Figur.

Shailene Woodley, die als Lindsay Mills die private Seite von Snowden repräsentiert, bringt eine Natürlichkeit und Gegenwärtigkeit in die Beziehungsebene des Films. Ihre bisherigen Rollen in Jugend- und Independentfilmen verschaffen ihr die Glaubwürdigkeit, die intime Momente gegen die kühle Welt der Geheimdienste abzusetzen.

Zachary Quinto erscheint in der Rolle des Journalisten, der die mediale Vermittlung des Skandals verkörpert. Quinto, aus der Science Fiction und dem seriellen Fernsehen bekannt, spielt hier die Schnittstelle zwischen Enthüllung und Öffentlichkeit. Scott Eastwood tritt als einer der Kollegen auf - eine Figur, die das Milieu militärischer und geheimdienstlicher Karrierewege symbolisiert und die Gewichtung von Loyalität, Kameradschaft und Befehl zeigt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt dem Werdegang eines jungen Technikers und Systemspezialisten, der von idealistischen Motiven angetrieben in Strukturen gerät, die seine ethischen Grenzen prüfen. Er durchläuft Stationen im Militär und in der Geheimdienstwelt, begegnet dort der routinierten Bürokratie und der technischen Omnipräsenz digitaler Überwachung. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsverhältnis von individueller Gewissensentscheidung und institutionalisiertem Machtanspruch.

Zentral sind neben der Titelfigur die Beziehungen, die sein Handeln rahmen - die intime Partnerschaft, die beruflichen Allianzen und die mediale Öffentlichkeit, die das Leaken von Informationen erst ermöglicht. Der Ton des Films wechselt zwischen nüchterner Prozedur, persönlicher Introspektion und zugespitzter Spannung - ein Thriller, der seine Spannung aus ethischer Unausweichlichkeit statt aus reiner Action bezieht.

Zentrale Themen und Motive

Snowden stellt grundlegende Fragen zur Ausbalancierung von Sicherheit und Freiheit - wer darf Wissen haben, wer bestimmt die Grenzen dessen, was verborgen bleibt, und welche Kosten entstehen für diejenigen, die diese Grenzen brechen. Der Film thematisiert die psychologische Belastung einer Figur, die sich zwischen Loyalität und Offenlegung entscheiden muss - die Zerrissenheit des Whistleblowers als individuelles Schicksal und als gesellschaftliches Problem.

Auf einer formalen Ebene interessiert Stone die Visualisierung des Unsichtbaren - wie man Datenflüsse, Überwachungsarchitekturen und die Anonymität digitaler Macht filmisch darstellt. Motive wie Blick- und Gegenblick, der Glanz kalter Technik und das intime Porträt einer Beziehung wiederholen sich als Knotenpunkte, an denen persönliche Verantwortung und strukturelle Gewalt zusammenlaufen.

Schließlich öffnet der Film einen Diskurs über die Rolle der Medien in demokratischen Kontroversen - als Vermittler, Verstärker und Schauplatz. Snowden fragt nicht nur nach dem Inhalt der Enthüllungen, sondern nach ihren Folgen für Öffentlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und die Selbstverhältnisse moderner Subjekte. In diesem Sinn ist der Film weniger eine reine Anklage als eine Einladung zur Reflexion über die Bedingungen, unter denen Wahrheiten produziert und verteidigt werden.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

John F. Kennedy, Richard, Nixon, George W. Bush, Fidel Castro und Alexander der Große – all diese Männer haben eines gemeinsam: Oliver Stone hat sie portraitiert, meist durch einen Spielfilm, im Fall von Castro in mehreren Dokumentarfilmen. Mit Edward Snowden reiht sich hier eine ungewöhnliche Figur ein, kein charismatischer Herrscher, sondern eher das Gegenteil, ein zarter Guerilla, ein unscheinbarer Computernerd, der nicht herrschen, sondern Herrschaft in Frage stellen will.

Und doch ist er ein Held: Edward Snowden ist neben Julian Assange der bekannteste Whistleblower der Gegenwart. Sein Heldentum ergibt sich aus dem klassischen Dilemma eines Mannes, der sich selbst für das Wohl einer Gemeinschaft in Gefahr bringt. Mit der Offenlegung der weltweiten Überwachung von Zivilisten durch die US-Geheimdienste macht sich der ehemalige CIA- und NSA-Mitarbeiter eine Weltmacht zum Feind und versperrt sich den Weg zurück in ebene jene Heimat, die er als junger und idealistischer Rekrut zu verteidigen gelobt hat. Und Oliver Stone lässt mit seiner Inszenierung keinen Zweifel daran aufkommen, dass Snowden hierfür unser aller Respekt verdient hat.

Der von Joseph Gordon-Levitt verkörperte Nachwuchsagent ist von der ersten Minute an ein Sympathieträger. Sein Glaube an die USA als Weltpolizei ist von bezaubernder Naivität und macht den schüchternen Mann mit der Brille im Grunde nur noch liebenswerter, wissen wir doch bereits, dass er den notwendigen Richtungswechsel früher oder später vollziehen wird.

So aber fehlt Stones Snowden auch die Fallhöhe. Seine Geschichte vom mittellosen Schulabbrecher aus patriotischem Elternhaus über den ausgemusterten Soldaten bis hin zum IT-Fachmann des US-Geheimdienstes erzählt der Film unaufgeregt und vornehmlich verbal über Dialoge und Interviewsequenzen Snowdens mit Regisseurin Laura Poitras („Citizienfour“), hier verkörpert von Melissa Leo. Ausschließlich auf der Inhaltsebene aber lässt sich ein Mensch wie Edward Snowden nur schwer begreifen. Was treibt ihn an? Worin wurzeln seine Zweifel am System und wie ist er in der Lage, diese wieder und wieder beiseite zu legen? Worin besteht seine Herausforderung, seine Agenda, sein tatsächliches Heldentum?

Am Hauptdarsteller liegt es nicht, dass Edward Snowden hier so schwer zu greifen ist. Joseph Gordon-Levitt kopiert nicht nur den körperlichen Habitus des Originals, sondern übernimmt auch Snowdens Sprachmelodie und rückt damit final in die Liga der Charakterdarsteller vor. Doch Drehbuch und Inszenierung geben ihm zu wenig in die Hand, um seine Figur zu einem echten Menschen zu machen, zu mehr als nur einem heldenhaften Abziehbild. Ohne jede Zweifel an seiner Integrität, ohne echten Krisenmoment und vor allem ohne jeglichen Makel ist Edward Snowden in diesem Film vor allem eines: ziemlich langweilig.

Ein Heldenepos, das liegt in der Natur der Sache, lässt wenig Raum für Zweifel an seiner Hauptfigur. Spannung muss an anderer Stelle entstehen, durch dramatische Krisen, Bedrohungen oder Actionszenen von Kämpfen und Kriegen. Doch auch diese sind in „Snowden“ nicht zu finden.

Oliver Stone bleibt mit seiner Inszenierung weit unter den Möglichkeiten des zeitgenössischen Kinos. Während er auf der Inhaltsebene von einem futuristischen Cyber-Krieg erzählt, bleibt sein Stil enttäuschend gestrig. Die klassische Dramaturgie aus Rahmen- und chronologisch abgewickelter Binnenhandlung kann bei einer allseits bekannten Geschichte kaum Spannung erzeugen. Auch die Liebesgeschichte zwischen Snowden und Lebensgefährtin Lindsay (Shailene Woodley) und die finale pathetische Rede zum Finale riechen nach einem Hollywood-Lehrbuch aus dem vergangenen Jahrhundert.

Das Gefühl von Paranoia, das mit dem Thema Überwachung theoretisch einherginge, kann Oliver Stone nur unzureichend visuell umsetzen. Die Werkzeuge des zeitgenössischen Kinos, die Arbeit mit unterschiedlichen Kameras und Bildqualitäten, um Überwachungsmedien nachzuempfinden, setzt er unpassend sparsam sein. Ohne inszenatorische Übersetzung des Themas aber ist es dem Publikum nicht möglich, die wachsende Paranoia der Hauptfigur mitzuerleben. Sie ist lediglich rein rational erfahrbar.

Überraschender Weise ist „Snowden“ trotz allem verstörend, bringt der Film seinem Publikum doch eine gehörige Portion Skepsis bei. Die meisten Zuschauer, so ist anzunehmen, werden nach dem Kinobesuch ihre Webcams abkleben und das Facebook-Profil bereinigen, sich über Email-Verschlüsselung informieren oder mal wieder einen Brief schreiben. Mit Siegel. Denn eines macht Oliver Stone seinem Publikum, wenn auch rein auf der Inhaltsebene, sehr deutlich: Jeder kann und wird bespitzelt. Jeder noch so trivial wirkende Facebook-Chat wird in einem anderen Kontext, den wir uns nicht einmal in unseren kühnsten Fantasien ausmalen können, zu einer Bedrohung für uns und andere. Insofern erfüllt „Snowden“ zumindest einen lobenswerten Bildungsauftrag. Für einen gelungenen Politthriller aber ist das einfach nicht genug.

Zweifelhaft wirkt schließlich auch der patriotische Nachklang dieses ereignisarmen Heldenepos. Die große Läuterung bleibt aus und die USA weiterhin eine Vorbildnation, die – so wirkt es – lediglich vom rechten Weg abgekommen ist. Snowdens Überlegungen zur Demokratie, die den politischen Nährboden seines Handelns bilden, kommen zu kurz, finden in diesem unterkomplexen Lehrkino keinen Raum. Es ließe sich argumentieren, dass die fehlende Tiefe des Drehbuchs ein breiteres Publikum erreichen könne, eines, das sich eben nicht bereits intensiv mit dem Diskurs um Sicherheit und Privatsphäre beschäftigt hat. Ob dieses potentielle Zielpublikum sich allerdings einen zweistündigen, spannungsarmen Dialogfilm ansehen möchte, bleibt abzuwarten.

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