Kaum öffne ich die Augen - Jugend, Musik und Repression als politisches Stimmungsbild Tunesiens
Einleitung
Kaum öffne ich die Augen, mit dem deutschen Titel eines Films von 2016, markiert mehr als den Einstieg in eine einzelne Lebensgeschichte. Das Werk fungiert als akustisches und visuelles Zeugnispapier einer Generation, die an der Schwelle zwischen Privatem und Politischem steht. Die Veröffentlichung am 22.09.2016 brachte einen Film in die Kinos, der von persönlichen Sehnsüchten ebenso handelt wie von den strukturellen Zwängen eines Staatsapparats, dessen Präsenz sich in kleinen Gesten und lauten Durchsagen gleichermaßen manifestiert.
In künstlerischer Hinsicht rückt der Film die Frage nach Stimme und Subjektivität in den Mittelpunkt - nicht nur im wörtlichen Sinn, weil Musik und Gesang das erzählerische Gewebe durchziehen, sondern auch im übertragenen Sinn: Wie artikuliert sich Widerstand, wann bleibt er privat und wann wird er öffentlich? Die Relevanz des Films besteht darin, dass er eine spezifische, zeitliche Dichte einfängt - das Vorfeld großer politischer Umbrüche - und zugleich universelle Konflikte ausspielt: Generationenkonflikt, Emanzipation, die Ambivalenz familiärer Bindungen.
Als Debütfilm der jungen Regisseurin Leyla Bouzid stellt Kaum öffne ich die Augen eine erste, prägnante Stimme in der Filmlandschaft Tunesiens und darüber hinaus dar. Bouzids Blick zeichnet sich durch eine feine Balance zwischen dokumentarischer Nähe und filmischer Gestaltung aus. Der Film liest sich als klinische Beobachtung persönlicher Entscheidungen und als poetische Skizze städtischer Atmosphäre - ein Hybrid, der ihn im aktuellen Kino des Mittelmeerraums besonders auszeichnet.
Kurzüberblick zur Produktion
Kaum öffne ich die Augen ist eine Koproduktion zwischen Frankreich, Tunesien und Belgien, was sich in der finanziellen und künstlerischen Struktur des Films niederschlägt. Solche grenzüberschreitenden Produktionen sind typisch für das gegenwärtige nordafrikanische Kino - sie ermöglichen sowohl die Realisierung größerer Ambitionen als auch eine internationale Sichtbarkeit. Der Film ist formal zurückhaltend und ökonomisch in seinen Mitteln; seine Kraft entfaltet er weniger durch opulente Ausstattung als durch präzise choreographierte Szenen und eine dichte Tonspur.
Die Handschrift der Regisseurin zeigt sich in der Konzentration auf intime Details und einer starken Orientierung an musikalischen Rhythmen. Bouzid nutzt die Kamera, um Räume als psychologische Landschaften zu lesen: enge Wohnungen, verrauchte Proberäume, nächtliche Straßen, die sich zu Metaphern für Isolation und Emanzipation verdichten. Trotz begrenzter Mittel wirkt die Inszenierung souverän geplant - als Entwurf eines Kinos, das aus Nähe, Beobachtung und einer sensiblen Beziehung zur Zeit besteht.
Im Gesamtwerk der Regisseurin steht dieser Film am Anfang einer thematischen Auseinandersetzung mit Jugend, Identität und politischem Bewusstsein. Er markiert den Startpunkt einer Laufbahn, die sich sowohl formal als auch inhaltlich weiterentwickeln kann, ohne die kompositorische Klarheit dieses ersten Anlaufes zu vernachlässigen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum des Films steht Baya Medhaffer, deren Darbietung die Rolle der jungen Protagonistin prägt. Medhaffer, in dieser Produktion zur prägnanten Filmsprache geworden, spielt eine Figur, die zwischen künstlerischem Drang und familiären Verpflichtungen gefangen ist. Ihre Darstellung funktioniert als Achse, um die sich die unterschiedlichen sozialen Kräfte drehen. Baya Medhaffer war vor diesem Film vorwiegend ein Neuentdeckung im Kino, hier aber das klare emotionale Zentrum.
Dem Ensemble gehören neben Newcomern auch etablierte Künstlerinnen und Künstler an. Ghalia Benali, deren Stimme und kulturelle Rolle über die reine Schauspielerei hinausweisen, steht für eine Verbindung zur musikalischen Tradition und zur intellektuellen Szene Tunesiens. Montassar Ayari und andere junge Darsteller bilden ein Umfeld, das die Protagonistin in vielfacher Weise spiegelt und kontrastiert. Die Präsenz von Musikerinnen wie Deena Abdelwahed verweist auf die enge Verzahnung von Film und populärer Kultur - Darstellerinnen und Darsteller treten hier teils als Figuren, teils als musikalische Stimmen auf, die das soziale Gefüge kommentieren.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau, deren Impulse zur Selbstentfaltung sich in eine soziale und politische Realität einfügen müssen. Es geht um den Versuch, eine Stimme zu finden - musikalisch wie persönlich - während die nähere Umgebung, vor allem die Familie und die Sicherheitsstrukturen, diesen Prozess beständig beobachten und befragen. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Kollision von persönlichem Aufbegehren und autoritären Erwartungen. Die zentrale Figur navigiert zwischen Proben, Auftritten, heimlichen Begegnungen und der permanenten Präsenz eines Überwachungsgefühls.
Der Ton des Films ist nüchtern, mitunter lakonisch, aber nie distanziert. Atmosphärisch erzeugt die Inszenierung eine Spannung, die weniger im plotgetriebenen Nervenkitzel liegt als in der Unausweichlichkeit kleiner Entscheidungen, die kumulativ ihre Tragweite entfalten. Die Stadtlandschaft, das Nachtleben und die Räume des Musizierens bilden einen Klangkörper, der das Geschehen trägt und kommentiert.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum von Kaum öffne ich die Augen steht die Frage nach Stimme - als künstlerisches Instrument und als politische Kategorie. Musik fungiert als Mittel der Selbstbehauptung und als Medium des Widerspruchs; zugleich ist sie verletzlich gegenüber Repression und familiärer Verantwortung. Der Film erkundet die Bedingungen, unter denen junge Menschen Subjektivität gewinnen können - wirtschaftliche Unsicherheit, autoritäre Strukturen und kulturelle Erwartungen wirken als ständige Gegenkräfte.
Weiterhin ist der Film eine Studie über die Kollision von öffentlichem und privatem Raum. Szenen, in denen die Protagonistin singt oder probt, lesen sich als intime Akte, die im sozialen Feld sofort politisch werden. Die Regisseurin verknüpft psychologische Innenräume mit urbaner Topografie und macht daraus eine Reflexion über Entfremdung, Solidarität und die Möglichkeiten politischer Formierung. Schließlich ist da ein feminines Moment: Die spezifische Perspektive auf weibliche Selbstermächtigung durch Kunst wird nicht als bloßes Sujet behandelt, sondern in die Struktur des Films eingebettet.
Kaum öffne ich die Augen bleibt somit ein Film, der weniger Antworten gibt als präzise Fragen stellt. Er fordert dazu auf, auf subtile Weise nachzuhören - nach Stimmen, nach Atmosphären und nach den leisen Mechaniken, durch die gesellschaftliche Veränderungen vorbereitet werden.
Filmkritik von Peter Osteried
Die reinigende Kraft der Musik: „Kaum öffne ich die Augen“
Es ist ein kraftvolles Debüt, das Regisseurin Leyla Bouzid mit Kaum öffne ich die Augen abgeliefert hat. Eines, das kurz vor einer Zeit des Umschwungs spielt und das darum umso knisternder ist, weil der Kontrast zwischen dem, wie Tunesien jetzt ist und wie es vor etwa sechs Jahren war, spür- und greifbar ist.
Tunis im Sommer des Jahres 2010, nur ein paar Monate vor der Revolution. Die 18-jährige Farah hat gerade ihren Abschluss gemacht. Ihre Familie sieht schon eine prächtige Zukunft für sie, da sie Ärztin werden soll. Aber sie hat andere Pläne, Wünsche und Träume. Farah singt in einer politisch motivierten Rockband. Sie liebt es zu leben, zu trinken, die Liebe zu entdecken. Doch damit handelt sie auch gegen den Willen ihrer Mutter, die Tunesien und seine Gefahren nur zu gut kennt.
Bouzid ist in einer ähnlichen Lage wie ihre Figur. Sie behauptet sich in einem Männerberuf und dreht Filme. Möglich war ihr dies, weil ihr Vater einer der bekanntesten Regisseure Tunesiens ist und sie so früh in Berührung mit der Materie Film kam, bevor sie in Paris zu studieren begann. Nun erzählt sie eine Geschichte über eine Frau, die ihrer Passion folgen will, die damit aber auch aneckt, weil sie sich in einem Land befindet, indem vor allem Männer eine Doppelmoral pflegen.
Seine Stärke bezieht der Film daraus, dass er filigran und sensibel das Porträt nicht nur einer jungen Frau, sondern einer ganzen Generation zeichnet, die in einem Land aufwächst, in dem nichts ist, wie es sein sollte. In dem persönliche Freiheiten eingeschränkt werden – und auch nach der Revolution noch ähnlich eingeschränkt sind. Zumindest dann, wenn man eine Frau ist.
Kaum öffne ich die Augen nutzt die elektrisierende Kraft der Musik als Element, um sowohl umstürzlerisch als auch einigend zu wirken. Musik trifft ins Herz, nicht in den Kopf. Das spürt man auch bei diesem bemerkenswerten Film, der über eine Vielzahl spannender Figuren verfügt. Denn nach und nach merkt man, dass auch Farahs Mutter nicht so anders ist als ihre Tochter. Im Grunde sind sie sich sogar ähnlich, nur dass sie bittere Erfahrungen machen musste, als sie sich für die Freiheit einsetzte, und nun hofft, ihrer Tochter Ähnliches ersparen zu können. So lernen sich auch Mutter und Tochter noch einmal kennen. Besser, inniger, intimer – so sehr, dass Farah an die Stelle ihrer Mutter tritt und beendet, was sie nicht konnte.

