Die glorreichen Sieben - Revision, Mythos und Macht im modernen amerikanischen Westernkino und Ensembleerzählung
Einleitung
Der 2016 erschienene Film Die glorreichen Sieben setzt einen alten Hollywoodmythos in eine Gegenwart, die zugleich nostalgisch und nervös wirkt. Als Neuaufnahme des Klassikers von 1960 und als indirekte Tochter des japanischen Vorbilds Seven Samurai trägt die Produktion die gewichtige Aufgabe, vertraute Ikonographien des Western zu rekonstruieren und zugleich zeitgenössische Gelüste nach Diversität, Härte und moralischer Ambivalenz zu bedienen. Wichtig ist dabei weniger die bloße Wiederholung, als die Frage, welche Erzähl- und Bildcodes heute noch tragfähig sind.
Regisseur Antoine Fuqua, der hier wieder mit Denzel Washington zusammenarbeitet, betritt bewusst das Feld des ausgehandelten Genrefilms: Er wählt nicht die stille Revision, sondern eine handfeste, körperbetonte Variante des Westerns, die auf klare Figurenprofile und spektakuläre Konfrontationen setzt. Vor dem Hintergrund einer medial sehr sensiblen Gegenwart erscheint der Film als Versuch, klassische Themen des Genres - Schutz, Vergeltung, Gemeinschaft - in eine Ära umzuleiten, die von Debatten um Sicherheit, Identität und ökonomische Verwerfungen geprägt ist.
Die Relevanz des Films ergibt sich daraus, dass Remakes dieser Größenordnung mehr sind als eine Geste des Studios gegen die Unsicherheit des Marktes: Sie fungieren als kulturelle Verhandlungsräume. In Die glorreichen Sieben werden historische Erzählmotive mit gegenwärtigen Erwartungshaltungen zusammengeführt, sodass das Werk nicht nur als Blockbuster, sondern auch als dokumentarisches Artefakt jener Ästhetiken gelesen werden kann, die das Kino der 2010er Jahre prägen.
Kurzüberblick zur Produktion
Antoine Fuqua, der mit Filmen wie Training Day und The Equalizer ein Markenzeichen aus kompromissloser Figurenzeichnung und intensiver Action geschaffen hat, bringt diese Handschrift in Die glorreichen Sieben ein. Seine Regie bevorzugt physische Präsenz, klar komponierte Bilder und eine Erzählökonomie, die Tempo und Ruhephasen austariert. Diese Handschrift kanalisiert sich in einem Ensemblefilm, in dem einzelne Heldenfiguren als Projektionen kollektiver Sehnsüchte dienen.
Die Produktion entstand vor dem Hintergrund klassischer Studioallianzen - einer Großproduktion mit entsprechendem Budgetrahmen, die sich die Möglichkeit leistet, auf Schauwerte und starbesetzte Personalien zu setzen. Der Aufwand spiegelt sich in aufwändigen Außenaufnahmen, choreografierten Actionszenen und in einer opulenten Ausstattung, die das Genreklischee nicht nur zitiert, sondern materialtechnisch modernisiert. In der Karriere Fuquas nimmt der Film die Funktion eines Genrespektakels ein, das seine oft urbanen und zeitgenössischen Sujets ins historische Genre übersetzt.
Innerhalb der filmischen Landschaft ist Die glorreichen Sieben eine von mehreren Neuauflagen klassischer Stoffe der 2010er Jahre, die das Kino beiderseits des Atlantiks beschäftigt haben. Die Produktion verhandelt die Spannungsfelder zwischen kommerzieller Rückversicherung und dem Bedürfnis nach narrativer Erneuerung, ohne dabei die Sicherheitsgarantien großer Namen und bewährter Formeln aufzugeben.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung ist programmatisch: Denzel Washington übernimmt die Rolle des stoischen Anführers Sam Chisolm und rekurriert damit auf eine autoritäre Präsenz, die er in früheren Zusammenarbeiten mit Fuqua schon variiert hat. Washingtons Starpersona, geprägt von moralischer Komplexität und körperlicher Präsenz, fungiert als Achse für die moralische Gravitation des Films.
Chris Pratt bringt das popkulturelle Gewicht seiner jüngeren Erfolge mit und verkörpert eine Figur, die Cleverness mit verletzlicher Komik verbindet. Ethan Hawke und Vincent D'Onofrio stehen für unterschiedliche Traditionen des Charakterdarstellers: Hawke als sensibler, reflexiver Typus, D'Onofrio als physisch markante, bedrohliche Präsenz. Byung-hun Lee erweitert das Ensemble um eine internationale Nuance, die das Genre über nationale Grenzen hinaus denkbar macht.
Haley Bennett ergänzt die Männerensemble durch eine weibliche Perspektive, deren Funktion im Narrativ zwischen Opferrolle, pragmatischer Überlebenskünstlerin und katalysatorischer Figur oszilliert. Peter Sarsgaard und Manuel Garcia-Rulfo füllen die Ränge mit differenzierten Antagonisten und Nebenfiguren, die mehr sind als bloße Füllmasse: Sie verschieben die Machtbalance innerhalb der Gruppe und erzeugen Spannungen, die das Drama vorantreiben.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt von einer Kleinstadt in Bedrängnis und von einer heterogenen Gruppe von Männern und Frauen, die sich zusammenschließt, um eine Gemeinde gegen äußere und innere Bedrohungen zu verteidigen. Die Handlung organisiert sich um die Vorbereitung, das Training und die Konfrontation; zentrale Momente sind weniger überraschende Wendungen als die sukzessive Freilegung von Motiven und Loyalitäten.
Der dramatische Konflikt ist klassisch: ein ökonomisch und moralisch asymmetrischer Antagonist gegen die wehrhafte Gemeinschaft. Im Zentrum stehen Fragen nach Legitimität von Gewalt, nach komplementären Fähigkeiten innerhalb eines Teams und nach der Verpflichtung des Einzelnen gegenüber dem Kollektiv. Die Tonalität des Films bewegt sich zwischen pathetischen Momenten, nüchternem Realismus und spektakulärer Action, wodurch eine halb-epische, halb-gegenwartsbezogene Atmosphäre entsteht.
Zentrale Themen und Motive
Die glorreichen Sieben verhandeln grundlegende Fragen des Westerns neu: Schutz versus Ausbeutung, Gemeinschaftsbildung unter Zwang und die symbolische Funktion des bewaffneten Widerstands. Der Film stellt die Frage, wer in einer Gemeinschaft die Verantwortung trägt und wie heldenhafte Gesten in einem Zeitalter wachsender institutioneller Unsicherheit gelesen werden können. Es geht um die Performanz von Männlichkeit ebenso wie um die Rolle des Opfers und der Solidarität.
Auf einer philosophischen Ebene thematisiert der Film die Gratwanderung zwischen Recht und Rache, auf einer gesellschaftlichen Ebene die Verteilung von Macht gelinkt an Kapitalinteressen und individuellem Mut. Motive wie die Ausbildung zur Wehrhaftigkeit, die Diversität der Gruppe und das wiederkehrende Bild des Verteidigungswalls funktionieren als Metaphern für zeitgenössische Debatten um Sicherheitspolitik und soziales Verantwortungsbewusstsein.
In der Summe präsentiert sich Die glorreichen Sieben nicht nur als Genrestück, sondern als kulturpolitische Geste: ein Versuch, tradierte Erzählmuster zu aktualisieren und ihre symbolische Ladung für eine Gegenwart auszuloten, die zwischen nostalgischem Rückgriff und kritischer Neuinterpretation hin- und hergerissen ist. Der Film tritt damit in einen Dialog mit seiner eigenen Herkunft und mit den Erwartungen eines Publikums, das sowohl an Spektakel als auch an moralischer Komplexität interessiert ist.
Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger
Der Western ist zurück. „The Hateful Eight“, Jane Got A Gun“ und im Grunde auch „The Revenant“ lassen ein totgeglaubtes Genre auferstehen. Doch ist das Remake von „Die glorreichen Sieben“ wirklich eine Siegeshymne oder nicht vielleicht doch eher ein Abgesang?
Vom Original ist vor allem die Ausgangssituation geblieben: Eine kleine Stadt friedliebender Farmer wird von bösen Buben bedroht und sieben Westernhelden eilen zur Hilfe. Doch aus den mexikanischen Ganoven ist ein Geldgieriger Geschäftsmann namens Bogue (Peter Sarsgaard) geworden, der seine Interessen nicht minder brutal verfolgt als seine Vorgänger. Nachdem ihr Mann dem Konflikt zwischen Bauern und Bösewicht zum Opfer gefallen ist, begibt sich die liebreizende Witwe Emma Cullen (Haley Bennett) auf die Suche nach Hilfe und findet sie in Chisolm (Denzel Washington), der sich verdächtig schnell auf diese Mission einlässt. Schnell wird klar, dass sich hinter seinem Kampfesgeist nicht nur Gutmenschentum, sondern eine persönliche Fehde verbirgt. Gemeinsam mit sechs weiteren Mitstreitern (darunter Chris Pratt und Ethan Hawke) sollen nun die braven Bürger bewaffnet werden, um sich auf den großen Endkampf vorzubereiten. Ob das gut geht?
Wo dem Original von John Sturges noch eine rassistische Aufteilung in gute Amerikaner und böse Mexikaner unterstellt werden könnte, bemüht sich „Die glorreichen Sieben“ auf nahezu unerträgliche Weise um politische Korrektheit. Der wichtigste Held ist schwarz, an seiner Seite reiten ein Asiate, ein Mexikaner und ein Native American und vorübergehend sogar eine Frau. Während Rassismus jedoch auch auf der Inhaltsebene mehrfach mit dem pädagogischen Zaunpfahl angekreidet wird, bleibt Sexismus selbstverständlicher Teil des Westernkonzepts. Frei nach dem Motto: Über Herrenwitze können alle Ethnien lachen – insofern sie einen Penis haben. Zugegeben: Die gute Emma darf sich zwar mit Hilfe eines Gewehrs emanzipieren, bleibt aber von der ersten bis zur letzten Minute vor allem ein Augenschmaus.
Demokratie, Kapitalismus, Gott – das ist die teuflische Einheit, gegen die hier in den Krieg gezogen wird. Bogue steht für Macht- und Geldgier und für eine Welt, in der sich Männer nicht mehr im ehrenhaften Pistolenduell gegenüberstehen, sondern anonyme Maschinengewehrsalven ohne Rücksicht auf Verluste auf Zivilisten abgefeuert werden. In dieser Hinsicht ist „Die glorreichen Sieben“, so wie es sich für das Westerngenre gehört, ein ziemlich politischer Film, aus dessen Poren die Sehnsucht nach einer nostalgisch-verklärten Vergangenheit trieft. Damals, als es zur Rettung der Welt noch ausreichte einem einzelnen Bösewicht das Handwerk zu legen, als die Grenzen zwischen Gut und Böse noch zu erkennen waren, damals als ein Mann noch ein Mann sein konnte, mit Bart und Dreck im Gesicht, den Flachmann immer im Anschlag und der Dirne auf dem Schoß.
Schon in „Southpaw“ zeigte Regisseur Antoine Fuqua eine nahe perverse Freude am geschundenen männlichen Körper, die er in „Die glorreichen Sieben“ im Grunde fortsetzt. Die maßlose Überhöhung der sieben Helden und die Vorliebe der Kamera für lange Close-Ups auf den virilen Gesichtern dienen nur der Fallhöhe der Protagonisten, nicht der Konsolidierung, sondern der Dekonstruktion eines Männerbilds. Denn auch wenn die sehr klassische Westerninszenierung mit den obligatorischen Panoramen und Saloon-Szenen es lange nicht erahnen lässt, geht es hier nicht tatsächlich um ein Votum für Männlichkeitsgehabe, Gewalt und Anarchie.
Antoine Fuquoa weiß sich am Genre-Baukasten zu bedienen, kostet Blickduelle bis zur Unerträglichkeit aus und inszeniert ein fulminantes Finale, in dem das Publikum trotz rasenden Tempos niemals den Überblick über die Szenerie verliert. Technisch gut gemachtes Genre-Kino durch und durch.
Aber... Irgendwie will das alles nicht so richtig mitreißen. Die Handlung ist auch ohne Kenntnis des Originals so vorhersehbar wie die Weihnachtsgeschichte, die Zusammenstellung der sieben Helden so konstruiert, das Geheimnis Chisholms so gar nicht geheim. Zäh ziehen sich das Einsammeln der ungleichen Akteure und die Aufrüstung des Westerndorfs hin, bis der Endkampf die spannungsgeladene Erlösung bringt. Aber auch hier mag das behende Ausweichen der Helden im Kugelhagel nicht so ganz überzeugen und überhaupt fehlt dem ganzen Spektakel die Notwendigkeit. Wieso wagen die verschüchterten Bürger den lebensgefährlichen Kampf gegen den überlegenen Bogue? Weshalb eigentlich entwickelt sich Emma, die sich zu Beginn noch mit übertriebener Leidensmine ängstlich an ihren Ehemann klammert, zur Redeführerin der Revolution? Und warum lassen sich eigentlich „Die glorreichen Sieben“ auf einen quasi aussichtslosen Kampf ein, der mit ihnen überhaupt nichts zu tun hat? Für Ehre? Für Geld? Für Heldentum?
Diese Fragen entpuppen sich am Ende nicht als Schwäche, sondern als Stärke des Films. Die Zweifel sind kalkuliert: Wir sollen hinterfragen, was dieser Kleinkrieg am Ende gebracht hat, wofür all die Menschen gestorben sind. Demokratie, Kapitalismus, Gott – die Gleichstellung will nicht blasphemisch sein, sondern dafür die Augen öffnen, dass nicht Antoine Fuqua sie ersonnen hat, sondern die Welt, in der wir leben. Die irritierend selbstverständliche und über lange Strecken glorifizierte Brutalität der Leinwandhelden spiegelt zeitgenössische Kriege wider, in denen im Namen von Religion, Politik oder wirtschaftlichen Interessen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gegangen wird. Eine Welt, in der es keinen Ehrenkodex mehr gibt, sondern nur noch Gewalt und Gier.
Das macht „Die glorreichen Sieben“ nicht zu einem spannenden Western. Aber zu einem gelungenen.

