The Farmer And I - Ländliche Existenz als Spiegel postkolonialer Erinnerung und Identitätsarbeit
Einleitung
The Farmer And I tritt in eine Reihe zeitgenössischer Dokumentarfilme ein, die das Alltägliche als Zugang zu größeren historischen und politischen Fragen benutzen. Die filmische Beobachtung eines bäuerlichen Lebens fungiert hier nicht als bloße Ethnographie, sondern als ein Prisma, durch das sich Fragen nach Zugehörigkeit, Erinnerung und ökonomischer Verfasstheit entziffern lassen. Gerade im deutschsprachigen Dokumentarfilm der 2010er Jahre gewinnt diese Nähe zum konkreten Leben an politischer Schärfe - lokales Handeln verweist auf transnationale Brüche.
Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären Ereignissen als in der kunstvollen Auslotung von Kontinuität und Wandel. The Farmer And I verlangt vom Publikum eine langsame, aufmerksame Haltung: Was bedeutet Arbeit, wenn sie zugleich Existenzsicherung, kulturelle Praxis und politisches Statement ist? Indem der Film auf das Verhältnis zwischen einer individuellen Lebensgeschichte und strukturellen Kräften zielt, erweitert er das Genre der Porträt-Dokumentation hin zu einer Reflexion über Erinnerung und Verantwortlichkeit.
Die konkrete Regieangabe liegt in den vorliegenden Metadaten nicht vor; dennoch lässt sich The Farmer And I produktionsästhetisch in eine Tradition einordnen, die von Beobachtung, sensitiver Bildlichkeit und der Suche nach Stimmen jenseits urbaner Zentren geprägt ist. In diesem Sinne steht der Film für einen Zeitgeist, der Dokumentarfilme als Orte des Zeugnisgebens und der politischen Vergewisserung begreift - Filme, die persönliche Geschichten mit größeren Diskursen verknüpfen.
Kurzüberblick zur Produktion
Die offizielle Regieangabe ist nicht angegeben, was die Zuordnung des Films zu einer eindeutigen künstlerischen Handschrift erschwert. Formal und hinsichtlich der Erzählstrategie erinnert The Farmer And I jedoch an eine Handwerksästhetik, die auf behutsame Kamera, reduzierte Montage und ein Augenmerk auf Alltagsrhythmen setzt. Solche Arbeiten entstehen häufig in kleinem Team - nicht selten unter Förderungen öffentlicher Sender oder kulturpolitischer Fonds - und privilegieren Nähe gegenüber aufwendiger Inszenierung.
Als deutsche Produktion aus dem Jahr 2016 ist der Film Teil eines Jahrzehnts, in dem Dokumentarfilmerinnen und -filmer verstärkt zwischen lokalem Fokus und globalem Kontext vermitteln. Die Produktionsumstände deuten auf eine unabhängige, vermutlich niedrig budgetierte Realisierung hin, in der die Authentizität der Begegnung wichtiger ist als technische Opulenz. Diese Bedingungen begünstigen eine Form der Kamera, die beobachtet, ohne zu intervenieren, und die Protagonisten als handelnde Subjekte ernst nimmt.
Innerhalb eines Gesamtwerks ließe sich ein solcher Film als Moment der Annäherung an soziale Verwurzelung und Erinnerungsarbeit lesen. Selbst ohne explizite Regiezuordnung korrespondiert The Farmer And I mit einer Linie dokumentarischer Praxis, die filmische Subjektivität mit kollektiven Fragen verknüpft und das Porträt einer Person zum Ausgangspunkt für breitere Reflexionen macht.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum des Films stehen Sangay Rinchen und Deki Selden, deren Namen eine Herkunft nahelegen, die außerhalb des stereotypen Mitteleuropas liegt. Ob sie professionelle Schauspieler oder Protagonisten ihres eigenen Lebens sind, wird nicht explizit ausgewiesen; die Dokumentargenre tendiert in der Regel dazu, echte Lebensgeschichten in den Fokus zu rücken. Insofern ist ihre Präsenz weniger als Darstellung denn als lebendige Präsenz zu lesen: Personen, die über ihre Tätigkeiten, Erinnerungen und Beziehungen Auskunft geben und dadurch zu Vermittlern größerer gesellschaftlicher Fragen werden.
Sangay Rinchen und Deki Selden tragen durch ihre Körperlichkeit, Stimme und die Art, wie sie Routinen ausführen, wesentlich zur filmischen Dichte bei. Frühere bekannte Rollen lassen sich nicht aufweisen, was wiederum dafür spricht, dass ihre Authentizität als nicht-inszenierte Lebensführung den Film trägt. Die dritte Hauptbeteiligung ist in den Metadaten nicht genannt, was die Fokussierung auf die genannten Figuren noch stärker erscheinen lässt.
Die Figuren in The Farmer And I sind nicht bloß Individuen; sie fungieren als Vertreterinnen und Vertreter von Arbeitsweisen, Sprachräumen und Erinnerungsschichten. Ihre Präsenz erzeugt eine Dramaturgie, in der Haltung, Gestus und Stille mehr aussagen als deklarative Aussagen.
Handlung (spoilerfrei!)
The Farmer And I entwickelt sich als Beobachtungsstück, das einen bäuerlichen Alltag und das Verhältnis des titelgebenden Ichs zu dieser Welt thematisiert. Der Film vermeidet große narrative Zeitsprünge zugunsten einer dichten Momentaufnahmen-Struktur: Morgenrituale, Feldarbeit, Handgriffe und Zwischenmenschliches werden zu den Elementen, aus denen sich die filmische Erzählung zusammensetzt. Der dramatische Konflikt liegt nicht in einem einzelnen Ereignis, sondern in der Spannung zwischen Bewahrung und Wandel, zwischen ökonomischem Druck und kultureller Kontinuität.
Die zentralen Figuren - der Farmer und das Ich, das beobachtet, befragt und mitschafft - stehen für unterschiedliche Modi des Umgangs mit Land, Arbeit und Erinnerung. Der Film bleibt tonal zurückhaltend, oft meditativer Natur: lange Einstellungen, Geräusche der Umgebung und eine Montage, die auf Rhythmus statt auf Kontrast setzt, erzeugen eine Atmosphäre der Nähe und der Nachdenklichkeit.
Ohne narrativ zu spektakulieren, fordert The Farmer And I seine Zuschauerinnen und Zuschauer zur Aufmerksamkeit auf. Der Film ist weniger Plot-getrieben als atmosphärisch und essayistisch, ein Porträt, das durch Detailliertheit und stille Beobachtung überzeugt.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum stehen Fragen nach Identität, Arbeit und Zugehörigkeit. The Farmer And I fragt, wie Gemeinschaften und Individuen mit ökonomischem Druck, geographischer Verwurzelung und geschichtlicher Belastung umgehen. Themen wie Migration, Landnutzung, Generationenkonflikte oder die Rolle von Erinnerung in der Alltagsgestaltung lassen sich als implizite Motive des Films lesen. Die ländliche Sphäre fungiert als Ort der Vergegenwärtigung - hier zeigt sich, wie historische und politische Dynamiken in konkreten Lebensvollzügen sich manifestieren.
Formal arbeitet der Film mit Motiven, die oft mit dokumentarischem Realismus verbunden sind: Hände, Werkzeuge, Geräusche der Landschaft, das Spiel von Licht auf Flächen. Diese visuellen und auditiven Elemente erzeugen eine Materialität, die das Abstrakte - etwa Erinnerung oder soziale Zugehörigkeit - greifbar macht. Philosophisch rührt The Farmer And I an Fragen der Repräsentation: Wer erzählt, wer wird gehört, und welche Verantwortung trägt ein Dokumentarfilm gegenüber seinen Protagonistinnen und Protagonisten?
Schließlich lädt der Film zu einer ethischen Reflexion ein - über Arbeit als Würde, über Natur als Ressource und Erfahrungsraum und über die Art, in der Erinnerung praktiziert und weitergegeben wird. The Farmer And I bietet somit weniger Antworten als einen Raum des Nachdenkens, in dem lokale Lebensweisen und globale Fragestellungen einander spiegeln.
Filmkritik von Peter Osteried
Ein Zusammenprall der Kulturen, der zu einem sehenswerten Film geführt hat: The Farmer and I
Eigentlich sollte es eine fiktionale Serie werden, die Irja von Bernstorff in Bhutan drehen wollte. Es sollte eine Serie über die Bauern in diesem Land sein, über die Landflucht, die die Dörfer entvölkert, und über die Menschen, die noch an den alten Werten festhalten. Doch allen Mühen zum Trotz kam diese Serie nicht zustande. Weil von Bernstorff unterschätzt hat, was eine deutsche Filmemacherin in Bhutan erreichen kann. Und sie hat überschätzt, wie leicht es ihr fallen würde, in eine andere Kultur einzutauchen.
The Farmer and I ist die Geschichte dieses Projekts, es ist aber auch die Geschichte von Irja von Bernstorff und dem Bauer Sangay, die beide einen Traum hatten. Die eine wollte einen Stoff verwirklichen, der Relevanz hat, der andere seinen Landsleuten das Gefühl vermitteln, dass sie auf die Landwirtschaft stolz sein können und sollten. Beide scheitern daran, weil persönliche Differenzen immer mehr in den Fokus rücken.
Diese ergeben sich aus kulturellen Unterschieden, die schon damit beginnen, dass die Form der Unterhaltung in Bhutan eine andere ist, als die in Westeuropa. Das versteht wiederum von Bernstorff nicht, die versucht, eine Serie mit europäischer Sichtweise zu produzieren. Aber Sangay ist bewusst, dass die Bhutaner diesen Stoff so nicht akzeptieren werden, da sie eine andere Form von Erzählweise gewohnt sind. Aber es ist nicht nur das. Ein weiteres, noch größeres Problem ist, dass die Bauern, die sich hier praktisch selbst spielen können, keine Schauspieler sind. Sie mühen sich, aber das Gefühl fehlt. Es wirkt nicht authentisch. Aber gerade das sollte es ein, indem man echte Bauern in den Rollen einsetzt.
Was als fiktionale Serie nicht funktioniert hat, funktioniert jedoch in Form einer Dokumentation. Die Menschen, die hier zu sehen sind, sind authentisch, wenn sie über ihr Leben, aber auch ihre Träume sprechen. Damit gelingt The Farmer and I, was von Bernstorff eigentlich erreichen wollte.
Darüber hinaus beeindruckt die Dokumentation jedoch auch dadurch, dass hier zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen präsentiert werden, indem von Bernstorff sich nicht nur auf ihre eigene Perspektive versteift, sondern Sangay ausgiebig Platz einräumt, seine Sicht der Dinge darzustellen. Dadurch brilliert The Farmer and I nicht nur als ein Dokument darüber, wie Menschen sich zusammenraufen, etwas zu erschaffen, sondern auch als ein Werk, das es westlichen Zuschauern ermöglicht, eine andere Perspektive nähergebracht zu bekommen.

