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The Conjuring

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kritiken.de Redaktion 15.08.2013
The Conjuring© Warner Bros. Pictures Germany
A ca. 1684 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

The Conjuring - Eine stilistische Studie des Übernatürlichen zwischen religiöser Gewissheit und häuslicher Zerbrechlichkeit

Einleitung

The Conjuring erschien 2013 in einer Phase, in der das populäre Horrorkino nach neuen Formen der Erschütterung suchte. Anstelle der brutalen Eskalationen des Torture-Porn-Zyklus und jenseits der dokumentarischen Selbstinszenierung des Found-Footage besann sich James Wan auf klassische Zutaten: das abgelegene Haus, die verletzliche Familie, die hartnäckige Präsenz eines unerklärlichen Anderen. Der Film rückte die ruhige, aber beharrliche Arbeit an Stimmungen und Räumen in den Vordergrund und wurde so zum symptomatischen Film eines Genres, das seine Wirkung wieder verstärkt aus Atmosphäre und Suggestion schöpfen wollte.

Für das Publikum eröffnete The Conjuring einen zweifachen Reiz. Einerseits bot er die Illusion von Authentizität durch die Bezugnahme auf die realen Fälle von Ed und Lorraine Warren, andererseits setzte er auf filmische Handwerkstechniken, die weniger auf Schockbilder als auf die Konstruktion fortschreitender Beklemmung zielten. Diese Kombination machte den Film zu einem mediengeschichtlichen Moment: Er nutzte die Kultur der wahren Verbrechen und die Sehnsucht nach narrativer Glaubwürdigkeit, ohne dabei die traditionellen Werkzeuge des Gothic-Horrors zu verleugnen.

Im kulturellen Kontext lässt sich The Conjuring auch als Spiegel aktueller Ängste lesen. Die religiöse Dimension des Films spricht eine Zeit an, in der institutionelles Vertrauen und familiäre Sicherheit gleichermaßen in Frage gestellt sind. Die Dichte des Bildes und die darauf angelegte Mechanik des Schreckens resonieren mit einer Gesellschaft, die nach Sinn und Halt in unsicheren Verhältnissen sucht. James Wans Film funktioniert so nicht nur als Gruselkino, sondern als Reflexionsraum über Autorität, Erinnerung und die Verletzlichkeit häuslicher Sphären.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte James Wan, der zuvor mit Filmen wie Saw und Insidious bereits ein Gespür für das Timing von Angst und die Ökonomie des Schocks entwickelt hatte. Seine Handschrift zeichnet sich durch eine souveräne Hand für Bildkomposition, eine präzise Abstimmung von Musik und Stille sowie die Verwendung von Raum als emotionalem Akteur aus. In The Conjuring bündelt Wan diese Instrumente zu einer formalen Stringenz, die dem Übernatürlichen eine beinahe sachliche Glaubwürdigkeit verleiht.

Produziert wurde der Film im Studiokontext - mit Support großer Studios, aber vergleichsweise moderatem Budget, was eine Fokussierung auf handwerkliche Lösungen wie Set-Design, präzise Beleuchtung und praktische Effekte nahelegte. Die Arbeit am Produktionsdesign recreiert die frühen 1970er Jahre mit einem Detailreichtum, das weniger nostalgisch als funktional wirkt: Es stellt Alltägliches so dar, dass es jederzeit in Bedrohung kippen kann. The Conjuring positioniert sich damit innerhalb des kommerziellen Kinos als ein Projekt, das Studio- und Genrekalkül verbindet, ohne die formale Ambition aus den Augen zu verlieren.

Innerhalb von Wans Gesamtwerk markiert der Film eine konsequente Fortführung seiner Erforschung von Räumen der Angst. Während Insidious stärker mit metaphysischen Räumen experimentierte und Saw die Brutalität von Extremsituationen thematisierte, verschiebt The Conjuring den Fokus auf die Ha?ufigkeit und das Alltägliche des Schreckens - das Haus als Resonanzkörper kollektiver und individueller Ängste.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Vera Farmiga übernimmt die Rolle der Lorraine Warren und bringt ihre filmische Erfahrung aus anspruchsvollen Dramen in die Darstellung einer Figur, die zwischen empathischer Sensibilität und ritueller Ernsthaftigkeit oszilliert. Farmigas Spiel legt den Schwerpunkt auf Wahrnehmung und inneren Widerstand, weniger auf demonstrative Effekte, wodurch die Präsenz der Figur Glaubwürdigkeit erhält.

Patrick Wilson als Ed Warren kontrastiert mit einer nüchternen, methodischen Grundierung. Wilson, der zuvor u. a. in größeren Produktionsumfeldern wie Watchmen zu sehen war, formt hier die Figur des Ermittlers, dessen rationale Haltung durch die Konfrontation mit dem Unerklärlichen auf die Probe gestellt wird. Ron Livingston, in der Rolle des Familienvaters, liefert das Bild eines Mannes, dessen Alltagsverantwortung und Zweifel die Dramaturgie des Films mittragen. Mackenzie Foy, noch jung in ihrer Karriere, fungiert als emotionaler Angelpunkt: ihre kindliche Anwesenheit erzeugt unmittelbare Vulnerabilität und macht die Gefahr sinnlich erfahrbar.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von einer Familie, die in ein abgelegenes Farmhaus zieht und dort zunehmend von unerklärlichen Phänomenen heimgesucht wird. Die eskalierenden Vorkommnisse führen die Familie an die Grenzen ihres Zusammenhalts und rufen das Paar Ed und Lorraine Warren auf den Plan, professionelle Ermittler, die sich auf paranormale Fälle spezialisiert haben. Das narrative Zentrum liegt weniger in spektakulären Wendungen als in der sukzessiven Zuspitzung einer Bedrohung, die das Leben der Betroffenen durchdringt.

Der dramatische Konflikt lässt sich als Konflikt zwischen dem Versuch, das Geschehene rational zu deuten, und der Erfahrung eines transzendentalen Anderen fassen. Die zentralen Figuren - die Familie, die Warrens und die unsichtbare Präsenz - werden so in ein Geflecht aus Verantwortlichkeiten, Glauben und persönlicher Verletzlichkeit eingebettet. Ton und Atmosphäre des Films sind geprägt von einer langsamen, aber konsequenten Verdichtung der Spannung; die Bilder zielen darauf ab, anhaltendes Unbehagen zu erzeugen statt einmalige Schocks.

Zentrale Themen und Motive

The Conjuring stellt Fragen nach Wahrheit und Zeugenschaft, nach der Plausibilität subjektiver Erfahrung gegenüber institutionalem Wissen. Der Film verhandelt das Verhältnis von Glaube und Skepsis nicht als bloße Gegenüberstellung, sondern als Spannungsverhältnis, das moralische und emotionale Entscheidungen erzwingt. Dabei tritt die Familie als Ort der Verletzbarkeit hervor - das häusliche Milieu wird zur Projektionsfläche kollektiver Ängste und individueller Traumata.

Formal lotet der Film das Potenzial von Off-Screen-Raum, Soundarchitektur und Lichtsetzung als Träger psychischer Zustände aus. Wiederkehrende Motive wie religiöse Ikonographie, Spiegel und verschlossene Räume fungieren weniger als reine Schreckmittel denn als thematische Indikatoren: Sie markieren Brüche in der Wahrnehmung und verweisen auf die Arbeit der Erinnerung und Deutung. Psychologisch gesehen thematisiert der Film die Ambivalenz von Fürsorge und Ohnmacht; philosophisch berührt er Fragen nach dem ontologischen Status des Unheimlichen - ist es Projektion, Realität oder beides zugleich?

So lässt sich The Conjuring als ein filmisches Labor verstehen, in dem konventionelle Zutaten des Horrors neu arrangiert werden, um das Publikum nicht nur zu ängstigen, sondern in ein Nachdenken über Autorität, Zeugenschaft und die Fragilität privater Räume zu ziehen.

Filmkritik von Michael Kienzl

Beginnt ein Horrorfilm mit der Einblendung „Nach einer wahren Begebenheit“, dient das vor allem als Verstärker der Angst: Das Geschehen auf der Leinwand wird noch schrecklicher durch die Vorstellung, es könnte sich tatsächlich so zugetragen haben. Conjuring – Die Heimsuchung (The Conjuring) verweist im Vor- und Abspann ungewöhnlich detailliert auf die Authentizität seiner Geschichte. Er basiert auf dem Fall der siebenköpfigen Familie Perron, die in ihrem neuen Haus aufs Übelste von Geistern malträtiert wird. Die Quelle für die Geschichte sind Ed und Lorraine Warren, zwei in den USA durchaus populäre Dämonologen, die sich seit den 1970er Jahren immer wieder medienwirksam in Szene gesetzt haben. Ihr Einfluss auf den momentan wieder sehr angesagten Haunted-House-Film ist dabei nicht zu unterschätzen. Gleich für mehrere Projekte standen sie Pate, etwa für Amityville Horror (The Amityville Horror, 1979), einen der prominentesten Vertreter dieses Subgenres.

Zwar ist bei Horrorfilmen, die in der Regel von übernatürlichen Ereignissen handeln, meist klar, dass die vermeintlich wahre Begebenheit entweder nie stattfand oder auf der Leinwand derart aufgeblasen wird, dass sie mit dem ursprünglichen Ereignis nicht mehr viel zu tun hat. Saw-Erfinder James Wan nimmt seine Vorlage jedoch überraschend ernst. Zunächst wirkt alles noch wie ein klassischer, angenehm altmodischer Gruselfilm im brauntonigen 1970er-Jahre-Look. Mit getragenem Tempo zeigt Conjuring, wie sich seltsame Ereignisse im Haus zutragen. Wenn Mutter Carolyn jeden Morgen mit neuen blauen Flecken aufwacht oder die Töchter einen seltsamen Geruch in ihrem Zimmer wahrnehmen, lässt sich das noch rational wegdiskutieren. Mit der Zeit greifen die Dämonen allerdings zu rabiateren Mitteln.

Wan bedient sich in seinen Filmen zwar bewährter Muster des Horrorkinos, versucht aber gleichzeitig, sie nie zu schematisch einzusetzen. Seine letzte Regiearbeit Insidious (2010) war gerade kein puristischer Haunted-House-Film – eher ein abgehobener Haunted-Son-Film mit einer Vorliebe für karnevalsartige Schockeffekte. Und auch Conjuring ist weniger stringent, als man zunächst meinen könnte. Mit zunehmender Dauer verlagert sich Wans Aufmerksamkeit von der gepeinigten Familie zu einem Biopic der Warrens. Das adrette Geisterjägerpärchen soll nämlich den

Dämon in seine Schranken verweisen. Mit ihrem dramatisch aufgeladenen, zwischen Pflicht und Vernunft pendelnden Konflikt sind die beiden ohnehin die interessanteren Figuren. Dass Wans Interesse an den Dämonologen durchaus aufrichtig gemeint ist, zeigt sich schon daran, dass Loraine Warren – ihr Mann Ed ist mittlerweile verstorben – als Beraterin am Film beteiligt war.

Was die Inszenierung des Schreckens angeht, scheint Wan aus den Fehlern von Insidious gelernt zu haben. Sein alles in allem gelungener Genrebeitrag krankte mitunter daran, seine Monster zu sehr ins Rampenlicht zu zerren. Conjuring hält sich dagegen an eine alte Binsenweisheit im Horrorfilm: Je weniger man die Bedrohung sehen kann, desto unheimlicher ist sie. Souverän spielt Wan mit den üblichen Zutaten des Geisterfilms – huschende Schatten, knarzende Dielen, schlagende Türen –, um eine Atmosphäre der Angst zu schaffen. Dabei setzt er vor allem auf die unheimliche Wirkung der Dunkelheit und ein ausgeklügeltes Sounddesign, das etwa ein Klatschspiel der Kinder wirkungsvoll für seine Zwecke gebraucht.

Eine Sache stößt aber dann doch sauer auf. Als der Dämon schließlich nicht mehr aus dem Haus getrieben werden muss, sondern aus Mutter Carolyn, haben wir es plötzlich mit einem richtigen Exorzismus zu tun. Wenn sich Lili Taylor, die in den 1990er Jahren zu den einprägsamsten Gesichtern des amerikanischen Independentkinos zählte, dabei ihre Seele aus dem Leib röchelt, ist das auf jeden Fall großes Kino. Jedoch lässt sich ein Exorzismus im Film nie ganz von der tatsächlich ausgeübten und höchst fragwürdigen Praxis der katholischen Kirche trennen. Häufig – wie im berühmten Fall der Anneliese Michel – wurden Symptome psychischer und körperlicher Erkrankungen von übereifrigen Geistlichen als Anzeichen einer Besessenheit missverstanden und die meist jungen Frauen während ihrer „Heilung“ regelrecht zu Tode gefoltert. Wenn ein Film nun einen Exorzismus als heilbringendes Mittel inszeniert, schwingt dabei unweigerlich ein reaktionäres Statement mit. Schließlich mussten sich auch die zu Helden verklärten Warrens bei ihren Austreibungen immer wieder solche Vorwürfe gefallen lassen.

Nun wird man Conjuring aber nicht gerecht damit, wenn man ihn auf eine vermeintliche politische Botschaft reduziert. Seine kindliche Faszination für das Okkulte und den etwas unreflektierten Zugang zum Thema mag man einem Handwerker wie Wan teilweise verzeihen. Hinterfragen kann er die Glaubwürdigkeit der Warrens schon deshalb nicht, weil sein Film dann nicht mehr funktionieren würde. Denn warum sollte man Angst haben, wenn die Geisterjäger Scharlatane sind und der Spuk sich rational erklären lässt? Misst man dem Film dagegen daran, was er sein möchte, nämlich ein traditionsbewusster, atmosphärischer Horrorfilm, der seinen Grusel vor allem aus dem schöpft, was wir nicht sehen, hat er sein Ziel durchaus erreicht.

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